Glücksgefühle in der Sandkiste

Über die Lagunenroute von Uyuni nach San Pedro de Atacama / Chile

Km total: 9652 km

Hm total: 139 565 hm

Unsere Taschen sind übervoll, den Rest haben wir in unserem kleiner Rucksack verstaut. Wir schleppen nämlich Essen für 10 Tage mit. Kurz überlegen wir uns noch bei der Abfahrt, ob wir DIE Lagunenroute jetzt tatsächlich und so ganz wirklich fahren sollen ;-) !

Wie bereits geschrieben, lasen wir schon in Österreich davon. Damals war sie für uns noch Fiktion und doch ziemlich unrealistisch, dass wir sie wirklich mal wagen werden. Wie beim Peruvian Great Divide, war dann aber auch für die Lagunenroute irgendwann das „aber ganz sicher“ im Kopf. Nur in den letzten Wochen sind unsere Körper müde geworden. Nicht unser Geist, nicht unsere Freude am Radeln und am Abenteuer haben sich abgeschwächt, nein, aber unsere Oberschenkel plagen sich schneller, als noch weiter im Norden.

Aber wir haben uns entschieden sie zumindest zu versuchen. So eine landschaftlich einzigartig schöne offroad-Strecke können wir uns schließlich nicht entgehen lassen. 10 Tage auf über 4000hm, entspricht ganz unserer bevorzugten Reisehöhe.

Damit ihr versteht, warum wir sie zu Hause noch ausgeschlossen haben und warum wir sie in den letzten Tagen noch einmal überdacht haben, hier ein paar Zitate von erfahrenen Radlern aus anderen Blogs bzw. Routenbeschreibungen, die die Strecke gefahren sind:

„…Die Fahrt ist kein Picknick und das bolivianische Hochland kein Disneyland. Gefahren sind real und allgegenwärtig. Ohne GPS oder einem Kompass ist die „Routa de las Joyas Altoandias“ genannte Strecke nicht zu empfehlen. Sie kann außerdem nur in den Monaten Juli bis Oktober befahren werden, weil man sonst auf den bolivianischen Pisten versumpft, dann ist weder Schieben noch Tragen möglich. Auch in den genannten Monaten fallen jedoch Niederschläge und zwar ausschließlich als Schnee. Essensvorräte für 10 Tage und 1,5 Liter Brennstoff sind obligatorisch, um plötzliche Schneefälle zu überstehen. Die Biwakausrüstung sollte bis -20Grad ausgelegt sein. Das windfeste Zelt sollte im Sitzen aufgebaut werden und mit einer Leine am Körper gesichert sein. Die Packtaschen sollten ebenfalls keinesfalls ungesichert herumliegen. Gegen 20 Uhr verschwinden zumeist die Winde und dann kann gekocht werden. Es kann jedoch auch vorkommen, dass man die ganze Nacht im Sandsturm verbringt und an das Anzünden eines Kochers nicht zu denken ist; somit sind ausreichend Energiebarren und Trockenfrüchte mitzunehmen. Einen Gesundheitscheck habt ihr hoffentlich schon zu Hause gemacht, denn auch z. B. eine Blinddarmentzündung könnte hier oben fatale Folgen haben. Auf der gesamten Strecke herrscht auch extreme UV-Einstrahlung und eine trockene, staubige Luft, die die Schleimhäute jedes Gringos sehr stark reizt.“

„…. in solchen Momenten verkündet *** immer: wir werden es überleben“.

„.. wieder ein Tag geschafft. Wir machen 3 Kreuze als wir im Zelt sitzen“.

„… wichtige Fragen die man sich ernsthaft davor stellen sollte: habe ich genügend Kartenmaterial? Bin ich ausreichend akklimatisiert? Reicht mein Equipment aus für mögliche -20Grad und super starken Wind? Halte ich krasse, langanhaltende Anstrengung sowie widrigste Umstände auf so einer großen Distanz körperlich sowie mental aus?“

„ … dein einziger Freund auf der Lagunenroute wird die Wellblechpiste sein. Oftmals ist diese nämlich die einzige Spur die fahrbar ist und in der man nicht sofort versinkt“.

Nachvollziehbarer, dass wir interessiert und gleichzeitig nachdenklich waren ;-) ?? Aber egal wie müde unsere Beine sind, wir wollen dahin. Wir wollen uns über eine der härtesten Strecken weltweit unser eigenes Bild machen. Also rauchen unsere Hirne wie verrückt bei der Proviantkalkulation. Anfangs der Reise aßen wir immer 500gr Nudeln, seit Bolivien gibt es nur noch 400gr (sind so abgepackt), auf der Lagunenroute müssen 300-320gr ausreichen. Für zu Mittag nehmen wir Brot für drei Tage mit, danach ist es nicht mehr genießbar. Daher werden wir  ab dem 4. Tag Instant-Chinesensuppen kochen. Wenn aber der Wind so stark weht, dass wir nicht kochen können, dann planen wir Kekse ein. Aber wie viele Kekse ersetzen ein Mittagessen, und auf wie wenig können wir die Haferflockenportion in der Früh reduzieren? Nervennahrung in Form von Süßem darf natürlich auch nicht fehlen – auch hier: so wenig wie möglich und soviel wie nötig ;-) ! Schon beim Heimschleppen des Proviants ins Hostel fallen uns die Arme ab – na das kann ja lustig werden. Wir sind also startklar, hoffen wir zumindest.

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Die ersten 2 Tage sind quasi eine Zufahrt zur Lagunenroute: wir können sie wie folgt zusammenfassen: Wind, starker Wind, nachmittags brutaler Gegenwind.

 

Zuerst kränkelt Sabrina, dann Laura und dann Nicolas. Alle komplett unterschiedliche Symptome, aber immer schleppt sich einer hinterher. Definitiv keine gute Voraussetzung für die Lagunenroute. Aber jeder entscheidet für sich, dass wir weiterfahren. Am zweiten Tag trennen wir uns nach der Mittagspause voneinander. Nicolas geht es so schlecht, dass sie bereits an dieser Stelle campen möchten, wir wollen aber schauen, dass wir noch etwas weiter kommen. So verabschieden wir uns von ihnen und den bizarren Felsformationen

 

und kämpfen uns im Wind noch etwas weiter. Wir finden einen windgeschützten Platz hinter Felsen und schlagen unser Zelt auf. Wolfi erweist sich als Multitaskingfähig: dehnen und kochen gleichzeitig ist kein Problem für ihn ;-) .

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Wie kann es anders sein, dreht der Wind kurz vor Sonnenuntergang und rüttelt an allen Seiten unseres Zeltes. Und das immer stoßweise. Man schläft fast wieder ein und dann… schüttel schüttel …. der Wind ist da und man selbst wieder wach. Das Theater hat gegen Mitternacht endlich sein Ende.

Wir stehen um 5 Uhr auf, es ist noch stockdunkel und es hat Minusgrade. Wenn man dem Wind aber zumindest für eine kurze Zeit entfliehen möchte, dann muss man einfach früh los. So sitzen wir komplett vermummt um kurz nach 7 bei den ersten Sonnenstrahlen auf unseren Rädern. Die Landschaft wird auch immer schöner. Vulkane und Berge buhlen um unsere Aufmerksamkeit.

 

Am frühen Vormittag erreichen wir die „Einfahrt“ in die Lagunenroute. So, hier sind wir also. Schnell noch etwas Luft aus den Reifen gelassen und es kann losgehen! Und wie es gleich losgeht. Riesen Steine lassen uns auf unseren Rädern hüpfen und zick-zack-fahren. Sie sind so groß, dass öfters mal das Pedal hängen bleibt.

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Wir dachten die Lagunenroute ist bekannt für ihren Sand und nicht für ihre Steine? Aber das kommt sicher noch, da sind wir uns sicher. Es gibt unzählige Jeepspuren. Man hat die Qual der Wahl.

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Die Landschaft hat uns sofort in seinen Bann gezogen und, dass es endlich wieder rüttelt und hüpft unterm Hintern finden wir sogar auf seine eigenen Art und Weiße toll. So freuen wir uns wie kleine Kinder, als wir die erste Lagune, die Laguna Canapa erreichen. Kurz davor halten die ersten Jeeps und wir erhalten Applaus. Nicht schlecht, keine 20 km in der Lagunenroute und es wird schon applaudiert ;-) ! Wir genießen die Lagune von oben

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und sehen uns dann von unten die Flamingos an.

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Auch wenn wir jetzt schon sehr oft welche gesehen haben, üben diese Tiere in freier Wildbahn eine große Faszination auf uns auf. Mit der Lagune kommt auch der Sand. Na dann, auf zur nächsten Lagune. Der Wind kommt auf – Seitenwind. So bahnen wir uns den Weg zur Laguna Hedionda. Zwischen den beiden Lagunen bekommen wir den ersten Eindruck der ewigen Weite dieser Sandkiste.

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Wir sind überrascht, dass uns die Berge um uns herum an die Berge Perus erinnern. Die Laguna Hedionda erreichen wir bereits zur Mittagszeit – viel schneller als gedacht. Darum fahren wir nicht direkt zum Refugio (Unterkunft für die Jeeptouristen) sondern suchen uns ein Plätzchen von dem wir einen Überblick über diese große Lagune und ihre 100ten Flamingos haben.

 

Anklicken zum Vergrößern; Linkes Bild: alle kleinen Tupfen sind Flamingos. Also wirklich 100erte

Wir sind selig, und das schon am ersten (Lagunen)Tag. Die letzten KM zum Refugio sind schnell gemacht, vor allem weil wir in der Ferne Radler entdeckt haben. Es ist die deutsche Familie. Sie haben sich nach vielen Überlegungen und Gesprächen dazu entschlossen die Route ebenfalls zu versuchen. So verplaudern wir uns natürlich im warmen Speisesaal bei einer geschenkten Suppe und den Gemüserestln der Jeeptouristen und entscheiden, dass wir heute nicht mehr weiterfahren. Wir dürfen einen leerstehenden Raum beziehen und zu später Stunde trudeln auch noch Sue und Scott aus der USA, sowie Laura und Nicolas ein. Was für eine Runde!!!

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Da wir gestern so schnell waren, stehen wir heute wieder früh auf – unsere Strategie bezüglich des Windes scheint aufzugehen. Am meisten leiden unsere Finger und Zehen in der Früh. Heute so schlimm dass Sabrina kurz schon mal Tränen in den Augen stehen, da sie außer Messerstiche in den Fingern nichts mehr spürt. Und das trotz dicker Handschuhe. Aber mit der Zeit wärmt die Sonne immer mehr und Km für KM fällt eine Schicht an Bekleidung. Das Spiel soll die nächsten Tage so gehen. In der Früh mit allem bekleidet, inkl. langer Unterhose, kurz vor dem erfrieren, fallen zwischen 9 und 10 Uhr fast alle Schichten, nur um ab 11 Uhr sich langsam aber doch wieder mehr anzuziehen, da der Wind so kalt ist.

Gleich in der Früh fahren wir an einer Lagune vorbei

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weiter zur nächsten, in der auch noch den Flamingos kalt ist.

 

In der Mitte der Flaminogrunde ist es sicher wärmer im Vergleich zum allein radeln;-).

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Dann geht es hinein in die endlose Weite. Was für ein Gefühl. Nur Sand, Sand, Sand und um einem herum die Berge.

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Laut Beschreibungen geht hier der Schiebespaß los. Sabrina erweist sich als super Spürnase – sie findet meist eine gute Jeepspur in der es sich radeln lässt. An manchen Stellen sehen wir Radspuren + Fußspuren. Da freut man sich gleich mehr wenn man selbst nicht schieben muss. Welche Spur würdet ihr wählen?

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Der Sand wird immer tiefer, es wird immer anstrengender, aber die Landschaft lenkt einem gut ab.

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Wir haben Glück, der Wind kommt heute von der Seite und ein wenig von hinten- den Unterschied merkt man sofort! So radeln und radeln wir und schieben unser zweites Frühstück immer weiter hinaus, wir wollen es ausnutzen solange es sich so gut radeln lässt. An einer Engstelle bleibt ein Jeep stehen – ob wir alles haben was wir brauchen, oder ob sie uns Wasser geben sollen? Sehr freundlich, aber wir haben alles. In der Zwischenzeit knipsen die Touris im Jeep Fotos von uns. Wahrscheinlich wird die Tour wie folgt angeworben: sehen sie fabelhafte Lagunen, staunen sie über die Berglandschaft und entdecken sie die seltene Spezies „Radreisender“ – lassen sie sich das Foto nicht entgehen“ ;-) .

Kurz vor dem Pass gibt es dann doch noch eine Frühstückspause. Einfach zu einladend.

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Wenn wir im Sand stehen bleiben, dann müssen wir zum Losfahren erstmal das Rad „rausschaukeln“ um aus der Mulde wieder raus zukommen. Warum haben wir eigentlich kein kleines Schauferl mit ;-) ?

Wir kämpfen uns einen Pass hoch und sind sprachlos als wir oben ankommen. Dahinter eine endlose Weite. Wir fühlen uns so klein bei der darauffolgenden Abfahrt.

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Wer findet Wolfi?

Man ist nur ein kleines Pünktchen in dieser großen Umgebung. Direkt vor uns breitet sich dann ein bunter Berg aus.

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Wahnsinn was hier die Landschaft bietet – mit dieser Bergvielfalt haben wir nicht gerechnet. Wir dachten es geht hier nur um die Lagunen ;-) . Durch tiefsten Sand, aber dank der breiten Reifen ( Schwalbe Marathon Mondial 26×2.15 (55)) immer noch fahrend erreichen wir das Refugio Hotel Desierto. Schon wieder zur Mittagszeit. Schon wieder eigentlich „zu Früh“. Wir überlegen ob wir noch weiterfahren. Wir wissen, dass in 9 Km eine windgeschützte Stelle kommen soll, aber der Wind dreht und weht einem fast vom Rad. Noch dazu soll hier die schlimmste Schiebeeinlage der gesamten Lagunenroute kommen. Darauf haben wir nicht mehr wirklich Lust, und eilig haben wir es ja auch nicht. Im Refugio können wir wieder unser Wasser auffüllen, wir bekommen Brot geschenkt (juhu, ein Mittagessen mehr) und dürfen unser Zelt hinter einem der Gebäude aufstellen. Heute erreichen Sue und Scott, sowie Laura und Nicolas abends wieder unseren Schlafplatz. Wir kochen alle schnell, genießen die heiße unerwartete Dusche die wir im Fahrergebäude benutzen dürfen und verkriechen uns früh in unseren Zelten. In der Nacht werden wir stündlich geweckt, denn neben unseren Zelten parken die Jeeps. Und diese werden abwechselnd gestartet, damit der Diesel nicht einfriert – willkommen eiskalte Lagunenroute.

Mit den ersten Sonnenstrahlen sind wir wieder die ersten am Rad.

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Heute stehen also die 9 KM Schiebepassage an. Aber nichts da!! Wir schieben

 

bis zum „Steinplateau“, einem wirklich schönen Campingspot, jeweils weniger als 0,5 Kilometer. Schade, dass wir es gestern nicht mehr versucht haben, aber was soll’s. So genießen wir den Ort mit seinen Viscachas und schönen Felsen einfach beim zweiten Frühstück und bemitleiden die Jeeptouristen die vorbeirasen.

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Alles wirkt hier so rießig, außer man selbst fühlt sich ganz klein. Sabrina ist hier auch schwer zu entdecken.

Auf der Weiterfahrt ist es immer das selbe Spiel, wir müssen oft die Spur wechseln aber es ist eigentlich alles fahrbar. Des öfteren stützt sich spontan ein Fuß am Boden ab oder man schiebt für wenige Meter, die Hinterreifen drehen durch, aber sonst finden wir eine gute Spur. Ermüdend ist das pedalen im Sand aber natürlich trotzdem. Die Landschaft, was sollen wir anderes sagen, ist einfach einzigartig, schön, der Hammer, atemberaubend, …. . Wie Vicunas hier überleben können ist uns ein Rätsel.

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Wir genießen und radeln und radeln. Fühlen uns in dieser Sandweite immer klein.

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So klein, dass wir selbst nicht mehr wissen wer das Pünktchen hier auf dem Foto ist ;-)

Übers duschen müssen wir uns keine Sorge machen, wir bekommen seit Eintritt in die Route täglich eine: Sanddusche. Diese hagelt ins Gesicht, peitscht aufs Rad, … . Angenehm ist anders.

Schwup-di-Wup sind wir am Arbol de Piedra ( Steinbaum) angekommen– wieder um die Mittagszeit. Wieder eine sonst Eintagesetappe in einem Halben geschafft. Also entweder haben wir nur viel Glück mit dem Wind, oder wir finden stets die richtige Spur, oder unsere Räder sind nicht zu schwer beladen ( ;-) ) und haben die richtige Reifenbreite. Keine Ahnung. Aber was sollen wir machen, wenn wir so schnell sind ;-) . Deswegen durch diese schöne Route durchrasen und sie in der Hälfte der Zeit machen. Das wäre viel zu schade. So beschließen wir einfach wieder um 12 Uhr Schluss zu machen. Wir genießen die Ruhe und die grotesken Steinformationen (finden, dass der Arbol de Piedra sehr ähnlich dem Felsen ist, den wir auf der Herfahrt schon entdeckt haben).

 

essen zu Mittag (leider ohne Kaffee, dann wäre es kitschig perfekt gewesen) hinter einem der vielen Steine und am späten Nachmittag kriegen wir bestes Kino geboten. Die ersten Jeeps kommen und mit ihnen Touristen die sich mal 5 Minuten strecken und recken müssen nachdem sie aus den Autos kriechen um sich dann in ihrem knappen Höschen oder Hochgebirgswanderschuhen vor dem Arbol de Piedra in Pose zu werfen. Ein tolles Schauspiel ;-) , danke !

Gegen 16 Uhr kommen Sue und Scott an, sie haben eine falsche Spur genommen und daher einen Umweg gemacht. Da wir ja viel Zeit hatten, haben wir schon die besten Zeltplätze gefunden. Wir zwei wählen einen hinter einem der großen Steinansammlungen.

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Just als das Zelt steht, dreht natürlich der Wind. Aufgrund der vielen Steine verwirbelt er sich und kommt von allen Seiten. Ein wenig Schutz versuchen wir zu bauen, damit zumindest nicht ganz so viel Sand ins Zelt kommt. Was für ein schöner Platz. Im Zelt wird gekocht

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und auch gegessen und dann trotz Kälte noch einmal ein kurzer Spaziergang durch die Steinlandschaft gemacht. Eindeutig richtige Entscheidung hier zu schlafen und nicht weiter (in ein Refugio) zu fahren.

Es war die kälteste Nacht auf der ganzen Reise. Das Wasserflaschen anfrieren sind wir gewohnt, aber das selbst die Flasche die wir ins Innenzelt mitnehmen komplett durchgefroren ist, ist dann doch eine Überraschung. Die Moral aufzustehen im dunkeln ist daher sehr gering, aber wir merken ja, dass es durchaus Sinn macht. Also rauf aufs Waschbrett .

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Rückblickend 90% der heutigen Kilometer. Wenn mal der Oberkörper mitarbeitet dann wird es mühsam. Die Auseinandersetzung mit der Entstehung dieser Wellen hat durchaus etwas geholfen. Freunde sind wir nach wie vor keine, aber wir merken Unterschiede. Es gibt Frequenzen und Beschaffenheiten da fühlt man sich wie ein Boot, stellenweise durchschneidet man die Wellen wie ein Pflug, dann reiten wir wieder eine Runde Rodeo oder wenn es etwas langsamer dahin geht auf einem Kamel, oft ist es so rhythmisch, dass man sich wie auf einem Pferdekinderkarusell fühlt, aber oft ist es auch einfach nur zum Gaga-werden.

Wir sind uns sicher, dass beim nächsten Aufprall Hintern-auf-Sattel die Sitzbeinhöcker durch Muskeln, Fett, Haut und Hose durchstoßen werden, so schmerzen sie schon. Die ganze Zeit stehen kann man auch nicht, also Augen zu und durch. Haben wir schon erwähnt dass man sich so klein fühlt in dieser großen Weite? Die Kilometer bis zur Lagune Colorado (farbige Lagune) ziehen sich aufgrund der Bodenwellen in die Länge, aber der Anblick entschädigt. Sie verfärbt sich täglich, aufgrund von Algen, die Sonneneinstrahlung und Wind brauchen, kann aber zu dieser Jahreszeit auch schon so gut wie ausgetrocknet / vom Winde ausgeblasen sein. Wir sehen sie braun/lila und sind zufrieden.

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Hier ist der Punkt an dem man Nationalparkgebühr zahlen muss. Gerne würden wir uns wieder über die Fairness bezüglich Jeeps vs. Fahrrad diskutieren und auch wohin das Geld eigentlich fließt. Aber der Ranger ist viel zu nett. Erklärt uns wo wir denn überall wildcampen können und wo nicht (seit neuestem darf man nicht mehr in der Nähe von Lagunen campen, da es aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit friert und man selbst erfrieren kann. Keine Ahnung ob/was da vorgefallen ist, aber wir hätten mit unserer Ausstattung keine Bedenken.) . Ebenfalls erzählt er uns, dass es in der Hospedajenansammlung ein paar Kilometer von hier eine Tienda gibt, mit Schokolade und Cola. Kann er Gedanken lesen ;-) ?? Da müssen wir hin, auch wenn es einen kleinen Umweg bedeutet. Mit riesiger Vorfreude verlassen wir das Häuschen und … woooooow …. die Lagune verfärbt sich rot.

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Alle 10 Meter könnten, und teilweise machen wir es auch – stehen bleiben – weil sich immer eine neue Perspektive zeigt und sich die Lagune immer mehr verfärbt. Anfangs sind es noch kleine Flecken, die immer größer werden und zusammenwachsen. Was für ein Naturschauspiel.

 

Zweites Frühstück hier ist natürlich keine Diskussion. So sitzen wir und staunen und staunen und staunen. Nicht fassbar was da vor unseren Augen passiert.Das Weiterradeln ist immer noch von Fotopausen geprägt. Das weiße Potasiumsalz sieht aus wie Eis. Wahnsinn!!!

 

 

An der Vielzahl der Bilder kann man erahnen WIE sehr wir beeindruckt waren. Bis auf Vulkane und der Cordiller Blanca haben wir noch nie soviele Fotos von einer bestimmten Landschaft gemacht ;-) .

Auf den letzten KM zur Hospedajenansammlung liegt das Glück auf der Straße ;-) : in Form von Aschantinüssen.

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Endlich erreichen wir die Hospedajenansammlung . Und tatsächlich es gibt ein paar Tiendas. Eine ist sogar perfekt ausgestattet. Hätten wir das gewusst, dann hätten wir uns das Essenschleppen ersparen können. Nudeln, Haferflocken, … alles was man so braucht. Aber wir ärgern uns nicht wirklich, schließlich ist das Gefühl 10 Tage Nahrungsmitteltechnisch autark mit dem Rad unterwegs sein zu können sehr gut. Wir kaufen einfach Cola und Kekse und dürfen in der Tienda kochen (windgeschützt). Denn ab heute gibt es kein Brot mehr zu Mittag, also los geht’s mit den Chinesischen-Instantsuppen. Wir verbringen ganz schön viel Zeit dort, füllen unsere Wasserflaschen auf und fahren weiter.

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Mit Rückenwind. Starken Rückenwind. Nach wenigen Metern rollen

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ist es dann aber auch schon wieder vorbei. Denn das nützt alles nichts, wenn die Piste so schlecht ist, das man schiebt!! Schieben mit Rückenwind, was für ein schlechter Scherz. Aber bald erreichen wir einen Canyon, biegen ab

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und suchen uns ein schönes Plätzchen für unser Zelt.

Dürfen wir vorstellen: unser neuer Nachbar.

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Der Sonnenuntergang den wir von unserem „Vorzimmer“ aus sehen

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lässt uns schnell auf das Plateau des Canyon klettern. Ein 360-Grad Sonnenuntergang. Mit Abstand einer der Beeindruckendsten den wir jemals gesehen haben.  Wir drehen uns nur im Kreis, wissen nicht wo wir zuerst hinschauen sollen, es verändert sich minütlich und um uns herum ist es rot/gelb/lila/blau. Wahnsinn!!

 

In der Früh schleppen wir uns den Pass hoch. Sabrina hat das Gefühl eine starke Verkühlung zu bekommen und die Piste ist stellenweise auch solala. Aber immerhin kaum bis gar kein Sand mehr. Der Pass lässt auf sich warten, denn immer wenn wir glauben wir sind oben, geht es wieder nach unten.

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Gegen Mittag haben wir dann aber die Geysire, die höchsten weltweit, erreicht. Auf den letzten Metern dorthin stoppt ein Jeep und der Beifahrer steigt aus, zückt seine Kamera und lichtet uns dutzende male ab. Das grenzt an bodenlose Frechheit. Aus den Jeeps raus zu fotographieren ist eine Sache, aber einen Jeepfahrer zum Stoppen zu bringen ist eine andere. Da es eh nicht Sabrinas Tag ist lässt sie eine Schimpftirade los. Wir sind doch nicht im Zoo und er nicht auf einer Safari. Wenn man uns fragt haben wir absolut nichts dagegen. Er nickt nur, was er sich dabei denkt wollen wir gar nicht wissen.

Bei den Geysiren fällt Sabrina erstmal für ein paar Minuten in den Windschatten eines Steines. Fühlt sich immer mehr nach einer Verkühlung an – kein idealer Ort um eine auszubrüten! Nach wenigen Minuten haben wir die Blubber- und Sprühbecken für uns alleine, alle Jeeps sind fort. Die Farben und die lauten Geräusche (eher schon Lärm tlw.; wie eine startendes Flugzeug) die diese Blubberfelder von sich geben sind schon sehr anziehend.

 

 

Man kann sich sogar daran aufwärmen.

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Als wir genug gesehen haben, kochen wir hinter einem Stein zu Mittag inkl. Kaffee (in Hospedajenansammlung geschenkt bekommen) und Kekse

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und machen uns auf den Weiterweg, hindurch durch die Dampfschwaden.

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Danach geht’s bergab – juhu!!!

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Auf fast der gesamten Abfahrt haben wir einen grandiosen Blick auf die Laguna Chalviri ,

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wo wir nach ein paar Kilometern am Ufer die Aquas thermales erreichen. Der Restaurantbesitzer lässt uns etwas widerwillig, aber doch, im Speisesaal schlafen. Bis wir diesen jedoch beziehen dürfen, ist noch etwas Zeit. Daher ab zum sauber schrubben ;-) – ab in die Aquas thermales. Wir haben das ganze Becken für uns alleine. Und es ist sooooo schön warm.

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Unsere Muskeln schmelzen wie Butter in der Sonne und wir fühlen uns so sauber wie schon lange nicht mehr. Alles ist verschrumpelt und die Beine wie Pudding als wir uns endlich dazu bringen aus dem Luxusbad in dieser Einöde wieder raus zusteigen.

Die Idee ist, auch in der Nacht ins warme Wasser zu steigen, aber bereits beim kochen hat Sabrina kaum noch eine Stimme und der Husten hört sich alles andere als gut an. Also wird aus dem nächtlichen Sternenbad wieder nichts. Halb so schlimm, denn es ist Vollmond

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und da sieht man so oder so nur wenige Sterne.

Wir müssen raus bevor die ersten Touris eintreffen (6:30 – was für einen straffer Zeitplan die haben müssen). Das Schauspiel wie diese dann die aquas theramales „genießen“ gefällt uns.

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Heute werden wir zum ersten Mal von dutzenden Jeeps auf einmal überholt und es fängt an zu nerven. Daher fahren wir einfach links, weil der Wind sonst den ganzen Sand auf uns stauben würde. Gegenwind + Steigung + starke Verkühlung = kaum ein Vorrankommen.

 

Es soll der leichteste Tag der ganzen Route sein und ausgerechnet heute stemmen wir gegen den Wind

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und stoppen wir (Sabrina und aus Solidarität Wolfi auch) viel.

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Zu Hause würde man in dem Zustand in Krankenstand gehen, aber hier?? Da wächst man über seine Grenzen hinaus, auf über 4000hm und trotzdem krank radelnd.

In einem der Stopps halten gleich 2 Jeeps und fragen ob sie helfen können. Von einem erhalten wir Paracetamol. Ein regelrechter Kampf gegen den Wind und mental fechten wir es in unserem eigenen Kopf aus, auf dem Weg zum Pass hinauf.

Die schöne Landschaft und Steinbrocken im Nirgendwo helfen heute nur bedingt.

 

Hinunter

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geht es tlw. auch mit Gegenwind, manchmal kommt er dankenswerterweise „nur“ von der Seite.

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Ein Jeep fährt an uns vorbei und filmt uns. Wolfi wird während dem fahren sogar interviewt – die Touris haben Nerven, denken wir. Aber es stellt sich als „professionell“ raus – ein Film über den Nationalpark. Eine Packung Kekse und Schlecker springt für uns dabei raus. Raubtierfütterung ;-) .

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Zu Mittag radeln wir der Laguna blanca (weiße Lagune) entgegen

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klein wie immer ;-)

und erreichen endlich den ersten windgeschützen Platz.

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Dort schlagen wir uns mit grandioser Aussicht die Bäuche voll. Dazu ein Tee und bisschen entspannen in dieser tollen Umgebung. So beschließen wir es für heute gut sein zu lassen. Sabrina kann so und so nicht mehr und was uns im „nahen“ Refugio erwartet (Bett, kalter Raum, campen, ….) wissen wir nicht. So campen wir illegalerweise also doch in der Nähe von einer Lagune, aber es ist wirklich traumhaft hier.

 

Unser Haus in einem Haus ;-) !

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Mittlerweile ist der Sand überall: im Schlafsack, zwischen den Zähnen, im Geschirr, im Tee, … Und nach 6 Tagen Lagunenroute kann man die Originalfarbe der Hose nur erahnen.

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Einen Luxus haben wir mit: einen kleinen Tiegel Handcreme. Trotz regelmäßigen cremen sehen unsere Hände aus wie Pergamentpapier. Die Lippen haben sich durch das sudern im vorletzten Blog tatsächlich gebessert – danke ;-)

Abendstimmung noch kurz festhalten

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und dann schnell in den Schlafsack.

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Die Nacht war weniger kalt als erwartet, wir stehen heute zum ersten Mal bei Sonnenlicht auf, frühstücken in der Sonne und lassen es langsam angehen. Es ist der letzte Tag in der Lagunenroute und wir wollen die Laguna verde (grüne Lagune) sich verfärben sehen und das geht angeblich ab 9 Uhr. Da sie quasi vor der Haustüre liegt, haben wir Zeit. Ein Fuchs kreuzt unseren Weg.

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Als wir um kurz nach 8 dort sind, ist sie aber nicht mehr wie ein See, sondern hat bereits eine türkise Farbe.

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Na gut, wen wundert’s, dass sie bei dem Wind der bereits um diese Uhrzeit alles gibt, sie sich jetzt schon verfärbt. Unten

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können wir uns noch einmal davon überzeugen: für uns ist sie türkis, nicht grün ;-) . Wolfis Jacke ist grün, aber nicht die Lagune.

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Ein tlw. noch gefrorens Bächlein muss durchquert werden. Oftmals ist die engste Stelle nicht die Beste, daher heißt es strampeln.

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Die Laguna blanca (weiße Lagune) ist schnell umrundet, die Wasserflaschen beim Ausgang vom Park noch einmal aufgefüllt und wir machen uns auf, auf die letzten KM in Bolivien. Mit einem letzten wehmütigen Blick zurück

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auf diese tolle Route

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essen wir schweigend und in unseren Gedanken versunken unser zweites Frühstück.

In dieser Sandkiste steht dann ein Häuschen, dass sich als Grenzposten erweist. Wir wissen von anderen dass hier illegalerweise Ausreisegebühr verlangt wird. Sabrina hat zwar kaum eine Stimme, aber wenn sie was nicht leiden kann, dann ist das Korruption. Daher lutscht sie vorher noch ein Zuckerl zur Rachenbefeuchtung und macht sich mit Argumenten gewappnet auf ins Häuschen. Der Zöllner erweist sich jedoch als äußerst freundlich und zack, haben wir unsere Stempel. Wahrscheinlich mussten wir nichts bezahlen, weil er gesehen hat, dass wir schon einmal Bolivien Richtung Chile weiter nördlich verlassen haben und daher wissen, dass nichts verlangt wird. Im Zuge dessen tauschen wir unsere Bolivianos in Chilenos um, bekommen wahrscheinlich einen besseren Kurs als in San Pedro und beginnen unsere letzte Steigung

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bis zur langen Abfahrt zu erstrampeln. Nach wenigen Kilometern ist es soweit, wir erreichen wieder Asphalt.

Der Spaß ist schon wieder vorbei. Wenn es nach uns geht, hätte die Lagunenroute durchaus noch ein paar Tage dauern können. Für diese Aussage mag uns vielleicht der ein oder andere Radler lynchen, aber WIR HABEN SIE GENOSSEN!! Wir können jedoch auch verstehen, dass es für viele ein Horror ist, das schlimmste was sie jemals gefahren sind, … . Wir glauben einfach, dass es eine Mischung aus perfekter Aklimatisierung (über 3 Monate ganz viel Zeit auf über 4000hm verbracht), breiten Reifen, „wenig“ Gewicht, meistens Glück mit dem Wind, viel Offroad-erfahrung und eine riesen Portion Leidenschaft zu solchen Gegenden und Pisten. Sie war durchaus fordernd, keine Frage, aber nicht überfordernd. Für uns zählen die letzten 6 Tage zu den Besten unserer ganzen Reise.

Mit diesem Gefühl nehmen wir den 45km langen Downhill, von 4600hm auf 2450hm  in Angriff. Nur wenige Km sind ein Spaß. Aufgrund des Gegenwindes müssen wir ständig treten und die letzten 10 Km scheinen endlos

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– bergab mit 7km/h und ständig in der Ferne das Ziel vor Augen, das ist nicht lustig.

Das heiße San Pedro de Atacama in Chile ist die wohl touristischste Stadt die wir jemals erlebt haben. Sabrina gibt ihr bestes an einem Tag ihre wirklich sehr starke Verkühlung auf ein Minimum zu reduzieren und dann wissen wir gar nicht wohin mit unserer Freude, als plötzlich Sabrinas Bruder mit Freundin und Nichte im Hostel vor uns stehen.