It’s the end of the world, as we know it…

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Von Punta Arenas nach Ushuaia

KM Total: 16 587 km

HM Total: 209 646 hm

Zuerst eine kurze Erklärung; Aufgrund mehrfach und wiederholter eingegangener Frage: „Und was ist mit den Iguazu-Wasserfällen?“ Ja, wir hatten den Besuch derer zu Beginn der Reise angedacht gehabt, aber bereits in Kolumbien wieder verworfen. Immer im Hinterkopf zu haben, im Jänner in Ushuaia ankommen zu müssen, damit wir noch zu den Wasserfällen können, hat uns etwas unter Zeit- und Leistungsdruck gesetzt. Unsere Reise hat seine Fundamente, aber weder die Planung noch die Ausführung war jemals in Stein gemeißelt, daher fiel es uns leicht uns dagegen zu entscheiden und den Besuch wieder im Hinterkopf zu verstauen. Jetzt sind wir froh darüber. Es würde für uns nicht mehr passen, im Süden des Kontinents (mit all seinen klimatischen Bedingungen) anzukommen, anderswohin zu fliegen und in einem ganz anderem Umfeld, nämlich ziemlich „tropisch“ weiter zu radeln.

Nach 1 ½ Tagen im übervollen Hostel Independencia in Punta Arenas machen wir uns auf zur letzten Fährfahrt. „Ein letztes Mal…“, ist eine Phrase, die wir bei fast allem und stündlich benutzten könnten. Langsam aber doch kommt Wehmut auf, auch wenn es immer noch nicht greifbar für uns ist, dass wir in ca. 10 Radtagen schon in Ushuaia sein werden.

Die große Fähre bringt uns in 2 Stunden nach Tierra del Fuego, Feuerland. Feuerland hat seinen Namen von Fernando Magellan erhalten. Magellan war mit seinen Männern auf der ersten Weltumsegelung lange Zeit die patagonische (argentinische) Küste entlang gesegelt, bis sie endlich 1520 ganz im Süden die Wasserstraße (heutige Magellanstraße) zum Pazifik fanden. Während sie den zerklüfteten und labyrinthartigen „Durchweg“ mit dem Schiff erkundeten , sahen sie an Land immer wieder Lagerfeuer. Daher der Name: Feuerland.

Für uns geht es nach dem Anlegen erstmal durchs Landesinnere, bevor wir an der Küste entlang fahren. Seit der Fähre sind wir zu viert: Edu aus Katalonien und Fabio aus Brasilien haben das selbe Ziel wie wir. Direkt am Meer machen wir verspätete Mittagspause und beobachten erneut Delphine. Hier ist die Landschaft typisch südpatagonisch: man sieht nicht viel, links und rechts Zäune, nur die Landschaftsfarbe ändert sich etwas.

Hier und da eine Einfahrt zu einer Estancia die meist so weit weg ist, dass man sie nicht zu Gesicht bekommt.

Eines dieser Anwesen ist aber in Sichtweite, daher fahren wir hin, denn wir brauchen dringend Wasser. Es ist aber niemand da, also bedienen wir uns an den Wasserhähnen im Garten und bekommen leider nur ziemlich trübes Wasser. Naja, besser als nichts! Ziemlich untypisch für Patagonien ist der heutige Wind, denn der ist nicht vorhanden! WINDSTILLE auf Feuerland, das glaubt uns doch keiner! Es wird immer flacher und durchs Plaudern vergehen die Kilometer wie im Flug. Ein lustiger Haufen sind wir schon: Edu aus Katalunien spricht kein englisch, also reden wir zwei mit ihm spanisch. Fabio aus Brasilien spricht kaum spanisch, dafür etwas englisch, also reden wir mit ihm englisch. Edu wiederum kann portugiesisch, also spricht er mit Fabio portugisisch. Und dann ist da natürlich noch deutsch, wenn wir zwei uns unterhalten. So schwirren also ständig 4 Sprachen durch die Luft und wir müssen hin und her switchen bzw. übersetzen. Funktioniert erstaunlicherweise einwandfrei.

Nach 100 km erreichen wir eine Schutzhütte die an einer Kreuzung mitten im Nirgendwo steht. Obwohl es keinen Wind gibt, so sind die Möglichkeiten wild zu campen, wie auch schon die 100ten Kilometer davor, eher sehr rar und selten perfekt. Also beziehen wir das kleine Häuschen und auf den Zentimeter genau passen wir Vier und unsere Räder hinein.

Früh morgens machen wir uns auf den Weg in Richtung Grenze, Paso San Sebastian. Neben uns wird asphaltiert und ein ziemlich langes Stück ist bereits fertig, aber noch nicht offiziell befahrbar. Edu testet die Strecke gleich mal und wird nach wenigen 100 Metern von der Baustellenaufsicht herunter gepfiffen. Also radeln wir weiter auf der schlechter werdenden Piste. Kurz darauf stoppt wieder ein Baustellenauto: warum wir nicht auf dem Asphalt fahren, das sei doch viel sicherer und komfortabler für uns. Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und wechseln dankbar hinüber. Nach weiteren 10 Minuten werden wir erneut gestoppt. Sofort hinunter heißt es, hier heroben sei es viel zu gefährlich für uns und es wäre verboten. Wir versuchen zu erklären, dass wir erst gerade die Erlaubnis bekommen hätten und dass es definitiv unten mit dem Verkehr und den herumfliegenden Steinen gefährlicher für uns sei. Aber das interessiert den Herrn nicht. Also wieder hinunter. Zum Schmunzeln!

Am späten Vormittag stempeln wir aus Chile aus. Nicht ganz reibungsfrei. Bei der chilenischen Immigration werden wir als Gruppe behandelt. Edu geht voran und beginnt plötzlich zu diskutieren. Die Beamten fordern den Nachweis der Anmeldung der Fahrräder. Obwohl Edu und Fabio über den selben Grenzübergang eingereist sind wie wir, haben sie keine Anmeldung (wie wir ja die 4 Male davor auch nicht hatten). Um unnötigen Ärger zu vermeiden, halten wir uns mit unseren Anmeldungen im Hintergrund. Nach vielem hin und her bekommen wir doch noch den Stempel und fahren weiter. Schon wieder sind beide Grenzposten kilometerweit voneinander entfernt.  Bei der argentinischen Immigration werden wir als einzige aufgefordert, all unser Gepäck röntgen zu lassen. Na toll!!! Wir sind schneller als gedacht und daher haben wir mal wieder unerlaubte Nahrungsmittel mit uns. Aber nicht mit uns, denn uns nervt dieses „wichtig-getue“ schon gehörig. Wir laden erst mal nur die Taschen ab die keine Lebensmittel enthalten und schleppen diese in das Häuschen. Sicher ist sicher. Wir warten, aber niemand kümmert sich um den Röntgenapparat. Edu fragt noch einmal nach. Nein, wir brauchen doch nichts röntgen lassen. Grrrrrrr… man kann uns wirklich nicht verübeln, dass wir Grenzübergänge und die Beamten nicht ganz ernst nehmen, oder?!

Dann steht es weiß auf grün: Ushuaia!!!

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Ab hier fahren wir wieder auf Asphalt und sehen zum ersten Mal seit Columbien wieder den Atlantik! Aber nicht lange, denn bald ist unser Blick nach unten gerichtet und immer wieder in den Spiegel. Denn es regnet und der Wind kommt von Südost (vorne, seitlich). VON SÜDOST!!! Das ist so etwas von untypisch für hier, aber für untypischen Wind sind wir zwei bereits bekannt ( Edu musste lachen, als er hörte, dass wir Gegenwind aus El Chalten raus hatten. Er hatte den berühmten Rückenwind und flog mit 40km/h dahin ohne zu treten!!). Wir wechseln uns beim Windschattenfahren ab. Es ist anstrengend und wir ermüden alle mit jedem Kilometer. Aber gar nicht so sehr die Beine, viel mehr der Kopf. Es ist mental ein einziger Kampf. Die Landschaft ist so was von langweilig, die Straße hat Verkehr, der Regen von oben, die vielen Stunden die wir schon am Sattel sitzen, …. alles zusammen reicht, dass wir uns minütlich selbst motivieren müssen um weiter zu treten. Eigentlich wollten wir an Klippen 20 Km vor Rio Grande zelten, aber wir konnten an der chilenischen Grenze die Wettervorhersage aktualisieren. Morgen soll der Wind bis zu dreimal so stark sein und komplett von Süden, also von vorne kommen. Ebenso soll es noch mehr regnen. Die Landschaft ist morgen sicher auch nicht spektakulärer ;-) , also radeln wir immer weiter. Trotz Regen halten wir manchmal an um Kekse in uns hinein zu stopfen, die Männer dehnen ihre Beine und Sabrina tanzt zur Musik die uns seit Stunden aus dem Handy unterhält … so macht sich jeder auf seine Art den Kopf wieder frei. Auf den letzten Kilometern spürt von uns keiner mehr seine Hände. Einerseits sind sie kalt vom Regen und Wind, und anderseits sind sie eingeschlafen von der langen gleichbleibenden Haltung. Schalten und Bremsen wird regelrecht zu einer Herausforderung. Die Stadteinfahrt von Rio Grande ist wieder sehr lange und industriell geprägt. Im Zentrum angekommen fragen wir bei der Touriinfo nach einem Kaffeehaus. Alle sind wir uns einig, dass wir zuerst mal etwas Warmes zu trinken brauchen, bevor wir zur Unterkunft fahren. So fallen wir also nach 141km erleichtert auf bequeme Sesseln, nachdem wir unsere nassen Klamotten gegen trockene gewechselt haben und belohnen uns mit einer riesigen Portion Torte und einer heißen Schokolade. Die Besitzerin ist so begeistert, dass wir vier von so weit her bis zu ihrem Cafe gefahren sind, dass jeder von uns einen leckeren Alfajor geschenkt bekommt. Danke!

Dann heißt es noch einmal raus in den Regen und die letzten 4.5 KM zur „Casa azul de Graciela“ fahren. Aber wir kommen nicht weit. Fabio hat einen Patschen. Nach so einem Tag trübt nichts mehr unsere Stimmung und der Zucker zeigt seine Wirkung. Gemeinsam stehen wir am Straßenrand im strömenden Regen und wechseln in Formel1-Geschwindigkeit und mit den dazugehörigen Geräuschen (wir sind wohl etwas überdreht) gemeinsam den platten Reifen. Bei Graciela in ihrem blauen Haus werden wir schon erwartet. Schnell werden noch die Zelte im immer heftiger werdenden Wind aufgestellt und dann wärmen wir uns bei einem Gläschen Rotwein in ihrem gemütlichen Haus auf.

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145 km heute, ein gefüllter Bauch und dann noch die heimelige Wärme. Sabrina schläft trotz all des Trubels im Haus auf der Couch ein und merkt nicht einmal als sie zugedeckt wird.

Die Nacht im Zelt ist mal wieder eine typische Stadtnacht. Mehrmals werden wir von Hundegebell aufgeweckt, welches wie meist für über eine Stunde anhält. Aber auch der an unserem Zelt rüttelnden Wind macht die Nacht etwas unruhig. Falls sich wer fragt was unsere Matratze macht:

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sie platzt weiter. Aber das super Service von Exped schickt uns eine Neue nach Deutschland, damit wir am Heimweg noch gemütlich schlafen können.

Sonst wird viel gegessen, geplaudert, wir können uns endlich mal wieder kreativ betätigen,

… der dreitägige Aufenthalt ist sehr kurzweilig. Der Wind pfeift wie wild, die Zelte biegen sich in alle Richtungen, der Regen fällt 43 Stunden durchgängig…. da genießen wir es im warmen Wohnzimmer zu sitzen. Es herrscht eine gute Stimmung, obwohl so viele unterschwellige Emotionen aufeinander prallen. Hier treffen Radler, die in wenigen Tagen ihre Reise beenden, auf Radler, die vor wenigen Tagen in Ushuaia angefangen haben. „Neue“ Radler, hochmotiviert und mit dem neuesten Equipment ausgestattet, mit vielen Fragen bewaffnet begegnen „alten“, gelassenen Radhasen, mit viel geflickten/löchrigem/improvisierten Gepäck und einem erst hier realisierbaren unerschöpflichen Wissen über Reise, Route, Rad, … . Wir finden es spannend. Es zeigt uns, wie wir wahrscheinlich selbst zu Beginn unserer Reise waren und wie wir uns seit dem täglich entwickelt haben ohne es zu merken.

Wind und Wettervorhersage für die nächsten zwei Tage sind okay, also fahren wir nach 3 Tagen weiter. Von Rio Grande nach Ushuaia wären es theoretisch 2 Radtage. Wir planen 4, mit Ruhetagen dazwischen ;-) ! Sich langsam dem Feind (Flughafen) zu nähern, ist die „Galgenhumordevise“ ;-) .

Hinter Rio Grande biegen wir schnell von der Hauptstraße ab. 40km Umweg liegen vor uns, aber dafür einmal noch eine schöne Piste. Einmal noch verkehrsfrei. Einmal noch Stille. Das ist unser Wunsch. Und schnell wird dieser erfüllt. Wir fahren durch Ebenen in denen uns der Wind um die Ohren pfeift, hindurch kleiner Wälder die uns Schutz bieten, immer leicht hügelig rauf und runter. Es ist wunderschön hier, die liebgewonnen Bartbäume begleiten uns und bilden wie immer einen kleinen Märchenwald.

Gemächlich rollen wir dahin und verspüren eine pure Zufriedenheit wie schon lange nicht mehr. Am frühen Nachmittag kommen wir am Lago Yehuin an und befinden, dass es ein idealer Platz ist um unser Zelt aufzustellen. Eingebettet von Bartbäumen sitzen wir bei Kaffee und Dulce-de-Leche Brötchen vor dem See, der absolut ruhig vor uns liegt. Es ist so ungewohnt Still hier, nicht einmal ein Hauch von einem Lüftchen weht hier. Zum genießen!

 

Obwohl Sommer ist, ist es hier herunten nicht wirklich warm. Wir haben mal wieder alles an was wir mithaben.

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Da der bevorstehende Tag kurz wird und der Wind auch nicht stark werden soll, können wir uns endlich mal wieder von der Sonne und nicht vom Wecker wecken lassen. Beim Frühstück erfreuen wir uns noch einmal an dem schönen See mit seinen Bergen im Hintergrund, bevor wir uns wieder auf machen. Die Landschaft ist wie gestern: hügelig, Wald und ebene karge Flächen wechseln sich ab, zwischendurch Sumpflandschaft.Der Wind hilft in der Pause unser Zelt zu trocknen.

Heute begegnen wir vielen Guanacos. Eigentlich freuen wir uns immer wenn wir sie sehen, heute aber nicht. Denn der Abstand zwischen den Zäunen links und rechts der Straße ist gering, die Tiere fühlen sich gejagt und versuchen wie immer zu fliehen. Aber es sind viele Jungtiere dabei, welche es noch nicht schaffen über den Zaun zu springen. So müssen wir unzählige Male mit ansehen wie sie in ihrer Angst ungebremst dagegen rennen, immer weiter von ihrer Herde davon laufen, …. . Wir versuchen viel Platz zu lassen, bleiben stehen, schieben, warten, … egal was wir machen, diese Tiere sind von ihrem Fluchtinstinkt so getrieben, dass all unsere Bemühungen nichts nützen. Ein Auto kommt uns entgegen und erschreckt eines der Tiere noch mehr. Dafür läuft es jetzt wieder in die Richtung aus der es kam. Es ist wirklich nicht schön so etwas mit zu erleben. Nach vielen Kilometern finden sie dann manchmal einen Möglichkeit unter dem Zaun durch zu schlüpfen oder doch ein Gebüsch hinter dem sie sich verstecken können. So können wir nur hoffen, dass sie wieder zu ihrer Herde finden.

Und dann sehen wir in der Ferne einen LKW – wir sind wieder kurz vor der Hauptstraße. Im Gedanken, dass dies mit hoher Wahrscheinlichkeit unsere letzten KM auf südamerikanischer Piste auf dieser Reise waren, werden wir zu emotionalen trotzigen Kindern und setzen uns 500 Meter vor der Ruta 3 in die Wiese.

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Wozu, wissen wir nicht, verändert ja (leider) nichts, aber wir wollen einfach noch nicht wieder rauf zum Schwerverkehr. Der Himmel verdunkelt sich, also steigen wir dann doch wieder auf unsere Räder und sausen die verbleibenden 17km nach Tolhuin.

Hier befindet sich eine unter Radlern bekannte Bäckerei. 100Km vor dem Ende ist es eine beliebte Anlaufstelle für einen oder mehrere Tage (ein Radler soll hier mal für 1 Jahr gestrandet sein ;-) ). Emilio, der Besitzer bietet Reisenden ein Dach über dem Kopf an und soweit wir wissen, darf man auch mithelfen beim Backen. Davon träumt Wolfi schon seit den ersten Kilometern in Costa Rica, seine Vorfreude ist riesig.

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Wir beziehen eine Matratze im Fitnessraum und plaudern mit einem Weltenradler, Taneli aus Finnland. Man merkt, dass wir schon etwas gegen Ende der Radlersaison hier ankommen, denn in Stoßzeiten tummeln sich hier bis zu 20 Radler!!

Am nächsten Tag wird Wolfi bitter enttäuscht: wir dürfen in der Bäckerei nicht mithelfen. Der Weltenradler ist für ein paar Wochen hier und hilft jeden Tag 4 Stunden. Dies würde ausreichen. Wir sind geknickt. So gerne hätten wir, auch wenn nur für eine Stunde täglich, mitgeholfen. Wir wollten hier eigentlich mehrere Tage bleiben, den Prozess der Herstellung der leckeren Teilchen miterleben und uns auf unsere letzten 2 Radtage nach Ushuaia mental einstellen. Aber so kommt es eben anders als gedacht. Zumindest dürfen wir in der Produktion zuschauen. Die Mitarbeiter sind extrem freundlich, wir verbringen 2 Stunden beim Zuschauen diverser Produktionsschritte (wünschten wir würden nicht wissen WIEVIEL Butter hierfür verwendet wird) und sind am Ende dann etwas versöhnlich gestimmt. Die Bäcker lassen uns von fertigen Mehlspeisen kosten und weder Fernseher noch der Mate dürfen bei den Mitarbeitern fehlen ;-).

Wolfi ist nach wie vor enttäuscht, redet er doch seit Wochen bzw. Monaten von nichts anderem mehr wenn es um das Ende der Reise ging. Aber alles ist gut so wie es ist ;-) und so nutzen wir ein angekündigtes Schönwetterfenster von 2 Tagen und verlassen Tolhuin bereits nach 2 Nächten wieder.

Na gut, die 2 guten Tage sind in Wahrheit nur 1 ½, denn heute soll es ab Mittag noch Regnen. Also wieder früh rauf auf die Räder. Brrrrr, es hat zapfige 4 Grad. Wir sind aber zu faul um die Handschuhe rauszusuchen und lenken uns mit dem schönen Blick auf den Lago Fagnano ab.

Nahezu kein Wind, Asphalt, leicht hügelig, … wir kommen extrem gut voran. So erreichen wir unser Ziel, den Lago Escondido bereits vor dem Mittagessen. Der See liegt exakt in der Mitte der verbleibenden Strecke nach Ushuaia, abseits der Hauptstraße. Uns bietet sich ein wunderschönes Panorama, der See ist umgeben von Wald und Bergen. Wir suchen nach einem Plätzchen und als wir das Schild Hosteria Petrel lesen, erinnern wir uns, dass wir in Punta Arenas von anderen Radlern den Tip von einer leerstehenden Herberge bekommen haben. Also fahren wir immer weiter am See entlang bis wir das erste Häuschen sehen. Wahnsinn!!! Traumhaft schön. Es gibt mehrere verfallene Cabanas die direkt am See gebaut sind, die Erste ist noch intakt. Wir verlieben uns auf Anhieb in die Veranda.

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Ein Traum von einem Platz. Die Sonne scheint noch, also tragen wir das Holzsofa, das es hier sogar noch gibt, schnell hinaus und entspannen uns erstmal.

Ein Haus am See, Wellen die ans Ufer treffen, 4 Enten die in der Ferne schnattern, Blick auf die Berge, … ach Herz was willst du mehr! So versinken wir in einen wohligen Siestaschlaf und werden erst von den ersten Regentropfen geweckt. Die Holzbank wird einfach um ein paar Meter verschoben, wir mummeln uns in einen Schlafsack ein, lesen eine Runde, trinken dabei Kaffee und hören das stetige tropfen des Regens auf dem Dach.

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Die tiefen Wolken ziehen über die Landschaft, verhüllen und enthüllen immer wieder andere Teile der Berge. Merkt man, dass wir es hier toll finden? ;-) .

Es ist der letzte Abend vor Ushuaia. Aber wir werden wider erwartend nicht sentimental. Ein schöner Radtag wie so oft, ein wunderschöner Schlafplatz mal wieder und ein Abend mit Wein, Oliven und Käse … ein ganz normaler Tag also ;-) ! Reines Glück über den schönen Platz fühlen wir, sonst nichts.

Am nächsten Morgen wird Wolfi mit einer Factura, einer Kerze, einem kleinem Ständchen und einer Nuss-Schoko-Mischung zum drüberstreuen (von Grido) aufgeweckt. Feliz cumpleaños!!

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Gemütlich machen wir uns auf den Weg und auf die letzte Andenüberquerung dieser Reise. Der Paso Garibaldi mit seinen 450hm ist schnell gemacht, die Aussicht auf den See und unseren Schlafplatz ist wunderschön.

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Nach der Abfahrt geht es gewohnt hügelig dahin, an Skigebieten und toller Landschaft vorbei.

Wir haben es alles andere als eilig, und so machen wir noch einmal 10km vor Ushuaia an einem schönen Fluss Mittagspause, obwohl der Magen noch gar nicht danach verlangt.

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Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau. Was für ein Glück. Dutzende „Ushuaia-Ziel“ Fotos haben wir gesehen und ALLE hatten bedeckten Himmel. Also hat es zum Abschluss auch mal was Gutes, dass wir in den letzten Monaten immer untypisches Wetter hatten ;-) .

Wie aus dem nichts, und viel zu früh, tauchen plötzlich die bekannten Türme der Stadteinfahrt von Ushuaia auf. „Was, wie jetzt? Wir sind schon das? Das ist aber jetzt ein Witz! Darauf war ich nicht gefasst!“ lacht Sabrina nur vor sich hin, bevor wir uns in Pose werfen.

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Die Türme kamen so überraschend hinter einer Kurve und mit guten 5 km früher als gedacht, dass wir keine Zeit hatten emotional zu werden. Es war bis dahin einfach ein normaler Radtag mit all seinen liebgewonnen Ritualen. Nach den Fotos liegen wir uns dann doch noch in den Armen und die ein oder andere Träne kullert.

Ob wir traurig sind?? Nein, überhaupt nicht. Warum auch?? 16.535km, 209.646 hm, 426 Tage, 1187 Stunden am Fahrrad,… das sind alles nur Zahlen. Zahlen die wiederum für tausende von unbeschreiblichen Momenten, hunderten von prägenden Begegnungen und unzähligen von bereichernden Erfahrungen stehen. 14 Monate, die wir Tag ein Tag aus gemeinsam erleben und miteinander teilen durften.

Stolz sind wir natürlich auch. Wenn wir auf die Weltkarte schauen, können wir es selbst immer noch nicht begreifen was wir alles mit dem Fahrrad gefahren sind. Mehr aber, als über die erbrachte Leistung, sind wir stolz darauf unseren Traum gelebt zu haben. So verrückt er auch geklungen haben mag, manchmal sogar für uns selbst, so klar hatten wir ihn immer vor Augen. Dieser Gedanke löst dann aber auch gleichzeitig Wehmut aus.

Wir sind wehmütig darüber, dass wir morgen nicht wieder auf die Räder steigen und weitere einzigartige Landschaften entdecken und neue Leute kennen lernen werden. Wehmütig, nicht im Zelt schlafen zu können, nicht den Tagesrhythmus von Wind und Wetter, sowie von seinem eigenen Körper bestimmen zu lassen. Keine Mittagspausen mehr im Freien und kein spontanes alle „Viere“ von sich strecken, wenn es zu anstrengend wird. Nicht mehr ständig alle notwendigen Sachen bei sich zu haben und sich selbst aktiv von A nach B zu bewegen wird uns genauso fehlen, wie die Tatsache nicht mehr täglich so viele Stunden im Freien zu sein. Ebenso schade ist es, nicht mehr aktiv zu der „Radfamilie“ zu gehören. Die Freiheiten die wir hatten, schlichtweg wieder aufgeben zu müssen.

Vorerst heißt es aber mal realisieren. In unseren Köpfen ist es noch nicht angekommen, dass die 14 Monate schon um sind. Dass wir schon ganz unten auf der Landkarte angekommen sind. Dass es bald wieder nach Hause geht.

Wie so oft in letzter Zeit hält es uns aber nicht lange an einem Ort. Zu stickig die Räume, keine frische Luft und kalte Nase in der Nacht, zu viele Menschen auf den Straßen und in den Kaffees. Wir flüchten kurzentschlossen und hören wieder das vertraute klicken unserer Taschen, wenn wir sie auf die Gepäckträger schnallen, bereits nach weniger als 48 Stunden in Ushuaia. Der Schotter knirscht noch einmal unter unseren Rädern, die Rohloff schnurrt noch einmal beim Bergabfahren. Wir machen uns auf, raus aus Ushuaia und hinein in den Nationalpark Tierra del Fuego. Jeder Wettervorhersage wird getrotzt – Hauptsache raus. Drei Tage, zwei Nächte zelten wir an einem Fluss und spazieren über die vielen kurzen Wanderwege, nehmen noch einmal jeden Winkel der patagonischen Natur in uns auf, verkriechen uns in unserem mobilen zu Hause wenn es schüttet oder der Wind alles gibt, lesen und lassen es uns mit viel Dulce-de-Leche, Wein und Co gut gehen.

Morgen geht es, mit einem kurzen Umweg, nach Frankfurt. Knappe 1000 Radkilometer  haben wir dann noch Zeit um uns an Altbekanntes wieder zu gewöhnen und das viele Neue zu verarbeiten. Jeden einzelnen Freund/Bekannten/lieben Menschen, … zu begrüßen würde viel zu lange dauern. Wir würden wirklich gerne, nach so langer Zeit so viele Leute wie möglich auf einmal sehen. Wir freuen uns auf jeden einzelnen der sich auf uns freut ;-) und hoffen dich auf unseren letzten Metern, die wir in Wien einrollen werden, zu sehen. Wann und Wo erfährst du, wenn du uns eine E-Mail schreibst.

Hiermit sind auch die letzten Sätze des Blogs geschrieben. Danke an alle, die uns die letzten Monate hierdurch begleitet haben. Vielleicht wird der Blog ja in den kommenden Jahren wieder reaktiviert, vamos a ver  ;-) .

Es war kein Urlaub und es ist schnell mehr als nur eine Reise geworden. Es war Abenteuer. Es war das Realisieren eines großen Traumes. Es war unser Leben. Für 426 unbezahlbare Tage und es sollen nicht die Letzten gewesen sein.