Versöhnungsfahrt mit und auf dem 2. Teil der Carretera Austral

Von Coyhaique nach Villa O’Higgins

Km total: 15.235 km

Hm total: 200 599hm

Wir verbringen mehr Tage als gedacht in Coyhaique. Erstens ist das Bett schön kuschelig und groß, das Cafe mit seinen Kuchen und Cappuccinos viel zu köstlich und die Wettervorhersagen viel zu ungewiss.

Nach 4 Tagen brechen wir aber auf. Man merkt, dass wir die letzten Tage stets sehr lange geschlafen haben, denn wir kommen nur schwer in die Gänge und alles dauert einen Tick länger. Aber um 9:30 sind wir abfahrbereit. Der Himmel ist gewohnt dunkel, aber ein paar klitze-kleine blaue Stellen können wir doch finden. Es geht gleich ganz schön hügelig los, immer mit einer Tendenz nach oben. Aber wir kommen nicht weit bis zur ersten Pause. Wolfis alte Begleiter sind wieder da und so liegt er bald im Straßengraben und versucht seine Muskeln zu entspannen. Wir radeln weiter. Aber keine 400 Meter später sucht er erneut einen Straßengraben auf.

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Dieses Mal braucht er länger bis er wieder aufs Rad kann. Uns passieren unzählige Reiseradler – Gott ist hier viel los. Die Carretera Austral ist der Donauradweg Südamerikas, im Bezug auf seine Beliebtheit. Vollgepackte Chilenen auf Sommerurlaub mit fast platten Reifen, Familien aus Europa mit Kindern im Gepäck, ambitionierte junge Amerikaner mit so wenig Gepäck, dass man glauben könnte sie fahren grad mal nur auf einen Sprung zum Supermarkt, …. hier begegnet einem alles. Wir haben uns mittlerweile leider daran gewöhnt, dass wir nicht bei jedem Reiseradler freudestrahlend aufschreien, stehenbleiben und alles Wichtige an Infos austauschen. Nein, das macht man hier kaum bis gar nicht. Es sind einfach viel zu viele Radler und viele die „nur“ einen Teil fahren und so hebt man zum Gruß die Hand und radelt aneinander vorbei. Auch wenn wir uns darin in den letzten Wochen üben konnten, uns fehlt der Austausch, uns fehlt die Freude einen anderen Radler zu sehen bzw. gesehen zu werden. Im Norden entlockte uns jeder Radler ein fröhliches Jauchzen, waren wir doch alle eine kleine Gemeinde / Verbündete. Jeder wusste und verstand die Nöten, Freuden, Sorgen, Informationen, … des Anderen. Hier herunten sind 90% der Radler mit Gepäck Hobby/Urlaub/Kurzzeitradler. Auch okay, einfach nur anders.

Bei der 15. Pause hören wir auf zu zählen, so schlimm war es noch nie. Aber Wolfi will nicht umkehren, also besuchen wir einfach eine Parkbucht nach der anderen und wälzen uns in der Wiese. 3 starke Schmerzmittel, 2 hochdosierte Muskelrelaxantien und ein Elektrolytwasser später liegt er erneut im Graben und es greist ein Geier über ihm – so schlimm schon?? ;-) .

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Nach 35 km und 5 Stunden!!! ( machbar in weniger als 3, wahrscheinlich) erreichen wir El Blanco. Unsere Karte zeigt, dass dieses kleine Nest doch tatsächlich ein Posta de Salud hat. Wir haben nämlich keine Muskelrelaxantien mehr. Die bekommt man in Chile, im Vergleich zu den nördlichen Ländern Südamerikas nämlich nicht so einfach in einer Apotheke oder Tienda.

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Die Ärztin hört sich Wolfis Anliegen an, sieht sich in ihrem kleinen Kämmerchen um, wühlt in ihrem !!Federpenal!! und holt dann eine angeschnittene Tablettenreihe heraus. Mehr habe sie leider nicht, aber diese 7 Stück kann sie uns geben. Weiters gibt sie uns noch Elektrolyte zum auflösen im Wasser. Für diesen schnellen Service müssen wir nicht einmal was zahlen. Wolfi geht wie ein Roboter und hat trotz der Schmerzmittel immer noch Schmerzen, also Schluss für heute. Wir werden zu einer Dame verwiesen die eines ihrer Kinderzimmer vermietet. Kennen wir schon ;-) . Dieses mal fragen wir gleich nach dem Preis und jetzt wirken auch die Muskelrelaxantien. Aber leider nur mit deren Nebenwirkungen: Wolfi verschläft so gut wie den ganzen Nachmittag, wird nur zum Essen und zum Spaziergehen (bisschen Bewegung muss sein, sonst haben wir das selbe Spiel morgen wieder) aufgeweckt. Mysteriös, mysteriös diese ständigen Begleiter!!

Heute Früh geht es etwas besser, aber immer noch nicht beschwerdefrei, weiter hinauf auf den höchsten Punkt der Carretera Austral. Wunderschön hier heroben. Diese farbigen Berge erinnern uns ein wenig an Peru. Ach Peru!!

Und dann noch all die schneebedeckten Gipfel. So toll abgelenkt sind wir schneller als gedacht oben auf 1100hm. Dann folgt die Abfahrt und bald ein wahnsinns Blick in das nächste Tal und die dahinter liegenden Berge. Solch einen Anblick hatten wir schon lange nicht mehr. Es gibt auch wieder Kehren. Also doch Peru, wir wussten’s doch ;-) !

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Wir genießen den Ausblick und beim Mittagessen den Anblick der umliegenden Berge und des bekannten Cerro Castillo Gebirge mit seinem schroffen Gipfel

und machen uns dann auf die Abfahrt nach Villa Cerro Castillo. Dort stocken wir nur schnell mit Gemüse auf und fahren weiter. Ab hier endet der Asphalt für den Rest der Carretera Austral und wechselt ab dem ersten Meter, aufgrund von Bauarbeiten, in die mieseste Piste seit Beginn dieser Strecke. Der Verkehr nimmt auch plötzlich zu und wir werden eingestaubt und von jedem Auto, das ungebremst an uns vorbeirauscht mit herumfliegenden groben Kiessteinen beschossen. Das macht wirklich keinen Spaß, wir quälen uns ganz schön. Kurzfristig hilft der Ausblick auf das Tal und den sich schön windenden Fluss eingerahmt von Bergen.

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Aber dann heißt es wieder weiter treten. Wir suchen nach einem Schlafplatz. Gar nicht so leicht, denn alles ist eingezäunt oder hat Hanglage. Waren wir die letzten Tage verwöhnt ständig auf Wasser zu treffen so finden wir jetzt keines. In Villa Cerro Castillo haben wir den Fehler gemacht und nur das notwendigste aufgefüllt, aber es sollte gerade so reichen fürs Wildcampen. Über eine Stunde suchen wir jetzt schon und werden dann endlich fündig. Sabrina entdeckt eine kleine Lichtung an einem Hang.

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Wir wundern uns darüber, dass es nebelig geworden ist. Aber so ist es nicht – unsere Brillen sind nur komplett verdreckt von dem Straßenstaub. Na das kann ja noch lustig werden, wenn die Straße weiterhin so ist. Aber jetzt wird erstmal gegessen und dann ein Film im Zelt angeschaut. Eine Dokumentation über Wasser – wie passend, denn es fängt zu regnen an. ( Dank Robert, der uns in der Casa de Ciclista in La Paz mit der BBC Reihe „Wunder Erde“ bereichert hat!)

Die ganze Nacht über regnet es immer wieder mal, nur der Wind ist ein Dauergast. Gut so, denn so ist das Zelt komplett trocken in der Früh, als wir bei strahlendem Sonnenschein herauskriechen und uns fertig machen. Also wieder rauf auf diese üble Piste. Wir schlängeln uns in einem Wald dahin. Kurz darauf sehen wir die Confuenca Ibanez, die Stelle an der zwei Flüsse zusammentreffen. Das Farbenspiel der Beiden ist wunderschön. Und die Berglandschaft rundherum ebenso.

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Es geht ohne Gegensteigungen, mit einer etwas besseren Piste den Fluss abwärts. Klingt super, wäre da nicht der mörderische Gegenwind. So wird es richtig anstrengend. Vorbei an abgestorbenen Bäumen, an Sumpflandschaften und tollen Ausblicken kämpfen wir uns Km für KM weiter. Wolfi immer noch mit seinen Krämpfen, wir sind mit unserem Latein am Ende.

Dann beginnt erneut eine Steigung, jetzt aber auf deutlich besserem Untergrund. Was für Anblicke. Wir könnten 100 Fotos von verschiedenen Bergen aus verschiedenen Blickwinkeln machen so begeistert sind wir. Die Gletscher sind natürlich das absolute Highlight. Was für eine Landschaft!! Herrlich!!! Sonnenschein!! Pure Radlerfreude!

Die Abfahrt hat dann noch ein paar knackige Gegengsteigungen bevor wir den Rio Murta und das dazugehörige Tal erreichen. Dieses milchblau zwingt uns immer wieder zum Stehenbleiben.

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Ein schönes Plätzchen am Fluss lädt ein zu einer späten Kaffeepause. Wo es sich so herrlich entspannen lässt, lässt es sich auch sicher gut schlafen, beschließen wir kurzerhand und somit ist der hinter uns liegende Wasserfall unsere Einschlafmusik für heute.

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In der Früh füllen wir erst mal wieder Wasser auf. Es ist so eine große Erleichterung für uns, dass wir hier herunten uns keine ständigen Gedanken darüber machen müssen, wie viel Wasser wir auffüllen müssen und wann wir das nächste Mal Wasser bekommen. Irgendwo fließt immer ein frisches Bächlein oder ein Wasserfall den Berg herunter.

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Es fehlen nur knapp über 40 km bis Puerto Tranquilo. Aber für die brauchen wir ganz schön lange. Schuld sind die vielen Stops wegen dieser tollen Landschaft. Wir haben uns heute eindeutig mit der Carretera Austral und seinem anfänglichen schweren Start ausgesöhnt. Ist ja auch nicht sonderlich schwer wenn sie einem bei jeder Kurve mit neuem Schnee, Gletschern, Bergen, einem neuem Fluss, einem noch schönerem Wasserfall oder einer Weide- oder Sumpflandschaft überrascht.

Bei dem ersten Haus seit Villa Cerro Castillo können wir unerwartet unseren Marmeladenvorrat wieder aufstocken. Es geht einfach nichts über selbstgemachte Marmelade!

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Kurz darauf erreichen wir den Lago General Carrera . Er ist der zweitgrößte See Südamerikas und ein Teil von ihm erstreckt sich nach Argentinien. Wahrscheinlich aufgrund der Tatsache dass sich Argentinien und Chile nicht so mögen, hat der See eine gespaltene Persönlichkeit, denn in im Nachbarland hat er einen anderen Namen: Lago Buenos Aires . Sogar Peru und Bolivien haben es geschafft sich auf einen Namen für den Titicacasee zu einigen. Sollte also nicht so schwer sein, aber gut. Uns ist der Name auch ziemlich egal, uns fasziniert einzig und alleine seine Farbe. Dieses türkis!

Wir können kaum glauben welche Intensität es hat und schon gar nicht, dass es ein See und kein Meer sein soll. Es geht ordentlich hügelig dahin mit teilweise steilen Abschnitten, aber jeder Meter lohnt sich, denn dieser See sieht hinter jeder Kurve noch besser aus, wie wir finden. Wir können einfach nicht aufhören alle paar Meter zu stoppen und zu staunen. Noch nie zuvor haben wir solch einen türkisfarbigen See gesehen. Keine Ahnung wie viele Fotos wir machen, aber kaum eines fängt auch nur annähernd die Farbe ein die der See wirklich hat. Wir sind restlos begeistert.

Nach 20 km an diesem tollen See erreichen wir Puerto Rio Tranquilo und sind geschockt. Unsere Räder stehen noch nicht einmal still werden wir schon belagert. Ob wir denn eine Tour zu den Marmorhölen machen wollen. Ja, eigentlich schon, aber das ist uns gerade definitiv zu stressig. Wir haben gehofft heute noch ein Boot dorthin zu erwischen, denn wir haben geglaubt, dass es nur ein paar pro Tag gibt. Aber da lagen wir komplett falsch. Es scheint DIE Haupttouristenattraktion schlecht hin auf der Carretera Austral zu sein, und es fahren so gut wie alle 5 Minuten kleine Bötchen ab. Wollen wir das dann wirklich noch sehen? Wenn es so überlaufen ist? Wir haben vor allem Hunger, also gerade ein wirklich schlechter Zeitpunkt um mit uns zu reden. Aber Wolfi schafft es dann doch noch irgendwie und so sitzen wir keine 15 Minuten später, umgezogen und mit einem leeren Brot im Magen, bereits am Boot. Unser erster geführter Ausflug seit Costa Rica (und Galapagos, aber da geht es ja meist nicht anders), wenn wir uns recht erinnern. Wir sind also gespannt ;-) . Kurz darauf erreichen wir die vom Wasser und Wind ausgehöhlten Marmorfelsen. Wunderschön der Anblick, die Spiegelungen im Wasser, die verschiedenen Strukturen und Formen, sowie Farben.

Einzig, dass alles ziemlich flott geht und ständig ein Boot vor – bzw. hinter einem ist trübt ein wenig den schönen Eindruck und macht das Fotographieren schwierig. Wir merken welchen Luxus wir mit unserer Form von Reise haben – denn bis jetzt hat uns niemand vorgeschrieben wie lange wir etwas bewundern können in der Natur. Aber jetzt heißt es, schau hier, schau da, …. und schwups weiter. Es hat sich trotzdem ausgezahlt.

Wieder zurück wollen wir das Wetter kontrollieren. Letzter Stand von vor 3 Tagen war, dass es morgen wieder regnen soll. Und so ist es immer noch. Also suchen wir uns ein Zimmer. Gar nicht so leicht, die Nachfrage übersteigt hier eindeutig das Angebot und so brauchen wir ziemlich lange um fündig zu werden.

Also wieder ein Tag den wir im Zimmer ausharren, den Regentropfen die ans Fenster klopfen zusehen und bei Regenpausen die kleinen Shops absuchen um Proviant einzukaufen.

Auch heute geht es immer noch an dem schönen See entlang. Die Farbe ist einfach faszinierend.

Als die Straße etwas vom See wegführt, sind wir umgeben von einer atemberaubenden Bergszenarie.

Häuser zwischen den einzelnen Dörfern gibt es so gut wie keine. Daher kommt der Kirscheinkauf aus dem Hinterhof einer Frau ziemlich überraschend. Frisches Obst, außer den üblichen Bananen und Äpfel, erfreuen unser Herz ganz besonders.

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Am frühen Nachmittag zeigt sich der Lago General Carrera für uns zum letzten Mal. Er wird von Schneebergen mit Gletschern abgelöst. Das der Himmel bereits zuzieht ist nicht so schlimm – wäre sicher sonst unerträglich kitschig schön mit blauem Hintergrund ;-) .

Nach einer letzten laaaangen Steigung geht es hinunter zum Rio Baker. Waren wir noch vor ein paar Stunden angetan von der Farbe des Sees, so können wir schon wieder nicht glauben welche Farben die Natur entwickeln kann. Dieser reißende Fluss ist ebenfalls knallig türkis. Wir finden im angrenzenden Wald ein Plätzchen für unser Zelt und betrachten bei einem Spaziergang, mit wärmenden Tee, den Fluss von oben, und analysieren die Stromschnellen von unten.

 

Als wir in der Früh unser Nachtlager verlassen und hinter uns die Bergkulisse fotografieren wollen, „kriecht“ plötzlich ebenfalls ein anderer Radler aus dem Wald. Als er uns später überholt, würdigt er uns keines Blickes – so etwas kann einem glaub ich nur auf der Carretera Austral passieren.

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Schneeberg, türkiser Fluss, grüne Landschaft. Patagonien wie wir es uns vorgestellt haben.

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Ein kurzer Spaziergang führt uns zur Confuenca Baker. Hier trifft der immer noch mächtige, türkise Rio Baker auf den braunen Rio Nef. Die Vermischung beider Gewässer könnten wir stundenlang betrachten, weil es sich aufgrund der Strömungen und Wirbel ständig verändert.

Hinten raus kommt aber immer noch ein schönes blau, dem wir bergauf, bergab fast den restlichen Tag folgen. Die Landschaft ist so wunderschön hier. Wir haben auch Glück und sehen eines der seltenen Guanacos.

 

Einzig und alleine die rasenden Autos nerven oftmals. Es sind zu 90% Touristen in ihren Leih-Pick-ups die an uns vorbeifahren. Selten aber doch auch LKWs (Autos produzieren hier mindestens die selbe Wolke). Alle haben sie aber eines gemeinsam: sie produzieren eine Staubwolke die uns teilweise für bis zu einer Minute jegliche Sicht und Atem nimmt.

Die meisten haben Null Respekt gegenüber uns Radlern. Wenn mal wieder einer unnötig nahe an uns vorbeifährt und uns dadurch mit Steinen bewirft, fragen wir uns wirklich was diese Leute hier machen. Von A nach B fahren, die Sehenswürdigkeiten auf der Liste abhacken. Aber das dazwischen??? Wir verstehen nicht wie man durch diese traumhafte Gegend so rasen kann.

Genau am letzten hohen Punkt für heute gibt es was zu feiern: 15 000 km.

Wir freuen uns, keine Frage, aber diese Zahl ist so unrealistisch für uns, obwohl wir sie selbst gefahren sind. 1000 km – das entspricht in etwa Wien – Bern. Damit kann man noch was anfangen. Aber 15 000 . Wir brauchen mal wieder einen Vergleich. Luftlinie Helsinki – Ushuaia. Nicht schlecht, oder ;-) .

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Am späten Nachmittag rollen wir in Cochrane ein. Morgen soll das Wetter immer noch schön sein, aber in den kommenden Tagen soll es je weiter wir in den Süden fahren, wieder vermehrt regnen. Aussitzen bringt nichts, sonst würden wir über eine Woche hier sein und selbst dann besteht keine Garantie, dass es schön ist. Denn der südlichste Abschnitt der Carretera Austral ist wieder bekannt für seinen hohen Niederschlag. Grund hierfür ist, dass die umliegenden Berge wieder niedriger sind, und somit die Regenwolken die vom Pazifik kommen ungehindert darüber hinwegziehen können. Also bleiben wir einen Tag, denn dann stehen die Chancen höher, dass wir immer die Tage mit geringerem Niederschlag antreffen. Mal schauen ob unsere Rechnung aufgeht.

Den vorausgesagten heftigen Regen in der Früh warten wir noch ab und dann geht es mit Essen für 4 Tage los. Auf den nächsten 230km gibt es kein Dorf. Idylle also vorprogrammiert. Bei einem Fotostopp kommen Roland und Patrica angeradelt, also machen wir uns zu viert auf den Weiterweg. Heute geht es ständig bergauf – bergab. Nichts neues, aber trotzdem anstrengend. Das Wetter ist gut und so zeigt sich der ein oder andere Gipfel. Manchmal sitzen Wolken oben drauf, aber wir finden die Landschaft trotzdem sagenhaft.

Vor allem die vielen Gletscher. Einer schöner als der Andere und jeder für sich so einzigartig. Und wir so nahe dran, das ist überhaupt das Beste. Manche Gletscher haben es bis zu 50 Mal auf unsere Speicherkarte der Kamera geschafft, denn oft schaut er hinter der nächsten Kurve besser/anders aus, also muss natürlich noch ein Foto her.

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Zu Mittag gibt’s mal wieder ein Traum von einem Panorama.

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Da kann man nicht meckern. Obwohl es anstrengend ist, ist es ein perfekter Tag. Der wird dann noch abgerundet, als wir diesen tollen Platz für unsere Zelte finden.

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Am nächsten Morgen fahren Roland und Patricia schon mal los. Wir gehen es ruhig an – der warme Tee zum Frühstück, bei den ersten Sonnenstrahlen ist Pflicht.

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Die Sonne hat dann leider nur ein kurzes Gastspiel, denn schnell ziehen Wolken auf und der Himmel ist bedeckt. Die ersten Kilometer sind im Vergleich zu gestern eine Wohltat. Es geht nur minimal hügelig dahin, kein Vergleich zu gestern. Die Landschaft ändert sich, es tauchen wieder mehr Farne und Regenschirmpflanzen (unser Name für diese tollen Ungetüme) auf. Wir fahren durch Wälder, an Flüssen vorbei und dann kämpfen wir uns einen steilen Pass nach oben. Phu, vor allem die ersten Kehren haben es so ordentlich in sich. Die Luftfeuchtigkeit tut ihr übriges, wir sind schnell klatschnass.

Kurze Nieselattacken stehen wir einfach durch und dann geht’s auch schon wieder hinunter nach Puerto Yungay. Das „Dorf“ ist einfach nur ein kleiner Hafen mit einem Kaffee. Es ist 14:30, die nächste Fähre soll erst um 18 Uhr fahren. Also genehmigen wir uns erst mal einen Kaffee und Kuchen. Plötzlich herrscht Aufbruchstimmung, die Autos werden auf die Fähre gebracht. Ja, was denn nun?? Wir fragen nach. Jaja, um 15 Uhr fährt auch eine. Soll uns recht sein, aber wieder einmal können wir nur den Kopf schütteln, denn mindestens 4 Schilder haben wir auf den letzten 200km gesehen: Hochsaison: 10-12-18 Uhr.

So landen wir also nach 30 Minuten auf der anderen Seite des Fjord. Wir dachten eigentlich dass wir heute im Wartehäuschen schlafen werden, wie es andere Radler auch schon gemacht haben, aber wir haben ja noch Zeit und unsere Beine haben auch wieder etwas Kraft. Patricia und Roland wollen nicht mehr allzuweit, so fahren wir ohne ihnen weiter. Nach 16 Kilometer haben wir erneut einen wahsninns Schlafplatz gefunden. Mit einem Gletscher vor der Haustüre.

Etwas wehmütig wird uns schon, wissen wir doch, dass solch speziellen Wildcampingplätze in Zukunft sehr rar werden. Aber jetzt genießen wir einfach nur. Wir finden einen Baum der heidelbeerartige Früchte trägt. Es könnten die hier heimischen Calafate-Früchte sein, aber wir sind uns nicht sicher. Also brocken wir sie lieber mal und nehmen sie mit um jemanden zu fragen. Dann kommt die allabendliche Beschäftigung: Kletten von Hosen und Schuhen entfernen. Die sind überall hier auf der Carretera Austral.

Zähneputzen mit Gletscherblick.

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Ach kann es hier schön sein. Nur schweren Herzens verlassen wir diesen tollen Platz, aber das Essen reicht leider nicht für eine Nacht länger hier (reicht schon so schwer bis Villa O’Higgins – irgendwo hatten wir bezüglich Haferflocken und Brot einen Rechenfehler ;-) ).

3 Steigungen, 3 Abfahrten, 3 unterschiedliche Täler und 3 Witterungsarten treffen wir im Laufe des Tages an. Die Steigungen ziehen sich in die Länge, die Abfahrten sind willkommene Belohnungen. Die Täler bringen uns ins Schwärmen, mit ihren Gletschern, den unterschiedlichen Bäumen und Vegetation. Wir sind bei Farnen gestartet, sind über trocken hochalpin wirkende Gegend gefahren um am Schluss in eine sumpfartigen Ebene zu kommen. Was für ein Kontrast den ganzen Tag.

Das Wetter hingegen ist purer April: Regen, Sonne, Wind, Nieselregen, bedeckt, …alles wechselt sich ab. Noch nie haben wir es so schwer empfunden die passende Anzahl an Kleidungsschichten zu wählen wie auf der Carretera Austral. Mit seinen ständig wechselnden Wetterbedingungen und Steigungen/Abfahrten muss man des öfteren in den sauren Apfel beißen und schwitzen oder mal kurz schlottern, wenn man nicht alle 15 Minuten sich aus und anziehen möchte.

Pünktlich zu Mittag, mit schon deutlich weniger Verkehr als noch im Norden, erreichen wir bei km43 die erste Schutzhütte. Sie bietet seit Jahren Schutzsuchenden Radlern eine trockene Herberge. Da es hier entweder sumpfig ist, die Landschaft mit Zäunen unzugänglich gemacht ist oder es nur Bergkanten gibt, ist es ein mehr als notwendiger Platz für Radler. Wir nutzen ihn nur, um im Windschatten und mit Blick auf den zigsten Gletscher unser Mittagessen zu uns zu nehmen.

Dann geht es nahezu flach weiter. Wasserfälle stürzen sich auf der einen Seite hinunter, auf der anderen Seite eine Sumpfebene.

Insgesamt mehr als ein Dutzend Kondore haben wir heute auf der ganzen Strecke gesehen. Majestätisch wie sie über die Bergkämme gleiten. Ihre Größe beeindruckt uns nach wie vor.

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Die 3 Steigungen waren anstrengender als gedacht und die Regenphasen werden immer länger. Bei Km 68 erreichen wir die zweite Schutzhütte. Gerade als wir uns besprechen was wir machen kommt Jorge. Er passt auf das Haus und die Tiere im anliegenden Grundstück auf. Wir erfahren, dass auf den 100 km zwischen der Fähre und Villa O-Higgins 4 bewirtschaftete Häuser sind. 2 davon haben einen Teil ihres Grundstückes zur Verfügung gestellt um Schutzhütten errichten zu lassen. Er lädt uns zu sich auf frische warme Milch, sowie selbstgemachtes Brot ein. Mmmmh, que rico!!!

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Während wir im wohlig warmen Haus sitzen, wird der Regen immer stärker. Eigentlich wollten wir am letzten Tag auf der Carretera wildcampen, aber A sind wir hundemüde, B regnet es mittlerweile in Strömen und C ist es hier nicht so leicht etwas zu finden. Also beziehen wir die Schutzhütte. Wolfi darf noch eine Runde am Pferd reiten,

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bevor Jorge uns sogar Holz für den Ofen in der kleinen Hütte bringt. Tja, wir hatten unsere schönen Plätze, tröstet sich Sabrina. Einen Vorteil hat es sogar: man kann gemütlich von drinnen den Ausblick genießen und trotzdem weht einem noch ein bisschen Wind um die Nase, denn Scheiben gibt es bei dieser ausgeklügelten Kippkonstruktion keine.

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Und der Ausblick ist sehenswert. All diese Wasserfälle die von einem Gletscher entstehen.

Zu späterer Stunde kommt noch ein weiterer Vorteil dieser 10qm kleinen, feinen Hütte zu tragen: Wir liegen auf unseren Matten und können dem Knistern des Feuers lauschen. Andere Zahlen ein heiden Geld um in Patagonien vor einem Kaminfeuer zu liegen.

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Vor Sonnenuntergang startet ein wahnsinns Sturm, der mit einem auf und ab bis etwa Mitternacht dauert. Es stürmt so stark, dass wir teilweise Sorge haben, dass es das durchaus stabile Dach wegfegt.

In der Früh stürmt es schon wieder und dazu kommt ordentlich viel Wasser vom Himmel. Also drehen wir uns einfach noch einmal um auf unseren Matten. Um 10Uhr45, nachdem wir unser Frühstück mit Calafates hatten (ja, die Beeren waren Calafates), radeln wir bei leichtem Niesel los. Zu unserer Überraschung sehen wir Schnee, Neuschnee.

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Es hat doch tatsächlich heute Nacht alle umliegenden Berge bis tief hinunter angezuckert. Und das im Hochsommer! Verrücktes Wetter.

Kurze Zeit können wir ohne Regen fahren, es weht kein Wind, so können wir auch endlich mal wieder Vögel hören. Aber es dauert nicht lange. Als wir den Lago Cisne umrunden erwischt uns wieder ein Regenschauer der uns bis kurz vor Puerto O´Higgins begleitet. Die Straße wird noch einmal so richtig schlecht. Tja, warum sollen die letzten Kilometer der Carretera Austral auch anders sein, als die Ersten. Sie verabschiedet sich also von ihrer Seite die wir gut kennengelernt haben in den letzten 25 Tage die wir auf der 1240km langen Strecke unterwegs waren: Regen und schlechte Piste.

Da sind wir also, in Puerto O`Higgins. Das letzte Dorf an der Carretera Austral (welches erst seit 1999 an eine Straße angebunden ist) und somit am Ende dieser Straße. Anfangs waren wir skeptisch was uns auf dieser Strecke erwarten wird. Der Tourismus hat uns ein wenig abgeschreckt, an die vielen Radler mussten wir uns erst gewöhnen, aber im Allgemeinen sind wir mehr als nur froh, dass wir hier waren. Darüber hinaus haben wir einige interessante Menschen kennen gelernt. Auch mit dem Regen und den wolkenverhangenen Bergen hat uns diese einzigartige und doch so unterschiedliche Landschaft wirklich gefesselt. Der zigste Gletscher, der hundertste Wasserfall, der nächste Sumpf, …. jeder Einzelne hat uns begeistert.

Und jetzt? Die Carretera Austral ist zur Zeit noch eine Sackgasse. Alle Fahrzeuge die bis hierher gefahren sind, müssen wieder umdrehen und ca. 300km zurück fahren um nach Argentinien zu kommen. Nur Wanderer und abenteuerlustige Radler haben die Möglichkeit von hier direkt weiter nach Argentinien zu kommen. Der Grenzübergang ist nur von November bis März offen. Hierfür müssen wir 2 (teure) Fähren nehmen, danach eine kurze Strecke offroad und dann ein hike-and-bike Teil um über den Grenzübergang zu kommen. Klingt als wäre das etwas für uns ;-)