Vom türkischen Hinterland an die Schwarzmeerküste

Corum / Türkei – Martvili / Georgien

4.5.2019 – 7.6.2019 , 12 Tage davon am Rad

3834 km total

27 723 hm total

Strecke / GPS Daten: hier klicken

Aus einer Nacht werden drei. Der angekündigte Regen verschiebt sich laut Wettervorhersage immer wieder und kommt dann doch nicht. Haydar und seinen Freunden ist dies egal. Wenn es nach ihnen ginge, könnten wir auch eine Woche bleiben.

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Auch wir genießen die lustige Runde und den Austausch mit ihnen. Haydar und Sila engagieren sich ehrenamtlich in einem Projekt, in dem Schulkinder verschiedenen Alters während der Schulzeit in ihr Stiftungshaus gebracht werden um dort Englisch, Mathematik, Schauspiel oder Informatik zu lernen. Das türkische Schulsystem – es zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Zeit in diesem Land – kränkelt. Je mehr wir erfahren, desto mehr sind wir entsetzt. Wir fragen mehrfach nach, weil wir es nicht verstehen können, oder besser gesagt, wollen. Die Kinder werden während des Unterrichts mit einem Bus hierher gebracht um zu lernen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter sind alle keine ausgebildeten Lehrer, meist noch Universitätsstudenten für ganz etwas anderes als Pädagogik, aber haben scheinbar dennoch mehr Wissen als die staatlich Angestellten. Haydar und Sila hatten beide, in verschiedenen (Groß)Städten wohlgemerkt, Englischlehrer die selbst bis auf „woher kommst du“ „ wie ist dein Name“,… keinerlei Konversation konnten. Grammatik stand am Stundenplan – sieben Jahre lang. Das beide so gut englisch können, haben sie ihrer eigenen Motivation zu verdanken. Sie haben es sich also selbst beigebracht und möchten deshalb jetzt anderen helfen. Ein Bildungssystem, das so schlecht ist, dass ehrenamtliche, nicht fachlich ausgebildete junge Menschen es versuchen zu retten – Unvorstellbar!!

Wir machen uns weiter auf den Weg und nach nicht einmal 20 km staunen wir schon wieder. Es geht schön hügelig einen Fluss entlang,

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eingebettet zwischen grünen Bergen und kleinen Dörfern.

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Der geringe Verkehr lässt es zu, dass wir wieder nebeneinander fahren können. So sind wir am liebsten unterwegs – plaudern, wenn es die Luft zulässt und gemeinsam die Umgebung entdecken. Sabrina ist die erste, die die Straße hinauf auf einen kleinen Berg entdeckt. Keine 200hm, aber muss das jetzt sein?? Genau am Fuße der Steigung zweigt ein Schotterweg ab. Ein Blick auf unsere Handykarte zeigt, dass er auf der anderen Seite des Hügels wieder zur Straße zurück führt, allerdings gibt es dazwischen eine Unterbrechung. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Wir rollen also auf dem Schotterweg dahin und stoppen schon hinter der ersten Kurve nach 20 Metern. WOW!!!

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Was ist das für eine beeindruckende Landschaft.

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Eigentlich könnten wir unsere Räder schieben,

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denn wir rollen im Schritttempo dahin

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und bleiben alle 10 Meter stehen.

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Sprachlos, restlos sprachlos macht uns dieser total unerwartet und beeindruckende Canyon.

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Über hundert Meter hohe,

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senkrecht abfallende Felswände erheben sich keine 5 Meter neben uns in den Himmel.

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Rechts von uns saftig grüne Bäume und ein kleiner Fluss.

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Fünf Kilometer geht das Ganze so und wir kommen mit leichten Nackenschmerzen vom vielen nach oben schauen auf der Straße wieder raus. Neugierde zahlt sich also aus ;-) . Die nächsten Kilometer können wir nicht anders, als immer noch über den Canyon zu schwärmen. Positiv überrascht zu werden ist doch das Schönste. Und weil doppelt besser hält, gibt es plötzlich im Nirgendwo ein 5 Sterne Thermalhotel mit dazugehöriger Picknick-Area. Ideal für unsere Mittagspause. Bisschen neidisch schauen wir schon auf die Grilleröfen bei den Nachbarn, aber zumindest beim Mittagsschlaf können wir es ihnen gleich machen.

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Die Pause hat gut getan und das Tal ist so faszinierend, dass wir den Tag einfach nicht beenden wollen. Kleinste Dörfer mit alten Gräbern durchfahren wir,

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sehen wie die Feldarbeit noch händisch erledigt wird,

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entdecken den ländlichen  Lieferservice,

 

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„plaudern“ mit Händen und Füßen mit einem Imker der gerade seine Bienenstöcke aus dem Winterschlaf holt

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und genießen das viele Grün um uns herum. Auf einem Hügel finden wir kurz darauf einen ebene Fläche

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und bereiten Frühstück und Abendessen bei Sonnenuntergang zu.

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Was für ein toller, aber langer Tag! Mehr als nur glücklich sind wir über die ausgesuchte Route. Die vielen Stunden die wir sie in Istanbul ausgebrütet haben, haben sich bis jetzt mehr als nur gelohnt.

Widererwartend sind die restlichen Kilometer bis zur Hauptstraße auch asphaltiert. Umso mehr verwundert uns, dass auf der anderen Flussseite die Straße ausgebaut wird. Uns sind gestern keine 10 Autos entgegen gekommen und heute bis zur Kreuzung auf der Hauptstraße maximal fünf. Wozu dann dieser Ausbau bitte??

Wir genießen einfach weiterhin die tolle Landschalft.

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Acht Kilometer sind es auf der Hauptstraße bis Turhal, wo wir dann in einem kleinen Park unser zweites Frühstück genießen. Wohl das letzte Mal so in der Form in der Türkei, denn morgen beginnt der Ramadan und dann heißt es für uns aus Respekt, nicht mehr in der Öffentlichkeit zu essen und trinken. Als wir gerade wieder zusammenpacken ruft uns eine Frau von ihrem Balkon zu und lädt uns zum Tee ein.

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Wir brauchen wohl nicht mehr zu erwähnen, dass es nicht beim Tee bleibt. Seda und ihre Tochter Susa sind gerade beim Frühstücken und so bekommen auch wir einfach einen Teller hingestellt und werden mehrfach aufgefordert weiter zu essen.

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Diesen Moment genießen wir noch einmal in vollen Zügen, denn wie es sich mit Einladungen und somit mit Begegnungen generell ab morgen verhält, wissen wir nicht.

Gut gestärkt verlassen wir die Kleinstadt, mit ihrem einzigartigen Friedhof, welcher auf den Hausberg gebaut wurde auf dessen höchsten Punkt eine Ruine thront.

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und eben geht es weiter nach Pazar, wo wir uns die alte Karawanserei ansehen.

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Ein Gebäude welches früher für Reisende mit Tieren als Schlafstätte gedient hat.

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Heute fungieren sie, wenn noch vorhanden, oftmals als Kaffeehäuser.

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So wie auch schon das Cafe in dem wir in Bolu waren, wie wir jetzt wissen.

Diese alte Brücke schafft es sogar auf unserer Papierkarte als Sehenswürdigkeit und  liegt auch noch auf unserem Weg nach Tokat.

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Wir finden aber das waschen und trocknen von Schafswolle vor der Haustüre interessanter.

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In der Stadteinfahrt wollen wir uns kurz stärken, aber wir kommen nicht einmal bis hinein ins Lokal. Umzingelt vom Geographielehrer und seinen Schülern werden wir ausgefragt und für gut befunden, da Wolfi am Fahrrad einen Anhänger von Mustafa Kemal Atatürk hat.

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Zum Essen lassen sie uns dann doch alleine. In Tokat beziehen wir das erste Hotelzimmer auf unserer Reise. Aber wir müssen dafür nichts bezahlten. Machmut, ein Warmshower und Allgemeinmediziner aus Tokat bringt seine Gäste bei einem Freund im Hotel unter. Wir sind sprachlos. Er kommt heute erst aus Afghanistan zurück wo er eine Fortbildung gehalten hat, daher lernen wir ihn leider nicht persönlich kennen.

In der Früh frühstücken wir am Zimmer unseren Gries, nur um 10 Minuten später zum Frühstücksbuffet gebracht zu werden. Na toll, wenn wir das gewusst hätten. Aber bisschen Platz ist immer noch und so genießen wir noch ein paar Oliven und Käsevariationen bevor wir uns weiter auf den Weg machen.

Am Weg zum Almus See liegt laut Karte eine Ausgrabungsstätte . Das umzäunte Areal ist von einer Wiese überwuchert und uns kommt schnell ein Sicherheitsmann entgegen als wir das nicht versperrte Tor durchschreiten. Keine Ahnung was er uns mitteilen will, aber wir schaffen es, dass wir uns durch das hohe Gras einen Weg bahnen dürfen

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um die Ausgrabungen zu sehen. Wahrscheinlich ist es gar nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Naja, dann hat die Sprachbarriere wohl auch mal seine Vorteile.

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Wir machen uns auf den Weg hinauf zum Pass.

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Fieser Gegenwind und eine extrem schwüle, stickige Luft machen es nicht gerade leicht. Die Autos die uns überholen und direkt neben uns Hupen machen es auch nicht besser. Liebe Türken, hebt doch einfach die Hand wenn ihr an uns vorbeifahrt. Das Hupen nervt und das obwohl wir es durch dieses Land ja eh mit wenig Verkehr bis jetzt schaffen. Beim Downhill hören wir dann bis auf das rauschen in den Ohren nichts mehr. Guter Asphalt, gutes Gefälle, … wir sausen dahin.

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Es gibt auch leider keinen Grund zu stoppen, denn wie man sieht, sieht man nichts.

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Es ist wie erwähnt heute so extrem diesig, dass wir den See und die umliegenden Berge nur erahnen können. Wir sind enttäuscht! Als wir unten am Ufer für unser Mittagessen halt machen, sehen wir wenigstens ein wenig vom türkischen Gewässer.

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Wie toll muss dies hier bei guter Sicht aussehen. Aber auch die schneebedeckten Berge, oder die grünen Ufer auf der anderen Seite lassen sich nur mit etwas Phantasie und zusammengekniffenen Augen erkennen.

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Ein ganz klein wenig bessert sich die Sicht im Laufe des späten Nachmittags.

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Über ein dutzend Vögel bewohnen diesen Baum. Man hat sie schon aus der Ferne gehört.

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Die Dörfer sind hier besonders schön eingebettet findet wir.

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Und man wird auch hier, wie so gut in jedem Dorf oder Stadt, bei der Einfahrt willkommen geheissen.

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Aber diese schöne Anischten helfen alle nichts,

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es sich nur vorstellen zu können wie kitschig schön es hier bei blauen Himmel sein muss, macht die Anstrengung die es uns gekostet hat hierher zu kommen gleich doppelt so schwer. Unsere Beine sind müde. Da kommt eine Tankstelle genau richtig. Ramadan hin oder her, Tankstellen und Wasserquellen scheinen ein Art „fastenfreie Zone“ zu sein. Also gönnen wir uns ein Eis um für die Schlafplatzsuche noch einmal gestärkt zu sein.

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Ganz so einfach ist diese nämlich nicht. Der Boden ist übersät von picksenden Ästen, oder aber weit und breit keine Bäume als Sichtschutz. Ein Kompromiss kurz vor einem Dorf, hinter umgeschnittenen Bäumen muss für heute reichen.

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Kaum schnallen wir das Zelt vom Fahrrad ab beginnt es zu donnern, blitzen und zu stürmen. Also mal wieder alles im Rekordtempo aufbauen und hoffen.

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Heute halten die Wolken aber ziemlich lange durch, wir schaffen es nämlich sogar im Freien zu essen.

Auch in der Früh genießen wir dieses schöne Plätzchen. Jetzt aber mit Sonnenschein und blauem Himmel.

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Das sind dann die kurzen Momente in denen wir uns wünschen, dass wir mit einem motorisierten Untersatz reisen. Einfach die 25 km zurück zum See und ihn heute mit perfekter Sicht betrachten können. Man kann nicht alles haben im Leben.

Kurz hinter unserem Schlafplatz geht es bergauf. Gebt uns Serpentinen und wir sind happy. Gebt uns dazu noch einen Schneeberg im Hintergrund

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und wir sind die glücklichsten Menschen auf der Welt.

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Was für eine Aussicht. Die 500hm zum Frühstück sind daher eine Leichtigkeit und wir sausen zu Mittag auf der anderen Seite,

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umgeben vom saftigen Grün

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hinunter Richtung Hauptstraße.

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Einzig für einen Wasserfall lassen wir die Bremsen quietschen.

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42km folgen wir der Hauptstraße, immer mit Aussicht auf die Berggkette die wir heute Vormittag überquert haben. Rechts von uns ist es wahnsinnig grün, links von uns sind die Bäume kleine Farbtupfen auf den kargen Gesteinswänden und wir dazwischen. Wir fragen uns ob die Straße hinter und vor uns gesperrt ist, so wenig ist hier los. Beinahe gespenstisch, aber uns soll es recht sein. Bei einer Tankstelle machen wir eine kurze Rast und werden kurzerhand zu Tee eingeladen. Die Männer starren minutenlang unsere KM-Anzeige an und schütteln den Kopf als sie SüdOstAsien als Ziel erfahren. An manchen Tagen schütteln wir unsere Köpfe mit, weil wir es oft selbst noch nicht ganz realisieren wohin wir gerade unterwegs sind.

Die Hauptstraße bringt uns an die Kreuzung zu Koyulhisar. Von hier geht eine schöne Straße zur Schwarzmeerküste. Kleine Straße, 3 Pässe, atemberaubende Landschaft, kein Verkehr – so die Beschreibung unseres befreundeten schweizer Radpärchen, welches wir in Südkorea kennen gelernt haben. Heute möchten wir aber einfach nur noch den ein oder anderen Höhenmeter machen, denn von der Kreuzung weg sind es knapp über 1000hm kontinuierlich nach oben zum ersten Pass. Weit kommen wir aber nicht, denn wir werden von einem Auto mit deutschen Kennzeichen angehalten. Wohin, woher und kurzerhand die Einsicht, dass wir heute, 2 Stunden vor Sonnenuntergang und mit Regenwolken im Nacken nicht mehr weit kommen werden. So schrauben wir uns die ersten 200 hm nach oben, hinein nach Koyulhisar. Phu, das kann ja morgen was werden, ganz schön anstrengend. Währenddessen hat sich Türkan erkundigt wo wir unterkommen können. Warum auch immer, aber in dem in extremer Hanglage gebauten Dorf ist das einzige Hotel ausgebucht. Es wird hin und her überlegt, aber als wir beruhigen, dass wir ein Zelt haben und einfach nur eine ebene Fläche suchen, rollen wir ein paar Meter weiter zum Onkel und dürfen unser mobiles Heim mit Aussicht auf die Berge, auf eine Fläche vor dem Haus aufstellen.

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Die Frage ob wir Tee oder Kaffee möchten, können wir heute nicht so recht beantworten. Es ist doch Ramadan. Aber kaum steht unser Zelt, donnert es schon und wir werden in das Haus gebeten. Dort wartet ein reich gedeckter Tisch auf uns. Der englisch sprechenden Tochter Nuray versuchen wir klar zu machen, dass wir selber kochen werden und vor allem nichts vor ihnen essen möchten, wenn sie es nicht dürfen. Es ist uns unangenehm. Aber das interessiert die Familie nicht. Wir werden mehrfach aufgefordert zu Essen, also folgen wir brav. Der Schwiegersohn sieht dabei aus dem Fenster hinaus, ihm knurrt schon der Magen. Alle reden sie davon was sie alles essen werden heute Abend und wie gut es schmecken wird. Der Tee wird uns mehrfach nachgeschenkt, wir wehren ab. Keine Chance. Also greifen wir schnell zu, damit die Damen des Hauses zufrieden sind, wir aber das Ganze hier schnell beenden können. Die Tochter erklärt uns, dass es kein Problem für sie ist, dass sie wissen, dass wir nicht fasten und es einfach zur Gastfreundschaft dazugehört dem Gast etwas anzubieten. Theorie schön und gut, in der Praxis, nach über 12 Stunden ohne Essen und Trinken, finden wir die Herzlichkeit einfach noch um ein vielfaches unvorstellbarer.

Die Nacht wird unruhig. Oder besser gesagt, der frühe Morgen. Keine 50 Meter Luftlinie von uns steht die Moschee und somit sind wir beim ersten Ruf des Muezzin um kurz nach 4 Uhr hellwach. Mit ihm stimmen alle Hunde des Dorfes mit ein und heulen auch noch Ewigkeiten nachdem der Muezzin seinen Gebetsruf schon beendet hat. Um 5:30 werden wir erneut geweckt, einer der Hunde bellt 20 Minuten lang durch. Willkommen zelten im urbanen Gebiet. Aber es kommt uns heute ganz recht, denn wir stehen bewusst früher auf. Die Wettervorhersage gibt grünes Licht für den Vormittag – ein regenfreies Fenster von ca. 4 Stunden. Das möchten wir nützen um den Anstieg zum Pass zu schaffen. So sitzen wir um 7:45 auf unseren Rädern und schrauben uns weiter Höhenmeter für Höhenmeter nach oben. Die Wolken hängen tief,

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der Nebel zieht durch,

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die Berge um uns herum sind frisch eingeschneit von letzter Nacht.

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Ein tolles Schauspiel, das sich auf keinem Bild festhalten lässt, uns dafür aber umso mehr begeistert. Vor allem weil die Wolken wirklich dicht halten. Bea und Pit aus der Schweiz haben jetzt sicher Schluckauf – wo ist sie hin die schmale Straße von der sie so geschwärmt haben. Uns bringt eine 2-spurige plus extrem breiten Seitenstreifen pro Richtung nach oben. Keine 10 Autos fahren in den zwei Stunden die wir für die 800hm Anstieg brauchen an uns vorbei. Keine Ahnung wozu es diesen Ausbau hier gebraucht hat. Oben auf 1760 hm nützen wir den Wind um unsere verschwitzte Kleidung und unser Zelt zu trocknen,

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bevor wir, mit einer kurzen Gegensteigung, hinunter rasen nach Mesudiye.

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Im Dorf angekommen finden wir einen Lokantasi und wärmen uns mit Suppe und Tee wieder auf. Genau zur richtigen Zeit, denn es gehen mehrere Regenschauer nieder. Über eine Stunde verschanzen wir uns in dem Lokal, in dem wir nicht die einzigen Gäste sind, und erfahren, dass wir unbedingt die neue Straße über Topcam nehmen sollen. Wir haben sie selbst schon ins Auge gefasst gehabt, für den Fall dass diese hier zu stark befahren ist. Aber da wir jetzt wissen, dass sie neu ist und 23 Tunnel hat, man viel schneller in Ordu ist und man sich zwei Pässe erspart, sind wir etwas skeptisch ob diese neue Straße nicht vielleicht doch eher die mehr befahrene ist. Die Empfehlung von Autofahrern muss man immer hinterfragen. Bis zu der Kreuzung an der wir uns entscheiden müssen, sind es aber noch 20 km und die beschließen wir heute noch zu fahren. Regengewand sicherheitshalber an, Proviant einkaufen und los geht es. Baustellen,

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Tunnel im Bau,

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schmale Straße trifft auf neue 4 spurige Straße – der Ausbau geht hier also weiter. Es schmerzt uns förmlich dieser Anblick. Wie idyllisch und malerisch schön muss es hier noch vor ein paar Jahren gewesen sein,

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ohne Staudamm in ein paar Kilometern, ohne unnötig breite Straße,

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… . Nur ganz schwer können wir den Einschnitt und die damit verbundene Veränderung in diese Landschaft ausblenden. Wehmut über die Strecke macht sich breit. So haben wir uns das ganze hier nicht vorgestellt. Straßenarbeiter halten uns an und fragen ob wir etwas brauchen:

ja bitte, die Entscheidung wie wir weiterfahren ;-) .

Definitiv über die neue Straße über Topcam.

Warum?

Weil man schneller in Ordu ist.

Schneller ist aber nicht unbedingt schöner.

Ja, aber die andere Straße ist sehr schmal und hat zwei starke Steigung darin.

Und die Tunnel?? Sind diese beleuchtet?

Nein

Wie lange sind sie?
Manche sind über einen Kilometer lang. Mmmmmh, vielleicht ist die neue Strecke doch zu gefährlich für euch als Radfahrer.

….wie gesagt, es ist immer besser die Meinung von Autofahrer zu hinterfragen. Das ganze hilft uns trotzdem nichts, als wir an der Kreuzung stehen und eine Krisensitzung halten. Wir beschließen dann aber die eigentliche, alte Straße zu fahren, in der Hoffnung, dass die erwähnte schmale Straße wirklich kommt und wir somit noch die ursprüngliche, nicht verunstaltete Landschaft erleben können. ½ Tag bis Ordu tauschen wir also gegen 1 bis 2 Tage. Direkt an der Kreuzung heißt es für uns hinauf zu Pass Nummer zwei. Haben wir schon erwähnt, dass wir Serpentinen lieben!!

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Haben wir aber auch schon erwähnt, dass wir es so gar nicht leiden können im Regen zu fahren?? Der erwischt uns nämlich nach wenigen Kurven. Donner und Blitz lassen nicht lange auf sich warten und die Feuchtigkeit kriecht unter die Kleidung. Der Nebel kommt zwischen die naheliegenden Bergflanken auf und wir sehen bald kaum noch etwas. Faszinierend auf der einen Seite, nasskalt und anstrengend auf der anderen. Wir halten Ausschau, so weit wir eben sehen können, nach einer auch nur annähernd ebenen Fläche. Nichts weit und breit. Also brav den Rhythmus halten und weiter treten. Höhenmeter für Höhenmeter, Kurve um Kurve. Durch den Nebel durch glauben wir etwas weiter oben ein Minarett und Häuser zu erkennen. Bis zur Ortseinfahrt sind es aber noch unzählige Serpentinen und wir rollen, ausgebremst von Kühen,

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nach einer gefühlten Ewigkeit in den Ort hinein. Was wir uns hier erwarten wissen wir selber nicht, aber wir sind froh unter einem der Brunnen mit Überdach Regenschutz zu finden und durchatmen zu können. Der Regen kam so überraschend und heftig, dass wir unsere Füßlinge nicht übergezogen haben – Sabrinas Füße sind mittlerweile aufgeweicht und eiskalt. Auch der Rest von uns fröstelt schnell. Wolfi macht sich auf um im Dorf nach einer freien geeigneten Fläche zu suchen. Keine Minute später öffnet sich ein Fenster in einem Haus gegenüber von Sabrina und sie wird auf Tee eingeladen. Mit vielen Gesten und viel Lachen und Schulterzucken auf beiden Seiten versucht sie der Frau klar zu machen, dass wir gerne auf Tee kommen, aber zuerst einen Platz für unser Zelt suchen. Nach ein paar Minuten gibt sie auf und ihr Mann kommt. Dieser deutet auf die Räder und dann auf die Garage unter dem Haus. Sabrina findet Wolfi beim Nachbar, es sieht aus als würden sie „Activity“ spielen soviel wird gestikuliert und in die Luft gezeichnet. Der Mann mit der Garage kommt heraus in den strömenden Regen und hilft uns mit den Rädern. Wir betreten das Haus und werden umgehend von seiner Frau herzlichst empfangen. Sabrina wird noch samt durchgeweichter Regensachen so fest umarmt und abgebusserlt wie eine verloren geglaubte Tochter. Auch Wolfi wird in die Arme geschlossen. Soviel Herzlichkeit wärmt auf Anhieb. Als wir unsere Jacken ausziehen und sie die nasse Kleidung darunter sieht, zerrt sie uns ins Schlafzimmer mit und wir werden neu eingekleidet. So sitzen wir also in trockener Sportkleidung in einem warmen Wohnzimmer

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und versuchen mal wieder vehement das Essensangebot auszuschlagen. Aber auch google translate hilft nicht, kurz darauf stehen die bekannten Schälchen wieder am Tisch und der Tee wärmt uns von innen. Die ältere Dame setzt sich immer wieder neben Sabrina, redet auf sie ein, umarmt sie oder streicht ihr über die Wange. Liebes Universum, schick uns bitte einen Dolmetscher. Google translate reicht leider nur um das notwendigste zu erzählen, aber auch so füllen wir die Zeit bis zum Abendgebet. Als sie retour sind glauben wir, dass wir jetzt gemeinsam essen. Aber nein, sie haben scheinbar nach dem Gebet schnell beim Nachbarn gegessen und die Frau wärmt uns diverse Speisen auf. Nachdem uns noch der schöne Garten im stockdunkeln, aber immerhin ohne Regen gezeigt wird, helfen wir beim Herrichten des Gästezimmers und liegen, gedankenversunken über diese unerwartet Wendung nach dem strömenden Regen, im warmen Bett.

In der Früh haben sie es eilig, die Nachbarin hat einen Termin im Krankenhaus. Wir beeilen uns, aber für eine lange Umarmung ist noch Zeit. In Ruhe machen wir unsere Räder startklar und halten heute per Foto fest, was gestern wegen klammen Fingern nicht mehr möglich war: die Perspektive von Sabrina, verschanzt unter dem Waschbrunnen, mit Sicht auf das rettende Fenster.

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Den selben Weg wieder raus aus dem Dorf

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wie gestern rein.

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  Die schmale Straße ist seit der Kreuzung von gestern da,

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es ist saftig grün,

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ruhig, es geht gemächlich in Serpentinen bergauf, ein Hund begleitet uns, nur ein Auto, welches sogar 100 Meter rückwärts bergauf schiebt nur um 4 Wörter englisch mit Wolfi zu wechseln,

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die Sonne blitzt immer wieder mal durch, hier und da erhaschen wir einen Blick in die Ferne.

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Die Täler sind extrem schmal, die Berge steil und nahe beieinander, die Bäume grün, … Ja, jetzt finden wir es wunderschön und sind bereits so was von glücklich, dass wir die längere Strecke gewählt haben.

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Tarnung ist alles ;-)

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1510hm, Pass Nummer zwei. Wir sausen mit 5 Schichten am Oberkörper und Kopfbedeckung hinunter nach Gölköy

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und machen uns wieder auf den Weg zum dritten und letzten Pass auf nur noch 1210hm . Von hier an windet sich die Straße leicht hügelig von einem Berghang zum nächsten. Es geht keine 10 Meter gerade aus. Alle 3 Meter bietet sich ein neuer Anblick, hinter jeder Kurve

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ein neuer Ausblick. 

DSC01997Wir kommen kaum voran weil wir ständig stoppen um Fotos zu machen

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und geben irgendwann auf.

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Keine Chance den Anblick auch nur annähernd einzufangen. DSC01979

All diese vielen Hügeln hintereinander,

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diese Tiefe, dieses Grün, das Gefühl hier durchzurollen.

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Diese Gegend ist für ihren Haselnussanbau bekannt. Die Türkei deckt 80 Prozent des weltweiten Anbaues ab.DSC01958

Mit den immer wieder durchziehenden Wolkenfetzen und der Landschaft erinnert es uns ganz stark an die Kaffeeregion in Kolumbien. In Ulubey werden wir kurz aus dieser Idylle herausgerissen als wir auf die Menschenmassen treffen die hier für den Donnerstagsmarkt angereist sind. Besser gesagt, die Männermassen. Wir werden, man kann es ihnen ja nicht verübeln, angestarrt wie Aliens. Mit Sicherheit sind es weit über 200 Menschen die uns gleichzeitig begaffen, jede Bewegung beobachten. Nichts wie weg hier. Kaum aus dem Dorf raus finden wir ein größeres Bushäuschen und nehmen etwas versteckt hinter unseren Rädern unser Mittagessen zu uns.

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Schnell zittern wieder unsere Beine, Sabrinas Lippen werden blau. Ohne Sonne, 9 Grad und leicht verschwitzt heißt es sich schnell wieder bewegen. Als wir gerade zusammenpacken hupt es neben uns. Das Auto mit dem deutschen Kennzeichen von vorgestern. Türkan steigt aus. Die ganze Familie ist hier in der Gegend auf Urlaub unterwegs und den Vater besuchen. Sie sind froh uns wohlauf zu sehen und dass wir gestern bei dem Unwetter einen Unterschlupf gefunden haben. Noch mehr freut es sie aber, dass wir uns gegen ihre Empfehlung die Tunnelstrecke zu fahren, entschieden haben. Sie selbst sind beide Strecken gefahren und haben sich die ganze Zeit geärgert, dass sie uns nicht hierher geschickt haben. Na dann haben wir ja alles richtig gemacht. Das gefühlte 100erste Selfie in der Türkei wird gemacht,

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sich wieder herzlich verabschiedet und wir rollen weiter. Aber nicht nur von ihnen verabschieden wir uns. Innerlich tun wir dies auch schon von der Türkei. Ca. 4 Radtage am Küstenhighway entlang stehen uns bevor. 4 Radtage bis Georgien. Wir erwarten uns absolut gar nichts von diesen 4 Tagen und sagen deshalb schon mal leise baba zur Türkei. Viel zu schnell ist es vergangen das Monat hier. Tausende Eindrücke und Erlebnisse schwirren in unserem Kopf herum und trotzdem haben wir das Gefühl, dass wir viel zu kurz und nur für wenige Tage hier unterwegs waren. Da hilft nur Zucker in Form von köstlichem Baklava um nicht allzu sentimental zu werden.

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Irgendwann ist es vorbei mit dem Hügeligen und es folgt eine rasante Abfahrt von 1100 hm auf 0 . Direkt hinein nach Ordu ans Schwarze Meer und zu Ayse und ihrem Mann Serdal, unsere Warmshowerhosts für die nächsten Tage. Einzig bei einem der vielen Verkehrskontrollen werden wir aufgehalten. Die Polizisten sind neugierig wie kleine Kinder bezüglich unserer Reise- bis zu dem Zeitpunkt als der Vorgestze sie zurückpfeifft.

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Bei Ayse und ihrem Mann werden wir umsorgt als hätten wir ein allinklusive Appartement gebucht. Nicht nur einmal werden wir aus der Küche aufs Sofa verbannt (sie fasten nicht). Wolfi kann sich gerade noch so beim Einkaufen vor die Kassa werfen, so dass wir zumindest das Bier bezahlen können. Hierbei, aber auch wenn wir den Tisch abräumen, werden wir mit bösen Blicken „bestraft“. Wir wiederholen uns: die Gastfreundschaft kann einem schon leicht narrisch machen ;-) . Der Ausblick von ihrem Balkon ist traumhaft.

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Die so oft seit Istanbul empfohlene Seilbahn hinauf auf den Hausberg lassen wir aus und genießen dafür die Sonne wenn sie da ist. Ein besseres Büro kann man sich nicht wünschen.

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Den Regen, und hiervon gibt es an der Schwarzmeerküste und in den Bergen dahinter genügend, sitzen wir am gemütlichen Sofa zu Hause aus. An einem Abend mischen wir zwei uns unters Volk zum Fastenbrechen.

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In größeren Städten treffen sich die Menschen zum gemeinsamen, kostenlosen Essen nach Sonnenuntergang. Auch unsere Schale wird mit einem Lächeln angefüllt,

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uns sofort ein Platz zugewiesen und die mitgebrachten Oliven von der Sitznachbarin wandern schnell zu uns herüber. Obwohl eindeutig ist, dass wir keine Türken sind und auch nicht türkisch sprechen sind wir herzlichst willkommen. Irgendwie haben wir den Eindruck, sie sind sogar glücklich darüber, dass wir hier sind und dies miterleben möchten, so viele strahlende Gesichter bekommen wir zu sehen wenn wir entdeckt werden.

Tagsüber sind manche Essenslokale offen. Viele von ihnen haben in der Ramadanzeit extra Vorhänge oder Leintücher montiert.

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Eine Stunde vor dem Fastenbrechen geht nichts mehr – so gut wie alle Geschäfte schließen ihre Pforten, jeder möchte nur noch schnell heim und essen. Das haben wir auch auf den Straßen gemerkt. Je später die Stunde, umso rücksichtloser und tlw. aggressiver die Fahrweise. Kein Wunder, wenn man seit über 12 Stunden nichts mehr gertrunken hat und unterzuckert ist.

Nach langem suchen findet sich dann auch noch ein Telefon – nicht jeder zu Hause hat ein Smartphone, daher rufen wir hi und da auch mal über die altmodische Art zu Hause an.

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Wir verlängern unseren Aufenthalt bei Ayse von Tag zu bzw. bittet sie uns immer wieder doch noch einen Tag zu bleiben. Sie nimmt uns zu einem Konzert mit in ihrer Universität, abends gehen wir an den Strand, treffen Freundinnen von ihr, knabbern Sonnenblumensamen und trinken Tee.

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Wolfi geht mit Serdal zum Fischen

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und sie sind erfolgreich.

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Wir sind also mittendrin statt nur dabei. Und zumindest einmal können wir uns revanchieren und dürfen kochen. Nach 5 Nächten, statt wie angedacht einer, packen wir dann aber wieder unsere Sachen. Alles steht schon bei der Türe, als uns die Nachricht erreicht, dass in den Bergen Georgiens noch so viel Schnee liegt, dass die Pässe die wir fahren möchten, wahrscheinlich noch wochenlang gesperrt sein werden. Unsere Köpfe beginnen zu rauchen, denn selbst wenn wir uns Zeit lassen würden, wären wir in knapp einer Woche beim ersten Pass. Was nun?? Wir recherchieren, wir rechnen durch, erstellen Pro und Kontra – Listen für Plan A, B und C.

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Georgien und der hohe Kaukasus sind DAS Gebiet Nummer eins, auf das wir uns auf unserem Weg Richtung Osten freuen. Es einfach auszulassen würden wir wahrscheinlich für immer bereuen. Aussitzen bedeutet aber, dass wir mit über 40 Grad im Iran zu rechnen haben und dann in China oder Pakistan in den Winter kommen. Vor allem wo aussitzen? Oder doch direkt von der Türkei in den Iran und hoch nach Armenien? Aber auch dort liegt noch Schnee, viel Schnee. Kurzerhand schreiben wir Ayse ob wir noch bleiben können. Ohne zu wissen wohin, wollen wir nicht weiterfahren. Es kommt promt ein Smiley mit Herz zurück. Aber die Entscheidung was wir tun, nimmt uns keiner ab. Wir schreiben einige Airbnb’s und Touranbieter in den Bergen an was denn ihre Einschätzung ist, wann die Pässe offen sind: mitte Juni ist die durchgängige Meinung – also in einem Monat. Ohne wirklich endgültig eine Entscheidung zu treffen ist es doch irgendwie entschieden – wir warten. Und hoffen. Hoffen, dass der Schnee vielleicht doch schneller schmilzt. Und weil es jetzt schon egal ist, bleiben wir noch einen zusätzlichen Tag, bei Ayse, also insgesamt sieben.

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Die nächsten 4 ½ Tage an der Schwarzmeerküste fahren wir weniger Tageskilometer als wir könnten. Täglich suchen wir uns ein schönes Plätzchen und bereiten Kaffee zu,

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oder lassen ihn für uns kochen.

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Ebenfalls täglich gewittert es nachmittags. Aber auch so finden wir den Küstenhighway nicht ganz so schlimm wie gedacht. Er ist bei Wahrheit kein Highlight, aber die Landschaft ist trotzdem wunderschön.

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Die Haselnussbäume werden ab Rize von Teeplantagen abgelöst. 3 Mal im Jahr ist Erntezeit und wir haben Glück und können mehrmals Frauen und Männern beim ernten der Blätter beobachten.

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Eine wunderschöne Musche liegt auch noch am Weg.

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Nach wie vor ziehen uns Farben, Formen und die Architektur in den Bann.

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Wider erwartend haben wir aber auch täglich nach wie vor den Kontakt zu den Menschen den wir so mögen. Wir dachten, dass aufgrund der Aneinanderreihung von (Groß-) Städten wir es hier schwerer haben werden diesbezüglich, aber dem ist nicht so.

Am ersten Abend in Teribolu werden wir als wir gerade unsere Wasserflaschen zwecks Wildcampen auffüllen, direkt von der Straße weg von Ugi nach Hause zu sich, seiner Frau Hawa und seinen entzückenden 7 Kindern eingeladen. Er ist gebürtiger Deutscher, mit türkischen Eltern. Aus mehreren Gründen hat es ihn vor ein paar Jahren in die Türkei gezogen. Es reicht scheinbar aus, türkisches Blut in sich zu haben, egal wo man aufgewachsen ist, um diese bedingungslose Gastfreundschaft intus zu haben. Selbst zu später Stunde bekommen wir noch eine Stadtführung durch die Altstadt von Teribolu. Eine wunderschöne Kleinstadt mit verwinkelten Gassen die oftmals nur zu Fuß zugänglich sind. Kleine Brücken führen von den Gassen zu den Wohnungseingängen, weil es in extremer Hanglage gebaut ist, alte Brunnen, … Ecken die wir ohne die beiden nie gesehen hätten. Wir schlafen tief und fest, und bekommen gar nicht mit, wie die Familie gegen 2 Uhr in der Nacht aufsteht um zu „frühstücken“, bevor sie sich noch einmal schlafen legen und dann den ganzen Tag fasten.

Am zweiten Abend erwartet uns die Mutter von Tolunay. Er hat uns vor geraumer Zeit via Couchrail zu sich eingeladen, ist aber als wir ankommen gerade in Istanbul. Seine Mutter war anfangs skeptisch ob sie uns aufnehmen soll, denn sie spricht kein Wort englisch. Er sie quasi mit unserem Aufenthalt zwangsbeglückt. Wir schieben unsere Räder den steilen Hang hinauf. Die Wohnhäuser werden immer einfacher, wir befinden uns scheinbar in einem der ärmeren Viertel von Trabzon. Es braucht aber keine Sekunde als wir das zu Hause von Tolunay finden, um reich beschenkt zu werden. Nämlich mit einem Strahlen und Lächeln im Gesicht der Mutter. Keine Spur von Skepsis mehr. Wir werden umarmt und geknuddelt als würde es kein Morgen mehr geben.

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Der Abend wird lustig. Keiner versteht auch nur ein Wort des anderen, aber wie immer hilft die Körpersprache um zumindest die Überschrift des Themas zu erahnen.

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Es folgen noch ein paar Telefonate mit Kindern oder Freunden die etwas Englisch sprechen. Das Telefon wird immer an uns weiter gereicht. Als wir zu Bett gehen, spüren wir unsere Wangen kaum noch. Einerseits vom vielen lachen, aber auch weil sie glatt gestreichelt wurden.

Wie kann es anders sein, ist auch die Verabschiedung herzlich und wir begeben uns wieder in die gewohnte Küstenroutine.

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Wir sitzen einen Regenschauer auf einem Dorfplatz aus und bekommen prompt extra einen Tee zubereitet, obwohl die Männer um uns herum aufgrund des Ramadans nur hier sitzen und reden. Am dritten Abend erwartet uns Mustafa in Rize. Er betreibt ein Tee- und Kaffeehaus und lässt Radfahrer im Raum darüber nächtigen. Wir werden eingeweiht in die Kunst von OKEY

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und beobachten das rege Treiben und die gute Stimmung stundenlang.

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Das Spiel hat eine Ähnlichkeit mit Rommy.

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Gerne würden wir schlafen gehen, aber weil Wochenende ist, ist auch „unser“ Raum mit Besuchern besetzt. So harren wir bis um 2 Uhr in der Früh aus und fallen vollkommen erschöpft auf unsere Matratzen.

Es sind nur noch ein paar Kilometer bis Hopa – unserer letzten Nacht in der Türkei. Wir erspähen eines der Holzhäuser die wir seit Tagen immer wieder sehen, aber dessen Verwendung wir nicht wissen. Meistens stehen sie mitten im Grünen auf einem Hügel. Nicht so dieses,

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also packen wir die Gelegenheit beim Schopf und sehen es uns genauer an. Wie der Zufall es will steht der Besitzer im Garten und kann perfekt Deutsch. Er zeigt uns seinen Garten, wir reden über Gott und die Welt und erfahren, dass die Holzhäuser als Vorratshaus dienen und so konstruiert sind, dass weder Mäuse noch andere Vorratsräuber die Stelzen und Barrieren überwinden können,

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um an das Gemüse und Getreide gelangen zu können. Auch er hat eine kleine Teeplantage. 1Kilogramm bringt zur Zeit 3 Lira, das sind etwas weniger als 50cent. Je nach Qualität kann man mit 1000qm etwa 700kg Blätter ernten – und das dreimal im Jahr.

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Auf den nächsten Kilometern erhaschen wir hi und da einen Blick auf die hohen verschneiten Berge in der dritten Reihe.

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In Hopa radeln wir zu unseren Warmshowergastgebern Ezra und Chehan, schmeißen uns unter die Dusche, trinken selbst gemachten Whisky und fahren zu einem Volksfest. Die Stimmung ist ausgelassen, die meisten Menschen tanzen zu den tradiotionellen Schwarzmeerküstenliedern

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und wir werden etwas wehmütig.

Die Wehmut steigert sich auf den letzten Kilometern zur Grenze. 40 Tage waren wir in der Türkei. Das Land hat uns landschaftlich positiv überrascht. Seine fröhlichen, extrem hilfsbereiten und offenen Menschen werden wir besonders vermissen. Aber die Vorfreude auf Georgien überwiegt. Seit Jahren ist das Land auf unserer Da-Wollen-Wir-Hin Liste ganz oben und jetzt sind wir hier. Aus eigener Kraft noch dazu.

Keine Ahnung wie das geht, aber nicht nur die Straßenverhältnisse ändern sich prompt auf den ersten Metern, nein auch die Landschaft wird schlagartig anders. Keine schroffen Berge mehr neben uns, andere Bäume, …..

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Wir fühlen uns wie in eine andere Welt gebeamt. Kurz hinter der Grenze erreichen wir Batumi. Eine Großstadt am Schwarzen Meer, bekannt für seine Casinos. Aber nicht alles glänzt hier.

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Die neuen Eindrücke sind gerade ein wenig zu viel für uns – wir haben keinen Nerv uns die eventuell schöne Promenade oder sonst was von der Stadt anzusehen.

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Sim-Karte kaufen, erste Bäckerei plündern

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und raus aus der Stadt. Kurz darauf können wir auf eine Nebenstraße abbiegen und wir fühlen uns gleich deutlich wohler. So viele kleine Hügel, schmale Straße, so viel Grün

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und vor allem so schöne/ ungewohnte Häuser.

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Die Menschen winken uns zu, strahlen uns an, … das ist schon mal ein besserer erster Eindruck.

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Schweine auf der Straße,

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oberirdische Gasleitungen die ein eigenes System verfolgen und sämtliche Hauseinfahrten großräumig umgehen,

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… es gibt viel zu entdecken. Auch die Sprache ist natürlich eine andere. Daher wird ein neuer Schummelzettel geschrieben.

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Am Lenker montiert erlernen wir so stets die wichtigsten Phrasen.  Für SüdKorea hat Sabrina die Schrift gelernt, aber am georgischen Alaphabet scheitern wir. Schön anzusehen ist sie ja, aber hier werden wir werden wohl Analphabeten bleiben.

Der Tag zieht sich schon in die Länge, aber zum Glück finden wir nach 104 km einen tollen Platz für unser Zelt.

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Wieder eine Ewigkeit her, dass wir in unserem Zelt geschlafen haben. Die vielen Einladungen und Warmshowermöglichkeiten in der Türkei, haben dazu geführt, dass wir nur 6 Mal unser Zelt aufgestellt haben. Derweil genießen wir es so sehr in unserem kleinem feinen Heim zu schlafen.

Aber das war es dann auch leider wieder für eine lange Zeit mit Zelten, denn morgen werden wir unseren Workaway-platz erreichen. Von unserer letzten Reise in Südamerika haben wir gelernt, dass es für uns notwendig ist, auch mal wo länger zu bleiben, um die Energie und Lust am Radeln auf Dauer zu behalten. Deshalb haben wir es uns für diese Reise vorgenommen zwischendurch mal was anders zu machen. Mit einer Pause in Georgien haben wir schon zu Hause geliebäugelt. Einfach aus dem Grund, weil wir uns für dieses Land Zeit nehmen möchten. Die meisten Radler brausen in der Tiefebene in weniger als 5 Tagen nach Tiflis. Wir haben anderes vor. Da wir aber in Istanbul und Ordu jeweils eine Woche waren, hätten wir jetzt nicht unbedingt eine Auszeit gebraucht. Aber so ist es nun mal. Der Schnee ist stur – wir sind flexibel! Wir möchten Swanetien in seiner vollen grünen Pracht erleben, also warten wir. Das heißt in unserem Fall mithelfen beim Aufbau eines Hostels, also eine Komplettrenovierung eines alten Hauses, gegen Kost und Logis. Und um auf Nummer sicher zu gehen, dass der Schnee wirklich weg ist und aufgrund der Tatsache, dass mehrere Equipmentteile

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uns Probleme bereiten, werden wir Besuch von Sabrinas Eltern bekommen. Keine drei Monate nachdem wir von zu Hause los sind, früher als gedacht, aber auch hierbei fügt sich einfach eines zum anderen.

Aber zuerst müssen wir nach Martvili um mal unsere Arme arbeiten zu lassen. Die Schneeberge des kleinen Kaukasus hinter uns,

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erkunden wir per Hintereingang

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die erste kleine Kirche.

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Unsere gewählte Strecke dorthin gibt uns den ersten Vorgeschmack auf das, was wir schon sosehr herbeisehnen: Wege ohne Asphalt. Auch wenn uns dieser Mann auf halben Weg nach oben davon überzeuge möchte, dass wir hier mit den Rädern nicht weiter kommen.

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Ein paar russiche Wörter später und die Gäste, dass unsere Beine das schon schaffen oder wir im Notfall schieben, sieht auch er ein, dass wir weiter können.

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Für die heutige Strecke nach Martvili brauchen wir doppelt so lange wie gedacht.

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Das liegt daran, dass wir vor lauter strahlen und begeistert sein oft stehen bleiben,

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 und dann auch noch ein wunderschönes, altes Kloster entdecken.

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Am Ende landen wir in der Tiefebene

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und sind von der heutigen, ungewohnten Hitze mit 30 Grad komplett fertig. Da hilft nur ein kühles Blondes für 50 Cent

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um die restlichen 35km noch zu schaffen. Falls überhaupt möglich, sind wir noch langsamer unterwegs als den restlichen Tag. Obwohl es jetzt flach ist. Nein, es liegt auch nicht am Bier. Aber diese Häuser!

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Eines schöner als das Andere.

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Und auch die Zäune runderhum.

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Wenn es nicht jetzt Mitte Mai schon so heiß hier wäre, könnte man sich ja schon fast überlegen sich hier ein Häuschen zu kaufen ;-) .

Selbst die Friedhöfe sind interessant.

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Erst der 2. Tag in Georgien und wir sind bereits Hals über Kopf verliebt in dieses Land – wir haben es geahnt.

Dieses Gefühl und die Vorfreude den Rest des Landes per Rad zu entdecken, steigert sich noch in den kommenden 2 1/2 Wochen beim workaway. Denn neben ziemlich viel arbeiten,

aber auch ziemlich viel essen,

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gibt es hi und da auch mal frei Momente. Wir erkunden die Märkte

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noch einen Friedhof,

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und eine verlassene (Militär)schule

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Die umliegenden Wasserfälle und Swimspots stehen auch auf den Plan. Mal alle workawayer und Besitzer zusammen,

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mal auch nur zu zweit oder viert,

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Was sie aber alle gemeinsam haben: man trifft auf Einheimische und befindet sich sofort in deren Mitte,

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und somit wird es typisch georgisch: feucht fröhlich!!!

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Viki sagt:

    Einfach sprachlos.. So wunderschöne Landschaften!

    1. wolfisabrina sagt:

      Ja, der Norden der Türkei hat uns selbst überrascht. Das es dort so grün und vielfälltig ist, wussten wir vorher nicht. Und wegen Georgien: Es gibt Direktflüge hierher ;-) ! Sehr empfehlenswert zum wandern! Also wer weiß…..vielleicht eure nächste Urlaubsdestination??

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