Back on the road

Pasto nach Otavalo

Km total: 4042 km

Hm total: 49786 hm

Wenn Erwachsensein bedeutet, dass man „vernünftig“ ist, dann waren wir wohl sehr erwachsen, für einen Tag :-)

Wolfi und sein Zikavirus und somit seine allgemeine Schwächung hat uns dazu gebracht den Bus zu nehmen. ALLE Wege aus San Agustin wären 2-3 Tage unbefestigte Straße mit kaum bis gar keiner Zivilisation in einer kalt- nassen Gegend gewesen. Wir hätten eine gewisse Kilometeranzahl pro Tag machen MÜSSEN um einen Platz zum Campen zu finden (links Abhang, rechts Berg oder komplett bewaldet)  – egal wie sich Wolfi gefühlt hätte. Was wäre wenn das Fieber wieder gekommen wäre?? Was wenn er einfach nicht mehr weiter fahren hätte können?? Die 10 Tage ungeplante Pause kamen dann noch dazu – wie geschrieben, wir haben keinen Stress – aber eben auch leider kein Open-End. Also ging es mit dem Bus nach Pasto – dort hätte der Trampolin de Muerte geendet – dort begann also wieder Zivilisation. Ihr könnt uns glauben, es war keine leichte Entscheidung: KEIN Langzeitradler verlädt gerne sein Rad in einen Bus. Die Fahrt war ein Gefühlschaos. Wir hätten am liebsten die Augen geschlossen um nicht sehen zu müssen was wir nicht im Detail vom Rad aus bewundern hätten können und dennoch starrten wir aus dem Fenster, weil wir soviel aufnehmen wollten wie nur möglich. Regelrecht im Bus wie eingesperrt gefühlt konnten wir nichts riechen – außer das Erbrochene des Kleinkindes vor uns. Wir konnten keine Vögel hören – außer die im Hollywoodfilm der im Bus gezeigt wurde. Wir konnten den Wind nicht spüren – sondern nur die Bäuche die sich im Bus an uns vorbeischoben.  Wir hoffen inständig, dass es die letzte Busfahrt war!

 

In Pasto, mit ca. 1,5 Kilo weniger (danke an Tassilo, er hat in San Agustin ein kleines Päckchen an sich genommen,um es für uns mit nach Wien mitzunehmen) haben wir uns mit Tatiana und Rico – dem belgischen Päarchen mit dem wir ab San Gil gemeinsam geradelt sind – getroffen. Wir erzählten ihnen von unserem Routenplan im Norden von Ecuador (eigentlich wollten wir direkt nach Quito – aber Sabrina hatte in der Zikazeit einfach zu viel Zeit zum Recherchieren :-) ). Schnell waren sie begeistert wieder mit uns abseits zu fahren und ihre sonst gewählte Hauptstraße wortwörtlich links liegen zu lassen. Gemeinsam machten wir uns über die Panamericana (leider gab es hier keine Alternative) auf zur ecuadorianischen Grenze. Es wäre in einem Tag machbar gewesen, aber um Wolfi noch etwas zu schonen bzw. den Einstieg zu erleichtern, teilten wir es in zwei Tage auf. Das einzige „Highlight“ auf der Strecke war ein nicht wirklich tolles Erlebnis. Wir machten halt bei einem Wasserfall als keine 20 Meter neben uns ein kleiner, aber doch gewaltiger Felsbrocken sich löste, auf die Straße viel und nur knapp einen LKW verfehlte. Nicht auszudenken wenn wir ein paar Minuten später dran gewesen wären…. .

 

Ein letztes Mal zeigte sich, wie bereits im ganzen Süden Kolubiens, eine verstärkte Militärpresenz auf der Straße. Vor allem an den Brücken wachen  Patrolieren. Obwohl sich die kolumbianische Regierung mit der  FARC in Friedensverhandlungen befindet, besteht immer noch eine sichtbare  Angst vor Anschlägen.

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In der Grenzstadt Ipiales kamen wir bei einem Warmshower, danke Ozkar, unter. Wir parkten unsere Räder und machten uns auf, um die in einen Canyon gebaute Kirche, Santuario de Las Lajas, zu besuchen.

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Beeindruckend waren all die Tafeln, die sich über 100e Meter an den Felswänden zur Kirche hin zogen: alle von Leuten die für die Kirche spendeten und dadurch eine Gedenk/Dankes/Bitte-tafel anbringen durften.

Wir fanden eine von einem Ultramarathonläufer: er lief von Ushuaia nach Alaska , da finden wir uns mit unserer Radreise ja dann wieder ganz „normal“ :-) .

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Als es dunkel wurde, zeigte sich ein von nichts zu übertreffendes Kitschbild von einer Kirche: in allen Farben und Kombinationen erstrahlte und blinkte die Kirche. Das Lied „should I stay or should I go“ kam uns in den Kopf. Es war zum schreien komisch so dass man blieb und sich das Spektakel ansah und gleichzeitig wollte man nur weg, weil es das ganze „harmonische“ Bild, welches wir davor von der Kirche und seiner Umgebung bekommen haben, zerstört hat.

 

 

Nach einem Abschieds – Kolumbien- Panaderiabesuch am Abend inkl. „PONY Malta“

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erfuhren wir von Ozkar, dass es inzwischen in Ecuador ein Erbbeben gegeben hat. Es soll auch in Ipiales ziemlich stark zu spüren gewesen sein – wir waren wohl zu dieser Zeit im Taxi und haben dadurch nichts mitbekommen. Uns geht es gut. Die weiteren Folgen für Land und Leute sind euch ja aus Nachrichten und Zeitung bekannt. Erschütternd.

 

Abschiednehmen von Kolumbien war am nächsten Morgen angesagt. Downhill, kurzes Procedere an der Grenze, die letzten Pesos gegen Maisbrötchen getauscht, sonst keine besonderen Vorkommnisse – und schon waren wir offiziell in Ecuador. Dem Aufruf von Kolumbien, bald wieder zurückzukommen stimmten wir gerne zu ;-)

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Unser 5. Land auf dieser Reise begrüßte uns dann gleich mit einer langen Steigung. Sabrina war es schwer ums Herz. Einerseits weil sie am liebsten wieder umgekehrt wäre und noch die 1000 anderen Abseitsstraßenmöglichkeiten in diesem tollen Land erkundet hätte, andererseits weil sie sich 2 Tage zuvor bei einer nassverschwitzen Abfahrt eine Verkühlung zugezogen hat. Dadurch entschieden wir, in der ecuadorianischen Grenzstadt Tulcan schon Schluss zu machen. Polizei und Bomberos lehnten ab, letztere zeigten uns aber den Weg zu einem Immigrantenhaus. Dort finden Leute, hauptsächlich Kolumbianer und Kubaner auf der Weiterreise nach Chile bzw. Kolumbien, für einige Tage eine kostenlose Unterkunft inkl. Essen. Wir wurden herzlichst empfangen und bekamen auch ein Zimmer. Gemeinsam erkundeten wir noch den Markt, kauften frische Kräuter für einen Wiedergesundwerdetee ein, sowie viel Gemüse für unser Abendessen: wir alle haben das ständige fleischlastige Essen satt.

Am nächsten Tag ging es endlich wieder runter von der Panamericana. Wir sammelten Höhenmeter, die Landschaft war geprägt von Viehwirtschaft mit sattem Grün. Unsere Gespräche kreisten über köstliches Essen von zu Hause (wir landen immer wieder bei diesem Thema) und so waren die Kilometer bis der Nationalpark El Angel begann schnell gemacht. Sabrinas Verkühlung, die in der Früh noch deutlich merkbar war, war wie verschwunden. Vielleicht war die Freude darüber, dass das Rad wieder auf der Piste durchgeschüttelt wurde und die wieder einkehrende Ruhe so groß, dass der Genesungsprozess angetrieben wurde.

 

Als dann die für diesen Nationalpark typische Landschaft anfing (tundraähnliches Feuchtgebiet, oder auch Páramo genannt), hörten unser Gespräche schlagartig auf, bzw. beschränkten sich auf ein : amaaaaaaaaaaaazing, craaaaaaaaaazy, wooooooooooooow, incredible, unbelifeable, look here, look there, look, …. .

 

Die genannten Frailejones-Blumen waren überall. Zuerst nur vereinzelt und auf einer Seite, aber schnell umgaben sie uns. Egal wo man hinsah, man sah nur diese für uns kakteenartig aussehenden Pflanzen. Aufgrund des einsetzenden Nebels war wirklich nichts anderes zu sehen. Wie ein Meer nur aus diesen Gewächsen. Jede Kurve hat eine neuen bis zu 360 Grad Blickwinkel ergeben und somit 1000 Fotomöglichkeiten.

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DSC01980Gute 3 Stunden Fahrt verbrachten wir so gut abgelenkt, dass keiner von uns merkte, dass wir bereits auf 3700 hm waren und der immer wieder kurz einsetzende Regen auch keinen Ärger wert. Kein einziges Auto, kein Moped, kein Mensch, nichts außer Stille. Sprachlos erreichten wir eine Art Schützhütte. Dort machte uns der Parkranger ein Feuer an dem wir uns dankend aufwärmten,

 

um uns danach zu Fuß noch 100hm höher zu einer Lagune aufzumachen. Es war aber wegen der tiefen Wolken nichts zu sehen. Am Rückweg riss die Wolkendecke kurz auf und wir zwei machten uns noch einmal schwer keuchend auf den Rückweg nach oben. Schwach, aber doch konnten wir die Lagune erahnen. Auch der Weg zur Lagune war mit den Frailejones-Blumen gesäumt. Flauschig, dick und weich fühlten sich die Blätter an.

 

Die Abendstimmung und dessen Farbspiel waren einmalig. Beinahe einmalig dramatisch. Der  dunkle Himmel, das erleuchtete Tal mit seinen Bergkanten und direkt vor uns diese einzigartigen Blumen  (! nicht bearbeitete Fotos!)

 

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Um 19:30 lagen wir bereits in den Betten (an Radtagen ist dies durchaus eine repräsentative Schlafensgehzeit für uns alle ;-) ) und es war so nasskalt, dass wir lieber die Kerze von selbst ausgehen ließen, als noch einmal unsere Schlafsäcke zu verlassen. In der Früh schlüpften wir wieder in unsere leider immer noch nasskalten Klamotten und erfreuten uns eines doch recht blauen Himmels. Also gaben wir der Lagune noch eine 2. bzw. 3 Chance. Wir hatten einen 30 km langen Downhill vor uns, da waren die paar Stufen hinauf Morgensport der anderen Art. Dafür wurden wir belohnt. Dieser Anblick war das Tüpfelchen auf dem i.

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Über den mühsam langsamen 17km langen Downhill bis zum Dörfchen El Angel müssen wir nichts mehr schreiben ;-) .

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Dort wurde die erste Panaderia geplündert mit einem eher mageren Ergebnis. Weiters hatten Tatiana und Rico ein Problem: es waren keine 6 Liter Wassersäcke zu finden – alles wurde an die Küste zu den Betroffenen des Erdbeben gesendet. Da waren sie dankbar über unseren Filter.

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Ab El Angel war dann Asphalt angesagt. Wir sausten (endlich!!!) also weiter hinunter, bis auf 1600 hm. Wir trafen auf Maty aus Argentinien, der mit einer selfmade-Variante des Gepäckssystems unterwegs war. Vorne Plastikkanister, hinten eine Plastikkiste. Faszinierend, kreativ und kostensparend, aber er bedauerte die Instabilität seines Gepäcks.

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Unten angekommen schnauften wir alle. Aufgrund der Hitze entledigten uns unserer vielen Schichten. Es war heiß. Sehr heiß und trocken. Größer hätte der Kontrast zu der feucht-kalten Gegend von heute morgen nicht sein können. Es ging dann leider wieder auf die Panamericana und wieder hinauf auf 2300m. Dass wir es bis nach Ibarra noch schaffen würden hätten wir nicht gedacht. Am Weg dorthin feierten wir unsere 4000 km Marke. Das Foto ist leider nur solala geworden (ein Sprungversuch und alle kläglich gescheitert ;-) ) und das, obwohl wir alle dabei Blut gelassen haben. Beim Aufstieg nach Ibarra war nämlich an eine Pause nicht zu denken – wir wurde innerhalb von Sekunden von irgendwelchen Mücken befallen, welche regelrecht ein kleines Stück Haut herausbissen und es innerhalb von Sekunden mörderisch jucken ließen. Unsere Beine waren übersät mit Bissen, also bitte etwas Respekt vor diesem Foto :-)

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Nach einem lagen Tag am Rad meinte es Ibarra nicht gerade leicht mit uns bei der Unterkunftssuche. Bomberos hatten keinen Platz, der Comandante bei der Polizei ließ ewig auf sich warten und so fragte Tatiana bei einem Sportplatz nach. Wir wurden zu einem anderem Sportverein gebracht und bezogen in einem 20 Bettraum unser Nachtlager – der ganze Raum nur für uns. Nach 4 Tagen ohne Dusche war mal Körperpflege angesagt (nur Sabrina hatte das Glück einer lauwarmen Dusche, alle anderen danach genossen eine „Suicede-Shower“ ;-) ),frisch, brrr, bevor wir der Einladung in das dazugehörigen Restaurant für ein ausgiebiges Nachtmahl folgten. Spät aber doch machten wir uns noch auf die Suche nach dem für hier so bekannten Eis. Wenn wir uns schon den Weg über die Panamericana hierher dafür antun, dann wollten wir auch eines bekommen. Wir wurden fündig und am Ende hatte jeder zwei Mal 2 Kugeln des wirklich köstlichen Eis und eine heiße Schokolade – man muss sich ja immer wieder belohnen :-) !

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Am nächsten Morgen machten wir uns auf über die ungewollte Panamericana  25 km nach Otavalo zu fahren. Sabrina zog seit Panama das erste Mal wieder ihr Tuch als Mundschutz vor, die Abgase schlugen sich in ihrer Stimme (und Stimmung) nieder, die Verkühlung kam wieder zurück….jaja….die Psychosomatik is a Hund ;-) ! Otavalo selbst ist eine kleine schöne Stadt und nach langer Zeit sehen wir mal wieder mehrere „Gringos“ an einem Tag. Hier rasten wir für einen Tag bevor es aufgeht Richtung Quito – auf noch nie zuvor gewesenen 4000m Höhe. Bbbbrrrrr wird das kalt – den Schnee auf den Berggipfeln konnten wir schon sehen (bis dorthin fahren wir dann doch nicht :-) ) .

Und weil schon Anfragen bezüglich Wolfis Gesichtsbehaarung kamen: der Bart bleibt – unter Radreisenden gibt es das Gerücht, dass es Schlechtwetter bringt, wenn man den Bart kürzt. Da wir uns in der Regensaison befinden wollen wir unser Glück nicht herausfordern ;-) . Die Haare sind nach einer Spontanaktion mit Rico in Tulcan wieder etwas kürzer.

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P.S.: wer jetzt erstaunt oder sogar unbefriedigt ist weil es dieses mal wenig zu lesen war ;-) , keine Sorge es gibt noch bisschen mehr : unter „gefahrene Route /Kolumbien“ ist wieder eine Zusammenfassung zu finden.

Links: Baumtomate (Sabrinas Lieblingsgetränk); rechts: Chirimoya

Und es gibt noch soooooo viel mehr Früchte!!!!