Der schwärzeste Tag unserer Reise- oder Blackfriday

 

Tumbaco nach Riobamba und wieder nach Tumbaco

Wir verbrachten noch 4 Tage in der Casa de Ciclista. Wir hatten dann doch Glück und es kamen und gingen viele Radler ein und aus. Unter anderem ein Tandempaar aus Österreich welches im Jänner noch in Mexiko war (Hauptstraße machte es möglich, dass sie uns eingeholt haben) und ein Paar aus Basel – mit letzterem verbrachten wir noch viele lustige Stunden – der Schmäh rannte, wie man so schön sagt. Wir fanden aber auch Zeit all die vielen Kleinigkeiten zu machen die es so zu tun gibt:

 

So machten wir uns am Dienstag wieder auf die Weiterreise in den Süden: der Nationalpark Cotopaxi mit seinem Vulkan wartete auf uns. Santiogo – dem Casa de ciclista- Besitzer mussten wir versprechen, dass wenn wir wieder kommen, wir mindestens drei Kinder haben. Von Carla und Fredi, den beiden Schweizern verabschiedeten wir uns nur schweren Herzens.

Was wir uns dabei dachten nach 17 Tage ohne Radfahren und 10 Tage davon auf Meereshöhe, an einem Tag 1800 hm auf 3800 hinauf zu wollen und das alles auch noch auf unbefestigtem Kopfsteinpflaster und mit Regen ab Mittag und ohne Mittagessen … wissen wir im Nachhinein auch nicht so recht. Es war eine Schnappsidee und wir fluchten beide im Minutentakt und schoben ab einer gewissen Zeit aufgrund der Steigung fast schon mehr als wir fuhren. Das machte so keinen Sinn. Unser Zelt konnten wir aber auch nirgendwo aufschlagen, da es keine flache freie Stelle gab und auch keine Häuser. Wir fanden eine Art (verlassenes) Fabriksgelände, vielleicht können wir hier übernachten, als wir plötzlich einen Pickup auf der Straße Richtung Nationalpark entdeckten. Wir rannten schnell zurück zur Straße, riefen dass sie anhalten, aber sie fuhren vorbei…. es war die Polizei. Was diese hier in der Einöde machten wissen wir nicht, wobei …. doch ;-) – sie retten Radler. Sie drehten nämlich um, erzählten uns, dass es noch weit ist bis zum Nationalparkeingang und das bis dahin nichts kommt, weil es unter der Woche ist und alles zu hat (hatten wir in der Ortschaft davor auch schon gemerkt). Unsere Beine zitterten, nicht nur vor Kälte sondern auch vor Erschöpfung. Sie hatten Mitleid und so wurden unsere Räder auf die offenen Ladefläche gestellt, wir verspreizten uns auf selbiger und wurden die letzten KM bis zum Eingang gebracht. Dass die Landschaft, wenn man sich in einem Auto befindet flacher wird, war ja klar …grrrr…geschafft hätten wir es jedoch selber trotzdem nicht mehr. Es war schon fast dunkel als wir durchgefroren und nass die Campingstelle im Nationalpark erreichten. Der Vulkan ist zur Zeit „aktiv“, es ist Alarmstufe orange, daher darf man zur Zeit nur an einer Stelle campen. Mit wenig Hoffnung den Vulkan am nächsten Morgen sehen zu können gingen wir schlafen. Als jedoch der Wecker um 5Uhr30 klingelte zeigte er sich uns. Schnell waren wir angezogen und genossen den Anblick – traumhaft und nicht selbstverständlich.

 

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Die Wolken zogen zu, rissen wieder auf, zogen zu…. die aufgehende Sonne spielte mit den Farben…. wir fuhren los und genossen unser Frühstück ein wenig später noch einmal mit einem traumhaften Blick auf den Vulkan bevor er sich endgültig wieder in einer dicken Schicht aus Wolken verbarg.

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Wir fuhren weiter, wieder bergab nach Saquisili, wo uns Bomberos herzlich empfingen. Wir fuhren in diese Stadt, um am nächsten Tag den „bekannten“ Donnerstagmarkt mitzuerleben. Deshalb hatten wir außer das Zelt trockenlegen nicht viel zu tun. Am nächsten Morgen besuchten wir den Markt. Noch ziemlich authentisch… Bauern aus der gesamten Umgebung kommen und verkaufen ihre Sachen, Säckeweise. Vor allem Kartoffeln in allen Größen und Farben und herrlich duftender Frühlingszwiebel stehen zur Zeit auf der Ernteliste.

 

 

Der nächste Tag brachte uns über eine ruhige Nebenstraße nach Pelileo . Ein „normaler“ unspektakulärer Tag und trotzdem hatten wir am Abend 1500 hm überwunden, willkommen im Andenalltag.

Weiter ging es in Richtung Riobamba, über eine neue Straße – die alte wurde vor vielen Jahren bei einem Ausbruch des Vulkanes Tungurahua zerstört. Dieser zeigte sich uns leider nicht, zu dicht waren die Wolken. Wir befanden uns auf der sogenannten Vulkanstraße – unzählige Vulkane reihen sich hier aneinander – zu sehen bekommt man aber eben selten einen, weil aufgrund der Höhenlage und der vielen Berge sich die Wolken gerne stauen. Die Straße war ruhig, viel auf und ab, manchmal lange, manchmal kurz. Es gefiel uns, es war ruhig und wir konnten die vielen Blumen am Straßenrand bewundern.

Es waren nur noch 2 Kilometer bis Riobamba, es ging schon lange nur noch bergauf, als wir auf der anderen Straßenseite einen schweren Auffahrunfall beobachten und zu Ersthelfern wurden. Was jetzt zu schreiben ist fällt auch nach 5 Tagen nicht leicht. Es ist wichtig, dass ihr im Hinterkopf habt, dass es uns körperlich gut geht. Uns ist nichts passiert. Man kann das Geschehen auch nicht aus der „Vogelperspektive“ beschreiben wie sonst, darum erzählt Sabrina:

Wir fuhren bergauf als wir einen Verkehrsunfall beobachten. Da wir die ersten vor Ort waren hielten wir an. Wolfi blieb auf Höhe des vorderen Autos stehen, da er merkte, dass dieser die Türe nicht öffnen konnte. Er stellte sein Rad ab und lief zu ihm. Ich fuhr ein Stück weiter hinauf ( die Autos standen aufgrund des Aufpralles ca. 20 Meter auseinander), war gerade dabei mein Fahrrad abzustellen als ich merkte dass das hintere Auto, der Unfallverursacher, Gas gab und wieder los fuhr. Er rasten direkt auf mich zu. Ich begann zu laufen, hatte immer noch mein Rad in der Hand, es waren Sekunden, es kam mir vor als würde ich nicht von der Stelle kommen. Vom Auto hing vorne seitlich ein Teil der Vorderschürze weg. Über diese konnte ich in letzter Sekunde noch hinwegspringen. Ich drehte mich um, Schrie nur noch, hinzugekommene Leute schrieen ebenfalls. Er raste weiter und Wolfi und ich mussten mitansehen wie er in das abgestellte Rad von Wolfi fuhr und es nieder fuhr. Wolfi versuchte verzweifelt ihm hinterher zu rennen, aber er flüchtete . Regelrecht apathisch bin ich auf und abgegangen, bis mir fast der Kreislauf versagte und ich am Straßenrand zitternd und nur noch heulend dahockte. Wolfi versuchte sein bestes um mich zu beruhigen, mich vom hyperventilieren abzuhalten. Es war zu viel, einfach zu viel. Das Auto war so knapp an mir vorbei, es war ein Schock. Die Leute boten Schnaps und Wasser an, versuchte mich vom Unfallort wegzubringen, aber ich war zu nichts fähig. Nach einiger Zeit wagten wir uns zum Rad und da war dann der Alptraum perfekt: der Rahmen ist an zwei Stellen gebrochen, drei von vier Taschen sind defekt. Nach einer gefühlten Ewigkeit (und es war sicher eine Ewigkeit) kam endlich die Polizei, fotografierte alles, suchte das Auto des Unfallverursacher und unsere Räder wurden samt uns auf einen Abschleppwagen geladen.

Schnell werden Helfer zu Opfern.

Was seit dem passiert ist wäre zu lange zu beschreiben und für den Leser sicher mindestens so frustrierend wie für uns, weil nichts dabei rauskommt. Kurz zusammengefasst:

Das Rad befindet sich weiterhin als Beweismittel bei der Polizei. Es ist nicht mehr zu reparieren, wir hätten es aber doch gerne retour weil wir noch Teile davon verwenden können.

Wir saßen 3 Stunden dort ohne zu wissen was geschieht, keiner kannte sich aus, bevor unsere Aussage am Handy aufgenommen wurde und wir informiert wurden dass wir die Anzeige in einer anderen Stadt machen mussten.

Wir fuhren am nächsten Tag, wie uns geheißen, nach Guano, in die Hauptstadt der Provinz – es war Samstag. Geschlossen!

Montag selbes Spiel. Es war das Büro des Staatsanwaltes, in das wir gehen sollten. Der Sekretär meinte wir wären hier falsch, er wisse auch nicht wo wir hingehören. Sabrina war es zuviel, ihr kamen die Tränen. Da erbarmte er sich und hörte uns zu und siehe da, wir waren doch richtig. Er nahm alle auf, wir mussten 4 Stunden auf den Staatsanwalt warten bis er uns das Prozedere erklärte – nicht gerade ermutigend. Wir sind zum Warten und Hoffen verdonnert.

Wir haben uns entschieden wieder mit dem Bus und einem Rad, wirklich kaum zu ertragen ständig nur ein Rad zu sehen, zurück zur Casa de ciclista zu fahren. Santiago ist Fahrradmechaniker, versucht uns bezüglich einem neuen Rad zu helfen, nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. Wir können uns hier erholen, haben Austausch und Rückhalt von anderen Radlern und die Zuversicht und ermutigenden Worte der ganzen Familie.

Wie es uns zur Zeit geht?? Gute Frage. Die Tage in Riobamba liefen wir wie Roboter durch die Stadt, schafften es vielleicht für eine Stunde das erlebte zu verdrängen, bis einer von uns wieder in Gedanken versank und alles wieder von vorne im Kopf zu laufen begann. Wir sind emotional erschöpft. Sabrina schlief die ersten 2 Tag viel, schreckte mehrmals aus Alpträumen hoch. Ihre unkontrollierten Tränenausbrüche werden seltener, aber nicht weniger intensiv. Wolfi ist tlw. schon im Wutstadium – Sabrina hat hierfür keine Kraft. Verzweifelt sind wir beide. Wir wissen nicht wie es weitergehen soll. Woher und welches Rad, was tun mit dem Alten, wie die Taschen reparieren, schaffen wir sie wieder wasserdicht zu bekommen, werden wir evtl. auch nur annähern entschädigt …. wir sind im Intensiven Austausch mit unseren Familien zu Hause, sowie mit Fahrradhändler und Hersteller.

Großes Fragezeichen ist nach wievor wie das Procedere mit der Polizei weitergeht?

Sie konnten das Auto sicherstellen, der Fahrer ist jedoch geflohen. Es soll zu einer Gegenüberstellung kommen, aber man schaut ja nicht auf den Fahrer wenn ein Auto auf einen zurast – Sabrina kann sich also an den Fahrer nicht erinnern. Wenn sie ihn finden dann hat er zwei Möglichkeiten: erstens er zahlt sofort (die Chancen hierfür stehen sehr gering sagt der Staatsanwalt aus Erfahrung) oder es kommt zu einem Prozess der Monate dauern kann.

Wir versuchen Auskunft vom österreichischen Konsulat zu bekommen – der hatte natürlich am Montag auch Feiertag und gestern und heute erreichten wir während der 2 stündigen Öffnungszeiten nur die spanisch sprechende Sekretärin. Der Rückruf kam dann endlich heute. Sieht schlecht aus für uns, meinte auch er. Fahrerflucht + Lügen (das Auto wurde mir gestohlen) sind hier an der Tagesordnung. Wie heißt es so schön: im Zweifel für den Angeklagten.

Also….wir melden uns hiermit schon wieder einmal für ungewisse Zeit ab, hoffen das Beste. Für uns steht aber fest, dass wir weiterfahren wollen. Uns ist körperlich nichts passiert, das ist das Wichtigste. Das Andere wird hoffentlich schon irgendwie werden.