Carretera Austral – du geizt mit deinen Reizen

Von Puerto Varas nach Coyhaique

Km total: 14 667km

Hm total: 193 313hm

Bis in die 1970er Jahre war der Südteil Chiles nur über Argentinien auf dem Landweg erreichbar. Die Militärregierung unter Augusto Pinochet baute die Straße vor allem aus strategischen Gründen, um die Region gegenüber Argentinien zu sichern und ihre Souveränität zu gewährleisten. Es war in den 1960er Jahren zu einem Grenzkonflikt rund um die Laguna del Desierto gekommen, der erst 1994 endgültig beigelegt wurde, indem der See Argentinien zugesprochen wurde.

Fernziel ist die Verbindung von Puerto Montt und Puerto Natales. Bisher ist ein etwa 1.200 km langes Stück bis Villa O’Higgins fertiggestellt, immer mehr von diesem Teil wird zur Zeit asphaltiert. Das gesamte Projekt Carretera Austral ist aufgrund der vielen Berge, Fjorde, Flüsse, sumpfigen und abgelegenen Landschaft, regenreichen Gegend, Nationalparks, …. nicht gerade leicht.

So also die nüchterne Beschreibung einer Straße. Einer Straße die durch eine Gegend führt, das südliche Patagonien Chiles, welche den letzten Punkt auf unserer kurzen zu Hause verfassten „da wollen wir hin“ Liste verzeichnet.

4 Tage Auszeit bei der Familie Amigo sind scheinbar nicht genug, denn bereits auf den ersten Kilometern raus aus Puerto Varas fallen uns unzählige Dinge ein die wir nicht erledigt haben. Auch egal ;-) . Wir wollten definitiv heute los, denn nach tagelangem Regen gibt es heute ein Sonnenfenster und die folgenden Tagen sollen einigermaßen stabil sein, das müssen und wollen wir nützen.

Mit dem See Llanquihue direkt vorne dran, sieht der uns schon bekannte Vulkan Osorno gleich noch viiiiel besser aus.

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Ein Radweg führt um diesen Teil des Sees herum – so können wir den Anblick nicht nur beim Essen genießen sondern auch beim Radeln. Sehr lobenswert die Ambition der Region hier „bikefriendly“ , wie sie selbst es nennen, zu werden.

Am Nachmittag kommen wir an einem Schild mit der Aufschrift Thermas/gratis vorbei. Mmh, schön blöd wären wir, wenn wir uns das nicht anschauen würden. So rollen wir den Kilometer hinunter zum Fluss, zahlen die Überfahrt für ein Bötchen und liegen kurz darauf in einem kleinen Sandloch, das sich stets mit Thermalwasser neu füllt. Schlammspiele inklusive!

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Irgendwann wird es uns zu heiß, die Sonne die von oben brennt und das heiße Wasser um uns herum. Also weiter. Es ist schon spät und so schlagen wir zu, als wir nur 2 km später ein schönes Plätzchen am Wasser finden. Hier mündet ein Fluss in einen Fjord und in der Ferne zeigen sich Schneeberge. Perfekt also.

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Bedeckter Himmel, alles ist feucht und uns ist schnell kalt wenn wir uns nicht bewegen. Darum bleiben wir beim downhill auch nicht stehen als wir die 14.000km Marke knacken. Wir sind abends kreativ was das Jubiläums-Foto betrifft und können euch so auch gleich das schöne Geld Chiles zeigen. 14 000 Pesos = 20 Euro

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Wir fahren fast den ganzen Tag den Fjord entlang, dutzende Wasserfälle zieren den Weg,

kalte Regenwaldlandschaft begleitet uns. Manchmal können wir das gegenübeliegende Ufer kaum noch erkennen.

In Cochamo, mit seinen lieben Vogelhäuschen an jeder Ecke,

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stoppen wir um uns bei einem Kaffee aufzuwärmen. Auch hier hören wir schon was wir die letzten zwei Tage des öfteren gehört haben – es regnet außergewöhnlich viel dieses Jahr; eigentlich ist jetzt Sommer es sollte schöner sein; so nass war es schon seit Jahren nicht mehr; die nächsten Tage sollen nicht besser werden; ……. das klingt ja vielversprechend!

Bei leichten Regen kommen wir in Puelo an und dürfen in der Halle der Municipalidad essen – es ist so grausig nasskalt draußen. Sogar heißes Wasser für einen Tee bekommen wir. Was für eine Wohltat. Das Wetter würde für sich sprechen um den Tag hier zu beenden, aber wir möchten morgen unbedingt in Hornopiren ankommen um tags darauf die Fähre nehmen zu können. (ein paar Abschnitte der Carretera Austral legt man mit Fähren zurück) Alles so ge’timed um dem großen Regen voraus oder hinterher zu sein. Also packen wir uns von oben bis unten in Regenklamotten ein und radeln 2 Stunden lang durch Regen, tiefhängende Wolken und mystische Wälder rauf und runter. Außen nass – innen nass ist das Resultat als wir Llaguepe ankommen. Die einzige Unterkunft ist geschlossen. Na toll, campen wollen wir bei dem grausigen Wetter nicht unbedingt. Einen einzigen Mann sehen wir. Wir erklären ihm unser Anliegen, er ruft eine Frau in einem Haus zu sich und kurz darauf schieben wir unsere Räder einen matschigen Hang hinauf und sitzen in einem Pressspahnplattenhaus bei Brot und Tee. Unsere Kleidung trocknet über dem Ofen und wir warten auf die Besitzerin. Nach über einer Stunde kommt sie, begrüßt uns herzlich, wir plaudern, sie kocht, wir warten, werden zu einem Telefonat mit ihrer in den USA lebenden Tochter genötigt, essen um 23 Uhr, bekommen ein Bett in einem ehemaligen Kinderzimmer und zwischen Tür und Angel erfahren wir, dass sie pro Nacht 20 000 Pesos verlangt. Schluck!!! Damit haben wir nicht gerechnet. Naiv oder verwöhnt wie wir sind, sind wir „davon ausgegangen“ , dass wir in einem Raum unsere Isomatten umsonst auflegen können. Aber was solls. So liegen wir im Stockbett,

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breiten in dem kleinen Zimmer das Zelt und den feuchten Schlafsack so gut wie möglich zum trocknen aus. 24 Uhr: der Fernseher direkt vor unserem Zimmer brüllt immer noch. 2 Uhr: es stürmt so stark durch das zerbrochene Fenster ins Zimmer hinein, dass Sabrina was davor hängen muss. 3 Uhr: wir wachen wegen Tropfgeräuschen auf: die Decke ist undicht, es tropft auf unseren Schlafsack!! 30 Euro!!! geht uns die ganze Zeit durch den Kopf. In der Früh verlassen wir etwas zerknirscht, nachdem die Besitzerin noch unbedingt ein Foto und unsere Handynummer für whatsapp- Kontakt haben will, das Haus. Die wohl schrägste bezahlte Unterkunft der gesamten Reise. Wir nehmen es mit Humor.

Immer noch an dem schönen Fjord machen wir uns auf den Weiterweg. Immer noch rauf und runter, die ganze Zeit. Ganz schön anstrengend.

Zum 2. Frühstück erreichen wir Caleta Puelche. Hier hätten wir schon gestern sein können, wenn wir den direkteren Weg über Puerto Montt genommen hätten. Wir können unseren Augen kaum trauen als wir beim Essen Delphine sehen. Ganz nahe und gleich eine ganze Gruppe.

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Auf unserem Weiterweg „begleiten“ uns dann immer wieder welche – was für ein Gefühl, so rollt es sich wesentlich leichter. Der Weg von der Küste zur anderen Küste übers Landesinnere zieht sich dann extrem in die Länge. Wir sammeln ordentlich an Höhenmetern, obwohl wir nie höher als auf 300m hoch müssen. Das Wetter hat durchgehalten und so kommen wir nur verschwitzt in Hornopiren an. Nach einem hin und her ziehen wir dann doch in ein Zimmer: es soll in der Nacht regnen und wir müssen früh raus um die Fähre zu erwischen. Das geht dann definitiv leichter wenn man sich nicht um nasse Sachen kümmern muss. Zu unserer Überraschung treffen kurz darauf Bruno und Lauren ein – die zwei Radler die wir auf dem Paso Sico vor rund 3 Monaten kennen gelernt haben. Sie, und 3 andere Radler die sie heute am Weg aufgegabelt haben, werden unsere Nachbarn.

Der Abend wird lang, die Nacht dementsprechend kurz, der Regen setzt ein und es nieselt auch noch in der Früh als wir auf die Fähre rollen.

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Aber was für ein Anblick. Die Wolken, der Nebel, die Wasserspiegelungen, die Häuser, die Berge … wir finden es wunderschön.

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Die Fahrt dauert 3 Stunden und erinnert Sabrina ein klein wenig an die Hourtigenroute in Norwegen. Das Boot schlängelt sich an kleinen Inseln, schroffen Felsen, hohen Bergen und vielen Wasserfällen vorbei. Wir sind gut beschäftigt mit Bauklötze in die Luft staunen und immer wieder hinein gehen um uns aufzuwärmen.

Dann stehen wir alle mit unseren Rädern bei der Laderampe. Wir fühlen uns wie bei einem Rennen, alle sind angespannt und aufgewühlt zugleich. Denn es gilt eine 10 km lange Strecke zu überwinden um rechtzeitig die andere Fähre zu erreichen. Keiner weiß so genau wie lange wir hierfür Zeit haben, die Angaben des Personals sind sehr unterschiedlich. Kaum legt das Schiff an treten wir was das Zeug hält. Unsere Lungen schmerzen bald und der Schweiß rinnt trotz kühler Temperaturen. Es werden Km – Angaben zugerufen, sich gegenseitig wenn genügend Luft da ist angespornt und … jawohl, wir haben es geschafft. Mit zitternden Beinen vor Erschöpfung und einem Jubelschrei, erreichen wir 26 Minuten später die Fähre.

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Keine 3 Minuten später legt sie ab. Glück gehabt. Diese Überfahrt dauert nur 20 Minuten. An der Touristeninformation gibt es keine Information zu den Campingplätzen. Es ist Sonntag, das Häuschen geschlossen, scheinbar ein Tag an dem man nicht mit Touris rechnet: chilenische Logik!

Jetzt gehen wir es gemütlich an, genießen die Landschaft,

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die riesigen Farne und „Regenschirmblätter“,

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die vielen Wasserfälle und Bäche.

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Wunderschön hier. Der Parque Pumalin umgibt uns. Er gehört einem der Gründer von NorthFace und ist nicht gerade beliebt in Chile. Mehrere Parks nennt er hier unten sein Eigen und genau das ist es was die Chilenen so stört: das eine Privatperson so viel Grundstück besitzt. Auf der anderen Seite sind die Parks besser unterhalten als so manch einer der staatlichen Conaf-Parks. Wir finden die kleinen Hüttchen super, denn es passt genau unser Zelt hinein und es bleibt noch Platz um bei den Tischchen zu Essen. Auch den kleinen Weg zur Laguna negra finden wir sehr schön gemacht. Und kostenlos ist es gegen alle Angaben scheinbar auch.

In der Früh sind wir den anderen im Vorteil: unser Zelt ist trocken. Warum alle anderen trotz vorhandenen Häuschen ihr Zelt freiwillig ins nasse Gras bei erwarteten Regen stellen ist uns nicht ganz klar. Jeder hat heute eigenen Pläne und so brechen alle unterschiedlich auf. Wir radeln mit Nico aus der französischen Schweiz los.

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Diese riesigen rhabarberähnlichen Pflanzen sind unglaublich.

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Wir legen eine Pause zu Fuße des Vulkans Chaiten ein. Sabrina hat sich vorgenommen hinauf zu wollen. Jetzt ist das Wetter solala, besser als gestern, aber wir sind uns nicht so ganz sicher ob es sich auszahlt oder nicht, wie sich das Wetter entwickelt, … . Aber wir wollen es dann doch wissen, also schnell den Rucksack packen und los. Zuerst geht es noch durch den Regenwald, aber bald schon bahnen wir uns den Weg durch einen immer lichter werdenden Wald empor. Die Aussicht ist atemberaubend. Auf den letzten Höhenmetern wird es dann ganz schön rutschig und steil, es gibt bis auf die Bäume die am Boden liegen keine Bewaldung mehr.

Der Vulkan ist 2008 das letzte Mal ausgebrochen und hat in dem Dorf Chaiten welches auf der anderen Seite liegt enormen Schaden angerichtet. Keine 20 Meter vor dem Gipfel sehen wir eine schwarze Wolke förmlich auf uns zu rasen, die sich ein paar Sekunden darauf mit einem gewaltigen Hagelschauer direkt über uns entlädt. Ein starker Wind setzt ein und so werden die letzten Meter noch zur Herausforderung. Wir stehen am höchsten Punkt, sehen hinunter auf einen ausgekühlten Lavafluss und können noch einigermaßen auf der anderen Seite den dampfenden Vulkankegel erkennen.

Das Unwetter peitscht nur so um uns und darum machen wir uns schnellst möglich auf den Retourweg. 10 Minuten später ist der Spuk vorbei und der Himmel zeigt sogar ein paar blaue Flecken. Tja, das nennt man dann wohl Pech. Sabrina rutscht 3 Mal aus. Sie fühlt sich dadurch nur bestätigt, dass sie zu Fuß nichts auf einem Berg zu suchen hat ;-) .

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Über das Aprilwetter am Gipfel ärgern wir uns nicht wirklich, denn es geht den ganzen Tag so weiter. Wieder unten bei den Rädern ist es kein Hagel, sondern heftige Regenschauer, die sich mit kurzen Regenpausen ein Stelldichein geben. In einen der wenigen Pausen kommen wir genau Santa Barbara an, welches am Meer liegt. Ideal um Mittagspause zu machen.

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Jetzt stimmt das Timemanagement, denn kaum ist alles wieder verpackt regnet es wieder. In Chaiten suchen wir uns aufgrund des Wetters eine Unterkunft, obwohl es einen tollen Wildcamping-Platz kurz vor dem Dorf gegeben hätte, genießen die heiße Dusche und warten, dass die Kleidung wieder über dem Ofen trocknet.

Vereinzelte Regenschauer sind vorhergesagt, und dann 2 Tage kein Regen – perfekt. Denn 3 Tage brauchen wir in etwa um nach Puyuhuapi zu kommen. Naja, auch der Wetterfrosch kann sich mal irren, denn bereits nach 20 Kilometern stecken wir wieder in der gesamten Regenmontur und lassen uns den Regen ins Gesicht peitschen. Unser 8er Grüppchen, welches wir seit Hornopiren sind, löst sich immer wieder auf und findet doch stets wieder zusammen. So auch heute, als wir unter einer Brücke, der ersten und letzten Möglichkeit überhaupt, vor dem Regen fliehen.

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Dort stehen schon Lauren und Bruno und versuchen sich vergeblich im Angeln. Der Wind pfeift so stark, dass wir alle schnell ins bibbern kommen. Darum verzichten wir auf Gemüse schnippeln und stopfen im Stehen schnell ein Brötchen mit Käse und Wurst in uns hinein, zweites Frühstück gab es heute aufgrund fehlenden Unterstandes keines. Obwohl keiner im Regen fahren will radeln wir doch weiter, denn es ist die einzige Möglichkeit um sich wieder aufzuwärmen. Es geht an einem schönen See vorbei, den wir aber wegen des Wetters nicht so richtig zu würdigen wissen. Eigentlich sollten wir zu unseren rechten jetzt den Blick auf Gletscher haben, aber wir sehen nichts. Das ist extrem frustrierend. Man ist in dieser Gegend der Landschaft wegen unterwegs. Freut sich seit der Abreise auf diesen Abschnitt und dann sieht man nichts. Wir schleppen uns einen kleinen Pass hinauf. Die Piste ist so lala, teilweise steil, die Sicht bescheiden, die Stimmung schlecht. Oben angekommen schlüpfen wir noch schnell in zusätzliche Kleidung und machen uns bereit für die Abfahrt. Nach wenigen Kilometern erwartet uns eine trockene Straße und ein regenfreier Himmel. Juhu!!!

Santa Lucia war unser Ziel für heute, wir okupieren dankend ein kleines Kaffee und belohnen uns mit heißen Getränken (den Pulverkaffee kann man einfach nicht Kaffee nennen) und frisch rausgebackenen fettigen Teigwaren.

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Es kommt sogar vereinzelt die Sonne durch und die Stimmung steigt. Sie steigt so sehr, dass wir uns noch einmal auf die Satteln schwingen und nach einem Wildcampingplatz suchen. Nur ganz kurze Regenschauer suchen uns heim, aber auf dieser Seite können wir die Fahrt eindeutig mehr genießen. Hinter Lücken in der Wolkendecke zeigen sich kleine Gletscherfelder, schneebedeckte Berge und die Flüsse sind im Schein der Sonne gleich viel schöner, ebenso wie die Wasserfälle. So sollte es sein!

Beim betrachten der Fotos haben wir gerade erkannt, dass der Himmel ja gar nicht sooo blau war wie wir ihn in Erinnung hatten. Da kann man sich vorstellen wie schwarz er bei der Passfahrt war, dass DAS schon blau für uns ist ;-) .

Nach insgesamt 109km (ooops, soviel war definitiv nicht geplant) finden wir diesen traumhaften Platz.

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Er lässt die grausigen Stunden im Regen vergessen. Wie in einer Fotokulisse kommen wir uns vor: DAS ist Patagonien wie wir es uns vorgestellt haben.

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Wir zwei bleiben draußen bis sich der Himmel verdunkelt – dieses Mal aber weil die Sonne untergeht.

Der Tag ist eher unspektakulär. Asphalt wechselt sich mit schlechtem Schotter ab. Wenn es miese Pisten gibt, dann freuen sogar wir uns wenn wir wieder Asphalt unter den Rädern haben. Gerade hier wo es sich so oft abwechselt merken wir, dass wir die Landschaft je nach Untergrund unbewusst anders wahrnehmen. Bei Asphalt radelt man mehr, man genießt das vorankommen. Bei einer Piste ist es eher mehr Abenteuer, authentischer. An manchen Stellen finden wir, dass die Carretera Austral mit Sicherheit ihren ursprünglichen Charme eingebüßt hat.

Es geht wie immer gut hügelig dahin. Heute lange Zeit an einem wahnsinns blauen Fluss entlang. Der Himmel ist bedeckt. Die Sicht eingeschränkt.

In Puyuhuapi trudeln wir alle nacheinander ein

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und beziehen zu 6 eine kleine Cabana. Die fehlenden zwei Mädels, Team Amerika, stecken noch in La Junta fest: nach dem 10. geflickten Patschen an einem Tag wollten sie nicht weiterfahren bevor sie nicht die Ursache gefunden haben.

Wir sitzen hier den angekündigten Regentag aus. Dieser kommt auch und zwar so richtig heftig. Es schüttet wie verrückt den ganzen Vormittag lang. Erst am Nachmittag hört es auf und zu später Stunde lichtet sich sogar der Himmel. WOW!! Da zieht es uns natürlich sofort mit Wein und Co an den Strand.

Es wuselt im ganzen Dorf, alle genießen die Sonne. Es ist schön zu beobachten, wie sich die Stimmung hier verändert. Zum ersten Mal sehen wir sogar die Berge um uns herum – ganz schön schön hier wenn man denn mal was sieht ;-) .

Wieder sind drei regenfreie Tage angekündigt: wieder etwa die Zeit, die wir bis Coyhaique brauchen. Aber es erwartet uns Niesel in der Früh. Den sitzen wir noch bei einem langen Frühstück in unserer Cabana aus und radeln dann bei „nur“ noch bedeckten Himmel los. Wieder an einem Fjord

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und vielen Baustellen entlang geht es Richtung Ventisquero Colgante, einem hängenden Gletscher. Wir bezahlen die 5000pesos Parkgebühr und stellen unsere Räder ab. Es gibt einen Wanderweg an dem man etwas näher zur Gletscherzunge kommt. Sabrina hat aber von der Vulkan“besteigung“ den schlimmsten Muskelkater seit Jahren, sie kann kaum in der Ebene vernünftig gehen, daher beschließt sie sich den Gletscher von herunten anzusehen. Wolfi macht sich auf den Weg hinauf, durch einen schönen Wald hindurch. So haben wir beide komplett unterschiedliche, aber schönen Ansichten auf den Gletscher.

Wirkt ganz schön gewaltig wie er da hängt und sich der reißende Bach vor ihm hinunter stürzt. Spontan entscheiden wir alle, dass wir doch nicht hier campen und noch weiter fahren. Es ist fast 16 Uhr. Gut für uns, denn es gibt einen Teilabschnitt der Straße, welcher wegen Bauarbeiten von 13-17 Uhr gesperrt ist. Als wir ihn erreichen ist es bereits nach 17 Uhr. Aber wir finden einfach keinen Platz zum campen. Alles ist eingezäunt oder versinkt in einer Sumpflandschaft. So müssen wir doch noch die Serpentinen nach oben auf uns nehmen. 500 hm schlängelt sich der Weg hinauf. Die Wolken werden immer dichter, der Himmel immer dunkler, die Sicht immer geringer. Schön langsam nervt es wirklich. In einer Sekunde ist man total happy, weil man von dieser einzigartigen Landschaft etwas zu sehen bekommt und in der nächsten Sekunde steckt man in Wolken und fragt sich was man denn hier macht. So auch jetzt. Erahnen kann man was man bei Sonnenschein zu sehen bekommen würde. Weitere Gletscher, schöne Täler, … . Aber für uns bleibt es leider so gut wie verborgen.

Am höchsten Punkt fegt uns der Wind fast von den Rädern und es beginnt zu schütten. Von wegen drei regenfreie Tage!! Wir kündigen dem Wetterfrosch! Riesige Wasserfälle stürzen sich hier von den Hängen. Wie gerne würden wir das hier alles genießen!! Aber wir wollen nur noch eines – hinunter. Auf dieser Seite ist die Piste in einem ziemlich schlechten Zustand, hinzu kommt die Kälte uns frieren fast die Finger ein. Die Gruppe hat sich schon seit längerem zerstreut. Wir kommen an einem kleinen Arbeitercamp vorbei. Hier leben die Straßenarbeiter, die an der Verbreiterung und Asphaltierung der Carretera Austral arbeiten. Sabrina glaubt jemanden von unserer Gruppe erkannt zu haben, darum fahren wir hin. Aber keiner von ihnen ist da. Dafür aber ganz viele dampfende Schornsteine. Wir schauen uns kurz an und entscheiden unser Glück zu versuchen. Wozu campen?? Nur um in einer Nebelsutte das Zelt aufzustellen und sich schnell hinein zu verkriechen, nur um gecampt zu haben?? Ob wir die Anderen finden ist auch fraglich. Aber geknickt sind wir schon. Wir haben uns das ganze anders vorgestellt hier. Nahezu täglich wild zu campen und die Gegend als Abschluss unserer Reise so richtig zu genießen, DAS war der Plan. Jetzt liegt aber das Glück auf unserer Seite, wir dürfen ein Abstellhütte beziehen,

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unsere Kleidung über einem wohlig warmen Feuer trocknen und uns aufwärmen. Umgehend werden wir auch zu einer köstlichen Suppe, zu einem riiiiesigen Teller Nudeln mit Fleisch, frischem Brot und literweise Tee eingeladen.

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Das kommt genau wie gerufen! Das wir hier im touristischen Süden noch die chilenische Gastfreundschaft erleben dürfen macht so einiges von den vergangen zachen Stunden wieder gut.

Beim Plaudern mit dem Koch Santiago, welcher hier 2 Monate lang täglich 12 Stunden arbeitet und dann 10 Tage frei hat, kommen wir natürlich auch auf das Thema Wetter. Wir hören was wir täglich hören: viel zu nass, viel zu viel Regen für diese Zeit, kein normaler Sommer, … .

Am nächsten Morgen, um kurz vor 8 Uhr kommt der Boss und die Arbeiter befürchten, dass es ihm nicht so recht ist, dass wir hier geschlafen haben. Wir wollen natürlich niemanden in Schwierigkeiten bringen und so sitzen wir schon um 7Uhr30 auf den Rädern und nehmen unser Frühstück einfach ein paar KM weiter an einem Aussichtspunkt zu uns.

Der Himmel ist schon wieder ganz dunkel, wir überlegen ernsthaft das Projekt Carretera Austral abzubrechen. So hat das doch keinen Sinn, wenn wir nichts bzw. kaum was sehen. Aber was wäre die Alternative? Es gibt weder in Argentinien noch in Chile eine Region die wir uns jetzt unbedingt noch ansehen möchten. Also beschließen wir bis Puyuhuapi weiterzufahren um dann zu sehen wie es wettermäßig weitergeht. Angeblich soll es südlicher stabieleres Wetter geben. Vamos a ver!

Durch hügelige Landschaft rollen wir auf Asphalt dahin. Gestern haben wir gar nicht mitbekommen, dass sich scheinbar diese miese Piste zu Asphalt umgewandelt hat, so beschäftigt waren wir mit dem Regen. Nach einer Stunde Fahrt sehen wir gerade den Rest unserer Truppe ein Grundstück verlassen. Sie haben bis 20Uhr vergeblich nach einem wildcampingplatz gesucht und dann zu ihrem Glück ein Haus mit Wiese gefunden und durften campen. Also radeln wir wieder alle gemeinsam. Nico hat heute Geburtstag und im Laufe des Vormittages bekommt er das wohl beste Geschenk, dass man hier bekommen kann. Und wir profitieren auch davon: SONNE!! Ja genau, so richtig blauer Himmel mit nur paar kleinen schönen Wolken. SONNE!!!!

„Vergiss es, Patagonien ist nichts für die Kamera, es ist etwas fürs Auge!“ bekommt Sabrina immer wieder zu hören wenn sie vergeblich versucht die Landschaft abzulichten (und sich mit den mühsamen Lichtverhältnissen herumschlägt). Und das stimmt auch. Die Umgebung ist selten nur ein Ausschnitt der schön ist und auf ein Foto sollte, sondern es ist die gesamte Stimmung die einem umgibt die das hier ausmacht.

Die Gruppe zerteilt sich wieder und so genießen wir zu zweit den schönen See mit den tollen Bergen im Hintergrund,

bewundern das Wolkenspiel in diesem schroffen Gebirge,

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versuchen zu erkennen ob es Kondore sind, die wir am Himmel sehen

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und genießen einfach nur diese tolle Landschaft.

Bei dieser Aussicht können wir nicht anders als unsere Mittagspause einzulegen.

Wir fragen uns welche tollen Ausblicke wir an den anfänglich wolkenverhangen Tagen vielleicht verpasst haben. Aber daran kann man nichts mehr ändern, also einfach genießen!

Bei einem See machen wir kurz halt – diese Landschaft!!!!

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Heute haben wir mehr Sonnenstunden als an den letzten 10 Tagen zusammen. Kurz vor Manihuales sind wir wieder vollzählig. In einem kleinen Cafe stoßen wir mit einem Bier an und die Wärme aus dem Ofen macht uns alle ganz müde und benommen. Keiner hat mehr Lust einen Schlafplatz außerhalb zu suchen, vor allem weil die letzten KM hierher in dem Tal mit Zäunen versehen waren und es sicher auch so nach dem Dorf aussieht. Also beziehen wir einen kleine Campingplatz, kaufen zur Feier des Tages Wein ein und versuchen mit viel Kreativität aus dem kleinen Supermarkt eine Geburtstagstorte für den glutenintolleranten Nico zu machen. Die Überraschung gelingt

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und unsere Kreation aus einem Art Vanillepudding/Flan, Bananen und mit einer dicken Schicht Manjar oben drauf lässt uns alle minutenlang dahin stöhnen. Patentwürdig!!!

Mit Gegenwind machen wir uns zu zweit auf den Weg. Der Himmel ist wieder ziemlich dunkel. Was soll’s, zumindest regnet es nicht. Der gefühlte 100ste Wasserfall bringt immer noch ein „wow, schau!!“ hervor, der Fluss und die Landschaft rundherum ebenfalls.

Nach ca. 40 km macht die Straße einen Knick und wir haben Rückenwind. Und was für einen. Wir fahren den Rio Simpson flussaufwärts und auf der anfänglich sanften Steigung schiebt uns der Wind bei leichtem treten die Straße mit über 30km/h hinauf. Der Himmel hat immer wieder die ein oder andere blaue Lücke! Juhu!!!! Ein super Tag. Dann kommt doch noch eine knackige lange Steigung und plötzlich schauen wir auf eine ganz andere Landschaft. Unglaublich wie vielfältig es hier ist. Sind wir noch vor ein paar Tagen im Regenwald geradelt, danach durch Mischwald, wieder durch Regenwald, an Gletschern vorbei, durch Mischwald, an landwirtschaftlichen Gegenden vorbei, … sehen wir jetzt eine ziemlich trocken wirkende, fast baumkahle Landschaft vor uns.

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Und… eine riiiiiiesige Stadt in einem Bergkessel.

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Sabrinas Reaktion: da will ich nicht hin, oh mein Gott ist das groß. Coyhaique ist die größte Stadt auf der Carretera Austral, das wussten wir. Aber sooo groß?? Der Anblick ist nach Tagen die zu 99Prozent nur von Natur geprägt waren ein Schock. (recherchiert: 50 000 Einwohner, doch nicht sooo viel. Für uns war der Anblick aber wie der von einer Weltmetropole ;-) )!

Kurz versuchen wir die Casa de Ciclista zu finden. Lediglich eine Straßenkreuzung haben wir als Anhaltspunkt. Die Kontaktaufnahme im Vorfeld hat leider nicht geklappt, der Besitzer ist aber angeblich gerade selbst auf Reisen. Sehr schade, seit Monaten freuen wir uns wieder auf eine Casa de Ciclista. Naja, so quartieren wir uns im selben Hostel wie Team America ein, die anderen trudeln nach einander ein und finden wo anders eine Bleibe. Zuerst wird das Wetter gecheckt, gefolgt von einem Hamsterkauf in einem großen Supermarkt der uns mal wieder an den Rand der Verzweiflung bringt (Reizüberflutung!). Ein nettes Cafe mit köstlichem Kuchen  und Kaffee mit SCHLAGOBERS ist auch schnell gefunden.

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Sabrina vermisst ihre alte Hose, denn die Neue drückt seit paar Wochen ;-) . Ist hier herunten auch alles viel teurer als im Norden des Kontinentes, so können wir (Langzeitradler, da stimmen Lauren und Bruno uns zu) nicht anders, als alles Essbare in uns hineinzustopfen, bei dem Überfluss und der „ständigen“ Verfügbarkeit die es hier gibt. So wandern die Kilos also wieder fleißig nach oben, mindestens genauso schnell wie sie in Peru gepurzelt sind. Wohlstandsbauch sagen wir nur ;-)