Sowjetcharme im Schnelldurchlauf

Ninotsminda – Meghri/ Grenze

05.07. -15.07.2019 davon 9 Tage am Rad

5296 Km total

52022 Hm total

GPS Track / Route, bitte hier klicken

 

(Der letzte Eintrag über den 2. Teil Georgiens  ist noch keine 2 Wochen her, aber wir sind mittlerweile so gut wie aus dem Iran wieder draußen, daher versuchen wir den Blog wieder etwas auf Gleich zu bekommen)

Die letzten Tage haben wir unsere Ausreise aus Georgien stets hinausgezögert und unseren Aufenthalt durch offroad-Strecken verlängert. Heute aber, auf den letzten 23km bis zur Grenze, behält uns Georgien aufgrund einer 14km langen Baustelle noch länger im Land. Wir kommen nur im Schneckentempo voran.

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Aber dann heißt es „kargad“ (auf Wiedersehen) Georgien, „barev“ (Hallo) Armenien. Der Grenzbeamte überlegt kurz ob er sich wirklich die Arbeit antun soll, um unsere Taschen zu inspizieren und kommt dann überein, dass eine höfliche Frage ausreicht: „Please tell me, what’s in your bags?“ Wir zählen brav auf. Er scheint zufrieden zu sein. Oder doch nicht. „ Any medicin?“ Grrrr, wir haben schon mal was davon gehört, dass an der armenischen Grenze die mitgebrachte Apotheke penibel durchsucht wird. Darauf haben wir keine Lust. „Just a creme for wounds“, ist unsere Antwort in der Hoffnung, dass er nach wie vor nicht in Arbeitslaune ist. Dem ist so. Er heißt uns willkommen in Armenien und wünscht uns eine gute Reise.

Ein paar wenige kleine Dörfer durchfahren wir. Wie immer in einem neuem Land sind all unsere Sinne aktiviert: sehen die Dörfer anders aus? Was gibt es in Minimärkten zu kaufen? Wird hier gehupt oder nicht? Grüßen die Menschen oder sind sie eher reserviert? Usw. …

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Wir sind gerade einmal 21km seit den Grenzkontrollen auf Asphalt gefahren, schon biegen wir wieder von der Hauptstraße ab.

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Uns wurde eine schöne Strecke

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von anderen Radlern empfohlen welche durch ein malerisches Flusstal führt.

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Uns wurde nicht zu viel versprochen, es ist einzigartig schön hier.

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Abgesehen von den dunklen, lärmenden Wolken die uns im Nacken sitzen. Diese holen uns natürlich genau dann ein, als wir beim Wasserfall unsere Mittagspause einlegen möchten. So lassen wir also den Wasserfall links liegen, betrachten ihn aus der Ferne und schauen, dass wir die Steigung zum höchsten Punkt noch vor dem Gewitter schaffen. Der Plan geht auf

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und wir rollen auf der anderen Seite wieder runter zum Asphalt.

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Jetzt wird es aber allmählich Zeit, dass wir einen Platz für unser Zelt finden. Gar nicht so leicht hier. Nach über 100 km können wir den Tag dann endlich beenden und stellen unser mobiles zu Hause im Innenhof eines verlassenen, russischen Restaurants auf.

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Die Steigung am nächsten Morgen zieht sich ins Unendliche. In der Stadteinfahrt nach Wanadsor passieren wir unzählige Fabriken, Kohlekraftwerke und verfallene Gebäude.

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In der Stadt entdecken wir an allen Ecke „neue“ Fahrzeuge. Wie auch schon in Georgien sind viele davon Gasbetrieben.

An der Ausfahrt wiederum kommen wir an einer Siedlung mit Kleinsteigenheimen vorbei. Was bei uns in Zentraleuropa eine Lebenseinstellung ist bzw. ein wenig im Trend liegt (Tinyhouse), ist hier aufgrund von fehlenden finanziellen Mitteln, traurige Realität.

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Es ist schwül heiß und die Landschaft trägt auch nicht viel zur Ablenkung bei. Dafür ist dann der Downhill wunderschön.

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Wir sausen an unzähligen Picknick-/Grillplätzen vorbei, alle aufgrund des Wochenendes gut besucht. In Dilijan genießen wir einen Kaffee und entscheiden spontan, dass wir nicht über den Sevanpass möchten. Wunderschöne Serpentinen würden uns erwarten, aber wir würden sie mit unzähligen LKWs und Wochenendausflüglern teilen. Darauf haben wir überhaupt keine Lust. Die Vorstellung im Schneckentempo bei der Hitze nach oben zu kriechen und von Abgasen umgeben zu sein reicht aus, dass wir einen 2 tägigen Umweg in kauf nehmen um zum Sevan See zu kommen. Für uns geht es also weitere 15 km auf der Hauptstraße bergab, bevor wir ins Getik Valley abbiegen.

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Sofort wird es wohltuend ruhig um uns. So kann man radeln genießen.

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Leider nicht lange, und es donnert wieder hinter uns. Gerade zur richtigen Zeit erreichen wir ein kleines Dorf. Wir werden von einem Mann zu sich eingeladen.

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Kaum betreten wir sein bescheidenes zu Hause,

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öffnen sich die Schleusen des Himmels und es schüttet. Binnen Sekunden ergießt sich ein Schlammbach beim Haus vorbei

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und ein Sturm fegt so einiges im Garten um. Das Haus hält auch nicht ganz dicht, es regnet an mehreren Stellen herein. Der ganze Spuk dauert gute 15 Minuten lang. Danach machen wir uns weiter auf den Weg, aber wir kommen nicht weit. Bereits die nächste Gewitterfront rollt heran. Die Weltuntergangszenen von vorhin noch vor Augen, beschließen wir im Dorf zu fragen ob wir unser Zelt unterstellen dürfen. Der Minimarktbesitzer öffnet seine Autowerkstatt für uns und nachdem wir uns eingerichtet haben,

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lädt er uns auch noch zu sich zum Essen ein. Wir lernen so manche neuen Früchte kennen und natürlich auch deren gebrannte Version.

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Auch hier, alles sehr einfach gehalten. Bei der Einladung zuvor wurde auf einen kleinen Campinggaskocher gekocht. Hier befindet sich die Küche im Außenbereich.

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Er ist überglücklich, dass Sabrina ein wenig russisch spricht und Wolfi wiederum bereut es von Tag zu Tag mehr, vor der Abreise nicht auch brav die Schulbank gedrückt zu haben.

Wo wir denn überall waren, will er wissen. Als wir die Türkei aufzählen, verfinstert sich seine Miene. Das wären alles keine guten Leute. Sein Großvater ist im vom Osmanischen Reich verübten Völkermord 1915 umgekommen, ebenso wie viele andere seiner Verwandten. Armenien hat alles andere als eine schöne Vergangenheit. Seine Geschichte ist sehr komplex und von vielen Kriegen, Besetzungen und Vertreibungen geprägt. Die Gegenwart zeigt ebenfalls immer noch große Spannungen auf. So sind die Grenzen zu den Nachbarländern Türkei und Aserbaidschan seit etlichen Jahren geschlossen. Die Türkei bestreitet nämlich, dass es sich damals um einen Völkermord gehandelt hat, sondern nennt die Deportationen als kriegsbedingte Sicherheitsmaßnahmen.

In der Früh hängt noch ein wenig der Nebel zwischen den Bergflanken. Wir selbst sitzen bereits um kurz nach 7 Uhr auf unseren Drahteseln: die Hitze und die ständigen Gewitter am Nachmittag zwingen uns schon fast dazu, wenn wir voran kommen möchten.

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Es geht weiter Fluss aufwärts. Nach wenigen Kilometern öffnet sich das Tal und die Bäume verschwinden.

Dafür entdecken wir, um es schön auszudrücken, kreative Wiederverwendungsmöglichkeiten von verschrotteten Autos. Ob als Zaun

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oder als Damm in einem Fluss.

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Im letzten Dorf

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vor dem Pass möchten wir Proviant fürs Mittagsessen einkaufen. Wir freuen uns darüber Streichkäse zu finden, aber bis in unsere Taschen schafft er es dann doch nicht: Ablaufdatum 20.12.2018 – das ist dann selbst für uns aufgrund von sicher dutzenden Kühlunterbrechungen dank regelmäßigen Stromausfällen, weit über dem Ablaufdatum. Bereits in Georgien haben wir unbemerkt eine Tomatendose gekauft, die bereits seit knapp einem Jahr abgelaufen war. Ja, diese Minimärkte in Dörfern sind eine Nummer für sich.

Die letzten Kilometer hinauf zum Pass sind die anstrengendsten seit Tagen.

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Die Sonne knallt auf uns herunter und wir schwitzen, als ob wir unter der Dusche stehen würden. Bitte wie sollen wir im Iran auch nur einen Kilometer radeln, wo es noch einmal 10 Grad mehr hat? Umso mehr fühlt sich die Abfahrt hinunter zum Sevan See wie eine Belohnung an.

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Die Ostseite des Sees ist kaum besiedelt.

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Ein paar wenige Badeplätze

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und Privatanlagen zieren die Küste. Auch ohne Streichkäse ist die Mittagspause hier zu genießen.

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Weil es ein wenig Urlaubsfeeling hat

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sehnen wir uns nach einem guten Kaffee und Kuchen in einem schönem Kaffee – vielleicht finden wir ja eines in der Stadt Sevan. So lange brauchen wir aber gar nicht zu warten, denn kurz nach unserer Pause ruft uns ein Ehepaar, welches selbst gerade Pause macht, „KAFFEE, KAFFEE!“ hinterher. Gerne nehmen wir die Einladung an und spätestens nachdem sie erfahren, dass wir aus Wien sind und ihre Tochter dort seit Jahren lebt, ist die Stimmung ausgelassen. Uns gefällt diese Picknick/Grill/Kaffeekochen-am-Straßenrand Mentalität.

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Auf der Westseite

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in der Stadt Sevan angekommen, wollen wir dann eigentlich nur wieder schnell raus. Einerseits weil die Stadt alles andere als einladend ist und andererseits weil sich die Wolken bereits wieder zu türmen beginnen. Aber wir brauchen in der Stadt länger als uns lieb ist. Von der Hitze und den KM und HM von heute ziemlich erledigt, sind wir träge und das beziehen von Dram und tauschen in Dollar dauert. Obwohl noch im Norden von Armenien, planen wir lieber jetzt schon unseren Dollarvorrat für den Iran ein. Wir durchfahren nur noch eine größere Stadt in der es Banken gibt und wenn wir dort an einem Wochenende sind, haben wir Pech, deshalb lieber jetzt. Aufgrund der Sanktionen ist der Iran nicht an das internationale Bankennetz angebunden und dadurch kommen Ausländer an kein Bargeld heran und das Bezahlen per Karte geht ebenfalls nicht. Es heißt also genügend Dollar (oder Euro) mit sich zu führen. Alles andere als ein gutes Gefühl, aber da müssen wir wohl oder übel durch.

In der Zwischenzeit werden die Wolken immer dünkler und der Wind immer stärker. Kräftig in die Pedale treten steht also mal wieder an. Spektakulär und beängstigend gleichzeitig geht bereits ein Gewitter auf der Ostseite nieder.

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Aber noch beängstigender ist der Verkehr. Es ist Sonntag, später Nachmittag und alle am Weg nach Hause. Es ist die Hölle los. Ein Auto reiht sich an das andere, bei gefühlten 100km/h. Nicht nur das Gewitter stresst uns, nein, auch der rücksichtslose Verkehr. Wahrscheinlich waren wir noch nie so froh, dass wir Gegensturm haben, denn so stehen die Chancen gut, dass das Gewitter hinter uns bleibt. So ist es dann auch, aber die 24 km bis wir einen Zeltplatz finden und uns gegen den Wind stemmen, laugen uns komplett aus.

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Deshalb ist es uns auch total egal, dass wir nur einen sehr welligen Untergrund für unser Zelt finden.

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105km, eindeutig wieder zu viel.

 

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Auf dem Weg nach Martuni ist die Stimmung anfangs schlecht. Sehr schlecht. Nieselregen statt angesagten Sonnenschein, da kommt bei keinem von uns beiden Stimmung auf. Auch nicht, wenn in der Ferne schöne Berge wie von Zauberhand wolkenfrei sind.

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Trotzdem nehmen wir den Abstecher nach Noratus in Kauf

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und schauen uns die Noraduz Crosstones an.

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Zu allem Überfluss lassen sich die Grabsteine aufgrund der Lichtverhältnisse nicht so ablichten wie wir das gerne hätten.

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Das Stimmungsbarometer sinkt Richtung Null.

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Nachdem gestern Sabrina beim Radeln von einer Biene gestochen wurde, ist jetzt Wolfi dran. Irgendwie ist heute der Wurm drin. Gut, dass wir heute nur eine kurze Etappe vor uns haben, denn kurz hinter uns ist ein befreundetes schweizer Radlerpärchen. Seit Istanbul versuchen wir immer wieder uns zu treffen und gemeinsam zu radeln. Andere Strecken, Krankheit, Schnee, Familienbesuche, … es hat einfach bis jetzt nicht geklappt. Heute sollte es soweit sein. Die Vorfreude auf die Beiden, diese skurrile Fischanpreisung

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und die 5000km Jubiläumssportgummis (die seit Tibilisi überlebt haben) kurz vor Martuni

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lassen uns dann doch wieder lächeln. Ja, so eine Radleralltag hat seine Höhen und Tiefen.

In der Kleinstadt stellen wir dann ernüchternd fest, dass die Unterkunftspreise in Armenien deutlich höher sind als noch in Georgien und das, obwohl das Land sicher ärmer ist. Spät am Abend schaffen es dann Remo und Vero noch zu uns. Die Wiedersehensfreude ist groß und wir sind gespannt auf die nächsten Tage die wir gemeinsam radeln werden.

Die Straße hinauf zum Pass schmiegt sich an eine weitläufige, baumlose Landschaft.

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Im Gegensatz zu den letzten zwei Tagen herrscht hier auch kein Verkehr.

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Auf der anderen Seite des Passes erwartet uns ein sagenhafter Ausblick

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hinunter auf ein schmales Tal,

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karge Berge

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und grüne Oasen. Eine Karawanserei im fast noch ursprünglichen Zustand liegt auch noch am Weg.

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Dort treffen wir auf eine Gruppe europäischer Pauschaltouristen, die uns ebenso als Attraktion betrachten, wie das historisches Gebäude.

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Unten am Fluss angekommen erwartet uns zuerst ein Beinahe-hitzeschlag, gefolgt von einem kurzen heftigen Gewitter. Wir sitzen das ganze bei einer langen Mittagspause aus und entscheiden nach längerem hin und her, dass wir die von uns beiden ins Auge gefasste Offroadstrecke nehmen. Zuerst aber biegen wir in ein anderes Tal ab.

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Mittlerweile knallt die Sonne auf uns herunter und dank Asphalt von unten die Hitze auch wieder hinauf.

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Da man sich aber viel zu erzählen hat, ist jeder gut abgelenkt

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und so sind die 17 km bis zur Offroadabzweigung und zum Pass schnell erledigt. Wir plündern den Minimarkt um uns für den Anstieg zu stärken,

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aber nicht nur wir sind in dem kleinen Dorf Hermon angekommen, sondern auch die Regenwolken. Deshalb suchen wir lieber einen Platz für unsere Zelte und verschieben den Anstieg auf morgen. Ein Mann der gerade noch seine Wiese mit der Sense gemäht hat, lässt uns ohne Zögern auf seinem Grundstück unsere Zelte aufschlagen.

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Der Nieselregen verschwindet wieder und wir genießen eine ausgiebige Katzenwäsche im kalten Fluss.

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Nur der frühe Vogel fängt den Wurm….

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Wir zwei sind eindeutige Frühaufsteher wenn es ums radeln geht und sind daher schon etwas früher unterwegs.

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Serpentine

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um Serpentine,

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wunderschöne Landschaft

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und noch angenehme Temperaturen begleiten uns hinauf.

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Die kurze Wartezeit auf die beiden anderen vertreiben wir uns mit Zelttrocknen und Kräuter pflücken. Was freuen wir uns schon auf die Tage, an denen Zelt und Schlafsäcke in der Früh vollständig trocken sind. Die gemeinsame Abfahrt wird dann streckenweise holprig,

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aber traumhaft schön.

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Diese Wiesen, sanften Hügeln und die vielen verschiedenen Blumen … wir können einfach nicht genug davon bekommen.

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Manchmal glaubt man, dass Häuser nicht bewohnt sind, aber hier zeigt der Balkon das Gegenteil.

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Wir werden auf die Hauptstraße rausgespült. Hitchhiker haben es bei der Hitze auch nicht leicht. Remo stimmt mit seiner Ukulele auf ein paar Lieder mit ihnen ein.

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Gemeinsam trällern wir so ein paar Klassiker, Auto hält trotzdem keines an (oder vielleicht gerade deshalb ? ;-) ). Uns wird es stehend auf dem Asphalt viel zu heiß und so machen wir uns weiter auf den Weg. Denn unser eigens produzierter Fahrtwind macht es einigermaßen erträglich. Da beißt sich die Katze in den Schwanz: radeln ist anstrengend, man schwitzt und bekommt Durst, aber stehen bleiben ist auch keine Option.

Anfangs geht es noch angenehm bergauf.

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Die Zunge klebt am Gaumen und der Kopf beginnt allmählich zu schmerzen. Kein Wunder, dass wir nach über einer Stunde kontinuierlichem bergauf bei einem Miniladen über eine Stunde hängen bleiben. Unsere Köpfe abkühlen,

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literweise Wasser in unsere Kehlen schütten und den geschenkten Kilo Marillen auch noch verputzen. Der Verkehr nimmt etwas zu, die Steigung wird gefühlt mehr, Tristesse stellt sich ein, … kurzum, es wird mühsam.

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Wir zwei schleppen uns den Pass nach oben,

DSC03621die Schweizer sind dank Eros Ramazzotti in den Ohren wie Raketen davon gedüst. Aber irgendwann hat alles ein Ende, so auch dieser Anstieg. Am Pass füllen wir unsere Wasserflaschen auf, denn wir sind alle erledigt und wollen nur noch schnellst möglich einen Schlafplatz finden. Für den anstrengenden Tag werden wir mit einem kitschigen Panorama und einem erfrischenden Bach vor unseren Zelttüre belohnt.

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Es kühlt wie gestern Abend auch schon, wieder gut ab, so steht einem erholsamen Schlaf nichts im Wege.

Über unseren weiteren Weg sind wir uns am nächsten Morgen nicht so einig. Die Schweizer wollen auf der Hauptstraße bleiben, Sabrina will wieder offroad und Wolfi weiß nicht so recht. Am Ende entscheidet er sich ebenfalls für Asphalt und Sabrinas Hirn blockiert mal wieder. Hauptstraße und Verkehr – eine Kombination die jeden einzelnen Kilometer für Sabrina zu einem unnötigen Kilometer macht. Remo argumentiert nachvollziehbar und sachlich, dass es doch egal ist von welcher Seite man den See sieht.

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Da mag er ja zum Teil recht haben, aber wir beide können hier die Landschaft einfach nicht genießen, wir kommen nicht zur Ruhe.

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Wolfi kann damit eher umgehen, Sabrina zieht die nächsten 15 km alleine los und strampelt stur und kräftig in die Pedale – Hauptsache so schnell wie möglich hinter sich bringen.

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Erst nach 57km geht es wieder hinunter auf eine weniger befahrene Straße. Das Kloster Tatev ist das Ziel für heute. Die längste Seilbahn der Welt könnte uns bequem über den Canyon bringen,

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aber wir sausen lieber mit Blick auf die Serpentinen auf der anderen Bergseite

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hinunter zum Fluss.n500hm und 9 km weiter unten, ändert sich unsere Geschwindigkeit abrupt von 45km/h auf 7km/h. Und das bleibt auch so für die nächsten 6,5 km und 560hm. Es geht gemächlich nach oben, aber trotz überwiegendem Schatten ist es brütend heiß. 50 Minuten später stehen wir komplett verschwitzt oben und dampfen erst mal aus, bevor wir uns das Kloster ansehen.

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Das Kloster selbst ist zwar schön,

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hat ein paar verspielte Details,

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aber ist vor allem aufgrund seiner Lage einen Besuch wert.

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Viel zu erschöpft und faul sind wir um noch mal unsere Räder zu besteigen um evtl. hinter dem Dorf einen Platz für unsere Zelte zu finden. Lieber zahlen wir umgerechnet einen Euro um auf der Wiese hinter einem Restaurant schlafen zu dürfen und deren Waschbecken für eine Katzenwäsche zu verwenden.

In der Früh sind wir eigentlich noch alle ziemlich erledigt und müde, aber die Hitze zwingt uns schon wieder früh auf zu sein.

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Die 50km bis Kapan sind teilweise offroad, tlw. asphaltiert. Anfangs noch schön im Grünen

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mit schönem Ausblick

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sich zum Pass hocharbeiten, sind die letzten km bis in die Stadt eine reine Qual. Heißer Wind bläst uns ins Gesicht. Es fühlt sich an als würde man sich einen Föhn auf höchster Stufe 10 cm vors Gesicht halten. Wir beide brauchen dingend einen Ruhetag. Seit Akhaltsikhe sind wir unterwegs, 12 Tage lang, unsere Beine können nicht mehr.

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So beziehen wir ein Zimmer und treffen uns mit Remo und Vero zum verspäteten Mittagessen. Jeder von uns vieren ist gereizt, die Hitze setzt uns zu, hungrig sind wir auch, die Bedienung extrem inkompetent und unmotiviert: fassen wir zusammen, die Bestellung artet in einem Chaos aus.

Nach einer Einladung auf ein Eis (merci nochmals) verabschieden wir uns von unseren Radlergefährten – Vero und Remo möchten heute noch ein paar Kilometer weiter kommen und hatten erst ihre verdienten Ruhetage. Unsere beiden Körper und Geister kühlen wir am Zimmer mittels Klimaanlage und Bier wieder auf Betriebs- und somit sozial-kompatible Temperatur zurück. Na das kann ja heiter werden im Iran.

Der freie Tag war notwendig. Mit ein wenig fitteren Beinen machen wir uns auf die letzten zwei Tage Richtung Grenze. Hierfür wählen wir die deutlich weniger befahrene M17 aus. Der Nebel hängt tief in den umliegenden grünen Bergen, hier und da nieselt es.

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Naja, was soll’s, es gibt hier so oder so keine schroffen Berge zu sehen, also halb so schlimm. Ein Mann bastelt gerade im Nirgendwo an seinem Auto herum und lädt uns ein, wir sollen uns den Weg hier anschauen. Ein kleiner Pfad führt in eine kleine Schlucht. Wunderschön hergerichtet, mit Brücken über dem Bächlein und Grillmöglichkeiten.

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Seine Freunde fangen uns gleich ab und wir werden verköstigt und natürlich hochprozentig abgefüllt. Mehrfach lehnen wir ab und trinken dann doch. Immer der letzte Becher natürlich. Bis er wieder voll ist.

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Nach 4 sind wir dann wirklich konsequent, stehen auf, bedanken und verabschieden uns. Anders kommt man nicht davon. Sie selbst bereiten gerade ein Fest vor. Einer von ihnen geht ab morgen für 2 Jahre zum Militär und hierfür werden 50 Leute zur Abschiedsfeier erwartet.

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Uns erwartet aufs Neue ein auf und ab der Straße, untermalt vom beflügelt und zugleich ausgebremst sein des selbstgebrannten Wodkas.

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Wir arbeiten uns immer höher in den Nebel hinein.

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Es ist bereits später Nachmittag als wir bei einer alten Brücke Pause machen. Eigentlich ideal hier um zu schlafen.

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Höhenmeter wären es auch schon mehr als ausreichend für heute gewesen, aber bei all der Feuchtigkeit des Nebels würden unsere Schlafsäcke wahrscheinlich Tage brauchen bis sie wieder trocken sind. Unsere Hoffnung ist es, dass es hinter dem Pass anders aussieht. Also treten wir weiter.

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Je höher wir kommen, umso weniger sehen wir. Dass wir den Pass erreicht haben merken wir daran, dass der Wind uns mal wieder fast von den Rädern fegt. Erkennen könne wir wegen fehlender Sicht den Pass nämlich nicht. Schnell ein paar mehr Schichten angezogen, inkl. Handschuhe und nichts wie hinunter. Bald schon durchbrechen wir die Nebelwolken

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und blicken auf ein Gebirge, das uns sämtlichen Atem raubt.

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Wir haben ja schon vieles gesehen, aber so etwas noch nie. Wenige Kilometer zuvor noch Grün und jetzt alles karg, schroff, trocken. Bergspitze hinter Bergspitze.

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Einige dieser Gipfel ragen bereits in iranischen Himmel. Der Downhill wäre extrem schnell , wenn wir nicht immer wieder stoppen würden.

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Landschaftlich eines der größten Highlights auf unserer bisherigen Reise und wie so oft enttäuschende Bilder davon. Es findet sich jedoch kein Platz für unser Zelt und dann erreicht uns auch noch die Nachricht, dass Vero und Remo im Grenzdorf untergekommen sind. Das spornt uns an, dort heute auch noch hinzukommen und somit aus zwei-, einen Radtag zu machen. Am Grenzfluss Aras können wir das erste Mal direkt auf iranisches Gebiet blicken.

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Keine 100 Meter Luftlinie trennen uns mehr.

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Die Berge die uns umgeben sind nach wie vor einzigartig.

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Die Begeisterung ist auch notwendig,

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denn die Sonne geht bereits unter, Gegenwind bremst uns aus

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und wir nehmen auch noch die falsche (steilere) Einfahrt hinein ins Dorf.

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Vollkommen fertig treffen wir nach 97km und stolzen 2526hm in der Unterkunft ein. Ungewollt haben wir so also einen neuen Tageshöhenmeterrekord aufgestellt. Und das ganz ohne Shaine’s „Queso – y -miel“ Motivation, damals in Peru! Für diese Leistung werden wir morgen sicher büßen, wir spüren bereits unsere Oberschenkel als wir die Stufen zu den Zimmern hochsteigen. Schnell noch einkaufen, direkt hinter uns sperrt alles zu, duschen, kochen, essen und versuchen bei der Hitze auf ungewohnten tiefen und heißen 700hm sich nicht allzu schnell zu bewegen.

Liebes Armenien, so richtig warm sind wir nie mit dir geworden. Zu wenig Kontakt zu den Menschen, die anfangs stets reservierter sind als in den Nachbarländern, zu viel Hauptstraße, das Essen nicht besonders, die Unterkünfte teuer, … . Man soll uns nicht falsch verstehen, es hat uns gefallen. Aber die Erwartungen waren vielleicht ein wenig zu hoch, oder aber, wir sind von Georgien und der Türkei zu verwöhnt. Man kann aber auch nicht 10 Tage Armenien mit jeweils einem Monat Türkei und Georgien vergleichen. Das war sie also unsere Zeit in Armenien. Oftmals haben wir das Gefühl gehabt, die Zeit ist hier ein wenig stehen geblieben und dennoch aufgrund unserer kurzen Zeit kam es uns vor wie eine Zeitreise im Schnelldurchlauf. Morgen steht ein ganz neues Kapitel am Programm: der Iran. Die Vorfreude auf die Menschen, deren Kultur und das Essen ist mindestens genauso groß, wie die Bedenken bezüglich der Hitze und des Verkehrs die uns erwarten werden. Denn, wenn wir eines bewusst oder unbewusst bis jetzt übersehen haben, dann das, dass der Iran unter den Radlern zwar für seine Gastfreundschaft hoch gelobt wird, aber ebenso für seine fast nur vorhandenen, eintönigen, Hauptstraßen verschrien ist. Ebenso heißt es in Tehran die Visabürokratie für China und Turkmenistan in Angriff zu nehmen. Also neue Kapitel und Herausforderungen im Radleralltag.

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Jörg sagt:

    Hallo ihr zwei! Seit geraumer Zeit lesen wir euren tollen Blog, er ist einfach spitze!! Wir waren jetzt drei Wochen in Kirgistan Bikepacking unterwegs, da kommt ein lässiges Land auf euch zu. Beim Rückflug von Bishkek über Usbekistan und Turkmenistan haben wir gerätselt wo ihr jetzt wohl unterwegs seid? Jedenfalls weiterhin alles Gute. LG aus Tirol Jörg & Trixi

    1. wolfisabrina sagt:

      Salam aus Buchara /Uzbekistan. Vielen Dank für die lieben Worte bez. des Blogs, diese motivieren – der Iranblogeintrag will nämlich einfach nicht fertig werden ; -).
      Wir lechzen schon nach Bergen, und werden euch die Tage mal paar Fragen über Mail über eure Zeit in Kirgisistan schicken.
      GlG

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