Hike-and-bike- Freude und patagonischen Windfeinden

Villa O’Higgins nach Punta Arenas

Km total: 16 011 km

Hm total: 205 000 hm

Die gesamte Carretera Austral ( Achtung, letzter Blogeintrag ist erst weniger als 2 Wochen her!) liegt also nun hinter uns und wie wir auf unserer Karte sehen können, liegt nicht mehr viel vor uns.

Bei bester Wettervorhersage und dem schönsten Tag seit 1 ½ Monaten hier in Villa O‘ Higgins (laut mehreren Aussagen von Ortsansässigen) machen wir uns zum wiederholten Mal auf den Weg nach Argentinien. Hierfür müssen wir erstmal ein Boot über den Lago O’Higgins nehmen. Es gibt drei Fähranbieter mit drei unterschiedlichen Preiskategorien. Für uns darf es der Teuerste sein – dieser fährt nämlich zusätzlich zu einem Gletscher, der nicht nur irgend einer ist. Auf unserer Wunschliste der „must have seen“ steht ein Gletscher der in einen See mündet.

Hierfür gibt es etwas südlicher in Argentinien den sehr bekannten Perito moreno, zu dem täglich hunderte Menschen pilgern. Das würde für uns einen Umweg/ Sackgasse von knappen 80k tour-retour bedeuten. ;-) Da nehmen wir lieber den etwas unbekannteren und nicht minder spektakulären Gletscher O’Higgins der in den O’Higgins See (der argentinische Anteil hat wieder einen anderen Namen) mündet. Nach ca. 4 Stunden Bootsfahrt, bei der uns aufrgund von lustigen Wolkenformationen und kleinen Gletschern nicht langweilig wird,

können wir ihn schon von der Ferne erkennen und bereits hier beeindruckt er uns.

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Je näher wir kommen umso mehr abgebrochenes Eis umfahren wir. Auch das ist schon spannend.

Vor allem aber die unterschiedlichen Blautöne die das Eis dank der heute strahlenden Sonne produziert sind spektakulär. Mit einem Mal sehen wir die lange Zunge des Gletschers mit all ihren schroffen Spitzen.

Wir können gar nicht glauben wie hoch der Gletscher ist, als das Boot nur noch ca. 30 Meter von ihm entfernt ist. Man selbst fühlt sich da schnell mal ziemlich klein. An Board sind ca. 30 Personen und es ist durchwegs ziemlich ruhig. Jeder staunt und genießt einfach nur. Es gibt kein Gedränge für das beste Foto oder ähnliches. Also eine gemütliche Touritour. Das Boot fährt langsam am Gletscher entlang und immer enthüllt er neue Seiten. Neue Formen, neue Farben, … .

Sowas von gelungen der Ausflug wie wir finden. Wir sind einfach nur glücklich. Über den Whisky on the Gletscher-Eis kann man streiten, aber okay.

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An einer Seite sieht man sogar die Asche von einem Vulkanausbruch.

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Keine Ahnung wie lange wir auf und abfahren, aber dieses Mal haben wir viel Zeit um es zu genießen und gefühlt jeden Winkel des Gletschers lange genug betrachten zu können. Als krönender Abschluss brechen kurz hintereinander an drei Stellen große Eisbrocken ins Wasser. Ein Kalben können wir sogar auf Fotos festhalten.

Besser hätte es nicht sein können. Selbst als sich das Boot schon entfernt, stehen wir noch an Deck und betrachten diesen großen Gletscher ein letztes Mal.

Um 17:30 Uhr werden wir in Candelario Mancilla abgesetzt. Wir beladen unsere Räder wieder und machen uns gleich auf zu den Carabinieros um noch heute unseren Ausreisetempel zu bekommen, da wir morgen zeitig starten wollen. Alles ist schnell erledigt und läuft gut. Bis zu dem Zeitpunkt als wir fragen, ob wir evtl. hinter dem Haus campen dürfen. NEIN, wir hätten nämlich gesagt, dass wir nach Argentinien reisen. Ja, stimmt ja auch, aber nicht mehr heute. Die geographische Grenze ist gute 2 Stunden für uns entfernt und der argentinische Grenzposten ca. 6 Stunden. Das weiß der Beamte auch, denn es kommen hier nur Radfahrer und Wanderer vorbei. Es folgen einige Wortwechsel, wobei die Stimmung auf der gegenüberliegenden Seite immer schlechter und aggressiver wird. Der Obercarabiniero wird hinzu gerufen. Wir hätten das alles vorsätzlich begangen, die Worte Interpol und Flughafen fallen. Auch wenn das definitiv übertrieben ist und wir ihm gerne erklären würden warum wir den Ausreisestempel heute schon wollten, dass es nie ein Problem war, das man nicht am selben Tag im anderen Land einreisen muss, …. . Er will von all dem nichts hören und wir sagen bald auch gar nichts mehr. Wir nicken nur noch, machen einen auf Einsichtig, senken demütig den Blick, …. Hallo Machtspiel! Am Ende bekommen wir die Erlaubnis einen Kilometer zurück zum Campingplatz zu fahren. Wie bedanken uns und als sich Sabrina entschuldigt sagt der Chef: Ach, macht nichts, kein Problem. NA WAS JETZT!!! Ah, Lateinamerika uns sein Machismo!

Also bauen wir unser Zelt brav am Campingplatz auf. Zumindest haben wir einen traumhaften Blick auf den türkisen Lago O’Higgins .

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Noch bevor die Carabinieros um 8 Uhr ihre Arbeit antreten, radeln wir schon daran vorbei. Auf geht’s zu DEM Grenzübergang von dem wir schon zu Hause geträumt habe. Zuerst radeln wir mal auf einer Forststraße laaaange hinauf, üben das schieben schon einmal bei ein paar steilen Kurven,

bevor es auf und ab durch einen Wald und über die ersten Brücken geht. Dann im Nirgendwo die geographische Grenze und von jetzt auf gleich ist der breite Weg aus und ein Trampelpfad beginnt.

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Chile würde gerne die Carretera Austral mit der Fähre und diesem Grenzübergang an Argentinien anbinden, aber das Nachbarland spielt mal wieder nicht mit. Wir freuen uns, denn die folgenden 6km sind abwechslungsreich. Immer gibt es neue Herausforderungen zu lösen und das alles in einem wunderschönen Wald. Es ist ziemlich matschig hier heroben, oftmals sogar sumpfig. Da fällt es oft gar nicht so leicht, den richtigen Weg zu finden bzw. das kleinere Übel ;-) .

Unsere Räder und Füße versinken zentimetertief im Schlamm, oftmals sogar ein Teil unserer Vordertaschen. Dann heißt es Rad aus dem Schlamm reißen und eine andere Richtung ausprobieren.

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Lange bleibt nichts schmutzig, denn man kann sicher sein, dass man bald wieder einen Fluss überqueren muss.

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Hier und da gibt es „Brücken“ über die wir die Räder balancieren können, einmal laden wir komplett ab und heben das Rad von einer Uferseite zur Anderen weil dazwischen zwar ein schmaler aber tiefer Bach fließt. Irgendwann sind die Füße nass und somit beschließt Wolfi die Räder ab sofort barfuß durch die Flüsse zu befördern. Bei diesem hier bekommen seine Beine fast kniehoch eine gute Schlammpackung, bevor es zur Kneipkur geht.

Damit es nicht zu eintönig ist, kommen immer wieder Abschnitte in denen wir fahren können. Über Wurzeln, Steine, rauf und runter, … manchmal gar nicht so leicht.

An manchen Stellen wird es ganz schön eng.

Wir haben einen heiden Spaß auf der ganzen Strecke. Keine Ahnung warum, aber es macht trotz der teilweisen Anstrengung einfach nur Spaß. Am Schluss schieben wir dann unsere Räder durch ausgetretene Wegrinnen. Anfangs können wir sogar wie auf einem Laufrad unsere Räder vorwerts bewegen.

 

Und wie so oft wenn etwas lustig ist, ist es viel zu schnell vorbei. Der Lago desierto kommt in Sicht.

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DAS war also DER Grenzübergang. Kurz (6km 2 Stunden) und schmerzlos wie wir am Schluss finden. So stempeln wir am See bereits um ca. 14 Uhr bei der argentinischen Gendarmarie ein.

Das warten auf das Boot vertreiben wir uns mit Calafates pflücken und Kaffee trinken. 45 Minuten dauert die Überfahrt. Hierfür müssen wir 40 Euro bezahlen!! 40 Euro für 45 Minuten, uns fällt die Kinnlade hinunter. Eine Frechheit wie wir finden und eindeutig Ausnutzung der Lage, denn wir müssen das Boot nehmen. Wanderer könnten auch um diesen See wandern, aber mit dem Fahrrad braucht man hierfür 2-3 Tage. Dafür bekommen wir zumindest einen ersten Blick auf den Fitz Roy und sehen auch alle anderen Gletscher um uns herum.

Es ist bereits 19 Uhr, aber wir wollen nicht auf den überteuerten Campingplatz. Also rollen wir weiter. Mit leichtem Rückwind und einer guten Piste fliegen die Kilometer nur so dahin. Einige gute Wildcampingplätze lassen wir liegen. Morgen früh soll es regnen, da kann es nicht schaden heute noch so weit wie möglich zu fahren. Nach 20 Kilometern und um 20:15 reicht es dann aber. Vor allem wenn man den Ausblick auf 2 Gletscher hat, kann man zu dem Plätzchen nicht nein sagen.

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Zudem treffen wir dort ein junges italienisch-französisches Paar die mit ihrem Defender auf Wetreise sind und plaudern gemeinsam für einige Zeit. Sie sind total verwundert, dass wir einerseits nach so vielen Monaten am Rad und andererseits bei der Tatsache, dass es nieselt und die Berge verhangen sind, immer noch strahlen. Uns verwundert nur ihre Verwunderung!! Auch wenn es manchmal anstrenged ist oder das Wetter nicht so toll ist, sind wir trotzdem noch immer über jeden Tag am Fahrrad total happy.

„Wolfi, wie spät ist es“? „ 10 vor 10“ !!! Wow, wir haben doch tatsächlich 12 Stunden geschlafen. So etwas kann einem nur bei einem Wildcampingplatz passieren. Diese Ruhe- kein Vergleich zum Schlafen in Dörfern oder Städten. Hier gibt es keinen Kinder-Hunde-Hühner Lärm. Da der Regen harmonisch auf unser Zelt niederprasselt und es keine Sonne gibt die uns geweckt hätte, hat sogar Wolfi es geschafft so lange zu schlafen. Die letzten 18 Kilometer nach El Chalten sind dann noch etwas mühsam. Die Piste wird immer schlechter, wir haben Gegenwind und der Regen prasselt auf uns herab. In El Chalten suchen wir die letzte Casa de Ciclista auf, die es hier im Süden gibt. Wir wissen, dass die Besitzerin seit einiger Zeit Geld für die Übernachtung verlangt. Ist okay, war in La Paz ja auch so. Als wir ankommen sehen wir aber, dass es von einer Casa de Ciclista gar nichts mehr hat. Die ehemaligen Aufenthaltsräume wurden zu Schlafräumen umgebaut die sie jetzt vermietet. In der Küche steht ein Tisch mit 4 Sesseln, für ca. 20 Leute die im Garten und in den Betten Platz haben. Sehr schade, dieser Wandel! Da wir aber die Info haben, dass alle offiziellen Campingplätze mit bis zu 100 Zelten vollgestellt sind, ein Bett im Mehrbettzimmer über 20 Euro kostet, bleiben wir also hier.

Abends gehen wir durch El Chalten um Essen zu gehen. Aber so richtig wohl fühlen wir uns hier nicht und „das“ passende Lokal für uns finden wir auch nicht. Der Ort wurde erst 1985!  aus strategischen Grenzgründen gegründet und ist wegen seiner lukrativen touristischen Vermarktung entartet. Alles wirkt hier künstlich und inszeniert. Eine Mischung aus Ballermann und Kitzbühel triffts wohl am besten. Und so landen wir am Ende bei der günstigesten Variante: Empandas zum Sonderangebot beim Kauf von 12 Stück ;-) !

Argentinien und Chile sind sich über ihre Grenze nicht einig. Rund 60 Kilometer der argentinisch-chilenischen Grenze, zwischen den Gipfeln des Fitz Roy und des südlichen Murallón, sind bis heute nicht festgelegt. Die beiden Länder haben sich 1998 nach langem Konflikt darauf geeinigt, auf ihren Landkarten an der entsprechenden Stelle, bis auf weiteres keine Grenze einzuzeichnen. Das sieht dann so aus:

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Das ganze Dorf ist mit Wanderern voll, die größten Schlachtschiffe an Wohnmobilen (sehen aus als ob sie in den Krieg ziehen müssten, diese Monstergefährte) stehen herum, alles ist extrem teuer (der teuerste Ort bis jetzt auf der gesamten Reise; von wegen Galapagosinseln sind teuer!!) , die Supermärkte so gut wie leer, … kein Ort um sich zu erholen. Also machen wir uns auf zu einer kurzen Wanderung. Da wir nicht noch einmal einen mörder Muskelkater provozieren wollen, entscheiden wir uns für eine gemütliche Wanderung von 4km bis zu einem Aussichtspunkt.

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Und wir haben sowas von Glück. Ein wahnsinns Panorama bei strahlend blauem Himmel zeigt sich uns nach knapp über einer Stunde bergaufgehen.

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Der Höhepunkt dieses Aussichtspunktes; das Fitz Roy Massiv mit seiner charakteristischen Form. Ein wunderschöner Anblick und selbst das ist untertrieben. Auf den Fotos sieht es aus wie ein normaler Berg, aber wenn man davor steht haut es einem fast um.

Und das ohne Wolken, man kann alles rundherum sehen, alle Spitzen und sogar einen Gletscher. Das ist bei weitem nicht alltäglich. Bei einer kleinen Jause betrachten wir das Bild. Auf dem Rückweg begegnen uns dann noch so ein paar Kuriositäten. Fitz Roy ist ziemlich bekannt und scheinbar jeder will hier wandern. Also ist es nicht ungewöhnlich, dass man Mehrtageswanderer in leichten Leinenschuhen sieht, oder mit riesigem 60Liter-Rucksack am Rücken UND kleinem Rucksack vorne um die Brust, dass junge Frauen im BH wandern weil es ja soooo heiß ist ( nicht mehr als 20 Grad), … . Alles und jeder wandert hier herum. Uns wäre dies definitiv zu viel. Keine Frage, es ist ein wahsninns Berg und die Wanderwege um ihm herum sicher wunderschön. Aber wir könnten euch auf der Stelle 100 Fotos von anderen Bergen zeigen die mindestens genaus beeindruckend für uns sind, die aber keinen Namen haben und somit wandert dort auch keiner auf Teufel komm raus, scheinbar ohne Erfahrung und ziemlich improvisiert, herum. Das ist eindeutig die Kehrseite des Megatourismus hier herunten. Gerne würden wir uns 10 Jahre zurück beamen … dann war es sicher noch traumhaft hier zu wandern, mit deutlich weniger Touristen.

Ab hier heißt es für uns: auf in die windige Pampa Argentiniens, rauf auf die altbekannte Ruta 40. In Chile gibt es auf der Höhe keine Straße mehr, Villa O’Higgins war das letzte Dorf mit Anschluss an den Norden. Also bleibt einem nichts anderes übrig wenn man in den Süden möchte.

Die Räder sind wieder deutlich schwerer, denn für 6 Tage muss wieder Proviant mitgenommen werden. Dachten wir schon, dass die 1240 km lange Carretera Austral mit ihren 12 Dörfern inkl. MiniShop wenig besiedelt ist, so kommt für uns auf den nächsten 430km nichts außer 2 Straßenmeistereigebäuden, 2 Polizeistationen, ein Minidorf zum Schluss mit fraglichen Service und vielleicht eine handvoll privater Häusern. Mehr nicht! Auf 430km !!!

Alle Radler die wir bis jetzt getroffen haben, in jedem Blog den wir gelesen haben, ALLE hatten starken Rückenwind aus El Chalten hinaus. Kein Wunder, denn hier herunten bläst der Wind meist aus West, bzw. Nordwest und man fährt 90 km Richtung Osten. Aber für uns gibt’s heute anfangs windstille und gegen Ende leichten Seitenwind. Aber alles nicht so schlimm, denn das wirklich sehr beeindruckende Panorma lässt einem gar keine Zeit um sich darüber vielleicht zu ärgern.

Wir stoppen immer wieder um diese vielen Bergspitzen anzusehen. Bevor wir an die Kreuzung mit der Ruta 40 kommen und uns immer weiter vom Lago Viedma entfernen, sehen wir wieder Guanacos und sogar auch Nandus. Dann eine 90 Grad Kurve und uns bläst jetzt der Wind deutlich mehr entgegen. Wolfi sieht plötzlich ein Gürteltier über den Weg laufen und endlich lässt sich einer der vielen Greifvögel ablichten. Was für ein Tag, soviel Tiervielfalt hätten wir nicht erwartet.

Nach 120 Kilometer erreichen wir unser heutiges Ziel. War in Peru und Bolivien die Recherche nach Wasser wichtig, so ist es hier von Vorteil zu wissen wo man dem Wind in der Nacht aus dem Weg gehen kann. So haben wir von einem leerstehenden alten Restaurant erfahren, der Casa rosada (rosa Haus). An den Wänden haben sich viele Reisende verewigt und nach längerem inspizieren finden wir den ein oder anderen Bekannten.

Es gibt keine Fenster also zieht auch hier der Wind etwas durch, aber ein Raum wurde scheinbar nach und nach von Radlern winddicht gemacht. Zu später Stunde tauchen auch noch zwei Franzosen auf, die Richtung Norden unterwegs sind und mit den allerletzten Sonnenstrahlen erreichen zwei andere Radler welche Richtung Süden unterwegs sind den Unterschlupf ( „von wegen Rückenwind“, war das erste das sie sagten als sie ankamen!)

Am nächsten Morgen sind wir bereits am Rad noch bevor alle anderen munter sind. Es geht stetig bergauf. So kommen wir trotz der frühen Stunde und der noch sehr schwachen Sonne gut ins schwitzen.

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Am späten Vormittag erreichen wir den Argentino See. Hinter einer Leitplanke suchen wir Schutz vor dem Wind um in Ruhe unsere Haferflocken essen zu können.

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Auf den nächsten hügeligen Kilometern kommen wir nur schleppend voran, denn der Seitenwind bremst uns enorm. Die Schilder und auch Sabrinas Hemd warnen optisch vor dem Wind ;-) .

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Wir überqueren den türkisen Fluss La Leona und machen an der Kreuzung Richtung El Calafate Mittagspause. Hier würde es zu dem berühmten Gletscher Perito Moreno gehen, aber wir hatten bereits unser beeindruckendes Gletschererlebnis, das unserer Meinung nach mit nichts zu toppen ist, daher lassen wir die Sackgassenstadt links (in dem Fall rechts) liegen und fahren weiter. Da die Straße eine 90Grad Kurve gemacht hat, haben wir jetzt spürbaren Rückenwind. WOW, was für ein Gefühl. Und dennoch bremsen wir nach flotten 9 Kilometern schon wieder ab. Vor uns liegt eine 25 Kilometer lange Steigung, die mit Rückenwind sicher Spaß macht. Aber dann kommt man auf ein Hochplateau und die Straße dreht wieder in den Wind, bzw. in den Seitenwind. Sabrina kommen Bilder von dem Tag vor Malargue (Seitensturm!) in Erinnerung. Darauf haben wir keine Lust, schon gar nicht wenn die nächste windgeschützte Schlafstelle erst in über 50 km ist. Wir sind jetzt schon 5 Stunden auf den Rädern und etwas müde. Mit dem kalkulierten Seitenwind würden es mindestens noch einmal 5 Stunden werden. Also suchen wir am Fluss die von anderen Radlern beschriebene windgeschützte Stelle. Wir finden aber eine noch bessere, jedoch hinter einem Zaun. Da steht auch das erste (bewohnte) Haus seit El Chalten. Der „Aufpasser“ dieses Anwesens lässt uns gerne am Fluss campen. Und just werden wir auf Mate und frisch gebackenen Tortas mit viel Manjar eingeladen. Senior Gonzales verstehen wir leider nur ziemlich schwer, aber trotzdem sitzen wir für Stunden in seiner Stube.

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Frühes Aufstehen lohnt sich nicht nur des Windes wegen.

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Die endlose Steigung zieht sich ganz schön, aber ist dann doch irgendwann geschafft. Als wir oben ankommen setzt der Wind ein. Aber heute ist es ein Nordwestwind, daher haben wir ein wenig Unterstützung auf dem Hochplateau. Nandus und Guanacos (die aus dem Stand über einen ca. 1 Meter hohen Zaun springen) kreuzen unseren Weg,

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der Himmel ist schön blau mit tollen Wolken,

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wir kommen gut voran. So fühlt es sich gut an, in Patagonien zu radeln. Nach 4 Stunden erreichen wir die nächste Kreuzung. Hier steht das Häuschen der Straßenmeisterei, welches Radlern vor dem Wind schützt. 4 Stunden heute, ausgeruht und bei besten Bedingungen – also gestern eindeutig länger und somit nicht schaffbar gewesen. War somit eine gute Entscheidung das Flusscamp.

Für uns heißt es nur Wasserflaschen auffüllen und abbiegen auf den Ripio. Diese Landschaft! Nicht zu beschreiben. Es gibt zwar nichts zu sehen und das Spiel „ich seh ich seh was du nicht siehst“ wäre schnell erschöpft, aber irgendwie zieht sie uns in den Bann.

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Nach 21 km erreichen wir im Nirgendwo das beschriebene Polizeihäuschen.

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Ebenfalls ein bekannter Windschutzplatz in dieser Ebene hier heroben. Für uns ist es aber noch etwas früh, daher wollen wir nur dahinter Mittagessen. Der Senior ladet uns aber ein bei ihm drinnen zu speisen. Unsere Einstellung zum Mittagessen drinnen kennt man ja, aber er lebt hier seit 6 Jahren alleine, hat keinen Handyempfang und auch sonst keine Gesellschaft. Also lassen wir uns gerne beim Essen beobachten und führen ein kleines Schwätzchen mit ihm. Wenn etwas (Tiere) gestohlen wird oder ein Unfall passiert, dann nimmt er die Daten auf und leitet es an die nächste größere Polizeistelle weiter. Viel ist hier sicher nicht zu tun, besitzt er nicht einmal ein Polizeiauto und trägt gemütliche Zivilkleidung. Kein Wunder, auf den 90km Ripio leben 4 Menschen, das wars. Er erzählt uns auch von einer Estancia 14km weiter, dort könnten wir auch nach einem Schlafplatz fragen.

So machen wir uns also noch einmal auf in den Seitenwind und holpern über die Piste dahin. Bei der Estancia begrüßen uns Marcel und seine Hunde. Er sei nur der Aufpasser hier für die Schafe, der Besitzer lebe woanders. Aber zielstrebig führt er uns zu einem Häuschen und öffnet die Türe. Wie jetzt?? Wir kriegen ein eigenes kleines Häuschen? Obwohl wir mehrfach bekräftigen, dass wir uns gestern im Fluss ausreichend waschen konnten, lässt er es sich nicht nehmen für uns Wasser auf zu heizen damit wir duschen gehen können. Es gibt Mate und selbst gemachtes Brot und am Abend eine riesen Portion Asado (gegrilltes Schaf). Wir sind überwältigt von soviel Gastfreundschaft.

Ein perfekter Regenbogen zeigt sich über den Hügeln, als er uns erzählt dass er seit 9 Monaten hier lebt, aber es ist ihm zu langweilig. Er überlegt wo anders hin zu gehen. Denn auch er hat keinen Handyempfang, kein Auto und auch kein Funkgerät, damit er mit dem Polizisten plaudern kann. Hier und da käme dieser auf Besuch, aber mehr auch schon nicht. Aber im März hätte er wieder ein paar Tage frei, da würde er in die nächste Stadt ca. 200 km entfernt fahren. Da kann er dann seine Whatsapp- nachrichten überprüfen und wird sich auch einen Fernseher und DVD-Player kaufen. Das hier ist der idealer Ort um jeden verwöhnten mediensüchtigen Teenager eine Schockkur zu unterziehen ;-). Auch wenn wir wirklich liebend gerne wildcampen, so sind solche Begegnungen mit nichts einzutauschen. Marcel, danke noch einmal!!

Obwohl wir bereits um 7 Uhr wieder am Rad sitzen kommt bald ein Seitenwind. Aber noch in schwacher Form. Wir bewundern Berge in der Ferne und staunen nicht schlecht als wir unerwartet Flamingos und Stinktiere/Dachs (?) sehen.

 

Nach 35 km ist es geschafft, die miese Piste liegt hinter uns. Ganz so schlimm wie berichtet, fanden wir sie dann aber doch nicht. An dieser Kreuzung gibt es wieder eine Straßenmeisterei (welche einen alten Container hat den sie Radlern zum schlafen zur Verfügung stellt) und einen weiteren Polizeiposten. 4 Tage arbeiten, 8 Tage frei, dafür habe er keinen Kollegen aber eben die Straßenmeisterei nebenan. Zu tun gäbe es nichts, außer Radler in der Hauptsaison auszufragen, sagt der Polizist schmunzelnd.

Ab jetzt heißt es ordentlich treten, denn die Straße dreht sich in den Wind hinein. Gegenwind oder seitlicher Gegenwind kostet uns auf den nächtens 40 km jede Kraft. Wolfi voran durchschneidet förmlich den Wind, Sabrina den ständig wechselnden Windschatten suchend, strampelt dankbar hinterher. Viele Pausen sind notwendig. Bei dem einzigen Bushäuschen, für die einzige Estancia in 15km Entfernung von der Straße, essen wir zu Mittag.

 

Mindestens ebenso kräfteraubend wie das radeln im Wind, ist das ständige extrem laute Rauschen in den Ohren. Bewusst, dass es bei weitem noch nicht alles ist was der patagonische Wind an Stärke zu bieten hat, nehmen wir die Anstrengung tapfer hin und biegen erneut auf Ripio ab um nach 5 km ziemlich fertig an der argentinischen Grenze zu stehen. Hier würden wir gerne hinter einem der vielen Häuschen zelten. Wir sind erschöpft und besitzen auch noch illegales Essen welches wir gerne abends verkochen wollen bevor wir nach Chile einreisen. Aber nein, wir dürfen nicht. 500 Meter weiter zurück (nach unten) sollten wir bei einer Enstancia fragen. Also, wir fahren sicher nicht wieder runter, auch wenns nur ein Minihügel ist. Nach so einem Tag bestimmt nicht! Dann lieber ausreisen und die 9 Kilometer noch nach Chile fahren. Die Immigration verläuft schnell, die Frage nach Früchten und Gemüse beantworten wir fast wahrheitsgemäß, nach Wurst und Käse werden wir zum Glück nicht gefragt. Neuheit heute: wir müssen unsere Räder offiziell in Chile anmelden. Jedes mal bei der Ausreise aus Chile wurden wir nach dem Nachweis gefragt, hatten aber nie einen, da wir nie bei den Einreisen aufgefordert wurden sie anzumelden. Tja, wenn sie meinen, dass es jetzt notwendig ist, dann bitte. Und so ist der 5. chilenische Einreisestempel in unserem Pass. Dann reicht es uns aber wirklich für den Tag. 10 Stunden am Sattel, wir können nicht mehr! Wir haben von anderen Radlern den Tip bekommen, dass die zuständige Dame des örtlichen Busbahnhofs das Wartehäuschen im Mini-Grenz-Dörfchen Cerro Castillo über Nacht für Radler offen lässt. Als wir ankommen ist keiner mehr da den wir um Erlaubnis fragen können und hinter dem Haus entdecken wir eine große Wiese. Wir wissen also nicht ob es üblich ist zu campen und das Häuschen nur als Aufenthalt zu nutzen. Aber es ist sooo gemütlich. Generell hat das neue, sehr einheitliche Dörfchen wohl eine gute staatliche Unterstützung bekommen, denn die öffentlichen Toiletten nebenan haben sogar eine (kalte) Dusche und einen Kamin! Die Buswarte“halle“ hat 3 Sofas, einen Kamin und einen Flachbildfernseher. Wir kochen, warten und beschließen um 21:30, nachdem uns ortsansässige mehrfach freundlich gegrüßt und somit IM Wartehäuschen gesehen haben, dass die Couch einfach zu einladend ist.

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Am Lago Cisnes (Schwanensee) radeln wir vorbei, dieses mal sogar wirklich mit Schwänen drinnen. Hier erwartet uns eine komplett anderen Landschaft als nur wenige Kilometer weiter östlich von uns in Argentinien. Alles ist grüner, es gibt Bäume, … eine unterschiedliche Vegetation um es auf den Punkt zu bringen.

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Der Verkehr ist nur auf der gegenüberliegenden Straßenseite stark. Reisebusse, Mini-Touristen-Vans, Leihwagen,… alle fahren sie nach Torres del Paine. Hunderte Menschen machen sich so innerhalb von einer Stunde auf den Weg zum selben Ort wenn wir richtig gerechnet haben. Wir haben schon von vielen gehört, dass der Reiz der berühmten Mehrtageswanderungen im National Park Torres del Paine verloren gegangen ist. Wie Lemminge läuft man dem Vordermann hinterher um abends an den bereits vorab reservierten Campingplätzen anzukommen, wo sich die Zelte wie bei einem Musikfestival aneinander reihen und sich die stolzen und erschöpften Wanderer im Kollektiv betrinken. Klingt vielleicht etwas überzogen aber laut Erfahrungsberichten von Bekannten soll es sich so oder so ähnlich abspielen. Kling definitiv nicht verlockend für uns.

Dank eines leichten Rückenwindes kommen wir ratz fatz in Puerto Natales an und finden auf Anhieb im familiären Hostal Dos Lagos für unserer Rast Unterschlupf.

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Eineinhalb Ruhetage vergehen wie im Flug. Bereits um 8 Uhr stürmt es wie verrückt. Die Windprognose für die nächsten Tage (hierfür nutzen wir windguru.de) ist alles andere als berauschend. Scheint so als würden wir jetzt mal den richtigen patagonischen Wind kennen lernen. Heute aber sollte er noch auf unserer Seite sein, denn wir fahren Richtung Osten. Warum auch immer, aber die ersten 25 Kilometer sind trotzdem hart. Der Wind kommt ständig von einer anderen Seite. Einmal erfasst eine Böe Sabrina so stark, dass sie nicht mehr reagieren kann und förmlich 90Grad zur Straße einfach in den Graben geschoben wird. Dort verharrt sie erstmal für ein paar Sekunden, bis die Böe wieder nachlässt.

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Wir sehen den wohl größten Difunta-Correa-Schrein. Hier merken wir, dass sogar das fotografieren nicht mehr so einfach ist, da man aufgrund des Windes kaum noch ruhig stehen kann.

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Die Landschaft ist auch heute wieder vielfältig, aber die alten Bäume mit ihrer Behaarung finden wir am schönsten.

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Am beeindruckensten sind aber die typisch windgeprägten, alleinstehenden Bäume.

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Dankbar für eines der vielen gleich aussehenden  Bushäuschen hier herunten, dieses sogar mit intakten Fenstern, können wir unser Mittagessen in Ruhe zu uns nehmen.

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Auf den letzten 30km nach Moro Chico haben wir dann so richtig schönen Rückenwind. Wir fliegen dahin, sehen erneut Kondore und die krachmachenden Bandurria (Ibisvögel) und werden aber trotzdem immer müder.

Moro Chico hat eine Polizeistation und eine handvoll verfallene Gebäude, sonst nichts. Achja, und eine Kurve. Die Straße macht einen 90Gradkurve. Also brutalster Seitenwind würde uns erwarten. Danke nein, 101km sind genug für heute. Der Carabinero zeigt uns einen offenen Schuppen in dem wir schlafen dürfen, wir finden aber einen Raum in dem leerstehenden Vialidadsgebäude und machen es uns darin gemütlich.

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Der Wind rüttelt an den Fenstern und am Dach bis spät in die Nacht. Solch einen Sturm kennt man bei uns, wenn überhaupt, nur in Kombination mit einem Unwetter. Hier scheint aber gleichzeitig die Sonne und wir wissen, dass es immer noch nicht alles ist was der Wind hier so leisten kann. Trotzdem müssen wir uns schon gegen ihn stemmen wenn wir gehen, alles doppelt festhalten beim an-und ausziehen, ein- und auspacken. Laut Vorhersage blies uns der Wind heute mit rund 50km/h und Böen von 65km/h um die Ohren – eine Briese für Einheimische ;-) .

Um 6Uhr10 sitzen wir schon am Sattel und radeln bei frischen 4 Grad den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Nach wenigen Kilometern zeigt sich zu unserer linken die gleissende aufgehende Sonne und zu unserer rechten ein Regenbogen. Könnte schlimmer sein, der Morgen.

Auch der Seitenwind ist nur minimal, deswegen schaffen wir dir ersten 50km in knapp über zwei Stunden. Danach wendet sich die Straße wieder ein wenig zu unseren Gunsten und der stärker werdende Wind unterstützt uns ein wenig von seitlich hinten. So haben wir schon 100 km am Tagestacho als wir Mittagspause machen. Danach folgt aber wieder ein kurzes Stück mit reinem Seitenwind. Dieses Mal so stark, dass wir in leichter Schräglage fahren und uns wahnsinnig auf den Verkehr konzentrieren müssen. Der ist ab hier deutlich mehr, da hier eine weitere Hauptstraße einmündet. Vor allem die Böen sind unberechenbar und machen das Fahren hier herunten so gefährlich.

Wir fahren an riesen Schafsherden vorbei, durch schöne Landschaft aber auch an Landminefeldern (hatten wir im Norden von Chile auch schon gesehen!).

Es ist kurz nach 14 Uhr als wir 20 km vor Punta Arenas einen Park am Meer entdecken und somit gleichzeitig den ersten Blick auf die Magallanesstraße (Meer zwischen Festland Südamerika und der Insel Tierra del Fuego) und das dahinter liegende Feuerland werfen. Es ist einfach zu schön hier und 127 km reichen auch.

So vertagen wir also die Ankunft in Punta Arenas einfach auf morgen. Bei einem Käffchen in unserem schönen kleinen Wald können wir in der Ferne einen Wal beobachten. Wir sind hin und weg und können unser Glück nicht fassen. Abends sichten wir dann sogar noch drei Delphine. Was für ein toller Platz.

Der Wecker klingelt wieder früh. Auch wenn nur 20km fehlen, so sollen heute Sturmböen von bis zu 100km/h kommen, daher wollen wir lieber wieder früher los. Aber zuerst noch einmal diesen Traumanblick genießen.

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Beim Frühstück verabschieden wir uns von zwei Walen die wieder in der Ferne ihre Wassserfontänen in die Luft sprühen und machen uns auf,  die Stadteinfahrt welche überraschend lange und sehr industriell gepregt ist, hinter uns zu bringen. Schön ist etwas Anderes. Kurz vor Punta Arenas strahlen wir dann doch noch einmal: 16 000km !!

Wir fahren zum unter Radlern bekannten Hostel Independencia, stellen für eine Nacht unser Zelt in dem  kleinen, überfüllten Garten, trinken auf unsere 16 000km sechzehnhundert Milliliter Bier (standesgemäß aus der lokalen Brauerei)

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unterhalten uns gut und ziehen in der zweiten Nacht doch in ein Zimmer, nachdem sich eine der Katzen auf unserem Innenzelt mit ihren Krallen verewigt hat. Es dauert keine Stunde, da ist unser Platz schon wieder belegt.

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Morgen geht’s auf nach Tierra del Fuego, Feuerland. Wir haben uns überwunden und unsere Rückflüge endlich gebucht (bzw. buchen lassen, danke noch einmal für das 24 Stunden erreichbare tolle Reiseagenturenteam alias MamaPapa Rösler ;-) ) . Somit sind unsere Tage auf dem südamerikanischen Kontinent für diese Reise gezählt. Mit einem Cocktail aus Gefühlen zählen wir die Tage bis zum Abflug und halten Wind und Wetter im Auge. Final countdown!!!