So nah und doch so fern

Von Jaen nach Cajamarca

Km total: 5519

Hm total: 77.708 hm

Gleich mal vorweg  a.) ein langer Bericht b.) viele Fotos mit dem Handy gemacht und daher tlw. leider unscharf.

Nach einer satten lateinamerikanischen Verzögerung 20 Stunden bezüglich der Reparatur von Wolfis Rad konnten wir endlich starten. Es war schon früher Nachmittag, also hieß es ordentlich in die Pedale treten um noch nach Bagua Grande zu kommen. Hierfür mussten wir zweimal mit einem Bötchen übersetzen –

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macht immer wieder Spaß, nur das rein und raushiefen unserer schweren Gefährten ist alles andere als leicht. Die Gegend war trocken und übersäht mit vielen dornigen Pflanzen – diese waren jedoch nicht der Grund dafür, dass Wofli schon wieder einen Platten hatte. Mittlerweile sind wir Profis was das Patschenflicken betrifft. Sabrina holte gelassen ein paar Kekse zum Knabbern raus und Wolfi stand den vielen Fragen der herangeeilten Kindern tapfer seinen Mann. Das Angebot bei ihnen übernachten zu können schlugen wir dankend aus – wir wollten definitiv noch bis Bagua Grande kommen. Das haben wir dann auch kurz vor Sonnenuntergang geschafft. B.G. ist eine laute, stressige Stadt, aber mit viiiiielen Essensständen. Da kommt Hoffnung auf, dass wir unseren Kocher heute nicht anwerfen müssen. Nächster Tagespunkt, Herbergssuche. Die Bomberostation wurde vor Monaten geschlossen, die Polizei lehnte uns ab und vor der Casa Communal werden wir um Geduld gebeten. Kein Problem – ein Mann mit leckeren Empanadas leistet uns Gesellschaft,

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verkürzt und versüßt uns sprichwörtlich die Zeit. Weil wir aus dem schwärmen über seine Empanadas nicht mehr rauskammen, bekammen wir für später gleich noch einen Sack voller Empanadas geschenkt – dieser war aber ebenfalls innerhalb von Minuten vertilgt ;-) . Nach über einer Stunde wurden wir ungeduldig, es war schon dunkel und wir hätten so gerne die Essensstände aufgesucht. Dann kam ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung und meinte, dass die Sitzung heute noch länger dauern könnte, aber wenn wir kein Bett bräuchten, dann hätte er einen Platz für uns. So wurden unsere Räder auf einen Pickup verladen und Minuten später schlugen wir unser Lager im Sekretariat des städtischen Stadion auf – inklusive Security.

Am Folgetag, punkt 7 Uhr sitzen wir schon wieder in den Sätteln. Zeitig, aber trotzdem schon heiß hier. Jedoch heute ist der Hund drin. Irgendwie kommen wir nicht voran. Die Steigung wäre vernachlässigbar, die Landschaft eigentlich ganz schön,

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aber es ist einfach nicht unser Tag. Vor allem nicht der von Sabrina. Sie kämpft sich von Tienda zu Tienda und somit von Cola zu Cola. Hinzu kommt, dass jeder schweigend und stur vor sich hinfährt, ein nicht ausdiskutierter Streit von gestern liegt noch in der Luft. Irgendwann haben wir dann aber Pedro Ruiz erreicht, Essen zu Mittag, und das eisige Schweigen wird bei einem Schokoeis gebrochen – so regelt die Familie Schachner junior ihre Streitigkeiten ;-)!

Wir entschließen uns noch 10km zu fahren um im nächsten Ort unser Glück für einen Schlafplatz zu suchen. Genau als wir hineinrollen beginnt es zu schütten. Unter einem Dachvorsprung finden wir Unterschlupf und werden nach ein paar Minuten in ein Haus gebeten. Wir könnten hier warten, bekommen jeweils eine Banane geschenkt und eine Pitahaya zu kosten. Ein nettes Gespräch entwickelt sich, Landkarten werden verglichen und studiert

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und so schnell können wir gar nicht schauen, schon wird uns im ersten Stock des Hauses unser Schlafplatz für diese Nacht gezeigt und wir schaffen es gerade noch die Hausherrin davon abzzuhalten, dass sie die Betten für uns bezieht. Wir können ja auch im Schlafsack schlafen. So schnell kann es gehen. Es folgen interessante, lustige und kulinarisch köstliche Stunden bei Eginardo , 80 Jahre, und Alma, 82. Es fühlt sich an als würden wir sie seit Jahren kennen, wir fühlen uns wohl.

In der Früh werden wir noch mit einem guten Frühstück

 

und einer Tasche voller Bananen von seiner Plantage verabschiedet. Man muss dazu sagen dass Eginardo eine eigene kleine Landwirtschaft hat, mit diversen Früchten und Kaffee.  Diese verkauft er neben anderen Heimerzeugnissen in seinem kleinen Laden.Wie kann es anders sein: der Kaffeesack wird um ein Sackerl reicher und seit über einem halben Jahr sind wie endlich wieder im Besitz von selbstgemachter Marmelade!

Es geht weiter dem Rio Utcubamba entlang, die Schlucht wird immer schmäler, die Felsen immer schroffer, die Kurven immer kurviger (gibt’s das?? :-) ). Wenn man hier am anderen Ufer wohnt und nicht das Glück hat, dass man in der Nähe von einer in den letzten Jahren gebauten Fußgängerbrücke wohnt, muss man mit einer Zipplinegondel

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zu seinem Haus kommen.Es gab auch genügend in schwindeleregender Höhe.

Wir kommen gut voran, legen eine Mittagspause mit Snack ein und bekommen aus einer Tienda die gegenüber von unserem Schattenplatz war, eine Avocado geschenkt. Es vergeht kein Tag an dem wir nichts geschenkt bekommen. Das erinnert uns an die tollen Begegnungen in Südkolumbien.

Schnell waren dann auch noch die restlichen Kilometer bis Tingo Viejo gemacht. Aus Mangel an freien Hospedajen radelten wir noch die Einbahnstraße nach Tingo Nuevo hinauf (200hm). Nur um festzustellen dass hier auch nicht gerade der Bär steppt, ausgenommen ein schon oft beobachtetes Phänomen: sportliche Straßenblockade! Diesmal ist es eine Frauenmannschaft, welche ihr Volleyballnetz quer über eine Straße spannt. Dorfbewohner treffen sich zu einem Spiel bis kurz vor Sonnenuntergang.

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Zu einer Unterkunft müssen wir uns erst mal durchfragen, angeschrieben ist in dem kleinen Dorf, in dem so gut wie alle Häuser gleich ausschauen, nämlich nichts. Wir wundern uns über die vielen „Gringomänner“ und kommen mit ihnen ins Gespräch: sie sind als Arbeiter hier weil eine Seilbahn zur Ausgrabungsstätte Kuelap gebaut wird (später dazu mehr). Wir waschen unsere Kleidung, bei dem Wind trocknet sie innerhalb von Minuten. Dabei kommen wir drauf, dass wir einen BH bei Eginardo vergessen haben. Na toll, was nun?? Es ist später Nachmittag, jetzt noch alles mit dem Bus hin und zurück?? Also probieren wir aus, was wir schon so oft beobachten konnten: Packerlversand via Bus. Also rufen wir Eginardo an, erklären ihm unser Problem. Kein Problem: er verpackt den BH in eine Sackerl, beschriftet ihn mit dem Namen des Tiendabesitzers unseres Vertrauens in dem Dorf und gibt es dem nächsten Busfahrer. Dieser fährt bis Chachapoyas und übergibt es dort an einen Bus der bis Tingo Nuevo fährt. Und siehe da – innerhalb weniger Stunden hing auch der BH frisch gewaschen am offenen Dachboden. Manchmal können die Menschen in Lateinamerika wirklich praktische und unkomplizierte Lösungen bieten ;-) .

Am Abend gab es das Fußballspiel Peru – Brasilien. Wir gingen bewaffnet mit Straßenpopcorn in ein Lokal, welches dieses übertrug, aßen dort unser Nachtmahl und bestellten uns zwei große Flaschen Bier. Schon waren wir bereit in die Fußballkultur Perus einzutauchen! Und was passierte??? Nichts!! Das Lokal war mehr als gut gefüllt, die Männer standen zum Teil ….. und….tranken Tee!!! Ja genau, Tee!! Oder Wasser an dem mal eine Kaffeebohne vorbeigeschaut hat. Wir konnten es nicht fassen! Total emotionslos verfolgten sie das Spiel.

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Wir leerten unser Bier und gingen in der Halbzeit schlafen, das konnten wir uns nicht weiter mitansehen ;-) . Den Endstand erfuhren wir am nächsten Morgen, 1:0 für Peru, der erste Sieg gegen Brasilien seit 40 Jahren!

Um 3 Uhr Früh war Schluss mit schlafen – die Arbeiter mussten arbeiten und ließen es uns  lautstark wissen. Unser Wecker läutete aber auch schon um 4:30, denn angäblich gibt es einen Minivan, der um 5 Uhr Richtung der Ausgrabungsstätte Kuelap fuhr. Strategisch postieren wir uns in klirrender Kälte an zwei verschiedenen Kreuzungen (die Leute im Dorf waren sich nicht einig wo er langfährt) und warten. Und warten. Und warten. Um 5:15 gaben wir auf, laut Aussage wäre der Minivan schon um 4:30 gefahren. Also legen wir uns wieder schlafen, nächster Versuch: einen der Touriminivans (kommend aus der Touristadt Chachapoyas, die wir links liegen gelassen haben) abpassen. Ab 8:30 beziehen wir wieder Stellung, zwei Minivans kommen angerauscht, leider voll, keiner kann uns mitnehmen. So haben wir uns das nicht vorgestellt. Wir haben extra diese Route von Jaen aus gewählt, weil wir Kuelap sehen wollten, also wollten wir da auch hin und zwar heute noch. Wir hätten auch wandern können, ja, aber Berichten zufolge ist das alles andere als leicht und lohnenswert. Einen Teil des ausgesetzten und extrem steilen Weges, ohne jeglichen Schatten, hatten wir gestern in der Ferne gesehen – danke nein – unser Radalltag ist schon Sport genug. Also nahmen wir dann ein Taxi, immer noch günstiger als eine geführte Tour. Für die sonst zweistündige Fahrt brauchte unserer Fahrer nur eine. Klingt gut, aber bei einer nur einspurigen, unbefestigten Straße, mit uneinsehbaren Kurven und einem Hang, der mehrere hundert Meter senkrecht hinunter geht, ohne Leitplanke, wäre es uns lieber gewesen er hätte 3 Stunden gebraucht und vielleicht einmal mehr (bzw. überhaupt einmal) vor einer Kurve gebremst. In Südamerika fahren sie überall wie die Irren, aber in Peru haben wir das Gefühl, dass, sobald sie hinter dem Steuer sitzen, sie zu Neandertalern werden. Sorry, aber viele Gehirnzellen können da gerade wirklich nicht aktiv sein.

Kuelap war eine befestigte Siedlung, erbaut von den Chachapoyas im 8. -9. Jahundert A.D. Sie zählt neben Machu Picchu zu den spektakulärsten Ruinenanlagen Perus. Jedoch haben diese hier, aufgrund der Tatsache, dass sie zwischen Bäumen eingebettet und mit Tillandsien behangen sind  und von nur wenigen Touristen besucht werden, einen besonderen Reiz. Wir waren von die Größe der Anlage, 6 Heckta, und den verschiedenen Bauweisen fasziniert. Es gefiel uns wirklich sehr an diesem ruhigen, fast schon mystischen Ort.

 

Zurück in Tingo Nuevo fragten wir uns einmal mehr warum diese Seilbahn erbaut wird. An dem Tag waren zwei Minivans, also ca. 30 Touristen und eine handvoll Taxis in Kuelap. wir haben Hochsaison. Wie kann sich hierfür eine Seilbahn rentieren?? Noch dazu wenn zeitgleiche eine neue Straße gebaut wird, über die man die Ruinen schneller erreichen kann?? Wie auch immer, wir sind froh, dass wir diesen einzigartigen Ort besuchen konnte, bevor er vielleicht zu einem zweiten Machu Picchu wird.

Tags darauf fuhren wir bei frischen 12 Grad los. Immer noch in der Schlucht, dem Rio Utcubamba entlang Hier braucht die Sonne einfach seeeeehr lange, bis sie einem wärmen kann. Flußaufwärts war die Steigung  immer noch angenehm. Von knallgrünen Papagein begleitet war es ein toller Weg, es gab kaum Verkehr und trotzdem schleppte sich Sabrina schon wieder! Kilometer für Kilometer vorwärts. Dieses Mal aber aufgrund von Übelkeit und Ganzkörperschmerzen. Viele Pausen waren notwendig und als der nächste Ort mit Unterkünften, Leymebamba, endlich erreicht war, viel sie einfach nur noch ins Bett, und verließ dieses den ganzen Tag nicht mehr. Leichtes Fieber zeichnete sich ab. Wolfi brachte ihr Hühnersuppe ans Bett – abgefüllt im Plastiksackerl – scheinbar Grund genug für Sabrinas Körper über Nacht wieder gesund zu werden. Wir blieben trotzdem noch einen Tag, das Dorf war heimelig, die lokalen Joghurts wollten probiert und das Museum besucht werden. Wirklich schade, dass wir im Museum keine Fotos machen durfte. In der Nähe von Leymebamba wurden vor einigen Jahren Mumien gefunden, welche man in dem Museum besichtigen konnte. Die Bergung der Mumien und die Errichtung des Museum wurden vorallem durch österreichische Hilfe und Mittel ermöglicht. Wirklich beeindruckend. Ebenso dass die Menschen zu Inkazeiten Knoten in verschiedenen Ausführungen, Positionen und mit verschiedenfarbigen Schnüren als Schrift benutzt haben.

Abends gab es Nudeln im Bett mit einer Folge Alf und „ Eine schrecklich netter Familie“ auf Spanisch ;-) .

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Tags darauf waren wir wieder startklar. Wir radelten raus aus Leymebamba, kraxelten gleich hinter der Haustüre los und stoppten 5 Kilometer später beim Museum um dessen Toilette aufzusuchen. Krisenbesprechung, was tun?? Umkehren: uns geht das Geld aus und es gibt keinen Geldautomaten. Weiterfahren: die nächsten 3 Tage werden mega anstrengend – es geht nämlich vom Amazonasbecken hinauf in die Anden / Cordillera central – und bis auf ein Minidorf gibt’s da nichts. Also, rollten wir wieder alles hinunter, bezogen dass selbe Zimmer und Sabrina kehrte wieder ins Bett zurück. Praktisch dass man in Lateinamerika in der Apotheke alles bekommt, auch ohne beim Arzt gewesen zu sein. Es wird einem auch gleich so ausgehändigt wie man es braucht, also keine ganze Packung sondern einzelne Tabletten. In der Apotheke wurde „Klimawechsel“als Ursache der körperlichen Touristenbeschwerden diagnostiziert (so wie auch schon bei Wolfi, und 12 Stunden später war es Zika). Schnell ein paar Tabletten über den Tresen geschoben und fertig. Aber…. sie wirkten. Abends, bei Stromausfall und Kerzenstimmung im ganzen Dorf (sogar in den kleinen Geschäften brannten Kerzen) konnte Sabrina sogar wieder leichte Kost zu sich nehmen.

Wir packten also am nächsten Tag wieder unsere Räder und verließen über den Weg den wir schon so gut kannten, dieses Mal wirklich, Leymebamba. Aber dieses mal waren wir zu dritt – Shane aus Australien, tags zuvor angekommen, begleitete uns. Für ihn sollten die nächsten Tage mit uns zur Spazierfahrt werden. Er selbst fährt nämlich pro Tag mindestens 100 km, läuft zu Hause Ultramarathons ( > 42 km) und dies dann auch noch bergauf-bergab im Gelände. Kurz und bündig: er ist trainiert. Er reist auch leichter, aber verzichtet eben auch auf sehr viel. Die Gewichts- und Komfortfrage ist ein ständiges abwiegen. Aber wir wollen z.B. definitiv mehr als nur ein Radfahroberteil haben und auch auf Insektenschutzmittel nicht verzichten müssen nur weil es 300 Gramm wiegt. Um es vorweg zu nehmen, das gemeinsame radeln war eine win-win Situation für beide Seiten. Er war ein guter Tempo- (und für Sabrina ein guter Stimmungs-)macher, wir schafften die Steigungen leichter und er bedankte sich dafür dass sein Tempo gedrosselt wurde, er somit die Landschaft genießen konnte und er lerntefür sich, dass auch eine 2 stündige Mittagspause seine Vorteile hat (später mehr dazu).

Die Landschaft war schön, der Verkehr wie die Tage zuvor, kaum vorhanden. Die Straße ebenfalls wie seit Tagen einspurig. So schlängelte sie sich Meter für Höhenmeter nach oben.

Wir genossen es endlich wieder Fernblicke zu haben (wir sehen eindeutig lieber Berge als Felswände) und an kleinen Behausungen vorbeizukommen.

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So war der 35km lange Aufstieg zum Calla Calla Pass (übersetzt: Ruhe! Ruhe!), auf 3600m, nach gut 4 Stunden geschafft.

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Oben erfasste uns ein eisger, starker Wind.Wir packten uns warm ein und schauten mal kurz über den Hügel der uns die Sicht ins nächste Tal versperrte drüber. Sabrina und Shane stießen zeitgleich ein „oh shiiiiiiit“ aus, gefolgt von Woflis: „ooooh jaaaaaa“. Der Anblick der Berge auf der anderen Seite war einfach phänomenal.

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Damit hatten wir nicht gerechnet. So eine Weite, so eine vielzahl an Bergen, …. es war umwerfend, beeindruckend, atemberaubend, …. soetwas hatten wir noch nie gesehen. Wir konnten uns kaum losreißen von dem Anblick, aber dabei half uns dafür der Wind. Also rauf auf die Räder und dann hieß es vollste Konzentration. Es warteten 50km Downhill. Weiterhin auf der einspurigen, ausgesetzten, kurvigen Straße.

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Auf dieser Seite des Berges kam der Wind noch hinzu, der wie aus dem nichts einem mehrere Meter zur Seite drängen kann um hinter der nächsten Kurve wieder zu verschwinden und irgendwo wieder auf einen zu lauern. Aber da war ja dann auch noch diese Landschaft…. . Also blieben wir einfach oft stehen und saugten die Eindrücke in uns auf.

Von hier konnten wir sogar die Arbeit, die morgen auf uns wartet sehen. Luftlinie so nahe, aber auf der Straße war der nächste Pass ca. 90km entfernt. Peru und seine Kehren – wir wurden gewarnt ;-) !

Wir waren umgeben von sattem Grün, eigentlich herrscht hier eine „Nebelzone“, wir hatten aber Glück und hatten freie Sicht. Nach 10km und gut 600 verlorenen Höhenmetern passierten wir das erste Dorf: Mittagspause war angesagt. Hinter einer Mauer fanden wir vor dem Wind Schutz und wurden von schüchternen Kindern aus nächster Nähe, 2 Stunden lang, beäugt.

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Wir genossen die wärmende Sonne, unterhielten uns gut und eine kleine Tienda, zu der man hier in Peru Bodega sagt, hielt sogar eine 1,5 Liter Colaflasche für uns bereit. Egal wie trainiert Shane auch ist, Cola ist auch sein Muskelbenzin ;-) . In dieser Bodega wurde kräftig an der Produktion von Brot gearbeitet

und da uns nur unser extrem heißes Tagesziel Las Balsas erwartete, warteten wir lieber hier oben darauf, dass das Brot fertig wurde. Was sollen wir sagen? Das Warten hat sich mehr als nur gelohnt. Das beste Brot seit Wochen! Wir waren noch nicht mal aus der Tür draußen, war die Hälfte des Sackerls schon wieder aufgegessen und wir mussten neues kaufen ;-) . Von der Aussicht die die Kleine beim Spielen hatte waren wir beeindruckt.

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Mit vollen Bäuchen ging es weiter bergab. Hinter jeder Kurve bot sich ein neues Panorama und je tiefer wir kamen umso mehr veränderte sich die Landschaft. Zuerst etwas karger, dann trockener um in eine reine Gesteinslandschaft überzugehen.

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Kehre für Kehre wanden wir uns nach unten,

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Richtung Las Balsas, das wir aus der Ferne wie eine kleine Oase mit seinen sattgrünen Bananenstauden und Mangobäumen entlang des Flusses, eingebettet in die Felslandschaft, gesehen haben. Kann man sich das überhaupt vorstellen??? In einer Abfahrt 2700 Höhenmeter zu verlieren. Stunden später 2,7 Kilometer senkrechte Luftlinie unterhalb des Gipfels zu stehen?? Falls euch all diese Zahlen nichts sagen, wir können es so zusammenfassen: beeindruckend! Also von 3600 auf 900 müM erreichten wir das tropisch heiße Las Balsas. Naja, fast. 600 Meter vor dem Dorf gab es eine Straßensperre: Erdrutsch.

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Nach 30 Minuten durften zumindest wir mit den Rädern und die Mopeds durch. Eine Straße, eine Brücke, dazwischen ein paar Häuser und Stände die Mangos, Kokosnüsse und selbstgemachtes Eis verkaufen, das ist Las Balsas. Wir rollten zur Polizei. Nein, sie hätten keinen Platz und würden nie jemanden aufnehmen, aber wir sollen warten. Keine Minute später kam der Polizist wieder: na gut, weil wir in weiblicher Begleitung sind macht er eine Ausnahme. Wir durften im Büro schlafen, die Türe zum Hauptplatz raus ließen wir wegen der Belüftung offen und versuchten zu schlafen. Tja, die Hitze war nicht das Problem, es kühlte ganz gut ab, aber der Fernseher im Aufenthaltsraum der Polizei hielt uns wach. 2 Mal ging Sabrina rüber und dreht den Ton ab, weil keiner im Raum war, nur damit kurz darauf jemand kam und ihn wieder anmachte. Wolfi, der als einziger von uns drein Schlaf fand, wurde dann aber von Sabrina genötigt auch rüber zugehen und zu bitten, dassder Fernseher etwas leiser gestellt wird: klar, kein Problem…für 5 Minuten. Grrrrr, das war eine kurze Nacht.

Wir wollten der Hitze die uns beim nächsten langen Aufstieg entlang der felsigen Landschaft bevorstand entfliehen und waren somit um 6 Uhr schon startklar. Denn wer tags zuvor 2700 hm hinunterfährt, muss tags darauf ja auch wieder irgendwo hoch, also zumindest wenn man sich in Peru befindet. Wir fragten uns ob jemand schon all die Kehren gezählt hat, die es über den nächsten Pass zu fahren galt? Wir wanden uns also wie ein Wurm nach oben. Dabei bot uns die Natur Abwechslung, wie folgt: zuerst Fels, dann Fels mit Kakteen, weiter zu immer noch sehr trocken und steinige Landschaft aber mit rosanen Farbtupfern,

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es folgten mehr Pflanzen am Weg nach oben, bis wir plötzlich wieder im Grünen waren. Nach genau 1100 hm und ca. 21 km erreichten wir um 9 Uhr den ersten und einzigen Ort, El Limon, den es auf dem gesamten Aufstieg gibt. Wir fuhren nicht hinein, denn hierfür ging es bergab ;-) , sondern blieben bei einem Lokal auf der „Haupt“Straße stehen und bestellten ein zweites Frühstück: Suppe mit einer Extraportion Reis und 1.5 Liter Cola für uns drei. Die „Innenausstattung“ überraschte uns und erinnerte uns ein bisschen an die auf alt getrimmten, neuen Kaffeehäuser in Wien.

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Gestärkt ging es weiter hinauf. Bald wich die grüne Landschaft wieder kargem Gestein, die Kehren und den Pass immer in Sicht.

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Hier oben war es nicht mehr heiß, die Steigung gut fahrbar,

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wir kamen gut voran, stoppten aber immer wieder, weil die Aussicht auf dieser Seite dem Fernblick von gestern in nichts nachstand.

Wir motivierten uns immer wieder mit unserer Tages-Parole: miel y queso, miel y queso, miel y queso, todo por miel y queso ….. Honig und Käse, alles für Honig und Käse. Wir hatten nämlich die Information, dass es dies in einem kleinen Dorf oben am Pass zu essen gab. Wenn einen das nicht motiviert?? Die letzte Kehre war dann aber wirklich ein Witz – 10 Km lang zog sie sich am Hang dahin, jetzt wieder im Grünen und mit leichter Viehwirtschaft, bis die Kurve kam um wieder 7 Km retour zu fahren. Sieht eben aus, geht aber bergauf, glaubt uns ;-)

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Endlos kam sie uns vor, umso größer die Freude als wir sie erreicht hatten und wir wussten, dass es die Letzte für heute war (bergauf zumindest).

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Nach 45 km und guten 7 Radstunden später sind wir oben angekommen und die Freude und der Stolz war enorm! Noch nie sind wir an einem Tag so viele Höhenmeter hinauf gefahren: 2344Hm waren es! Mit stolzgeschwellter Brust betraten wir eine Tienda (wir können uns einfach an das peruanische Wort dafür nicht gewöhnen) und bestellten den langersehnten Käse mit Honig.

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Siegeressen war es keines, aber der Frischkäse mit dem Zuckerrohrsiruphonig war ganz gut (besonders Wolfi war zufrieden). Dass es dazu wieder 1,5 Liter Cola gab erklärte sich von selbst ;-) . Sabrina hat schon Bedenken, dass sie diese Gewohnheit zu Hause nicht mehr ablegen kann. Wenn das so ist muss sie sich halt einen Arbeitsplatz weit weg von der Wohnung suchen und täglich mit dem Rad dorthin fahren, dann gibt’s auch weiterhin täglich Cola. Mal sehn!

Es folgte eine 10km lange Abfahrt nach Celendin, auf der wir glücklicherweise nicht allzu viele Höhenmeter verloren. Dort fuhren wir geradewegs in eine Umzugsparade hinein. Wir bezogen zwei Zimmer, gingen duschen und dann war der Wunsch nach Essen und Schlafen fast gleich groß. Wir aßen also einfach was wir fanden: Salchipollo ( Pommes mit frittierten Hänchenteilen), zum Kochen waren wir alle zu faul, und Juanes, eine neue Art von Tamales (in Bananenblättereingewickelter patzigen Mais/Reis mit Hähnchen und vielen Gewürzen. Juanes sind hauptsächlich im Jungel Perus zu finden. Die Männer brauchten noch eine Nachspeise, Sabrina war hierzu zu müde – sie schlief in der Bäckerei fast im Sitzen ein. Ach was für ein tolles Gefühl aufgrund von körperlicher Anstrengung und all den Eindrücken so müde zu sein.

Am nächsten Morgen radeln wir noch einmal  gemeinsam los, dann verabschiedet sich Shane – er will in 5 Tagen über 500km schaffen, damit er so Nahe wie möglich an Huaraz ran kommt, wo er bei einem Laufwettbewerb mitmachen und mehrere 5000er Wanderungen unternehmen will. Sabrina bekommt noch eine Motivationsbanane mit auf den Weg, denn heute ist nicht ihr Tag. Die Beine spielen wunderlicherweise sehr gut mit, sie schmerzen nach dem Rekordtag von gestern nicht, aber die Landschaft hat bei dem nächsten ewig langen Aufstieg leider nichts zu bieten, was die Aufmerksamkeit Sabrinas erregen und die Zeit am Rad erleichtert würde. Sie verflucht die Tristess der Umgebung, wir bleiben oft stehen, aber es nützt nichts. Immer wieder Häusersiedlungen, aber keine „Cola-motivation“ in Aussicht, bis…in einer Kurve….warte….da sieht man doch im Haus…  Getränke. Ja, hier in Peru braucht man schon oftmals viel Phantasie um eine Tienda zu erkennen, so wie diese hier. Gleich nach dem Großeinkauf von Sabrina hat diese  zugesperrt – reicht wohl für den Tagesumsatz ;-) Glück gehabt!

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Aber bitte schön, wo ist Wolly?? Nach Minuten kommt er mit einem Häferl Milch zurück. Wir befinden uns hier in einer Gegend mit viel Viehwirtschaft. Deshalb hat jede Häusersiedlung hat ihre eigene Milchsammelstelle und Wolfi ist uns frisch gezapfte Milch holen gegangen. Mh, war die köstlich!!

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Wie lange ist das schon her? Frische Milch, bzw. überhaupt mal Milch?? Ach, die Liste von Nahrungsmitteln die wir vermissen ist schon verdammt lange! Schade dass Shane nicht mehr da ist, er hat sich noch am Vormittag gefragt, ob es wohl möglich ist die Milch zu kosten, nachdem wir all die Milchkannen am Straßenrand gesehen haben.

Es ging weiter hinauf, die „Gringo“rufe fehlten auch heute nicht. Wir kennen sie schon aus den anderen Ländern, aber dort kam es 1-2 mal pro Woche vor. Seit wir in Peru sind, fahren wir durch kein Dorf in dem wir nicht mindestens 1-2 Mal mit „Gringo“rufen begrüßt werden. Wir wussten nicht wie wir uns dabei fühlen solln. Gringo, ist das Gut oder Schlecht. Was soll das heißen? Wir befragten mehrere PerunaerInnen in verschiedenen Ortschaften. Das einstimmige Resultat: in Peru ist es nicht negativ gemeint, sondern einfach nur die Feststellung, dass wir weiß sind, helle Augenfarbe haben und blond sind. Aber es nervt trotzdem. Vor allem weil es ja bei einem Ruf pro Person nicht bleibt, nein, sie rufen es mehrmals hintereinander. Wir haben unseren Weg gefunden damit umzugehen: wir gratulieren ihnen leise, ohne dass sie es merken, einfach nur für uns, dafür dass sie so gute Augen haben, dass der Kandidat 100 Punkte hat, dass sie in der Schule morgen sicher ein Mitarbeitsplus bekommen, ….. . Aber wie gesagt, es nervt trotzdem und ich glaube wir werden uns auch nicht daran gewöhnen. Es gibt aber auch das Gegenteil der Rufe: das Starren. Wer nicht Gringo ruft, der verharrt in seiner Bewegung, friert förmlich ein und starrt uns emotionslos an und hinterher. Da hilft auch kein Gruß von uns, auch kein mehrfaches, oder sehr intensives inklusive Winken. Nein, wenn einmal gestarrt wird dann wird gestarrt bis wir außer Sicht sind. Dieses Phänomen finden wir dann eher zum schmunzeln und winken einfach noch intensiver ;-) .

Auf den letzten Kilometern trafen wir dann auf zwei Reiseradler aus Spanien – sie saugten all die Informationen, die wir ihnen über ihre kommenden Tage mit den vielen Pässen mitteilen konnten, förmlich auf. Wir hätten endlos weiter reden können, aber der Himmel wurde immer dunkler, der Wind immer kälter, also fuhren wir vier weiter. Bis zum letzten Pass veränderte sich die Landschaft dann doch noch einmal, auf eine interessante Weise. Es sah aus wie in Schottland.

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Eine Punktlandung legten wir hin, denn gerade als wir oben am Pass ankamen begann es zu regnen. Zum Glück gab es ein Häuschen mit einem kleinen überdachten Bereich. Wir rollten hin und fragten um Erlaubnis den Regen hier abwarten zu dürfen, als wir sahen dass darin Käse produziert wurde. Da merkten wir durch ein Bauchgrummeln, dass es ja schon früher Nachmittag war und somit packten wir unser Mittagessen aus und überbrückten damit die Wartezeit. Wir hatten noch nicht einmal begonnen unsere Eier und Brötchen zu Essen, als die Senora herauskam und uns Käse brachte. Wir freuten uns sehr und gaben ihr als Dank eine unserer Mangos aus Las Balsas.

Haben wir schon berichtet, dass uns die Gastfreundschaft hier positiv überrascht ;-) ?? Der Regen war immer noch intensiv, also schlüpften wir in unsere Regensachen, wir haben lange genug gewartet. Als wir fertig angekleidet waren, war auch der Regen vorbei. Egal. Es war so feuchtkalt bei der darauffolgenden Abfahrt, dass die Regenbekleidung gut tat. 7 Grad zeigte der Thermometer, mit dem Abfahrtswind und der Nässe war es gefühlt viiiiiiel Kälter. Da waren wir froh zum ersten Mal unsere Handschuhe angehabt zu haben. Auf der Abfahrt fuhren wir durch ein Dorf in dem wir uns dann noch mit den letzten Überresten einer köstlichen Gemüsesuppe etwas aufwärmen konnten, bevor wir die letzten 6 KM nach Pollac hinunterrollten und uns den Weg zur Kirche erfragten. Wieder ein Tip über fünf Ecken. Die Kirche selbst sollte angäblich einen Besuch wert sein und ein Bett hätten sie auch für Reisende. Aber was uns dann erwartete, übertraf alles. Die Kirche. Virjen de Rosaria, bestand innen und außen, sowie ein dazugehöriger „Innenhof“ , nur aus Mosaiken.Wir bekamen eine Führung durch das Areal der Don Bosco – Einrichtung, welche eine Kirche, ein Internat und einen Kindergarten umschloss.

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Wahnsinnig schön gemacht. Wir bestaunten all die „Gemälde“ ausgibig und schätzten uns glücklich dort sein zu dürfen. Die Kirche ist nämlich für Touristen nicht zugänglich, auch nicht für Einheimische. Sie ist einzig und alleine dazu da, dass Menschen aus der Umgebung in die dazugehörige Kunstschule gehen können, dort eine Lehre machen können und ihr Können an dieser Kirche praktizieren können. Unglaublich! Der Anbau war dann auch rießig, und wir bekamen ein eigenen Zimmer mit drei Betten darin und einer warmen Dusche.

In der Früh wurden wir zum Frühstück mit den Schulkindern des Internats eingeladen. Da ergab sich im Gespräch mit den zwei dort volontierenden Italienerinnen, dass wir Physiotherapeuten sind, genauso wie eine der beiden. Sie arbeitet eigentlich im dazugehörigen Kindergarten, aber auch einmal pro Woche in der kirchendazugehörigen Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Sie wollte es uns unbedingt zeigen und so fuhren wir die paar Kilometer mit dem Mototaxi dorthin. Die Einrichtung wird aus Spenden finanziert, die Hilfsmittel wie Rollstühle und Co aus Italien ebenfalls durch Spenden von anderen Einrichtungen gebraucht hierher geschickt. Alles wirkte einfach, oftmals improvisiert aber doch sehr liebevoll. Generell war es viel besser ausgestattet als wir gedacht hatten. Stürmisch wurden wir, von denen die selbstständig mobil waren begrüßt. Es gibt einen eigenen Physiotherapieraum, eine Küche, in denen die die können mithelfen, sowie Klassenzimmer für unterschiedliche Lernniveaus, sie machen Ausflüge, in den Schlafräumen von den Schwerbetroffeneren schlafen ehrenamtliche Betreuer, …. . Man merkt den europäischen Einfluss bzw Leitung der Einrichtung.

Voll mit den Eindrücken radelten wir die restlichen 27 km nach Cajamarca – unsere Ruhetagestation. Nach den letzten 3 Tagen mit seinen Tal- und Bergfahrten haben wir uns eine Pause verdient: Start in Leymebamba auf ca. 2200m – rauf auf 3600m – runter auf 865m – rauf auf 3140m – runter auf 2640m – wieder rauf auf 3780m – und noch einmal runter auf 2900m : die Tal und Passhöhen noch einmal zusammengefasst. Wir zeichnen unsere Route seit Quito auf (tracken) – abends einfach ein tolles Gefühl das Höhenprofil zu sehen ;-) ! Hier also die Zusammenstellung der oben genannten Pässe – sieht sooo harmlos aus wenn man es zusammenfügt, aber vielleicht hat ja jemand Lust reinzuzoomen und die Kehren zu zählen ;-) .

http://de.wikiloc.com/wikiloc/spatialArtifacts.do?event=view&id=13758685&measures=on&title=off&near=on&images=off&maptype=S

Im Gegensatz dazu das Höhenprofils eines ganz normaler Tages in Ecuador ;-)

http://de.wikiloc.com/wikiloc/spatialArtifacts.do?event=view&id=13758214&measures=on&title=off&near=on&images=off&maptype=S

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Seit Tagen sind wir in einer Region mit lustigen Hüten. Auch auf den Hausmauern, hier als Symbol für einen Wahlkandidaten, sind sie zu finden.

Es stehen wie immer viele Dinge an die erledigt werden wollen, unter anderem freuen wir uns wie kleine Kinder (auf Weihnachten), dass wir endlich unsere Sachen aussortieren können und per Packetdienst nach Cusco schicken können – nach 6 Monaten radeln wissen wir nun sehr gut was wir brauchen und was nicht, daher wird für die nächsten anstrengenden Monate nach Cusco das Gewicht reduziert. Ins Kino, um weniger als 2 Euro pro Person können wir hier auch wieder gehen, ein Plätzchen zum Trinken des nationalen Drink „Pisco Sour“ haben wir auch schon gefunden und Packerlsuppen gibt es auch endlich wieder  – die arme Frau am Markt wusste gar nicht wie ihr geschieht als wir vor Entzücken und Freude vor ihrem Stand fast Freudenstänze aufgeführt haben. Es gibt zwar nur 2 Geschmacksrichtungen, aber hey, wir haben wieder welche, da wollen wir jetzt nicht jammern ;-)

Genau 6 Monate, 5519 km , siebenundsiebzigtausendsiebenhundertacht Höhenmetern und 393 Radstunden ist es her dass wir am Flughafen standen und uns auf unser Abendteuer freuten. Die Freude ist seit dem nicht weniger geworden, auch wenn wir uns die ersten Tage nach Riobamba tlw. motivieren mussten morgens loszufahren. Aber einmal drauf auf dem Sattel ist es nach wie vor so: es ist unser Abendteuer, intensiver, besser, schöner, einzigartiger, erfahrungsreicher, …. als wir uns erträumen hätten können, wir genießen jeden Tag und schauen mit Freude und Spannung Richtung Süden. Wir feiern also heute mit Chips, Pisco Sour,

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Joghurt ohne Zucker, Bier und gestreamten Filmen!!! Ein gelungener Radfeierabend also!!

Wessen Augen noch nicht zu kleinen Schlitzen geworden sind nach dem wieder mal langen Beitrag (sorry abermals, aber glaubt uns, die Niederschrift ist schon gefiltert, also von dem allen was wir erleben schon aufs „interessanteste“ reduziert ;-) der kann hier noch lesen was wir nach 6 Monaten vermissen und worauf wir getrost verzichten könnten:

Beginnen wir mit der „ das werden wir nicht vermissen“ Liste:

  • Gringorufe
  • feuchtkalte Kleidung
  • ein feuchtes Zelt in der Früh wenn es draußen kalt ist, oder schwitzen in der Nacht wenn es heiß ist
  • Zika und Dengue-übertragende Moskitos
  • Wegbeschreibungen von Leuten, die eigentlich gar nicht wissen wo es lang geht
  • Fragen nach dem Preis der Räder
  • kalte Duschen an Orten an denen es tagsüber nicht mehr als 15 Grad hat ( man bekommt auch die Sonnencreme mit kalten Wasser nicht runter – wasserfest eben ;-) ).
  • Reis und Hähnchen ( schon in Ecuador war fast alles nur Hähnchen, in Peru so und so und Reis verfolgt uns täglich seit Costa Rica).
  • Stinkende Radunterbekleidung obwohl frisch gewaschen
  • Hundeattacken (bis jetzt haben wir euch verschont mit diesen Berichten, denn wir hätten uns hierbei nur ständig wiederholt, aber je südlicher wir kommen umso mehr und aggressiver werden sie. Hat bis Ecuador noch unsere Pfeife geholfen, damit sie Abstand von uns nahmen, so haben wir das Gefühl, dass sie uns hier in Peru täglich und viel länger kläffend und mit gefletschten Zähnen verfolgen. 100 Euro für den Gedanken der durch ein Hundehirn geht wenn er uns Reiseradler sieht! Wütend werden wir dann, wenn und das ist eher selten, der Besitzer in Sichtweite ist und überhaupt nicht reagiert, nein, sogar dabei zu sieht wie wir uns, vielleicht auch noch bergauf kämpfend, versuchen vor den Hunden zu fliehen).
  • Immer daran denken zu müssen Klopapier dabei zu haben wenn man aufs Klo geht, weil es nirgendwo eines gibt, egal ob in öffentlichen Einrichtungen wie Krankenhäusern, Ämtern, Museen, oder auch in Restaurants, Tankstellen, … .

Worauf wir nicht verzichten möchten:

  • die Leute die wir antreffen, deren Offenheit, Hilfsbreitschaft, Neugierde, Lebensweisen…
  • den Blick stundenlang in die Ferne schweifen zu lassen
  • die 1000 und 1 Erfahrungen die wir gemacht haben
  • die Unterschiedlichkeit der Landschaft zu sehen, zu spüren und immer wieder neue Facetten kennenzulernen und darüber zu staunen
  • das lernen von anderen Leuten und ihnen auch etwas zu vermitteln
  • den Tagesrhythmus von Körper und der Natur bestimmen zu lassen
  • dass die Sonne, der Hahn oder die Vögel unser Wecker sind
  • gemeinsam täglich soviel zu erleben und gemeinsam teilen zu dürfen
  • regelmäßig über sich und seine Leistung staunen zu können ;-)
  • ständig all unsere 7 Sachen bei uns zu haben
  • täglich stundenlang draußen zu sein
  • einen Wasserfilter, die dicken bequemen Exped-Matratzen, unsere nicht stinkende Kleidung (außer Unterwäsche), unsere zuverlässigen Räder (Patch zählt nicht ganz), unsere Kaffeesocke, …
  • täglich viel Süßes zu Essen und Cola zu trinken, ohne zuzunehmen ;-)

Was wir jetzt gerade vermissen:

  • abgesehen davon uns mit unseren lieben Menschen zu Hause zu treffen:
  • Käse, Brot, Speck, Gemüsestrudel, unsere Marmelade …. einfach so gut wie alles was das Essen betrifft
  • auf mehreren Herdplatten zu kochen (Wolfi), oder zumindest den Kocher auf köcheln drosseln zu können (das geht leider nicht mit dem MSR WhisperLite und schränkt unsere Wahl bei der Essenszubereitung ein)
  • beim Lesen ein Buch in der Hand zu haben
  • Nähen, kreativ zu sein ( Sabrina)

Was wir aus jetztiger Sicht anders machen würden? Nicht viel. Ein anderes Zelt (3 statt 4 Saisonen und kuppelförmig), einen Wasserfilter der mit UV-Licht arbeitet (haben wir durch Shane kennengelernt, ist soooo viel schneller und bequemer), einen anderen Kocher (z.B. MSR Dragonfly) und evtl. einen etwas dünneren und somit leichteren Schlafsack. Die genannten Sachen, welche wir mithaben sind gut, aber nicht optimal. Dass wir zu viel Gewicht mithaben, da muss glaub ich jeder Radreiseneuling durch und selbst herausfinden was und wie viel richtig ist ;-) .

In diesem Sinne …. auf die nächsten Monate, möge der Wind von hinten kommen, die Sonne in der Früh stets unser Zelt trocknen, die Reifen unplattbar sein und die Freundlichkeit der Menschen nicht abnehmen.