Eine viel zu kurze Liebesgeschichte

Martvili – Kutaisi

18.6.2019 – 26.6.2019 , davon 3 ganze und 4 halbe  Tage am Rad

4251 Km total

34219 Hm total

Gefahrene Route / GPS Track: Hier klicken

Achtung, dieser Blogeintrag wurde mit einer rosaroten Brille geschrieben. Für eine stark subjektiv gefärbte Schilderung, wiederholendes Schmachten und viel zu viele Fotos entschuldigen wir uns jetzt schon mal. Auch die Georgier lieben ihr Land und finden es als das schönste auf der Welt. Sie haben, wie wir finden, eine wunderschöne Sage über ihr Land.

Als Gott die Erde verteilte und alle Völker dafür zusammen kamen, feierten die Georgier gerade mal wieder ein Fest. Sie tranken ihren selbst gemachten Wein und vergaßen die Verabredung mit Gott. Am nächsten Tag, dem 7. Tag, als Gott Ruhen wollte und die ganze Erde verteilt hatte, kamen die Georgier drauf, dass sie nun kein eigenes Land haben. Sie gingen zu Gott und dieser gab ihnen das Land, das er für sich selbst behalten wollte: den schönsten Flecken auf Erden. Georgien.

Obwohl wir nicht an Gott glauben, können wir dieses Sage nachvollziehen ;-)

Bevor wir aber dem persönlichen Liebesbrief an Swanetien beginnen, machen wir einen Rückblick auf eine nicht minder schöne Zeit: Familytime in Tbilisi.

Als wir um 1 Uhr in der Früh am Flughafen stehen, merken wir erst so richtig, wie nervös wir sind. Die Wiedersehensfreude ist auch nach nur 3 Monaten riesen groß.

20190610_010717(0)

Die Woche ist gut gefüllt, mit Bürokratie, Sightseeing, aber auch ganz viel Wein und Chacha. So fahren wir 2 Mal zur Iranischen Botschaft und können es am Ende gar nicht so richtig begreifen, dass es so unkompliziert von statten ging ist und wir das Visum haben.

Inked20190708_192416_LI

In vergangener Zeit haben sich nämlich die Ablehnungen ohne Begründung wieder gehäuft. Wir empfehlen die Referenznummer über eine Agentur zu beantragen (zB. tappersia).

Tbilisi hat viel zu bieten. Schöne Kirchen,

verwinkelte Gassen,

DSC02014

gutes Essen,

20190616_192755

schöne Aussicht,

DSC02054

… wir lassen nichts aus

DSC02017

und absolvieren somit jeden Tag unzählige KM in der heißen Stadt.

DSC01997

Stark überrascht hat uns die Wohnsituation in der Stadt. Häuser mit Rissen im Mauerwerk, durch die man schon fast bis ins Zimmer dahinter blicken kann.

DSC02721

Häuser, deren Eingänge

DSC02728

und Treppenhäuser so schief sind,

DSC02725

dass wenn man sie hinaufgeht, man glaubt, dass man betrunken ist. Häuser, die bei uns nie im Leben als bewohnbar gelten, werden hier dennoch bewohnt.

Jeder Abend, nachdem wir uns die Bäuche vollgeschlagen haben, wird am Balkon mit Wein und Chacha vom Markt abgerundet. Urlaubsfeeling in vollen Zügen. 2 Mal zieht es uns mit einer geführten Tour hinaus aus Tbilisi. 2 lange, intensive Tage, aber sie haben sich gelohnt. Bereits das Umland von Tbilisi birgt einige Sehenswürdigkeiten. Der erste Stop ist beim Kloster von Jvari,

DSC02467

welches sich auf einem Hügel direkt gegenüber von Mzcheta befindet.

DSC02060

Schnell ein paar Fotos geschossen und weiter geht’s nach Gori, der Geburtsstadt Stalins, wo es das dazugehörige Museum zu besuchen gilt. Kurz hinter Gori erkunden wir Uplisziche.

DSC02541

Eine Felsenfestung die bereits im 6. Jahrhundert vor Christi gegründet wurde.

DSC02509

Einstmals galt sie als Handelszentrum der Seidenstraße und beherbergte 5000 Einwohner. Danach geht es nach Mzcheta, dem religiösen Mittelpunkt Georgiens, mit seiner Kathedrale,

20190613_180531

welche wie eine Festung mit einer Mauer gesichert ist.

Nach dem Tag mit viel Kultur, geht der zweite Tagesausflug in die Natur. Wir fahren die Heeresstraße Richtung Russland. Wunderschöne Berge umgeben uns.

DSC02101

Der hohe Kaukasus zum Greifen nahe. Die Stellen an denen die Kirchen gebaut wurden, wunderschön.

DSC02085

Das Glück ist auf unserer Seite und wir sehen den 5047m hohen Berg Kazbegi.

DSC02123

Nicht unerwähnt darf bleiben, dass MaPa Rösler sich bereits in Wien für uns die Füße wundgelaufen und soviel herumtelefoniert haben, dass wahrscheinlich schon die Ohren glühten.

20190610_185129

Auf MaPa ist einfach Verlass. DANKE nochmal für den doch recht spontanen Besuch. Dass der Abschied nicht leicht war, braucht wohl nicht extra erklärt zu werden.

Wir besteigen eine Maschrutka und machen uns auf den Weg retour nach Martvili. Es wird definitiv Zeit, dass wir wieder radeln, denn das gute Essen seit der Türkei und jetzt auch noch die fehlende Bewegung … die Hosen gehen schon SEHR streng zu. In Martvili bleiben wir noch einmal eine Nacht bei dem Workaway Hostel und besteigen früh unser Rad. Denn es ist heiß, sehr heiß. Und schwül. Durch hügeliges, grünes Gebiet

DSC02159

bahnen wir uns unseren Weg. Die altbekannten Häuser, auch die vielen leerstehenden,

DSC02169

 

DSC02147

DSC02170

(übersetzt: Weltfrieden)

sind auch wieder da. Ein Auto stoppt neben uns, reicht uns was raus und braust wieder davon: köstliche Buschmalas.

Die Wettervorhersage für die nächsten Tage bereitet uns so manche Sorgenfalte, aber wir können es nicht ändern. So auch heute nicht, als sich wie angekündigt um 15 Uhr der Himmel plötzlich verdunkelt und es zu donnern beginnt. Na toll, zum wildcampen haben wir viel zu wenig Wasser mit. In die Stadt 4 km vor uns wollen wir nicht, wir haben keine Lust auf ein Hotel. Wasser auffüllen und wieder rausfahren ist bei dem Himmel und der Tatsache, dass wir in eine Steigung im engen Tal kommen auch keine Option. Also steuern wir das nächste Haus an und fragen ob wir im Garten unser Zelt aufstellen dürfen. Es wird sich kurz beratschlagt, denn es handelt sich um 2 Mehrgenerationenhäuser und wir bekommen die Zusage. Das Zelt steht schnell und dann ….. nichts…. das Gewitter zieht mit einem Lärm an uns vorbei und wir sitzen da wie bestellt und nicht abgeholt. Naja, was solls. Der Opa des Hauses zeigt uns seinen Weinkeller.

20190618_162330

Nach 10 Minuten sind wir ordentlich beschwipst, denn der Wein wird in Georgien wie Saft getrunken: ein Glas mit ca. 125 ml Inhalt auf 1 bis maximal 2 Schlucke. Und kaum ist es leer ist es auch schon wieder voll. Nach 15 Minuten hat er akzeptiert, dass wir keinen Wein mehr möchten und wir wechseln die Räumlichkeiten. Die Oma ist nun dran uns ihr Reich zu zeigen. Ein Topf in dem sie einmal pro Woche Gemüse einkocht.

20190618_163812

Ziemlich beeindruckend diese Mengen. Dann dürfen wir offiziell entspannen – mittlerweile scheint sogar wieder die Sonne. Es kommen und gehen immer wieder Menschen, aber ein Sohn des Hauses nimmt sich unserer an. Wir dürfen duschen, trinken gemeinsam Kaffee und werden genau beobachtet als wir zu kochen beginnen und unser Zelt unters Vordach stellen, denn mittlerweile regnet es leicht. Kaum ist das Essen fertig und das innere des Zeltes hergerichtet, besteht der Hausbesitzer vehement darauf, dass wir mit ihm gemeinsam im Wohnzimmer essen und auch dort schlafen. Da hilft auch kein russisch mehr, denn er schnappt sich den Schlafsack und trägt ihn ins Wohnzimmer. Na gut, so hatte sein Sohn zumindest eine kostenlose Vorstellung von unserem Outdoorequipment. Nachdem wir alles abgebaut und verstaut haben, teilen wir die Nudeln und bekommen von ihm etwas von der köstlichen eingekochten Sauce von der Oma. Mit 4 Stunden Verspätung ist es da, das Gewitter. Dafür mit einer Wucht, dass wir sowas von dankbar sind, jetzt nicht im Zelt liegen zu müssen. Der Donner hallt an den naheliegenden Bergen wieder. Wir bleiben nicht die einzigen Gäste in diesem Wohnzimmer. Es kommen und gehen Männer und mit jedem wird ein Gläschen Wein getrunken. Die Trinksprüche sind lang und von Glas zu Glas, von Stunde zu Stunde versteht Sabrina immer weniger. Der Kopf raucht, das war eindeutig zu viel Russisch und zu viel Wein für die späte Stunde. Um Mitternacht fallen wir aufs Sofa und schlafen den Schlaf der Gerechten.

In der Früh füllen wir unsere Vorräte in der Stadt auf, ebenso unsere Wasserflaschen und machen uns auf den Weg. Von hier weg geht es hinauf. Hinauf nach Swanetien. 1800 hm unterschied sind es nur von hier bis Ushguli, aber in Wahrheit kommen 4400 hm zusammen.

Es ist noch nicht einmal 9 Uhr und wir schwitzen schon als ob wir unter der Dusche stehen würden. Heute bildet Wolfi das Schlusslicht –

DSC02187

er schwört, dass es so schnell keinen Wein mehr für ihn gibt. Als wir dann den Stausee erreichen,

DSC02186

spenden uns die Berge endlich Schatten. Es ist auch nicht mehr so steil wie zu Beginn, daher kommen wir jetzt deutlich besser voran.

DSC02181

Jetzt befinden sich die beiden Bergflanken kaum noch 50 Meter auseinander. Dazwischen der reißende Bach und unsere Straße.

DSC02207

Sie windet sich nach oben und wir fühlen uns wie in einer Achterbahn. Rauf, runter, rauf, runter. Der Hall des Flusses lässt uns schon den ganzen Tag glauben, dass wir jeden Moment einen Wasserfall sehen, so hört es sich an. Wir sehen auch so einige. Allmählich beginnt es zu nieseln. Ein leerstehenden Haus. Naja, ganz so leer ist es dann doch nicht, denn es fungiert als Kuhstall. Ganz in der Nähe, ein Haus und ein Verkaufsstand auf der Straße. Sabrina fragt die Frau ob wir unser Zelt im Garten aufstellen dürfen, auch heute ist das kein Problem. Es ist zwar erst halb vier, aber bei dem Himmel ist auch schon nach 65 km und 1200hm Schluss. Wir waschen uns notdürftig am Brunnen

DSC02765

und vertrödeln die Zeit. Das Wetter führt uns an der Nase herum, wie gestern auch schon. Es zieht zu, donnert, reißt auf, zieht zu, …. uns ist es egal, wir sind so oder so schon müde. So müde, dass wir sogar vergessen, dass wir eigentlich Kaffee kochen hätten können. Irgendwann sind wir uns beide einig, dass es spät genug ist um Abendessen zu kochen. Heute mit Bier. Ein Jubiläumsbier.

DSC02236

4000km hat heute der Tacho angezeigt. Man könnte meinen, dass wir aus dem Alkohol von gestern nichts gelernt haben, aber bei der Menge die wir heute geschwitzt haben, sehen wir es als reine Elektrolytzufuhr. Wir liegen noch vor Sonnenuntergang im Zelt und kurz bevor wir einschlafen beginnt das laute Tropfen auf unser Zeltdach. Es wird immer lauter, Donner und Blitze im Sekundentakt gesellen sich dazu und der Boden um uns herum hat große Mühe mit den plötzlichen Wassermassen fertig zu werden. Es bilden sich zentimeter tiefe Lacken um unser Zelt. Anfangs sind wir besorgt, aber die Müdigkeit und die Einsicht, dass wir es so oder so nicht ändern könnten, siegt und wir schlafen bei einem Tropfenkonzert ein.

In der Früh ist der Spuk vorbei und die Wiese um uns herum matschig. Der Wind und die Sonne trocknen unser Zelt während wir uns startklar machen. Es geht weiter am Fluss entlang. Weiter rauf und runter, mit einer Tendenz nach oben. Immer neue Ausblicke auf das hohe Kaukasusgebirge.

DSC02252

Immer wieder Gletscher, neue Schneeberge,

DSC02271

manchmal Dörfer mit den ersten Wehrtürmen. Trotz der guten Ablenkung ist es ganz schön anstrengend. Es zieht sich in die Länge.

DSC02815

Trotzdem lehnen wir dankend ab, als wir von zwei Autofahrern zu ihrem Picknick eingeladen werden. Um 11 Uhr sich zu Tisch zu setzen, auf dem eindeutig mehr Chachaflaschen als Essen stehen, nein danke.

Wir erreichen Mestia am frühen Nachmittag. Naja, fast, denn 3 Kilometer vor dem Dorf erwischt uns ein heftiges Gewitter. Na gut, so hat uns das Wetter die Entscheidung abgenommen was wir tun: wir buchen unsere erste Unterkunft auf der Reise ( Istanbul und Tbilisi (danke Mapa Rösler) waren Auszeittage und zählen nicht ;-) ). So stehen wir also unter einem Vordach, mit Blick auf die Stadt und buchen uns ein Zimmer. Als der Regen nachlässt rollen wir hinein und beziehen unser Zimmer. Das Dorf ist im Umbruch. Der Tourismus nimmt immer mehr zu in Georgien. Vor allem hier in Swanetien, aufgrund der tollen Wanderwege und der alten Dörfer. Das Dorf wirkt extrem künstlich und auf Hochglanz poliert.

20190621_171027

Es regnet den ganzen Abend und die ganze Nacht durch und das ziemlich heftig. Wir bleiben also noch einen Tag, denn ab hier wollen wir auf die langersehnte Offroad-Bikepacking-Strecke, da können wir Matsch so gar nicht gebrauchen. Und es soll den ganzen Tag weiter regen. Ein Tag nach Ushghuli gegen … ja, wie lange werden wir brauchen?? Keine Ahnung, 2-4 wahrscheinlich.

Der Tag geht schnell um.

DSC02852

Wir schauen uns in einem Cafe „Dede“ an, ein Film der in Ushguli gedreht wurde – sehr zu empfehlen um eine Idee über die Lebensweise hier heroben zu bekommen. Das Museum ist sicher toll, wenn man bei der Sache wäre. Unsere Gedanken kreisen aber nur um Wasserversorgung, Einkaufsmöglichkeiten und Machbarkeit der nächsten Tage – wir haben keinen Blog über die Strecke gefunden und zweifeln gerade etwas an uns selbst, nachdem die letzten zwei Tage auf Asphalt schon schlauchend waren. Am Ende studieren wir Blogs von Wanderern, schließlich sind wir die nächsten Tage auf Wanderwegen unterwegs. Viel schlauer werden wir nicht, aber wir sind hier, wir haben darauf mehrere Wochen gewartet, dann wollen wir es zumindest versuchen. Die Handys glühen schon förmlich, vor lauter KM und HM Berechnungen und Wettervorhersage checken. Letztere sieht nach wie vor gar nicht gut aus – Regen oder Gewitter jeden Tag. Aber man kann ihm in den Bergen ja so oder so nicht trauen: so auch heute. Aus 0 Stunden Sonne, wurden 8. Aus 8 Stunden Regen wurde 0. Da könnte man wahrscheinlich auch gleich den Kaffeesatz lesen und wäre danach genauso schlau.

Da es ab dem frühen Nachmittag Gewittern soll, sitzen wir bereits um 7 Uhr auf den Rädern und rollen zu unserer Abzweigung: jetzt kann es also losgehen – hoher Kaukasus, bikepacking – wir kommen. Der Anstieg hinauf durch den Wald ist gut fahrbar. Kein Wunder, noch ist es ja Asphalt. Aber nicht lange und es rüttelt wieder unter den Rädern. Die ersten schönen Wiesen flankieren unseren Weg,

 

 

DSC02361

die ersten Zeilen von Schneebergen zum greifen nahe.

DSC02340

Durchatmen. Genießen.

DSC02919

Was für ein Anblick. Das wir so langsam radeln, dass uns währenddessen die Bremsen zerstechen, versuchen wir auszublenden. Es geht eine Weile am Berghang dahin. Der Himmel ist bedeckt, von Wegen wolkenfrei. Aber uns soll es recht sein, so schwitzen wir weniger. Wir erreichen Leli, das erste authentische Dorf hier heroben. Zum erkunden lädt es aber nicht gerade ein, mit seinen extrem matschigen, mit Kuhfladen übersäten Gasserln. Es quatscht unter unseren Füßen, dass es einem graust. Hinzu kommt, dass ab hier der hike-and-bike Trail beginnt. Also heißt es bereits im Dorf raus aus dem Sattel und gegen den Lenker stemmen.

DSC02362

Und das für die nächsten 2 Kilometer und 240 hm. Anfangs matschig, dann steinig, mit Wurzeln übersät oder loses Geröll. Es ist alles dabei was ein Wanderweg so zu bieten hat, denn das ist er offiziell. Über eine Stunde wuchten wir unsere Räder nach oben.

DSC02376

Kurze Abschnitte ist sogar Teamwork gefragt.

DSC02394

Nicht nur wir schieben hier – laut Trackbeschreibung schiebt hier jeder. Trotzdem, unsere Räder sind eindeutig immer noch zu schwer. Ob es Spaß macht?? Komischerweise ja.

DSC02945

Sabrina ist einfach nur heilfroh, dass der Weg nicht ausgesetzt ist, wie damals in Peru, und strahlt somit wie ein Honigkuchenpferd. Der Wanderweg führt durch einen Wald, Aussicht gibt es somit keine. Am höchsten Punkt schlagen wir ein und sind stolz wie Oskar – nur knapp über eine Stunde haben wir gebraucht. Hinunter geht es dann wie hinauf – nur teilweise matschiger und zugewuchert. Ist wohl ein nicht so oft frequentierter Wanderweg.

DSC02958

Nicht selten peitscht uns ein Ast ins Gesicht, das Pedal stößt mit einer Wucht gegen das Schienbein oder an die Wade, das Vorderrad bleibt unvermittelt stecken, …. . Nur wenig können wir fahren, aber jeden Meter den wir am Sattel sitzen genießen wir.

DSC02412

Es macht immer noch Spaß, wird aber langsam ganz schön anstrengend. Umso mehr freuen wir uns als der Wald sich wieder lichtet und wir wieder die Fernblicke genießen können. Ab hier werden die Strecken die wir fahren können auch wieder mehr. Dennoch heißt es oft bereits nach 50 Metern wieder absteigen und schieben. 1 Kilometer vor Zvirmi genießen wir unser Mittagessen mit einer grandiosen Aussicht.

20190622_120504

Wir sind angekommen. DAS ist das Georgien wie wir es uns vorgestellt haben. Gut gestärkt rollen wir in das Dorf. Wir haben ja schon viele einfache Lebensweisen gesehen, aber die Umstände unter denen die Bevölkerung hier lebt übertrefft alles.

 

DSC02426Die Häuser zerfallen zum Teil,

DSC02424

die Gassen sind als solche nicht erkennbar, das halbe Dorf ist unter Matsch begraben, … hier zu leben ist sicher nicht einfach.

DSC02432

Wir füllen unsere Wasserflaschen an und beratschlagen was wir tun. Noch nicht einmal 13 Uhr und der Himmel ist schon ziemlich dunkel. Wir sind uns uneinig. Für die nächsten 2 Kilometer brauchen wir sage und schreibe 1 Stunde. Und das obwohl es auf einer Forststraße bergab geht.

DSC02981

Das kommt davon, dass wir ständig stehen bleiben und diskutieren. Immer noch darüber, ob wir den nächsten Anstieg in Angriff nehmen oder uns hier einen Platz für unser Zelt suchen. Zeit wäre noch allemal, die Beine könnten auch noch den ein oder anderen Höhenmeter schaffen ( im Gegensatz zu den Armen), aber der Himmel, …. . Die Diskussion wird immer heftiger, jeder wechselt ständig seine Meinung, wahrscheinlich weil eigentlich keiner eine hat. Am Ende nimmt uns ein „Traumplatz zum Verweilen“ die Entscheidung ab. DER schönste Platz den wir jemals hatten um unser Zuhause aufzubauen.

20190622_184645

Wolfi rollt nochmal schnell retour ins Dorf um noch mehr Wasser zu holen. In der Zwischenzeit regnet es immer wieder mal, aber nichts von Bedeutung. Bei Kaffee

20190622_163632

genießen wir unser 180 Grad Panorama. Es ist so atemberaubend hier, dass wir mehrmals vergessen, dass wir ein Honigbrot in der Hand halten – das ergibt dann den ein oder anderen Flecken auf der Hose. Auch die 1000 Gelsen die uns zerstechen und ihre größeren Brüder die Bremsen nerven uns hier viel weniger als sonst wo. Wie kann man hier heroben auch genervt sein. Unmöglich!!

DSC03014

Keine Ahnung, aber es sind mindestens über 200 Fotos die wir hier schießen.

DSC03068

Die Wolken die kommen und gehen, die Sonneneinstrahlung auf die Berge, welche die Grenze zu Russland bilden, die wahnsinns schöne Blumenwiese neben uns…. da ist schnell vergessen, dass wir heute den persönlichen Strecken, sorry Schneckenrekord von nur 23 km aufgestellt haben.

Bis die Sonne untergeht bleiben wir draußen und genießen die kühlen Temperaturen. In der Früh weckt uns, kurz bevor der Wecker läutet, Vogelgezwitscher auf. Herrlich, das ist Musik in den Ohren. Trotzdem fällt das aufstehen schwer. Kein Wunder, es ist auch erst 5:30. Aber wieder stehen die Chancen für Gewitter am Nachmittag hoch. Auch wenn wir schön langsam den Glauben an diverse Apps verlieren, so wollen wir es trotzdem nicht darauf ankommen lassen. Also schwingen wir uns um halb acht auf unsere Drahtesel und rollen die paar Meter hinunter zur Hauptstraße. Hier könnten wir bequem in einem halben Tag in Ushguli sein. Wir nutzen aber nur 20 Meter Asphalt und biegen wieder links ab. Es geht eine miese Schotterstraße nach oben, welche immer wieder ein Skigebiet kreuzt. Schön ist was anderes, aber zum Glück braucht die Straße nicht allzu viel Aufmerksamkeit und so können wir unseren Blick schweifen lassen. Wieder neue Bergspitzen,

DSC02445

altbekannte Spitzen aus einem anderem Blickwinkel, neue Gletscher,

DSC02455

neues Tal, neuer Fernblick. Kurz vor dem höchsten Punkt verlassen wir den Weg und rollen erneut auf einen Wanderweg. Blumenmeer. Bei dem Ausblick machen wir eine Ewigkeit Pause.

20190623_092557

Es ist einfach so traumhaft. Erinnert einem ein wenig an die heimischen Alpen.

20190623_110101

 

Auf dem Wanderweg geht es hauptsächlich bergab.

DSC02473

Der Weg ist in einem besserem Zustand als gestern und so können wir vieles fahren.

20190623_111732

 

Selten kommen wir weit,

20190623_115945(0)

denn uns fasziniert die Landschaft so sehr,

DSC02486

 

 

dass gefühlt jeder Meter auf den Kameras festgehalten wird.

DSC03161

Nur an einer Stelle fliegen mal kurz die Nerven bei Sabrina. Es gilt eine große Matschlandschaft zu durchqueren.

DSC02507

Am Ende sind beide Schuhe eingeweicht und das darauf folgende Steile nach oben Schieben, mit Blick auf eine bedrohlich dunkle Wolke und einem schmerzenden Rücken aufgrund von Muskelkater, reichen dann um diesen Klotz von Fahrrad zu verwünschen. Da hilft nur eines: Essenstasche auf, egal wie laut es bereits um einem herum donnert. Die Zuckerzufuhr hilft, die Blumen strahlen einem wieder an

20190623_124112

und das herannahende Gewitter kann wieder ausgeblendet werden. Bald erreichen wir das Tal in dem Adishi liegt. Dieses Dorf zeigt sich jedoch erst unmittelbar bevor man es erreicht. Postkartenanblick finden wir.

20190623_130902

 

Die letzten Höhenmeter hinunter schieben wir mal wieder, denn es ist eindeutig zu steinig für uns. Am Ortseingang dann das selbe Spiel wie gestern, nur emotionsneutraler: should we stay or should we go? Es ist erst kurz nach 12 Uhr, wir haben mal keine 20 km am Tagestacho. Während wir da stehen und unsere Optionen durchgehen, kommen einige Wanderer an. Alle fragen sie, ob das unsere Radspuren da oben waren? Anstatt uns für verrückt zu erklären, ernten wir blankes erstaunen und Bewunderung. Sie hätten oft schon mühe gehabt auf dem Weg, aber dann auch noch ein Fahrrad. Naja, wir müssen zugeben, manchmal haben wir schon in Frage gestellt was wir hier mit den Rädern machen.

Uns gefällt das Dorf, es wirkt, bis auf die vielen „Guesthouse“-Schilder und den paar neu erbauten Häuser, doch noch recht authentisch.

DSC03203

Knapp ein Monat haben wir gewartet um hier herauf zu kommen, dann wollen wir es auch genießen. Also stellen wir unsere Räder bei einem der Guesthäuser ab und schlendern durch das Dorf. Auch hier wieder alles extrem einfach. Transportschlitten stehen herum,

DSC03208

denn der Winter ist hier hart und dauert lange. Die Wehrtürme verfallen alle zunehmend.

DSC03197

Es fühlt sich an wie eine Zeitreise.

DSC03217

Oder wie eine perfekte Filmkulisse für historische Filme. Nur dass das hier die Realität ist, in der Menschen leben. Keine 190 km Luftlinie von Batumi mit seinen Glitzernden Casinos entfernt. Eine wirklich komplett andere Welt hier oben.

Strom gibt es heute keinen und somit auch kein heißes Wasser, also keine Dusche. Wir finden zwei „market“, aber außer Cola, Bier, verschiedene Schokoladen und noch ein paar andere Süßigkeiten gibt es hier nichts zu kaufen. So bestellen wir Abendessen und Frühstück bei unserer Familie und heben uns unsere Nudeln fürs nächste Campen auf.

Heute kommen wir nicht früh los, denn es regnet. Zwei Regenschauer warten wir ab, bevor wir befinden dass es am Talende hell genug aussieht.

20190624_091814

Es geht einen Fluss entlang bergab. Unsere Füße bleiben bei den Flussüberquerung trocken, wir selbst nicht ganz. Der ein oder andere kurze Schauer erwischt uns. Gut, dass wir gestern geblieben sind, denn hier hätten wir nichts zum Campen gefunden. In Bogreshi erreichen wir die direkte Straße nach Ushguli. Für ein paar Kilometer ist sie noch asphaltiert, bevor sie in eine schmale unbefestigte Straße übergeht. Uns holt Marco aus Italien ein. So radeln wir also zu dritt die fehlenden KM nach Ushguli. Auch wenn es jetzt die Hauptstraße ist, der Verkehr ist minimal und die Landschaft auch schön.

20190624_125517

Dieses Mal reicht unser Time-management nicht aus. Auf der Suche nach unserer Unterkunft erwischt uns ein aus dem nichts kommendes Gewitter, das uns binnen Sekunden patschnass werden lässt. Wir finden einen kleinen Vorsprung und ein Mann kommt gerannt und öffnet uns die Türe zum Schuppen.

20190624_141557

Jetzt aber genau richtig, denn aus dem Regen wird Hagel. Kurz darauf in einer Regenpause schieben wir unsere Räder zu unserer Unterkunft. Am höchsten Punkt des Dorfes, was denn sonst. Aber was für eine Aussicht, nicht schlecht.

DSC03306

Hinter Ushguli befindet sich der höchste Berg Georgiens: Schchara mit 5201hm.

 

DSC03288

Ushguli, auf 2150m, gilt als das am höchst liegende besiedeltes Dorf Europas. ( Je nachdem wo man die innereurasische Grenze zieht, gehören Teile Georgiens noch zu Europa)

DSC03265

Das Dorf steht unter dem UNESCO Kulturerbe, aufgrund seiner vielen Wehrtürme. Jede Familie hatte früher solch einen.

DSC03249

Die ältesten stammen aus dem 10. Jahrhundert. Sie dienten zum Beispiel als Schutz vor Lawinen oder anderen Gefahren. So ein Wehrturm kann bis zu 21 Meter hoch sein.

20190624_172627

Der oberste Stock diente zur Verteidigung gegen Angreifer. Im Untersten wurde gekocht. Dazwischen liegen Ebenen zum Schlafen oder Vorratsräume.

In den Häusern lebten im Winter Tier und Mensch oftmals alle zusammen in einem Raum, um die Wärme der Tiere zu nutzen. Einzig die Schweine wurden aufgrund ihrer stinkenden Ausscheidungen meist vor dem Winter geschlachtet. Zwischen Oktober und Mai liegt hier Schnee. Der Mythos, dass das Dorf im Winter von der Außenwelt abgeschnitten ist und tlw. per Helikopter versorgt wird, stimmt nicht mehr. Dieser wurde uns durch mehrmaliges Nachfrage widerlegt. Die Straße Richtung Mestia sei höchstens für ein bis zwei Tage gesperrt.

Nichts desto trotz, einfach ist es hier bestimmt nicht. Wir selbst sind aber etwas schockiert von dem Dorf. Glaubten wir, dass in Mestia der Tourismus sein Unwesen treibt, so verändert er Ushghuli erst recht. Neben den Kulturerbehäusern prangen Colasonnenschirme, neben dem mit Schieferplatten gedeckten Häusern, stechen neue Betonbauten hervor. Es bedarf schon fast einer Kunst, ein schönes Foto zu bekommen, ohne all dieser neumodernen Verändung.

20190624_193613

Bei Sonnenschein

DSC03328

satteln unsere Räder und machen uns auf zum Zagari – Pass auf knapp 2700m . Die Straße gehört jetzt so gut wie uns alleine – denn hier herüber fährt kaum jemand. Die meisten drehen wieder um und fahren die Asphaltstraße in die Tiefebene zurück. Viel zu holprig ist die Straße auf der anderen Seite des Passes. Wir können uns an dem Meer aus Blumen nicht sattsehen.

DSC02560

Immer wieder in anderen Farbkonstellationen,

DSC02550

mal mehr lila, mal mehr gelb, dann plötzlich blau, …oder ein Überraschungsstrauß.

20190625_100812

Eine Kuh müsste man hier oben sein.

20190625_120054

Um uns herum immer wieder neue schneebedeckte Bergspitzen.

DSC02587

Oder saftig grüne Hänge.

DSC03356

Ein Paradies.

DSC02562

Kurz vor dem Pass taucht dann auch noch der Berg Ailma auf. Mit seinen 4547m ein wahrer Koloss wie er da steht, sehr beeindruckend.

DSC02591

Den Pass genießen wir, schließlich bedeutet er auch schon wieder das Ende unserer Zeit im großen Kaukasus.

DSC03383

Selbst wenn man will, man kommt nicht weiter östlich, denn dort befindet sich Südosetien. Ein Gebiet das völkerrechtlich Georgien gehört, sich jedoch 1991 für staatlich unabhängig erklärt hat. Einzig Russland, Nauru, Nicaragua, Syrien und Venezuela anerkennen diese Republik. Man kann einzig über Russland einreisen, oder aber mit einer Sondergenehmigung von Georgien aus. Nach georgischem Recht, handelt es sich um ein besetztes Gebiet. Also heißt es auch für uns, wieder hinunter Richtung Tiefebene. Die Abfahrt ist steinig, holprig, aber bei den Aussichten bremst man so oder so gerne und fährt langsam. Ein genialer Abschluss für eine geniale Zeit. Das warten hat sich gelohnt. Der Preis – 1 Monat im Verzug

DSC02602

und somit über 40 Grad im Iran ist hoch, aber es war es uns wert. Wir strahlen über beide Ohren, die Eindrücke gehören zu den schönsten die wir per Fahrrad gesehen haben und vor allem zu den schönsten auf der jetzigen Tour.

DSC02607

Mit all den kostbaren Erinnerungen bahnen wir uns den Weg über die immer schlechter werdende Piste.

DSC02604

Wir sind so langsam unterwegs, dass uns Gelsen und Bremsen beim fahren zerstechen.

DSC03399

Nur die vielen Schmetterlinge sind schöne tierische Wegbeleiter. Bereits mehrmals, auch schon in der Türkei, gab es Strecken, wo wir für mehrere hundert Meter, oder sogar Kilometer, von dutzenden, hunderten Schmetterlingen umgeben waren. Ein wunderschönes Schauspiel. Nur leider sind sie viel zu klein um jemals im Flug auf einem Foto festgehalten werden zu können.

DSC03407

Heute ist es eine Schar aus kleinen blauen Schmetterlingen. 

Wir werden von drei Männern aufgehalten. Hier ist Gigas Vater vor 28 Jahren in einer Lawine gestoben. Sie trinken auf ihn und wir ebenso. Das Glas Wein wird immer wieder neu befüllt – genug ist ja da.

20190625_143728

Immer der selbe Ablauf. Das Glas wird gefüllt – an jemanden gereich – dieser hält einen emotionalen Trinkspruch auf Gott und die Welt – dann wird auf den verstorbenen angestoßen – ein bisschen vom Wein auf den Boden geschüttet – und der Rest hinter die Kehle. Dann wird das Glas weitergereicht und alles beginnt von vorne.

Bevor wir zu betrunken sind, fahren wir weiter. Bald kommen die ersten Häuser wieder in Sicht, kurz darauf der Asphalt und wir übersehen bei einem wunderschönen Canyon die Zeit. Die Sonne geht unter und wir wären schon längst bereit für einen Platz für unser Zelt, aber die Landschaft ist es nicht.

DSC02657

Beim 4. Anlauf finden wir einen einigermaßen guten Platz für unser Zelt. Leider ist nebenan eine Mineralwasserquelle und es herrscht bis spät in die Nacht ein Kommen und Gehen. So ganz wohl ist uns hier nicht, aber irgendwann übermannt uns der Schlaf. Dieser wird aber wegen den ungewohnt hohen Temperaturen eher unruhig. Der nächste Tag beginnt wie der Vorige geendet hat. Tendenziell bergab.In einem Dorf lädt uns der Bäcker nicht nur auf ein Brot ein, sondern zeigt uns auch wie die typsichen georgischen Brote gemacht werden.

Umso anstrengender sind dann die letzten hügeligen 25km nach Kutaisi. Die ziehen sich endlos, wir kommen aufgrund der Hitze mit dem Trinken nicht nach, kühlen uns zwischendurch immer wieder ab

DSC02675

stoppen für blühende Granatäpfelbäume,

DSC02669

und starren den Tacho an, in der Hoffnung dass die Kilometer schneller umspringen.

Da hilft nur eines; sich gedanklich wieder ein paar Kilometer in die Berge zurück zu beamen und viel essen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s