Immer dem Sonnenaufgang entgegen – das Radnomadenleben beginnt wieder

Donauradweg von Wien bis Kladovo / Serbien

1055 Km total

4266Hm hinauf total

17.3.2019 – 30.3.2019; 13 Tage, davon 10 ½ Tage am Rad

Route / GPS Daten: hier klicken

17.3.2019 10:55 – Nicht ganz zwei Jahre waren wir wieder im Lande. Was sind wir aber gerade froh endlich die Türe hinter uns schließen zu können. Bis zur allerallerletzten Minute haben wir noch mit „Vorbereitungen“ verbracht. Die To-Do-Liste sieht zwar ziemlich abgearbeitet aus,

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aber die vielen kleinen Dinge die es nie auf die Liste geschafft haben sind noch offen. 3 Monate Vorbereitungszeit liegen hinter uns, mit 2 intensiven letzten Wochen. Jetzt ist es aber soweit, wir können nichts mehr Vorbereiten, weil es los geht. ENDLICH!!! Regelrecht ein Gefühl der Erleichterung überkommt uns.

Einzig als wir die Räder die paar Stufen von unserer Wohnung auf die Straße tragen, stutzen wir kurz. Warum zum Teufel sind die so schwer?? Es sind doch nur 15 kg Gepäck pro Person am Rad.

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Vielleicht liegt es daran, dass so kurz vor dem Start die Zeit immer so knapp wird und wir aus der Not heraus nicht mehr Proviant einkaufen waren. Darum wurde einfach alles was Platz hatte aus dem Vorratsschrank in unsere Taschen geschmissen.

So schwappen wir also direkt vom Stress und Chaos hinein in eine zuerst gut gestimmte, lustige Abschiedsrunde vor dem Riesenrad,

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die dann doch in Herzschmerz mit vielen Tränen endet. Aber wir sind gut abgelenkt auf den ersten Kilometern, denn eine kleine Gruppe von Freunden begleitet uns. So fühlt es sich mehr an wie ein Ausflug, als wie ein Abschied auf unbestimmte Zeit.

Vor Hainburg umarmen wir dann auch die letzten drei Wegbegleiter und stehen dann doch etwas plötzlich alleine da. Jetzt wird es ernst und ganz real – das nächste Abenteuer liegt vor uns. Wir sind noch etwas betäubt von all den Emotionen der letzten drei Abschieds-Tage als wir unser Zelt aufstellen und den frisch gepflückten Bärlauch in die Pasta schnippeln. Ja nicht zu viel darüber nachdenken was wir vor haben, denn trotz Erfahrung erschlägt sogar uns der Gedanke, dass wir bis nach Süd-Ost Asien mit dem Rad möchten und dann vielleicht sogar noch weiter. Lieber in Etappen denken: geliebtes Istanbul mit seinem türkischen Kaffee, wir kommen!!! Das klingt doch gleich viel machbarer.

So schlafen wir also zufrieden und glücklich, aber noch nicht realisierend, dass das heute DER Tag war, in unseren Schlafsäcken ein.

Bei all den Vorbereitungen ist die Streckenplanung mal wieder sprichwörtlich auf der Strecke geblieben. Einzig darauf, dass wir am Anfang der Donau entlang fahren, haben wir uns im Vorfeld geeinigt. Einerseits um im Flachen langsam Kondition aufbauen zu können, denn das einzige was Sabrina die letzten Monate ausgiebigst trainiert hat war Couching. Der andere Grund ist, dass wir auf der Mittelmeerroute lieber in die Berge hätten wollen, das aber Ende März doch noch etwas zu früh gewesen wäre – lieber ein andermal. Deshalb nehmen wir die gemütliche, schnelle, wenn auch minder spektakuläre Variante in die Türkei, um für die darauffolgenden Länder mehr Zeit zu haben.

Bis Kroatien vergehen die Tage ziemlich ähnlich: wir werden um 5:30 von den Vögeln geweckt, schlummern meist noch bis 6:30, um uns dann aus den Schlafsäcken zu schälen. Die nächsten 1 ½ bis 2 Stunden sind wir mit Schlafsäcke und Zelt trocknen, sowie Frühstücken

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und zusammenpacken beschäftigt. Die Nächte sind stets im Minusbereich, die Umgebung feucht, die Schlafsäcke leisten auch nicht mehr das was sie mal ursprünglich konnten, … es ist also etwas frisch in den Nächten. Der restliche Tag ist mit fahren am Damm, mit und ohne Blick auf die Donau,

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auf Nebenstraßen und ganz zu unserem Leidwesen, auch des öfteren auf Hauptstraßen ausgefüllt.  In Ungarn, z.B., wo der Asphalt oftmals ein einziger löchriger Bröserlteppich ist, ist die Hauptstraße dann noch anstrengender für uns. Zum Glück gibt es selbst wenn der Radweg in einer einzigen Sumpflandschaft untergeht, andere Wege dir wir uns suchen können.

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So müssen wir also nicht auf  „mongolisch“ machen und unsere Räder durchs Wasser tragen. Zivilisation hat doch auch seine Vorteile.  Manchmal hat man sogar die Qual der Wahl welche Umleitung man wählt.

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Zumindest wissen wir, wahrscheinlich dank anderen Radlern, dass wir am Donauradweg ( Eurovelo6) schon mal in die richtige Richtung nach SüdOstAsien unterwegs sind.

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Jeden Tag schaffen wir über 110km, ausgenommen der Tag, an dem wir Budapest durchqueren – ganz schön mühsam sich bei diesen zick-zack-Baustellen- und Einbahnfahren zu orientieren. Wir schwören uns, dass uns so schnell keine Großstadt mehr sieht.

Manchmal verfliegen die Kilometer wie nichts und genauso oft ziehen sie sich endlos dahin. 50 km kontinuierlich am Damm fahren, links und rechts Bäume, da sind sogar wir froh wenn wir Asphalt unter den Rädern haben, so das diese Eintönigkeit schneller ein Ende hat.

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Vorausgesetzt der Asphalt ist fahrbar und man muss nicht auf die Wege daneben ausweichen.

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Dadurch lernt man sich wieder an den kleinen Dingen zu erfreuen: den unzähligen Hasen, den Störchen die schon retour sind (Kroatien: in einem Minidorf 10 bewohnte Nester!!!)

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an süßen Kirchen und Dörfern,

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und unerwartet schönen Städten,

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an Bäckereien die am Weg liegen,

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… . Eigentlich machen wir den ganzen Tag nichts anderes als zu essen. Zwischen Frühstück, zweitem Frühstück, Mittagessen

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und Abendessen liegen unzählige Stops mit Snacks. Auch das macht bekanntlich Laune. Manche Dinge ändern sich eben nicht, und gewisse Rituale sind nach wie vor die selben. Neu ist nur, dass Wolfi ein Snacksackerl gefüllt mit Nüssen und Trockenfrüchte direkt am Lenker montiert hat – Schnellzugriff quasi – manchmal zählt halt jede Sekunde um aufkeimende UnterzuckerungsKrisen abzuwenden ;-) .

Gegen 16 Uhr beginnen wir stets mit der Suche für einen geeigneten Platz für unser Zelt. Vor 17 Uhr werden wir selten fündig. Um 18 Uhr geht bereits die Sonne unter, aber die Arbeitsaufteilung ist klar und so liegen wir mit zufriedenen, vollen Bäuchen meist um 19Uhr00 im Zelt und sagen, gute 5 Stunden früher als normalerweise zu Hause, kurz darauf Gute Nacht. Die etwas andere Routine eben.

Einzig und alleine die Schlafplatzsuche ist ein Thema, welches wir manchen Momenten gerne anders hätten, im Nachhinein betrachten aber stets eine gute Lösung war. Denn aufgrund der noch fehlenden Blätter an Bäumen und Sträuchern, sowie den vielen Sumpfregionen, oder endlos dicht besiedelten Stadtausfahrten, ist es manchmal nicht ganz so leicht ein Plätzchen zu finden.

Die Nacht vor Budapest ist unsere Schlafplatzwahl definitiv eine Notlösung. Aus Mangel an Alternativen, weil alles um uns herum entweder sumpfig oder dicht bewohnt ist, biegen wir in ein überwachtes Jagdgebiet ab und verschanzen uns hinter einem Hügel. Ein gutes Gefühl beim Einschlafen fühlt sich definitiv anders an. Zu unserem Glück ist die Nacht ruhig und wir werden erst in der Früh vom Wachpersonal entdeckt und freundlich gebeten wieder zu gehen. Nichts lieber als das!

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Auch hinter Budapest kommen wir etwas in die Bredouille. Die Sonne geht bereits unter und wir fahren immer noch von Dorf zu Dorf, dazwischen nichts als Acker. Daher bleibt uns nichts anders übrig als in einem Dorf zu fragen wo wir unser Zelt aufstellen dürfen. Kein Problem, uns wird eine Grünfläche neben einem Restaurant, wunderschön an einem Seitenarm der Donau, zugewiesen.

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Mit dem Wissen ,dass es auch so klappt, steuern wir am nächsten Abend einfach ein Bistro an einer stillgelegten Fähre an und bekommen sofort das okay, es uns am Volleyballplatz gemütlich zu machen. Trotz der Kälte gibt es heute ein Feierabendbier.

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Etwas komisch ist es schon so sichtbar zu zelten, denn eigentlich ist die oberste Regel ja nicht gesehen zu werden, aber wir bekommen das Gefühl, dass die Menschen hier dies durchaus von den Donauradlern gewohnt sind. Aber auch der ein oder andere perfekte Wildcampingplatz erschließt sich uns auf dem Weg durch die Slowakei und Ungarn.

Ab dem 6. Radtag und dem 4. Land auf unserer Reise, Kroatien, verändert sich aber etwas. Wir können es selbst nicht benennen was genau es ist, aber irgendwie fühlt es sich an als würde hier die Reise erst so richtig beginnen. Die Menschen sind um ein vielfaches offener, freundlich, interessiert,…. kurzum, wir kommen leichter mit ihnen in Kontakt. Auch wenn uns der Weg nach Kroatien hinein nicht gerade leicht gemacht wird:

Gemütlich und rhythmisch treten wir mit Rückenwind bei guten 23km/h an einem Damm dahin, mit dem Ziel die Grenze nach Kroatien auf einem Feldweg zu überqueren (wie auch schon zwei uns bekannte Radler vor einem Jahr). Tja, dieses Vorhaben haben wir aber ohne den Herrn Orban gemacht, denn dieser hat seinen Zaunbau um Ungarn sehr ernst genommen. So treffen wir nach 12 km Fahrt am Damm links von uns auf einen Stacheldrahtwall.

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Zuerst sind wir von diesem Anblick einfach nur schockiert und irritiert zu gleich,radeln aber weiter. Wir immer noch am Radweg auf ungarischer Seite, 50 cm links von uns, hinter dem Zaun, Kroatien. Erst einige Kilometer später sickert es allmählich: es wird den Grenzübergang nicht mehr geben. Just in dem Moment kommt uns eine Grenzpolizeistreife im Auto entgegen und bestätigt unsere Vermutung: die gesamten 15km wieder retour und über die Hauptstraße ins Nachbarland. Na toll!! Zu dem Widerwillen den selben Weg, noch dazu mit Gegenwind, wieder zurück zu fahren, kommt die Tatsache hinzu, dass es bereits spät ist. Wenn Ungarn schon so einen Wirbel macht um die Flüchtlinge, dann möchten wir definitiv nicht grenznahe unser Zelt in diesem Land aufstellen. Also treten wir ordentlich in die Pedale. Jedoch werden wir von all den Ausflugsradlern verunsichert. Wohin bitte fahren die?? Vielleicht haben uns die mürrischen Grenzbeamten nicht verstanden, oder verstehen wollen. Eine Frau erklärt uns, dass es eine beliebte Strecke bei den Einwohnern von Mohács ist. Bis zum Zaun und wieder retour. Na gut, dann bleibt uns wirklich nichts anderes übrig. Als wir nach gut 25 km endlich bei untergehender Sonne die Grenze erreichen, fragt uns auch noch der Beamte aus wo wir denn heute schlafen werden. Ja bitte wenn wir das wüssten. Wenn er nicht bald wieder unsere Personalausweise hergibt, dann wird uns nichts anderes übrig bleiben als hinterm Zollhaus unser Zelt aufzustellen. Aber bekanntlich ist an der Grenze kein Spaß erlaubt, also nennen wir einfach ein Dorf das wir als nächstes auf unserer Karte finden. Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir dann wirklich noch das Grenzdorf Dobosevica in Kroatien. Es wird gerade zur Messe geläutet und der Pfarrer ist noch beschäftigt mit der Beichtabnahme, als wir vor einer Traube von Frauen vor der Kirche stehen bleiben.

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Das Schicksal ist gnädig und sendet uns eine deutsch sprechende Frau, die sofort alle Hebel in Bewegung setzt und keine 10 Minuten später steht unser Zelt im Pfarrhof und der Kocher erhitzt das Nudelwasser. Die Erinnerungen an Südamerika, wo wir ja dutzende Male herzlichst in Kirchen aufgenommen wurden, verstärkte sich, als der Pfarrer die Beichtabnahme unterbricht und zu uns kommt um uns auf spanisch herzlich willkommen zu heißen. Er selbst war für drei Jahre in Urugay und ist erst wieder seit zwei Wochen hier.

Wenn man es so will, ist die Schlafplatzsuche also das Highlight des Donauradweges. Wir wussten, dass er nicht gerade spannend werden wird, von dem her können wir damit gut umgehen. Also sind die langen Tage eine Hassliebe aus schnell vorankommen und dem Fakt, dass sie einfach zu lange sind.

In der Früh verbringen wir noch ein wenig Zeit mit dem Pfarrer. Er fällt mehrmals fast um vor Entzücken, Lachen, Kopfschütteln, …. wenn er uns über unsere Reise ausfragt. Er selbst hat viel vor in dem Dorf, unter anderem alte, historische Dinge aus dem Dorf in einem Nebengebäude der Kirche zu präsentieren. Heute kommt der Bischof und sieht es sich an, denn eigentlich sollen die Gegenstände und Kutten in ein größeres Museum gebracht werden. Wir helfen ihm den Raum auf Vordermann zu bringen und dürfen die für uns schönsten Kutten auswählen die zur Schau gestellt werden sollen.

 

Denn schließlich sind wir, die Touristen, seine künftigen Besucher und wissen somit am Besten was wir sehen möchten, sagt der Pfarrer. Eine kleine Führung durch die renovierte Kirche gibt es auch noch zum Abschluss und wir machen uns wieder auf den Weg.

In Kroatien selbst verbringen wir nur 2 Nächte, bevor wir in unser 5. Land reinrollen: Serbien. Nach 7 Tagen unter freien Himmel und ohne Dusche, sind wir froh darüber bei Milan und seiner Familie über die Internetplattform Warmshower aufgenommen zu werden. Wir brauchen ein bisschen um uns wieder auf der anderen Seite des Warmshower-Daseins zurecht zu finden. Waren wir in letzter Zeit stets die Gastgeber denen immer wichtig war, dass sich die Radler wie zu Hause fühlen, am Kühlschrank bedienen sollen, die Wäsche waschen können, … so stehen wir anfangs etwas verloren im Wohnzimmer und warten auf Anweisungen weil uns alles ein wenig unangenehm ist. Milan und seine Frau haben die selbe Einstellung wie wir, denn bereits nach 20 Minuten wandert der Wohnungsschlüssel in unseren vorübergehenden Besitz und sie Verabschieden sich zu einer Kinderfeier. Dennoch können wir in dem Moment mit soviel Vertrauen und Großzügigkeit nicht umgehen. Also Flucht unter die Dusche und ab zum Strand in Novi Sad auf ein Bier.

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Die Altstadt von Novi Sad gefällt uns sehr gut. Eine Stadt mit einem charmanten Zentrum, einen gemütlichen Strand und einem durchaus ausgebauten Radwegsystem.

Eine Tagesetappe entfernt würde Belgrad liegen. Nur ungern möchten wir schon wieder in eine Großstadt und auf klassisches Sightseeing haben wir keine Lust. Da kommt uns Milan mit seiner Alternativroute für die nächsten 2-3 Tage genau richtig. Also verlassen wir nach 2 Nächten Novi Sad über den Norden und radeln anfangs noch der Donau entlang. Hirten treiben ihre Schafe über Felder,

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die Sonne scheint wieder, die Vögel zwitschern, der Weg ist nicht asphaltiert. Schön also.  Ein Traktor bleibt neben uns stehen, als wir gerade über den Damm mit Blick auf schöne Nebenarme der Donau entlangholpern. Tja, bis auf die wichtigsten Wörter können wir kein Serbisch. Aber serbisch klingt oft „ähnlich“ wie russisch, daher ergibt sich schnell eine Kauderwelsch-Unterhaltung zwischen dem Bauern und Sabrina. Woher, wohin, ….ah, Türkei….ah türkischer Kaffee….ob wir einen wollen…. . Schwupps rollen wir keine 100 Meter weiter zu dem einzigen Haus weit und breit und nehmen vor dem Haus neben Dosan und seinem Sohn platz. Wir brauchen gar nicht bis in die Türkei fahren, denn in Serbien trinkt man mit Vorliebe Kaffee der ähnlich wie türkischer K. zubereitet wird. Über eine Stunde sitzen wir dort und sind dankbar, dass der Bauer mit Händen und Füßen redet, denn in Wahrheit ist sein russisch genauso gut wie unser serbisch. Trotzdem gibt’s genug zu lachen, zu staunen und wir glauben zu wissen was er uns erzählt. Ganz sicher aber haben wir das ausgeklügelte Wasser – Brunnen – Kanalsystem verstanden, welches bereits die Erzherzogin von Österreich Maria Theresia bauen hat lassen. Auch unmissverständlich ist seine Meinung darüber, warum wir nicht mit dem Auto reisen und trotz Heirat keine Kinder haben. Manchmal erwischen wir uns aber wie wir gedankenverloren vor uns dahergrinsen. Einfach nur, weil wir so happy und dankbar sind endlich wieder eine dieser unbezahlbaren Begegnungen zu haben, wie man sie unserer Meinung nach nur am Fahrrad erleben kann. Unser Burek, welches wir gerne teilen ist schnell verschlungen, aber der große Teller mit hausgemachter Wurst und Speck von Dosan will, obwohl wirklich köstlich, einfach nicht weniger werden. Mit einem vehementen Grinsen und einer eindeutigen Handbewegung werden wir regelrecht gezwungen solange zu bleiben bis alles aufgegessen ist.

Irgendwann, nach über einer Stunde, ist es dann „geschafft“, der Teller ist leer und Dosan zufrieden. Wir verabschieden uns mit einer herzlichen Umarmung und machen uns weiter auf den Weg.

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Allzu weit kommen wir aber nicht, denn unerwartet entdecken wir ein wunderschönes Kloster im nächsten Dorf.

Auch dort werden wir wieder angesprochen und ausgefragt. Obwohl der Speck noch im Magen liegt, halten wir nach wenigen Kilometern bei einem Greißler in einem Minidorf. Kaum kommt Sabrina vom Einkauf retour, ist Wolfi auch schon wieder in einem Hand-Fuß Gespräch mit einem Mann verwickelt, der dann einen 10 minütigen Monolog auf russisch darüber hält, wie schlecht nicht sein russisch wäre. So viele Begegnungen an einem halben Tag – wir lieben diese Alternativroute.

Durch all diese unerwarteten Stopps machen wir heute nur wenig Kilometer. Gut so!! Daher nehmen wir das Angebot von Milan an und rufen ihn nach 50 km an, dass wir in Titel angekommen sind. Dort leben nämlich seine Eltern. Wir hätten nicht gedacht, dass wir wirklich hier schlafen werden, denn 50 km haben wir bisher locker bis zum Mittagessen abgeradelt, aber heute ist es eben anders. 16 Uhr, ein Anruf und 5 Minuten später werden wir von der Nachbarin vor dem Haus der Eltern erwartet. Diese wussten nämlich nichts davon, dass wir heute eventuell kommen werden und haben erst vor 5 Minuten davon erfahren. Milans Mama kommt heute nicht heim, der Papa erst um 19 Uhr, daher schließt uns die deutschsprechende Nachbarin auf, feuert den Ofen an, zeigt uns das Ehebett in dem wir schlafen sollen und richtet uns aus, dass wir den Kühlschrankinhalt aufessen sollen. Sprachlos lassen wir uns am Sofa nieder und müssen den heutigen Tag erst mal sacken lassen. Dazu kommen wir aber nicht, denn es klopft an der Türe und uns werden schwäbische Spätzle gebracht und die Einladung zum Kaffee. Also wieder einmal essen und mit Keksen nach gegenüber. Ana und Toni sind ein sehr geselliges Paar und so gesellen sich zum Kaffee die Flasche vom besten hausgemachten Schnaps (Grappa) und Bier. Gott und die Welt, aber auch wieder die liebe Politik bzw. der Präsident sind Thema dieses Abend. Als würden wir die beiden schon länger kennen, so fühlt es sich an.

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Zum Frühstück sind wir auch wieder eingeladen, dieses Mal kommt Milans Papa mit und ist dankbar durch die Übersetzung von Ana und Toni mehr über uns zu erfahren. Es gibt Burek und Joghurt zum Frühstück. Ganz schön fettig für einen Start in den Tag, aber sooo gut!! Der Abschied fällt lange und herzlich aus, mit mehreren Umarmungen, Wünschen und Dankbarkeit von beiden Seiten über die tollen Stunden. Unsere Räder sind deutlich schwerer und eine Tasche geht nicht mehr zu, denn wir haben ein „Jausenpacket“ mit auf den Weg bekommen. Bestehend aus 4 Burek (ausreichend für 2 Mal Mittagessen), zwei laaaaangen hausgemachten Würsten und gefühlt einem Kilo Speck. Widersprache war zwecklos ;-) .

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Die alternative Route erweist sich auch heute als eine gute Wahl, denn wir kommen durch einige kleine süße Dörfer hindurch und stoppen in einem sogar um uns die „Gallery of Naive Art“ anzusehen. Die Dame des Museum ist sichtlich begeistert Besuch zu haben und erklärt uns alles sehr genau. Uns gefallen die farbenfrohen, alltagsnahen Gemälde sehr.

Klicke auf ein Bild, um es dir größer anzusehen.

Naive Kunst heißt sie deswegen, weil es alles keine professionellen Künstler sind, sondern einfach aus Spaß heraus und von der Seele weg malen. Obwohl wir keinen Platz mehr am Rad haben, können wir nicht nein sagen, als uns die Dame einen Wandkalender schenkt. Wir würden ihr das Herz brechen wenn wir ablehnen würden, das merken wir. Aber wir werden in ein paar Tagen in einer Stadt erwartet, vielleicht können wir dort mit dem Kalender Freude bereiten, so unser Gedanke als wir bei Burek Nummer 2 des Tages im Park sitzen und Fragen von Leuten beantworten. Wenn wir etwas gelernt haben, dann, dass man Burek IMMER mit Joghurt isst …. machen hier alle so. Es liegt einem danach nicht wie ein Ziegelstein im Magen finden wir.

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Erneut finden wir einen Wegweiser. Luftline bis zum ersten großen Etappenziel Istanbul:

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Manchmal lohnt sich aber ein Blick auf die kommende Strecke direkt auf der Karte, wie in diesem Fall. Ein großer Umweg von 1-2 Radstunden um ein riesen Gebiet aus Acker, würde am Programm stehen. Im Dorf weiß man nicht so recht was wir wollen, oder aber man verneint die Möglichkeit querfeldein zu fahren. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt denken wir uns und radeln drauf los. Leicht hügelig wird’s, braune staubige

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oder grün holprige Güterwege,

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Fahrspuren die sich kreuzen, abbiegen oder im Nichts verlieren, …. ein bisschen Abenteuerfeeling kommt auf. Das Bauchgefühl darf entscheiden welche Richtung wir einschlagen. Unsere Idee geht auf, wir sparen uns gut 20 km und haben auch noch dazu viel Spaß die mehr als eine Stunde am Acker. Im nächsten Dorf füllen wir am Brunnen Wasser auf – ein großer Vorteil von Serbien, denn diese gibt es in so gut wie jedem Dorf. Ebenfalls in vielen Dörfern sieht man eine mehrsprachige Beschriftung von Gassen. Da soll sich noch mal jemand aufregen, dass wir in manchen Gegenden in Österreich zweisprachige Ortsschilder haben!

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Knapp vor Sonnenuntergang entdecken wir ein kleines Flüsschen und nebenan einen großen Acker. Kitschig schöner Schlafplatz. Die Nudeln werden heute mit Speck gepimpt, was für ein Genuss!!

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Schluss mit schön ist es allerdings, als Wolfi ins Zelt kommt und es plötzlich einen lauten Knack macht. Was zum Teufel war das?? Ein Blick unter die Isomatte lässt uns schlimmes erahnen. Ein spitzer Ast hat sich durch den Zeltboden gebohrt. Immer kontrollieren wir den Boden bevor wir das Zelt aufbauen, aber diesen haben wir wohl übersehen. Nur wenige Sekunden später merken wir, wie die Isomatte immer weicher wird. Na toll. Es ist stockdunkel, flicken dauert seine Zeit, also wird die Nacht eher ungemütlich werden. Perfekter Ehemann wie Wolfi ist, lässt er sich nicht dazu überreden in der Nacht zu tauschen um auch mal bequem zu liegen. Die Nacht wird extrem kalt, unsere Wasserflaschen frieren komplett durch und Wolfi ist nur von einer dünnen Schicht vom kalten Boden getrennt. Dafür sieht er in der Früh ganz fit aus.

Wir genießen die ersten Sonnenstrahlen die uns treffen und machen uns weiter auf den Weg. Bald sind wir retour am Donauradweg und warten auf die Fähre nach Ram. Frischen Fisch aus der Donau wird hier überall angeboten.

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Schön waren sie die zwei Tage abseits des Donauradweges. Jetzt freuen wir uns aber wieder ihm zu folgen, denn das erste Highlight liegt knapp vor uns: das Gebiet um das Eiserne Tor.

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In Donji Milanovac sieht man wieder ein gutes Beispiel wie überraschend gut der Radweg in Serbien ausgeschildert ist. Vorbildlich!!

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Wir nutzen die schöne Promenade um das zweite Frühstück in ein Mittagspause auszudehnen, die Isomatte zu flicken, hinüber nach Rumänien zu blicken und köstlichen türkischen Kaffee um 50 Cent zu genießen.

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Ab hier wird die Donau sehr schmal und die Berge rundherum steil. Ein sogenanntes Durchbruchstal zwischen den serbischen Karpaten und dem Banatar Gebirge. Uns gefällt es, wir verdrehen uns die Köpfe und der Verkehr ist trotz Hauptstraße sehr erträglich.

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Die Zeltmöglichkeiten sind hier sehr limitiert, denn links ist die Donau und rechts die aufragenden Berge. Was sind wir froh, dass wir um 17 Uhr 30 endlich das Minidorf Dobra erreichen und nach Nachfrage unser Zelt am Sportplatz aufstellen dürfen.

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Der Sonnenuntergang ist ein Traum,

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die feuchte Kälte kriecht jedoch schnell unter sämtliche Kleidungsschichten, daher essen wir unsere Feier-Schokolade im Zelt: die ersten 1000km haben wir heute gemacht. 9 ½ Tage Netto waren es bis hierher. Wir freuen uns wie bei den ersten 1000km in Südamerika. 19:30 heißt es abermals Stirnlampen aus und Gute Nacht!

Es geht hügelig dahin und obwohl es diesig ist und die Landschaft wenn sie grün ist sicher noch schöner aussieht, sind wir froh die Route von Wien über die Donau gewählt zu haben. Wir sind von diesem Abschnitt hier begeistert

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und stoppen heute sooft für Fotos wie die letzten 10 Tage zusammen. Die 21 Tunnel auf dem ca. 110km schmalen Donautal machen ebenfalls Spaß. Ein wenig erinnern sie uns an Peru und den Canyon del Pato. Die meisten sind so kurz,

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dass man bereits vor dem einfahren das Ende sieht, ein paar sind über 200 Meter lang und im Stockdunkeln mit dem wenigen Licht am Rad etwas spooky. Vor allem wenn es unerwartet von der Decke tröpfelt.

Kafferituale werden wiederholt.

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Ein wenig anstrengend wird es dann auch, denn nach gefühlten 995km komplett in der Ebene, heißt es heute zwei Berglein zu überwinden. Nichts weltbewegendes und die 10 Prozent Steigung gehen besser als gedacht, aber kurz schauen wir neidisch auf die komplett ebene Straße auf rumänischer Seite. Dafür gibt es dort viel mehr Schwerverkehr, also alles gut so. Irgendwann müssen wir ja auch das bergauf fahren wieder trainieren, schließlich wollen wir ja in der Türkei und in Georgien in unsere geliebten Berge.

Von oben bietet sich uns ein traumhafter Blick auf das Durchbruchstal.

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Schwupps ist der Donaudurchbruch auch schon wieder vorbei und wir genießen am höchsten Punkt unsere späte Mittagspause. Was es heute gibt?? Wie die letzten Tage auch – die Wurst aus Titel ;-) .

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Eigentlich haben wir uns erst für morgen Vormittag in Kladovo bei den Eltern einer lieben Arbeitskollegin von Wolfi angemeldet, aber wir sind schneller als vermutet. Als könnte Obrad Gedanken lesen, ruft er in dem Moment an und fragt wie es uns geht und wo wir sind. Für ihn ist es kein Problem wenn wir bereits heute kommen. Also strampeln wir brav weiter und schaffen es trotz der Höhenmeter wieder auf 100km.

In Kladovo, eine Tagesetappe bevor wir endgültig der Donau und leider auch Serbien den Rücken zukehren werden, wartet bereits Obrad auf uns und wir werden, wie kann es anders sein, sehr herzlich empfangen obwohl wir ihn noch nicht kennen. Der Abend bei ihm zu Hause in einem nahegelegenen Dorf mit seiner Frau Susi wird gesellig und unsere Bäuche sind beim zu Bettgehen kugelrund. Wir dürfen unseren Beinen und Hintern ( nein, der Ledersattel ist auch nach 1000km noch nicht so richtig eingesessen) hier eine Pause gönnen und dürfen zwei Tage bleiben. Das Frühstücken fällt nicht minder gering aus.

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Das Dorf Vajuga ist wie ausgestorben. Ein riesengroßes Haus steht neben dem anderen. Alles leer oder zum Verkauf. 90 Prozent der Menschen die hier ein Haus haben, leben und arbeiten im Ausland und kommen nur in den Ferien, oder wenn sie in Pension sind eventuell wieder zurück. Schade, denn der Blick auf die Donau ist hier besonders schön.

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Wir besuchen seine Familie im Dorf und bekommen einen tiefen Einblick in die Lebenssituation der Menschen hier, denn auch hier ist die Politik wieder Thema. Wir merken schnell, entweder man ist PRO Präsident Vučić oder gegen ihn. Neutral oder ohne Meinung ist hier wohl keiner. Uns selbst hat man sehr überzeugt von beiden Seiten berichtet, wir sind zu kurz hier um uns unsere eigene Meinung bilden zu können. Aber wenn man hört, dass man 100 Euro als Securitymitarbeiter verdient, 250 Euro wenn man im Gemeindeamt arbeitet, eine Wohnung für eine Person in etwa 120 Euro zur Miete kostet und die Nachrichten staatlich überwacht werden, man das leere Dorf sieht, … dann fällt es wiederum nicht schwer zu erkennen, dass in diesem Land etwas schief läuft. Der Neffe bringt es auf den Punkt: in Serbien geht man nicht arbeiten um zu leben, sondern um zu überleben. Es stimmt uns nachdenklich.

Abends sind wir zu einer Geburtstagsfeier an der Donau eingeladen. Die Musik läuft, das Mikrofon wird herumgereicht, die Bierkisten stapeln sich,

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der Grill brutzelt.

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Als es kalt wird,

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wird alles in das liebevoll, sehr improvisierte Häuschen getragen,

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…. man merkt den Zusammenhalt der Leute und die Liebe zu dem Dorf hier. Und für ein paar Stunden sind wir ein Teil davon.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Marianne og Heidi sagt:

    Oh mann ich moechte wirklich teilnehmen.
    What a wonderfull start of your tour.
    Allready lots of adventure.
    Will you go through Bulgaria ????
    If you go there do not miss out on the small town of Shipka.
    If you need help or a good cheap hotel we can recomend.
    Shipka IT hotel. IVAN AND TOSHA are the names of the owner.
    Cheap hotel in European standards.
    We wish you all the best.
    Big bicycle hugs ✔💯👍🚴🚴🌈🌅

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