Sinnestäuschungen

Sabaya nach Uyuni via Salar de Coipasa und Salar de Uyuni

KM total: 9178 km

Hm total: 134 897 hm

Wir sind gespannt wie ein Pfitschipfeil !! Zu unserem Wunsch den Salar de Uyuni zu überqueren, haben wir durch unsere Routenwahl nach Chile einen zweiten Salar kostenlos dazubekommen ;-) .

Den Salar de Coipasa. Einziger Haken: dessen An-und Abfahrt soll ziemlich beschwerlich und schwer zu navigieren sein. Die Chancen, dass man im Schlamm oder Sand versinkt stehen hoch. Ebenso ist der Verbindungsweg zum Salar de Uyuni ziemlich sandig – ¡vamos a ver!

Lange Zeit radeln wir über Sand- und Schotterpisten weg von Sabaya Richtung Salar de Coipasa.

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Oft verzweigen sich die Wege und man hat die Qual der Wahl welcher Weg „besser“ ist. Nach etlichen Kilometern ist es dann so weit, wir befahren Salz. Unser Hirn meldet ständig: Achtung Achtung, das ist Eis, man könnte einbrechen. Achtung, Achtung, es ist nass und evtl. rutschig. Aber Fehlanzeige. Es ist Salz!

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Wir orientieren uns anhand der Inseln und steuern auf den zweiten Hügel von links zu – wir wissen, dass dort das Dorf Coipasa liegt. Aber unsere Piste führt immer weiter in den Westen. Da gehören wir nicht hin. Irgendwann reicht es uns und wir entscheiden uns querfeldein zu fahren.

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Das rüttelt zwar etwas mehr, weil man über die Kanten der „Eisschollen“ fährt, aber dafür nehmen wir jetzt wieder direkteren Kurs auf die Insel. Bei der Auffahrt auf die Insel haben wir Glück, wir finden auf Anhieb eine kleine Spur die uns sicher wieder auf Sandboden bringt. In Coipasa erreichen wir eine Bodega, dessen Besitzer ein blinder Mann ist. Er hat in der Türe einen Sessel stehen,

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damit er hört wenn jemand seinen Laden betritt. Wir futtern Süßes in uns hinein und tanken Coca-Cola aus der Retro 1 1/2 Liter Glasflasche im Retroambiente.

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Das gefällt uns. Wir möchten wissen welche der Berge wir weiter im Süden anpeilen müssen um mit wenig Sand und Schlamm zu rechnen. So erhalten wir von dem blinden Besitzer die beste Routenbeschreibung die wir bis jetzt auf unserer Reise erhalten habe. Wirklich!! Detailliert, aber nicht zu kompliziert.

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Am Boden aufgezeichnet mit den Fingern und nicht wild in der Luft herum gewachelt. Wir sind begeistert.

Also verlassen wir wieder die Insel

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und fahren hinaus in das weite Nichts.

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Anfangs fällt uns die Orientierung schwer, die Berge sind noch zu weit weg, es gibt zu viele Spuren. Aber mit der Zeit verlaufen sich so und so alle Spuren und man fährt einfach auf dem großen weißen Etwas (wie Wolfi es bezeichnet) dahin.

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Spannend wie sich ständig die Oberflächenbeschaffenheit verändert. Mal knackt es ganz laut, mal gleiten wir dahin, mal hören wir etwas Wasser unter unseren Rädern, mal versinkt auch der Hinterreifen, … es verändert sich ständig.

Ebenso faszinierend ist, dass wir das Gefühl haben, dass wir gleich wieder am Festland sind, nach unserem Lieblingsmotto: solo falta un poco!! Aber das ist ein Trugschluss. Das Festland befindet sich noch gute 40 km von uns entfernt, es sieht nur so aus, als wären es nur noch maximal 3km.

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Bis auf die Fingerspitzen ist alles bedeckt. Die Sonneneinstrahlung macht uns ja bekanntlich schon seit längerem zu schaffen. Hier auf dem Salar reflektiert die Sonne auf den Salzkristallen aber noch einmal zusätzlich, daher ist man nur mit Sonnencreme nicht ausreichend geschützt.

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Wenn man die Sonnenbrille abnimmt, dann flimmert alles vor den Augen und innerhalb von weniger als einer Minute wird es richtig anstrengend zu schauen.

Unter unserem mobilen Sonnendach machen wir am Salar unsere Mittagspause.

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Danach versuchen wir ein paar Spaßfotos zu machen. Leider noch nicht ganz so perfektioniert ;-)

Uns wurde empfohlen nicht direkt den Ort Llica anzusteuern, obwohl es kilometermäßig kürzer wäre, sondern Tres Cruses anzufahren. Hier würde man leichter wieder aus dem Salar rauskommen. Leicht ist etwas übertrieben, aber mit viel Zick-zack-fahren und verschiedene Himmelsrichtungen ausprobierend, schaffen wir es dann die letzten matschigen 5 Km bis zum Festland irgendwie fahrend zu meistern. In das verschlafene Dorf Tres Cruses schieben wir dann durch tiefe Sanddünen unsere Räder.

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Wir erhalten nicht nur sofort die Zusage des Direktors der örtlichen Schule, dass wir in einem seiner Räume schlafen dürfen, nein, zusätzlich und kostenlos gibt es eine Horde von interessierten Kindern. Diese hier sind ziemlich anhänglich – wortwörtlich. Nachdem die Räder inspiziert und die üblichen Fragen beantwortet wurden, singen und tanzen sie für uns

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um danach wie Kletten an uns zu kleben, zu schauen ob wir auch einen Bauchnabel besitzen, Sabrinas Haare noch glatter streichen in der Hoffnung die helle Farbe würde auf deren Haare übergehen und sich über Wolfis Bart und Brusthaare lustig zu machen. Als uns das begrapsche zu viel wird bitten wir sie, dass sie uns eine Bodega im Dorf zeigen. Wir haben sicher ein Bild für Götter abgegeben: Sabrina hat links und rechts drei Kinder an der Hand, an Wolfi hängt einer am Oberarm. So suchen wir gemeinsam die nur mit Süßen ausgestattete Bodega auf. Na gut, dann kaufen wir uns halt eine Cola und jedem Kind ein Zuckerl ;-) . Etwas enttäuscht sind sie dann schon als wir ihnen sagen, dass wir müde sind und ihnen jetzt nicht auch noch unser Bett (Isomatte) zeigen. Es tut uns auch wirklich leid, aber nach über einer Stunde Kinderbespaßen wollen wir in Ruhe kochen und schlafen gehen.

„Morgenstund‘ hat Gold im Mund“ und so sitzen wir bei frostigen Temperaturen bereits um 7 Uhr15 auf den Rädern. Lange sitzen wir so und so nicht drauf, denn wir schieben schon bald.

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Zur Zeit sehen wir es noch sportlich: nach 9 Monaten nichts tun, bekommen in Bolivien unsere Arme auch endlich wieder Muskeln. Wäre ja nicht so, dass wir noch nie geschoben hätten, aber durch Sand kostet es mindestens doppelt soviel Kraft. Also fahren, schieben, stehen, fahren, reißen, … wir uns und unsere Räder durch den Sand. So brauchen wir für 24 Km ganze 4 Stunden.

An manchen Stellen können wir fahren, über Waschbrett-Piste versteht sich natürlich. Falls ihr euch fragt wie es sich anfühlt, leicht bergab über diese Wellsandpiste zu fahren, hier eine Beschreibung:

Es ist wie Rodeoreiten. Man packt das Tier an den Hörnern (seitliche Lenkergriffverlängerung), wird im arhythmischen Sekundentakt aus dem Sattel geworfen, versucht ständig die Füße neu auf den Pedalen zu positionieren und verpasst dem Ungetüm hier und da einen (Pedal)-Tritt, damit der Ochse weiß, dass „er“ vorwärts gehen soll.

Auch hier verzweigen sich immer wieder die Wege. An dieser Stelle meinte Wolfi mit einem gehörigen Batzen Galgenhumor:“Ich nehme den asphaltieren Weg!“.

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Weltweit wird immer wieder darauf hingewiesen man soll keinen Sand mitnehmen, also leeren wir in Llica gleich mal unsere Schuhe aus. Wir wollen ja nicht schuld dran sein, wenn mal der Weg zwischen Tres Cruses und Llica keinen Sand mehr hätte ;-) .

In Llica suchen wir Internet um endlich Sabrinas Bruder das Problem mit der Radtasche schreibe zu können. Aber man ist sich uneinig wo es eines geben könnte und schickt uns immer wieder zu neuen Häusern – wir geben es auf und gehen erst einmal essen. 5 Mal waren wir bis jetzt Essen in Bolivien und immer ist gab es das Selbe. Und immer gleich neutral im Geschmack. Auch recht.

Danach geht das Suchspiel wieder los.

1.: finde alle Bodegas, auch die, die sich glauben als normale Häuser tarnen zu können.

2.: finde jemanden der gewillt ist dir etwas zu verkaufen (ein paar mal sind wir schon direkt weitergeschickt worden; dann fragen wir immer: ¿Usted no quere ganar dinero?? (wollen sie kein Geld verdienen); worauf meist dann ein Murren oder tatsächlich ein nein kommt).

3.: finde den richtigen Tag heraus. Sei ein Glückspilz und sei am richtigen Ort zum richtigen Tag: „no hay, pero manana“ (gibt es nicht, aber morgen) ….

So gehen wir auf und ab, tlw. mehrmals in die selbe Bodega um am Ende die Hälfte der Einkaufsliste zu besitzen.  So sieht also eine typische Einkaufstour in Bolivien aus, wenn man sie mittels GPS aufnimmt ;-).

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Dafür haben wir 2 Radieschen und eine Zwiebel geschenkt bekommen, weil wir in der 5. Bodega schon ziemlich gefrustet waren wieder kein Gemüse zu erhalten.

Vor einem riesigen Fragezeichen stehen wir aber, als uns mehrfach verneint wird als wir nach Leitungswasser fragen. Was nun?? Bis wir darauf kommen, dass in dem Dorf , so wie schon ein paar Mal erlebt, das Wasser tagsüber abgedreht wird. Einzig und alleine ein Wasserhahn in der Municipalidad hat Wasser. Dort können wir unsere Flaschen auffüllen und ebenso unseren Wassersack. Denn danach radeln wir auf den Salar de Uyuni – den größten Salzsee der Welt. 10.000 Quadratkilometer groß, 160km lang und 135km breit, die Kruste bis zu 30 cm dick, darunter ist der See bis zu 75 Meter tief! Juhu!!!!!! Wir sind da!!!

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Ein Meilenstein unserer Reise, obwohl der Salar de Coipasa jetzt für uns natürlich gleichwertig ist und schon seit SEHR SEHR langer Zeit eindeutig „der Weg das Ziel ist“.

Wir haben starken Seitenwind als wir endlich die Rampe auf das Salz befahren.

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Dieser Salzsee ist wieder etwas anders als der gestrige: die Krusten sind viel höher und noch härter, der Salar ist komplett trocken und daher steinhart. Anfangs wissen wir nicht welche Spur uns gehört, denn wir können noch keine Inseln am Horizont ausfindig machen, außer in der falschen Himmelsrichtung diese schwebenden.

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Also halten wir uns pi mal Daumen an die ungefähre Himmelsrichtung.

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Was für ein Fahrgefühl. Du strampelst und strampelst und verlierst komplett den Bezug zu Zeit und Kilometern. Es könnten 5 oder 50 Minuten, 2 oder 20 km sein, die du seit dem letzten Blick auf den Radcomputer zurückgelegt hast – faszinierend!!! Und dann wird am Salar getanzt. Freudenstänze: 9000km!!!

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Erst vor 12 Radtagen haben wir 8000k gefeiert! Danke Asphalt, danke Altiplano, so kann man mal Kilometer machen.

Um 17 Uhr entscheiden wir, dass es für heute reicht und biegen einfach in das Nichts ein paar hundert Meter von der Fahrspur ab um unser Zelt aufzuschlagen. Mit unseren Rädern versuchen wir etwas Windschatten zu schaffen, alles wird festgebunden und doppelt festgehalten, denn es stürmt wie noch nie. Schon gestern haben wir einen Stein eingepackt um damit die Heringe in das Salz schlagen zu können, aber …. es tut sich nichts. Der Boden ist hart wie Beton, keine 5 Millimeter bekommen wir die Heringe in den Boden. Na toll!! Damit haben wir nicht gerechnet. Am Salar de Coipasa wäre es ohne Probleme gegangen und wir haben auch schon Bilder von anderen Radler gesehen deren Heringe zumindest bis zur Hälfte im Salz steckten. Also was nun??? Wir könnten das Zelt mit Schnüren an Räder und Packtaschen befestigen, das wäre überhaupt kein Problem, aber der Wind pfeift uns wie verrückt um die Ohren, dass Sabrina diese Pfuschaktion zu gewagt ist. So verpacken wir alles schnell wieder und treten noch einmal ordentlich in die Pedale: 25km entfernt ist eine Insel Pescado, die könnte uns zumindest Windschatten bieten und vielleicht ist der Untergrund anders. Die Zeit rennt und wir rasen. Wieder dieses Gefühl, dass man gleich dort ist, aber die Insel trotzdem nicht näher zu kommen scheint. Wir fahren die erste Bucht an und tatsächlich, der Boden ist weicher. Etwas windgeschützt können wir rasch das Zelt aufbauen

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und pünktlich einen endlos langen, grandiosen Sonnenuntergang genießen.

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Danach steht die Milchstraße genau über uns und 1000ende Sterne glitzern um die Wette. Was für ein Erlebnis!

So wie der Tag geendet hat, beginnt auch der Nächste: die Sonne vollführt ein Schauspiel erster Klasse und wir staunen und genießen einfach nur.

Unsere Schatten scheinen endlos lange zu sein.

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Extra für den Salar haben wir Kaffee gekauft, denn was gibt es schöneres als hier feudal zu Frühstücken.

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Danach bestaunen wir noch etwas die Flora und Fauna der Insel

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bevor wir uns wieder auf den Weg machen. Immer noch reden wir vom Eis, statt vom Salz. Das Hirn begreift einfach nicht so ganz was es sieht.

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Nach einer Stunde morgendlichen radeln sind wir bereits auf der Isla Inkahuasi angekommen. Es ist eine touristisch genutzte Insel, man zahlt Eintrittsgeld. Danke, für uns nicht, sie sieht nicht viel anders aus als „unsere“, hat ebenso viele Kakteen.

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Also Räder bei der neutralen Landesflagge geparkt (damit die Touris ihren Yeap wiederfinden gibt es Länderflaggen ;-) ),

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zweites Frühstück gegessen und weiter geht es. Direkt hinter der Insel verändert sich der Untergrund schon wieder. Das Salz wird flacher, die Krusten weicher, tlw. gibt es Löcher,

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…. stets spannend. Über 70 km sind es von hier bis zum Festland. Man könnte meinen, dass es langweilig wird, weil man ja immer nur das selbe sieht, aber so ist es nicht. Der Salar hat uns in seinen Bann gezogen. Da ist es natürlich klar, dass wir nicht widerstehen können erneut mit der Perspektive und der ewigen Weite zu spielen, und bessere Spaßfotos zu machen.

Mit leichtem seitlichen Rückenwind flitzen wir dahin

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und am Nachmittag ist der Spaß auch schon wieder vorbei, wir haben das Festland wieder erreicht. Wir entscheiden uns noch die 23 km nach Uyuni zu radeln und kommen somit auf einen neuen Tagesrekord von 123km. Was in der Ebene und mit tlw. leichtem Rückenwind alles so möglich ist ;-) . In Uyuni erschrecken uns die Preise der Unterkünfte, aber im dritten Hotel, Hostel Sajama, hört sich das Angebot gut an. Sabrina lässt sich ein Zimmer zeigen und was entdeckt sie im Innenhof ?? Die Räder von Laura und Nicolas . Es gibt in Uyuni sicher weit mehr als 50 Hotels und wir gehen ausgerechnet in dieses ;-) . Klar checken wir hier ein und gehen abends Pizza essen und Bier trinken.

Unsere Räder bekommen am nächsten Morgen eine gründliche Wäsche,

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das Salz muss definitiv so schnell wie möglich wieder runter von unseren Rädern, es kann Rost verursachen und es ist wirklich so hart, dass es sicher bei Reibung Kunststoff aufscheuert. Wolfi versucht ziemlich professionell mit einem heißem Draht Löcher in die Nähe der Bruchstelle zu machen und dann mit Kabelbinder zu verbinden. Sieht gut aus und wir hoffen, dass es durch die Lagunenroute hält.

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Am nächsten Tag treffen wir uns mit unseren Radlerfreunden Ribana, Torsten und dem kleinen Jamun, Wolfis Freund aus Cusco. Die Wiedersehensfreude ist bei uns allen fünf groß, aber die Augen von Jamun strahlen wie vor einem Weihnachtsbaum als er SEINEN Wolfi endlich wieder sieht. Das erste Rennen über die Gänge lässt nicht lange auf sich warten.

Wir entdecken ein Frühstücksbuffet!!! Buffet!!! So sitzen wir bereits am ersten Morgen mit Laura und Nicolas, sowie deren Freunden die zu Besuch gekommen sind um mit ihnen den Salar zu radeln, dort und schlagen uns die Bäuche bis zum Anschlag voll. Wundert uns, dass sie nicht gleich Konkurs angemeldet haben, 6 Radler bei einem Buffet, dass kann nur ein Minusgeschäft sein. Wir zwei sind tags darauf gleich wieder hin – Sabrina musste sich danach mit Bauchschmerzen ins Bett legen. Der 5. Pfannkuchen, nach der 3. Waffel mit Schokosauce und dem 5. Brot mit Käse und Wurst war dann doch einer zu viel :-) . Wir sind uns alle einig: wir schleppen lieber das Essen in Form von Fett an unserem Körper mit uns mit in der Lagunenroute als zu viel Ballast in Form von schweren Nudeln in unseren Packtaschen zu haben!!