Welcome to Iran!! Welcome to another world

Meghri / Armenien – Tehran / Iran inkl. radfreien Tagen im Süden

15.7. – 2.8.2019 davon 5 Tage am Rad

5766 km total

57.089 hm total

GPS Track / Route, bitte hier klicken

Schon mal vorweg: Wir sind so vielen Menschen im Iran begegnet und haben so viel Herzlichkeit erfahren, dass es nicht möglich ist, jede einzelne Geschichte dahinter zu erzählen und trotzdem gelingt es uns auch nicht zu selektieren, welche verschriftlicht werden soll und welche nicht, denn JEDE einzelne Interaktion hinterlässt Spuren, Gedanken, Erinnerungen, Fragen, … . Besonders im Iran. Bilder können Landschaften beschreiben, aber Begegnungen brauchen Worte. Und diese sind für unsere Zeit im Iran schwer zu finden. Noch nie war ein Eintrag so schwer zu schreiben, denn der Iran ist nicht einfach zu beschreiben; der Iran muss erlebt werden. Dieser Eintrag ist also etwas anders als sonst, denn der Iran ist anders.

 

Die letzten Meter in Armenien.

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Noch genießt Sabrina den Wind auf ihrer Haut.

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Wir rollen über die Brücke auf das iranische Grenzgebäude zu. Besser gesagt auf die „islamische Republik Iran“ wie sie sich nennt. Unsere Herzen legen einen Gang zu. Nervosität trifft auf Vorfreude, gepaart mit Unsicherheit. Sitzt das Kopftuch auch richtig, geht das Hemd auch weit genug über den Hintern und ist die Hose weit genug?? Immer lächeln, aber vielleicht doch nicht zu viel. Vor allem nicht als Frau gegenüber einem männlichen Grenzbeamten? Ach, das ist doch alles quatsch! Trotzdem gelingt es vor allem Sabrina kaum ihre Unsicherheit zu verbergen. Dann auch noch die Taschen durch das Röntgengerät, der Beamte würdigt den Bildschirm keinen Blick. Von allen Seiten werden wir angesprochen, es wird gedrängelt, die Pässe mehrfach kontrolliert. „Welcome to Iran“ heißt es dann plötzlich. Stempel haben wir keinen im Pass, lediglich unser gedrucktes e-Visum bezeugt unsere Anwesenheitserlaubnis. Mittlerweile hat der Iran scheinbar verstanden, dass man als Reisender Probleme hat, wenn man mit einem iranischen Stempel im Pass in die USA möchte. Geldwechsler versuchen uns an der Nase herumzuführen. Wir können uns gut vorstellen, dass sie sehr oft mit Touristen einen guten Deal machen, denn aufgrund einer massiven Inflation gibt es verdammt viele Nullen auf den Rial – Scheinen. Um es zu vereinfachen streichen die Iraner einfach eine Zehnerstelle weg und benennen die Währung dann Toman. Allerdings verkompliziert das nur alles, denn man weiß nie genau wovon jetzt die Rede ist: Toman oder Rial. Selbst die Iraner verwirrt das des öftern. So oder so, man wird im Handumdrehen zum Milionär im Iran. Ein Dollar hat zum offiziellen Wechselkurs einen Wert von 42.000 Rial, am Schwarzmarkt etwa 119.000 Rial, somit nahezu das Dreifache (http://www.tgju.org/currency). Wir stellen unsere Uhren am Fahrradcomputer um 30 Minuten vor, der Kauf der Sim-Karte wird mit Unterschrift und Fingerabdruck nach einer halben Ewigkeit besiegelt, … so ein Grenzübergang kann dauern.

Mit einem Grinsen, welches vom linken zum rechten Ohr über das ganze Gesicht reicht, radeln wir die ersten Meter auf iranischem Boden.

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Es dauert nicht lange, bis uns beiden ein seltsames Gefühl beschleicht. Irgendetwas ist anders als bei den Grenzübertritten zuvor. Irgendwie haben wir soeben eine zweite, imaginäre Grenze überschritten: „Sch***e, wir sind bis in den Iran geradelt!“ kommt es immer wieder erfreut aus unseren Mündern. In erstaunte und besorgte Gesichter haben wir des öfteren zu Hause geblickt und auch während den letzten Wochen immer wieder Nachrichten erhalten, ob wir denn wirklich in den Iran möchten. JA! , ist die einzige Antwort darauf. Wir haben schon so viel gutes über die Menschen hier gehört, wir möchten uns davon unser eigenes Bild machen. Und jetzt sind wir hier. Was für ein überwältigendes Gefühl. Noch nie hat ein Grenzübertritt so viel Gänsehaut bei uns erzeugt.

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Leider trägt diese nicht zur Abkühlung bei, denn mittlerweile ist es knapp vor 11 Uhr und die Sonne ist erbarmungslos. Sabrina kämpft nicht nur gegen den Wind, nein auch mit ihrem Kopftuch. Dafür umgibt uns die selbe spektakuläre Berglandschaft wie gestern.

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Noch mehr Gänsehaut. Wir strampeln uns gegen den Wind in atemberaubender Landschaft bergauf.

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Am frühen Nachmittag erreichen wir dann endlich das erste Dorf. Wir okkupieren einen Schattenplatz in einem kleinen Park mit einer kühlen Cola und bewegen uns für die nächsten 2 Stunde nicht mehr vom Fleck. Die Hitze ist trockener als in Armenien, dafür gleich um ein vielfaches mehr. So, wir sind neugierig, wie sieht die Landschaft hinter dem Dorf aus? Auf den Sattel, fertig, los! Rauf, runter, rauf, … wir können uns nicht erinnern, dass wir zuvor innerhalb so weniger Kilometer so viele verschiedene Berghänge befahren und somit in immer wieder neue Täler geblickt haben.

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Die Dörfer sind meist aus Lehm, die Behausungen extrem einfachst.

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Der Verkehr ist gering und die Menschen rufen uns aus der Ferne zu “Welcome to Iran!!“. Was für ein Empfang! Wir radeln einen Fluss entlang. Sabrina blickt neidisch die Kinder an, die darin Abkühlung suchen. Wolfi belässt es aus Solidarität auch beim Anblick des kühlen Nass.

Allmählich werfen die nahen Berghänge Schatten. Das ist auch gut so, denn wir biegen vom Asphalt ab. Offroad!

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Gemütlich geht es an einem ausgetrockneten Flussbett stromaufwärts dahin, bis wir das Dorf Iri-ye Olja erreichen. Wir können nicht anders, als die vielen Lehmhäuser ausgiebig zu betrachten. Es erinnert uns ein wenig an Marokko.

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Dabei winkt uns eine Frau zu sich und deutet mit den Händen die Geste zum Schlafen. Spät genug ist es allemal, und wie kann man zu einer Einladung am ersten Tag in einem neuen Land nein sagen? Also schieben wir unsere Räder durch die schmalen Gassen bis wir bei ihrem Haus ankommen. Ein kleiner Innenhof mit Plumpsklo, ein zweistöckiges Haus und alles sehr zweckmäßig und einfach gehalten. Es folgt Tee auf Tee auf Tee auf Käse mit Brot.

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Obwohl wir mehrfach ablehnen, schließlich wollen wir keine Umstände bereiten, wird der Kessel für die Dusche mittels Kuhdung erhitzt. Die Dusche selbst ist im Innenhof. Ein 2qm großer Raum, komplett aus Lehmwänden. Zu unserer Überraschung fordert uns die Dame des Hauses auf, zu zweit gleichzeitig duschen zu gehen. Danach noch mehr Tee und köstliches Essen. Alles wird uns im Obergeschoss in einem großen Raum am Boden serviert. Die Familie selbst isst unten. Etwas komisch, aber es wird schon seinen Grund haben. In dem selben Raum werden dann auch noch zwei dicke Decken gebracht – unser Boden-Schlafgemach für heute Nacht. Nach so vielen Eindrücken schlafen wir tief und fest.

Noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf. Aber zuerst müssen wir warten, bis alle Frauen des Dorfes ihre Kühe durchs Dorf getrieben haben: die schmalen Gassen sind verstopft. Genug Zeit um sich die Wickeltechnik der Tücher noch einmal genauer anzusehen.

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Der Weg zum Pass ist asphaltiert, schlängelt sich durch tolle Landschaft und bietet schöne Anblicke.

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Keine Autos, kein Gehupe… wunderschön.

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Am Pass selbst legen wir unsere Zweitfrühstückspause ein und saugen die Landschaft um uns herum ein. Plötzlich, ein Auto und es hält direkt bei unserem Rastplatz. Ein Mann springt mit Tee, Käse und Brot unterm Arm heraus und gesellt sich zu uns und fordert uns auf zu Essen. Zeichensprache ist wieder angesagt. Auch so unterhalten wir uns mal wieder köstlich.

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Auf der anderen Seite des Passes sind die Berge so gut wie verschwunden, dafür ist die Landschaft ein Mosaik aus verschiedenfarbigen Ackerflächen und strampeln KM für KM Richtung Hauptstraße ab.

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Wir durchkreuzen ein paar Dörfer und in einem rufen uns diese Bäcker zu sich. Faszinierend zu sehen wie dieses eigenartig geformte Brot produziert wird. Der Teig ist recht flüssig wenn er in den Ofen geschoben wird.

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Darin sind Kieselsteine schräg angehäuft und deshalb rinnt der Teig hinunter und ergibt am Ende ein längliches Brot mit Dellen.

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Noch ein wenig Sesam oben drauf und fertig. Mehrmals versuchen wir zu zahlen, aber die Männer nehmen das Geld nicht an, als sie uns ein frisch aus dem Ofen geholtes Brot überreichen. Wir sind noch etwas verunsichert, schließlich gibt es im Iran diese komische Höflichkeitsform, „Tarof“ genannt. Es wird einem etwas kostenlos angeboten, aber es ist nicht so gemeint. Es folgen dann aus Höflichkeit mehrmalige „nein, bitte ich möchte dafür bezahlen“, „nein, das ist ein Geschenk, es ist mir eine Ehre“, … Floskeln, bevor der Angebotssteller dann sagt“ na gut, dann gib mir so und so viele Rial“ . Sehr gewöhnungsbedürftig. Hier aber ist es kein Tarof und wir versuchen das Brot so zu falten, dass es in unsere Taschen passt.

Die nächsten Kilometer werden die Autos immer mehr und wir hören wieder: „Welcome to Iran and thank you!“. Wenn wir stoppen merken wir aber schnell, dass das oftmals die einzigen Worte auf englisch sind. Erst ein paar Tage und Gespräche später können wir uns aus dem „Thank you“ was zusammenreimen:

Thank you!; dass du dir selbst ein Bild von unserem Land machst; dass du nicht alles glaubst was die Medien in Europa über uns Iraner berichten; dass du nicht davon ausgehst, dass wir alle Terroristen sind; dass du da bist…. .

Dann ist aber Schluss mit Lustig. Unsere schöne Straße mündet in eine Hauptstraße. Zu Hause würden wir Autobahn dazu sagen, nur dass es hier keine Regeln zu geben scheint.

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Die Markierung zeigt 2 Spuren an. Scheinbar nur eine Empfehlung, denn die Fahrer machen ohne Probleme 3 bis 4 daraus. Geisterfahrermeldungen werden im Radio sicher auch keine durchgesagt, denn sonst hätten die Moderatoren viel zu tun. Unser Puls erhöht sich, unsere Stimme wird forscher, … wir hassen solche Straßen. Immer wieder wandert unser Blick gehetzt über unsere Schultern, wir husten uns gefühlt die Lunge aus dem Leib und heiß ist es noch dazu. Bäääh! 15 Km vor Täbriz wollen wir nicht mehr. Wir sind ja nicht lebensmüde. Einmal kurz die Hand rausgehalten und schwupps bleibt ein Pickup stehen und nimmt uns mit ins Sadtzentrum. Während wir unsere Räder danach wieder beladen, kauft unser Retter auch noch zwei Cola für uns. Wir sind überwältigt. Aber auch hiervon gibt es noch eine Steigerung, denn am Weg zum Park wo wir eine Pause machen möchten, pfeift uns ein Wassermelonenmann retour. Mehrfach zeigen wir ihm, dass wir die Wassermelone nicht unterbringen können, aber das interessiert ihn nicht. Er grinst nur und widmet sich wieder seiner Kundschaft.

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Irgendwie schaffen wir es dann doch dieses gut 8 Kilo schwere Ungetüm am Gepäcksträger zu montieren und rollen so Richtung Park. Ein Linienbusfahrer fährt langsam neben uns her und öffnet die Türe. Ob wir etwas brauchen oder suchen. Das soll sich mal einer vorstellen, in Wien am Karlsplatz rollt der 2A neben Radlern her und bietet Hilfe an.

Im Park haben wir keine Minute unsere Ruhe. Woher, wohin, …. mal auf englisch, mal in Zeichensprache. In einem Hotel stellen wir unsere Räder unter und machen uns auf, die Stadt zu entdecken

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Der alte Bazaar mit seinen zum verirren verwinkelten Gassen gefällt uns sehr gut.

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Auch die blaue Moschee hat ihren Reiz, vor allem wenn man sieht wie aufwendig sie restauriert wird.

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Auch im Iran bleiben wir Analphabeten. Aber die Zahlen erlernen wir schnell.

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Auf unserem Weg durch die Stadt bekommen wir immer wieder Begleitung. Zweimal können wir uns sogar in Deutsch unterhalten. Bezüglich der Selfies haben wir aufgehört zu zählen. Zur später Stunde begeben wir uns zu einem Park. In Österreich würde man wahrscheinlich als Obdachloser gelten wenn man im Park schläft, im Iran ist es gang und gebe.

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Einerseits weil die Hotelpreise sehr hoch sind (man wird schnell mal bis zu 50 Dollar los) und zweitens weil Iraner einfach gesellig und gerne abends draußen sind. So ist unser Zelt nicht das einzige und wir kommen nicht zum Essen kochen, weil ständig jemand vorbeischaut und uns kennen lernen will. Am Ende haben wir soviel zu Essen geschenkt bekommen, dass wir nicht kochen brauchen und für morgen auch noch gut versorgt sind. Wir sind im Gegenzug Stück für Stück unsere viel zu große Wassermelone losgeworden und um einige Telefonkontakte reicher.

In der Früh quälen wir uns aus dem abgasreichen Stadtverkehr und mit Gegenwind hinaus aus der Stadt. Aber es wird nicht besser. Den ganzen Tag nicht. Einzig die Häuser werden weniger. Ein Seitenstreifen macht uns das Fahren meist gut möglich, aber Spaß sieht anders aus. Autowerkstätten, neben Autowerkstätten, neben verlassenen Gebäuden, neben nicht definierbaren Gebäuden. Blick auf die umliegende Landschaft selten möglich. Aus einer Werkstatt kommt ein lauter Pfiff und das Wort „Cay“ … ja gerne, eine Pause können wir gut gebrauchen. Das übliche: Beruf, Kinder, Alter, Name, Strecke, Selfie … alles mit Händen und Füßen.

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Die nächsten Kilometer können ebenfalls nicht durch ihre Schönheit bestechen.

Also wieder ein Motivationshalt. Scheinbar kann man im Iran keine Minute alleine sein, denn Sabrina wird umgehend von einer Schülergruppe belagert. Anfangs kommt ein Mädchen schüchtern her und probiert ihr Englisch aus, am Ende weiß Sabrina nicht welche Fragen sie zuerst beantworten soll, weil aus allen Richtungen aus aufgeregten und aufgedrehten Mündern diverse Fragen gestellt werden.

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Unzählige Selfies dürfen natürlich auch nicht fehlen

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und weiter geht die Fragestunde. Die Mädchen kichern vor sich hin.

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Wir müssen auch schmunzeln, die Situation ist einfach zu komisch. So muss es sich also anfühlen wenn man ein berühmter Teeny-Star ist. Die Rudelführerin bedankt und entschuldigt sich zum Abschluss, dass sie alle so viele Fragen haben, aber es wäre das erste Mal dass sie mit einer Ausländerin gesprochen hätten.

Es fehlt nicht viel bis Bostanabad aber ausreichend um erschöpft sofort Stellung im Park zu beziehen. Es ist mittlerweile kurz nach 14 Uhr und viel zu heiß um weiter zu fahren. Bevor wir jedoch ein Nickerchen halten können, bremst ein Fahrschulauto neben uns und wir beantworten heute zum dutzenden Mal die Frage woher wir sind.

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Dann endlich: Augen zu und ein wenig vom fehlenden Schlaf von heute Nacht aufholen. Als wir aufwachen wird schon förmlich auf uns gelauert. Die Frau vom Fahrschulauto sitzt in Begleitung ihrer Schwester und ihres Mannes nur ein paar Meter von uns entfernt und grinst uns an. Sie gibt uns ein paar wenige Minuten um komplett aufzuwachen, bevor die Befragung weiter gehen kann. Mit den Worten „ Ach, macht euch das Leben doch einfach und schlaft heute bei uns“, lädt sie uns zu sich ein. Eigentlich wollten wir noch eine längere Etappe am späten Nachmittag dranhängen, aber was soll’s, das können wir natürlich auch morgen machen. Es folgt ein geselliger Nachmittag mit gemeinsam kochen,

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viel reden, essen, am Boden herumkugeln, . ….. Die Familie ist religiös, das Kopftuch bleibt also leider auch im Haus auf. Zwischendurch haben wir Zeit uns Gedanken über den Klogang zu machen. Hockerlklos sind uns inzwischen sehr vertraut, aber nicht ohne Klopapier. Dieses gibt es nämlich in diesem Haushalt nicht, dafür aber einen Wasserschlauch (wie auch im restlichen Iran). Fragen ist uns dann doch etwas unangenehm, also befragen wir Onkel Google. Na gut, da müssen wir jetzt wohl durch. Seit der Türkei bezweifeln wir, dass ein Hockerklo um so vieles hygienischer ist, denn ohne Spritzer im Umkreis von 50 cm geht es selten. Aber jetzt auch noch ohne Klopapier! Auch das werden wir überleben ;-) . Während wir im Internet recherchiert haben fällt uns auf, dass google komische Zahlen vor die Einträge schreibt. Uns dämmert es: der Iran hat natürlich einen anderen Kalender und somit ein anderes Datum. Heute schreiben wir also den 26.4.1398 (17.7.2019).

Erst um 23 Uhr essen wir zu Abend. Eine ganz normale Zeit, wie wir noch mühsam die nächsten Wochen feststellen werden. Wie auch schon am Nachmittag wird hierfür eine hauchdünne Einmal-Plastiktischdecke am Boden ausgebreitet, das Brot gerissen und am Boden gegessen.

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Messer sind, wie auch schon in der Türkei, nicht vorhanden. Das Fleisch wird also nicht geschnitten, sondern mit Gabel und Löffel in kleine Teile zerstückelt. Weit nach Mitternacht verabschieden wir uns ins Nebenzimmer, wo schon die bequemen Bodenbetten warten.

In der Früh versuchen wir vergeblich leise zu sein. Schwester, Schwager und Neffe sind über Nacht geblieben und schlummern friedlich am Boden. Kaum sind wir wach, sind sie auch wach. Für uns beide wird noch ein Frühstück zubereitet

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und dann werden wir mit vielen Umarmungen und einem traditionellem Segen verabschiedet. Eine Schale Wasser mit Rosenblüten wird hinter uns auf die Straße geschüttet, als wir uns wieder auf den Weg machen.

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Schnell wird der Verkehr etwas ruhiger und die Landschaft überraschend schön. Kleine, grüne Oasen verwöhnen unsere Augen und werden von kleinen Bergen flankiert.

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Verlassene Dörfer zieren diese Strecke,

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es gibt also viel zu sehen im Vergleich zu gestern.

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Auch mal wieder eine Blumenwiese, wenn auch nicht in so kräftigen Tönen.

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Die Äste von den Marillenbäumen scheinen unter ihrer Last schon fast zu brechen, so übervoll sind sie.

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Genau als wir einen Garten mit den köstlichen Früchten bewundern, taucht sein Besitzer auf und lädt uns zu sich ein. Neben Marillen landen auch Äpfel und Maulbären in unseren Bäuchen und Taschen, natürlich nicht ohne vorher zwei Tassen Tee getrunken zu haben.

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Den Blutzuckerspiegel also wieder nach oben korrigiert radeln wir weiter. Mittlerweile zeigt der Thermometer 42 Grad an. Obwohl es flach ist, wird es anstrengend. Die Stunde bis Miyaneh verbringen wir damit jeden Kilometer unsere Zunge mit viel Wasser wieder von unserem Gaumen zu lösen. Mit mäßigen Erfolg, denn kaum ist die Flasche zugeschraubt kann man bereits wieder merken wie die Zunge eins wird mit dem Gaumen. Die Umgebung ist extrem trocken und gepaart mit dem Wind trocknen wir noch mehr aus. Zuckerln lutschen schafft für ein paar mehr Minuten Abhilfe. Bei einer Wasserquelle möchten wir uns eigentlich nur ein wenig abkühlen, aber am Ende wärmt uns Tee von innen, darauf schwimmen ein paar weitere Marillen und die Handys der anwesenden Iraner ist um jeweils mindestens 10 Fotos mit uns reicher.

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In der Stadteinfahrt ein Anblick der uns täglich durch den Iran begleitet: Fotos von Märtyrern, die im Krieg mit dem Irak ums Leben gekommen sind. Jedes Dorf, jede Stadt, gedenkt ihrer Männer mittels Plakaten, Schildern oder manchmal sogar eigenen Gebetsgebäuden.

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Heute darf zu Mittag jemand für uns kochen, wir haben keine Lust auf Brot und Belag. Köstliches Kebap wie hier die Spieße genannte werden und ein Liter ayranähnliches Getränk mit Minze verspeisen wir,

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bevor wir keine 200 Meter weiter in den Park rollen und uns im Schatten verkriechen. Aber dieser bereitet nur Wolfi etwas Abkühlung. Sabrina schwitzt unter Hemd und Kopftuch brav weiter vor sich hin und hofft, dass die Sonne bald untergeht. Aber auch dann sind die Temperaturen mit über 30 Grad immer noch viel zu hoch, dafür ist mehr Ablenkung da. Denn kurz vor Sonnenuntergang füllt sich der Park mit Leben. Die Picknickdecken werden ausgebreitet, es wird gelacht und gegessen. Die zwei Fremden werden entdeckt und somit folgt eine Fragerunde der andere. Manchmal können wir beobachten wie wir aus der Ferne schüchtern beobachtet werden und der mutigste der Runde auserkoren wird um uns anzusprechen. Manchmal kommt gleich eine ganze Truppe auf uns zu und quatscht uns auf Farsi nieder. Was stets gleich bleibt, sind die unzähligen Selfies und Telefonnummern die gemacht und ausgetauscht werden. Unser Kocher bleibt mal wieder unberührt, denn wir werden von allen Seiten über die nächsten Stunden hinweg stets versorgt: mal ein Sandwich, dann ein Salat, was zu Knabbern, eine Gurke, Tee, Teigtaschen, … soviel können wir gar nicht essen, also wandert alles haltbare in unsere Taschen für morgen. Kurz vor Mitternacht bauen wir unser Zelt auf. Obwohl aufgrund der Temperaturen und der Tatsache, dass draußen inkl. Kleinkinder immer noch der Bär steppt ( unter der Woche wohlgemerkt),

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atmen wir tief durch und sind froh in unserem kleinen, abgeschotteten Reich für uns allein zu sein. Keine Fragen mehr, keine Blicke, keine Selfies, …. und auch kein Hemd und Kopftuch mehr. Gegen halb zwei Uhr kehrt endlich Ruhe ein.

Die Nacht ist unruhig, kurz und zu warm. Wir kommen nur schwer in die Gänge und zu spät los. Auf mehr als 100km folgt nur ein kleines Dorf. Minute für Minute zeigt der Thermometer immer mehr an, gefühlt gibt es nach oben hin heute keine Grenze.

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Anfangs fahren wir in einem breiten Flusstal entlang.

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Pumpen fördern das Grundwasser laut und mühsam empor um die Wassermelonen- und Reisfelder zu bewässern. Es würde eine Offroadabkürzung geben, aber die Hitze hält uns davon ab auch nur freiwillig einen Höhenmeter zu machen.

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Also bleiben wird gezwungenermaßen auf der Hauptstraße. Es ist gerade Melonen – und Gurkenzeit und so dauert es nicht lange, bis wir zu einem der vielen Verkaufsstände heran gewunken werden. Der Schatten und die köstliche Flüssigkeit kommen genau richtig. Unter Nachdruck der Männer verputzen wir die Hälfte der 8 Kilo schwere Melone zu zweit und können gerade noch verhindern, dass eine weitere auf unseren Rädern landet. Zahlen verboten. Dieses Mal kein Tarof. Wenn es nach Wolfi geht sind das die besten Wassermelonen seit ewig; saftig, knackig und fruchtig süß!

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Ein paar Kilometer später läuft ein Mann zu uns, überreicht uns einen Sack voller Gurken und läuft sofort wieder zu seinem Schattenplatz. Die Felder werden immer mehr und wir merken wie die Bewässerung die Luftfeuchtigkeit nach oben gehen lässt. Das macht es für uns nicht wirklich angenehmer. Kein Schatten weit uns breit und wenn dann doch mal ein Baum kommt, halten wir es aufgrund der Schwüle direkt neben den Feldern nicht aus.

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13 Uhr, 44,4 Grad,

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unsere Köpfe beginnen zu kochen und wir uns zu fragen was zum Teufel wir hier eigentlich machen.

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Die Kopfschmerzen werden immer stärker, der Puls ist konstant viel zu hoch, die Beine immer schwächer, die Konzentration immer weniger, die Augen schmerzen, der Gegenwind wird immer heftiger. 15 km vor Zanjan haben wir das Gefühl unsere Köpfe explodieren gleich, als ein Kleinlaster neben uns hält und fragt ob wir etwas benötigen. Egal welcher Gott diesen Mann gerade schickt, aber wir sehen es als Zeichen. Der Laderaum wird ohne zu zögern umgeräumt und unsere Räder verschwinden darin.

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Wir dürfen uns in den Fahrerraum quetschen und Sonnenblumenkerne knabbern. Auch hier drinnen ist es heiß, aber die kurze Fahrt reicht aus, dass sich unser Puls wieder beruhigt hat bis wir an der Stadtgrenze wieder unsere Räder entladen. Dabei werden wir von einer Familie beobachtet und schneller als wir schauen können sitzen wir auf der Picknickdecke statt am Sattel.

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Aria ist mit ihrer Familie auf den Weg nach Tehran. Morgen hat sie einen wichtigen Englischtest, um sich für eine Universität in Istanbul qualifizieren zu können. Ihr Traum ist es nach Europa zu kommen, denn im Iran könne man nicht leben, flüstert sie uns zu und schaut sich dabei schnell um. Man kann den Frust in ihrer Stimme hören und man sieht ihr den Druck und die Verzweiflung an, was es bedeuten wird, wenn sie den Test nicht besteht. Ein Leben im Iran, ohne Aussicht auf Verbesserung der aktuellen Lage. Ein Leben das vom Staat gelenkt, kontrolliert und geregelt wird. Ein Leben in einem Land dessen enorme Wirtschaftskrise die Hoffnung auf einen Job schrumpfen lässt. Alle ihre Freunde machen diesen Test, jeder will bloß so schnell wie möglich raus aus dem Land. Uns bleibt nichts anderes übrig als ihr von Herzen viel Glück zu wünschen.

Am Weg zum Park schwitzen wir eine Runde in der Backstube eines Bäckers, weil er unbedingt möchte, dass wir all seine Leckereien probieren.

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Wir schlecken ein geschenkte Eis, während der Ladenbesitzer und ein Angestellter eine Runde mit unseren Rädern drehen

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und wir winken gefühlt zum 100ertsten Mal einem vor Freude hupenden Autofahrer hinterher. Aber wir schaffen es nicht bis zum Park, denn Ghiti fängt uns ab. Aus dem fahrenden Auto heraus bekommen wir eine Einladung zu ihr und ihrem Mann. Köstliches Essen, Gespräche über die Politik, eine wohltuende Dusche und Entspannung unter der Klimaanlage füllen den Abend. Am nächsten Tag rollen wir nur ein paar Kilometer weiter zu einem Warmshowerhost. Wir hätten zwar bei Ghiti bleiben dürfen, waren aber schon mit Moshdaba verabredet. Mit ihm verbringen wir einen intensiven Tag

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der mit einer Autofahrt durch die Stadt und durch die umliegende Gegend abends abgerundet wird.

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Zwischendurch hatten wir Zeit eine Entscheidung zu treffen. Die letzten 300 km bis Tehran werden wir morgen mit einem Bus zurücklegen. Es ist einfach viel zu heiß, unsere Körper erholen sich trotz kühler Räume kaum noch ausreichend und bereits dutzende Kilometer vor der 8,7 Millionenstadt fängt dichtes, urbanes und industrielles Gebiet an. Den Stress möchten wir uns nicht geben.

Ganz so einfach ist es dann aber doch nicht. Nicht wegen der Mitnahme der Rädern, sondern wegen unserer Zwiegespaltenheit. Wir sitzen im Bus und starren hinaus aus dem Fenster. Richtig oder falsch die Entscheidung? Die Landschaft eine Aneinanderreihung von kargen, trockenen hunderten Kilometern, gespickt mit Industrie, Schwerverkehr und Wind.

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Aber all die potentiellen Begegnungen die wir hierdurch nicht haben werden, … . Wir versuchen uns abzulenken und nutzen die 3 Stunden Busfahrt um Fotos für den Georgienblog auszusortieren. Das ist genau die richtige Beschäftigung, denn wir sehen Fotos von uns in Gegenden ohne Autos, mit schöner Natur und dennoch mit vielen bereichernden Begegnungen. Allein der Anblick lässt uns strahlen. DAS SIND WIR, so reisen wir. Das hilft um die Gedanken wegen der Busüberbrückung in den Hintergrund zu schieben.

In Tehran angekommen, bahnen wir uns unseren Weg zu unserem Warmshowerhost. Dort erwartet uns ein herzlicher Empfang von Nasi und Saeed und nach einer Dusche verlassen wir erstmal die Wohnung den restlichen Tag nicht mehr und parken uns unter der Klimaanlage. Da gehört natürlich auch Essen kochen dazu.

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Über 40 Grad in einer stickigen Stadt ist alles andere als ein Vergnügen. Dann auch noch zur Mittagszeit zu radeln …. Von den 10km bergauf in der Stadt müssen wir uns erst mal erholen.

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Aber nicht lange, denn der Bürokram fürs Chinavisum wartet. ( wem die mühevolle China-Visumsbeschaffung nicht interessiert, der kann bis zum Ende des kursiven Teiles überspringen, wobei der Kopfschüttelfaktor garantiert ist.) Der Nachmittag und den darauffolgenden Tag schmerzen unsere Köpfe wieder. Viel zu viel Recherchen stehen an, viel zu viel zu beachten, … es nervt. Wir möchten eigentlich nicht nach China, brauchen es aber als „Transitland“. Das Visum „on the way“ zu bekommen ist zur Zeit so schwer wie noch nie. Bis vor kurzen war Tiblisi eine gute Wahl um sein Glück zu versuchen, aber nur wenige Wochen bevor wir dort ankamen, häuften sich die Ablehnungen, bis dann klar war, dass man ohne in Georgien zu leben oder zu arbeiten keine Chance mehr hat ein Visum in der chinesischen Botschaft zu beantragen. Bei all dem Visakram fragen wir uns worum es des Ländern eigentlich wirklich geht. Die Antwort kann nur Schikane und Geld sein. Denn wie kann es anders sein, dass wir gezwungen sind, alle Hotels und Flüge vorzubuchen (um sie natürlich nach Erhalt des Visa wieder zu stornieren) und ihnen eine Einreise per Flugzeug vorzugaukeln, weil man mit dem Fahrrad individuell eigentlich gar nicht über die Grenze einreisen darf. Es aber, wenn man dann dort ist, keinen interessiert ob zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem Rad da bist? Wir erfinden also einen 47 tägige Reise, mit allen Hotelbuchengen, akkurat mit Adressen, Telefonnummern und was wir uns dort jeweils anschauen werden, auf dem Papier. Die reservierten Flüge werden so lange bearbeitet bis das Wort reserviert nicht mehr vorhanden ist. Das Ausfüllen des Fragebogens ist dann der nächste Witz: derzeitiger und letzter Arbeitgeber, inkl. Ansprechperson und Telefonnummer…. Ups, da hat Sabrina ein Problem. Als Arbeitsloser stehen deine Chancen also ziemlich schlecht ein Visum zu bekommen. Bankunterlagen müssten dann beweisen, dass du ausreichen Finanzielle Mittel hast, um ja wieder aus dem Land ausreisen zu können. Selbstständig anzukreuzen ist auch keine Lösung, denn dann müsste man den Steuerausgleich darlegen. Name, Beruf, Staatsbürgerschaft aller nahen Verwandten müssen aufgelistet werden. Welche Länder in den letzten 2 Jahren bereist wurden. Der Türkeistempel im Pass macht uns ein wenig Sorgen, denn aufgrund der nach wie vor bestehenden politischen Differenzen mit dem in China lebenden Turkvolkes, kommt es immer wieder zu wahllosen Ablehnungen der Anträge wenn man vorher in der Türkei war. Neue Fotos werden gemacht: keine Ohrringe, keine Halskette, kein helles T-shirt. Wir lassen 60 Seiten drucken : alle Buchungen in Farbe versteht sich. Die Pässe inklusive Visa müssen kopiert werden. Am Abend sind wir fix und fertig und wünschten uns jetzt ein Bier. Aber das gibt es natürlich im Iran nicht. Am nächtens Tag fahren wir zuerst zur Turkmenischen Botschaft. Hierfür sind weniger Unterlagen erforderlich, dafür wird es unter Radlern die „Visa-Lotterie“ genannt. Selbe Nationalitäten, selbe Stempel im Pass, zeitgleiche Anträge und trotzdem bekamen manche das Visum und deren Freunde oder Partner nicht. Unzählige dieser Geschichten kursieren im Internet. Die Chancen auf das Transitvisum schwanken in den letzten Jahren. Zur Zeit scheint es tendenziell gut zu sein. Wir hoffen es, denn ansonsten müssten wir nach Usbekistan fliegen, und darauf haben wir keine Lust. Nicht umsonst tun sich viel Radler dieses Glücksspiel nicht an und fahren erst gar nicht in den Iran, sondern nehmen von Aserbaidschan die Fähre nach Kasachstan. Eine Stunde später, Chinesische Botschaft. Wir sitzen mit erhöhtem Puls im Warteraum und hoffen, dass wir der Dame mit der Brille zugeteilt werden. Laut Internetrecherchen ist sie die gnädigste. Wir haben Glück und landen bei ihr. Jetzt bloß nicht nervös werden. Leichter gesagt als getan. Unsere Hände zittern als wir unseren Schummelzettel möglichst unauffällig hinter der Trennscheibe platzieren. Die einstündige Taxifahrt hat nicht ausgereicht, um die 47 Tage Fiktivreise mit all ihren unaussprechlichen Städten und Sehenswürdigkeiten vollständig auswendig zu lernen. Zettel werden geschlichtet, unsere Pässe einbehalten und alle Unterlagen auf Vollständigkeit kontrolliert und dann die unglaublichen Worte: „Your visa will be ready in 5 days.“ Wie jetzt??? Wirklich?? Wir versuchen nicht vor Freude aufzuschreien, denn A haben wir es noch nicht im Pass kleben und B würde das sicher nicht gut ankommen.

Ein enormer Druck fällt von uns ab als wir das Gebäude verlassen. Jetzt liegt es nicht mehr in unseren Händen ob und welches der Visa wir tatsächlich bekommen und für welchen Zeitraum. Erst jetzt merken wir, wie angespannt wir die letzten Tage waren.

Wir nutzen die Wartezeit und entdecken den Iran per Bus. Es war schon zu Hause klar, dass wir das Land, das 20 mal so groß ist wie Österreich, im Süden per Bus bereisen werden. In einem Nachtbus mit einer Beinfreiheit die selbst 2 Meter Riesen bequem reisen lassen würde, mit einem Abendessen wie im Flugzeug, lassen wir uns nach Shiraz bringen. Tatsächlich lassen wir uns bei Persepolis rauswerfen

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und besichtigen die beeindruckenden Ruinenstadt.

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520 v.Chr. wurde sie unter den Achämeniden gegründet

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und war einst Hauptstadt des antiken persischen Reiches.

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Wirklich sehr imposant.

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Danach verbringen wir den Nachmittag mit Saeed, unserem Warmshowerhost. Er freut sich, dass er mit uns englisch reden kann, denn er bereitet sich ebenfalls auf einen Englischzertifikatstest vor. Auch er möchte einfach nur raus aus seinem Land.

Den Shah Cheragh Komplex schauen wir uns mit einem kostenlosen Guide an.20190725_181536

Natürlich vollverschleiert.

 

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Es glitzert und glänzt überall.

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Die Räume sind mit verschiedenfarbigen Mosaikspiegel verziert

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und mit protzigen Kronleuchtern bestückt.

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Ein riesiges Gelände in dem es viel zu entdecken gibt.

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Selfies dürfen auch hier nicht fehlen.

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Die Vakhil Moschee schauen wir uns natürlich auch an. Kein Funkeln, dafür wunderschöne Architektur

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und Steinmosaike.

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Und weil uns Shah Cheragh mit all seinen Menschen und den vielen unterschiedlichen Emotionen die dort aufeinander treffen so gut gefallen hat, kehren wir zu Sonnenuntergang noch einmal zurück.

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Nicht ohne vorher das typsische Safran-Rosenwassereis mit Karottensaft zu probieren.

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Wir stehen sogar Schlange dafür.

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Dann hat Saeed eine Überraschung für uns. Mit seiner Freundin (die offiziell nur eine Studienkollegin ist, da die Familien keine Beziehungen ohne nahe Heiratsaussicht dulden würden) besuchen wir eine Hochzeitsfeier. Im Iran ist es per Gesetzt verboten, dass beide Geschlechter gemeinsam feiern. Also ist auch die Hochzeitsfeier getrennt. Eine Metallwand quer durch den Garten entzweit die 350-köpfige Hochzeitsgesellschaft. Einzig der Bräutigam und dessen Trauzeuge dürfen in das Frauenabteil, die Braut darf nur unter einem dicken Schleier mit ihrem Mann ins Männerabteil. Die meiste Zeit feiern die frisch Vermählten jedoch ohne einander. Per Mikrofon wird laut verkündet welcher Gast wieviel Geld dem Brautpaar gibt, das Essen wird zuerst den Männern serviert, dann den Frauen, es folgen ein paar traditionelle Tänze und ein kurzer Film über die beiden (wird nur im Frauenabteil gezeigt, da sie auf manchen Fotos kein Kopftuch trägt) und um Mitternacht ist es dann auch schon wieder vorbei. Fotografieren war aus religiösen Gründen verboten. Leider. Aber soviel sei gesagt: Die Braut hatte ein pompöses Kleid, war so stark geschminkt, dass man sie auf den Fotos im Film nicht wiedererkannte und wir haben beide kein einziges Mal lächeln gesehen.

Wie Sardinen aufgereiht, aber bestens schlummern wir in der kleinen Wohnung.

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Sicher bequemer als dieser Marktbesitzer in seiner Mittagspause.

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Es ist Freitag, der muslimische Sonntag, und vieles ist geschlossen, daher schauen wir uns in der Früh nur kurz die Pinke Moschee

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mit ihren schönen Fenstern an

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und sitzen dann im Bus nach Yazd. Die Landschaft zieht an uns vorbei, gleichbleibend unverändert. Karg, trocken, einfärbig. Lebensfeindlich würden wir schon fast meinen.

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Alle 100 Kilometer mal eine größere Häuseransammlung. Mehr nicht. Yazd ist eine Wüstenstadt und und zählt seit 2017 zum UNESCO-Weltkulturerbe aufgrund seiner Lehm- und Rohziegelhäusern besteht. Uns gefällt es auf Anhieb sehr. Die Innenstadt ist nämlich aufgrund ihrer verwinkelten, engen Gassen tlw. autofrei. Es ist ruhig. Ruhig und extrem heiß. Wir schleichen an den Häuserwänden entlang, immer den Schatten suchend.

 

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Zu unserer Überraschung gibt es sogar eine Freecitytour. Wir sind die einzigen. Ja es ist Nebensaison, kaum ein Tourist kommt freiwillig im Juli/August in den Iran. Die Tour ist interessant, wir lernen viel über die typischen Windtürme (wie in unserer Unterkunft)

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die zur Belüftung der Häuser und der (jetzt versiegten) Wasserzysternen gebaut wurden, über die Architektur der Häuser und deren Sinn dahinter (runde Dächer für die Sommerzimmer, flache Dächer für die Winterwohnräume),

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über die Geschichte der Stadt und warum es zwei Türknäufe zum klopfen gibt (heller und dumpfer Ton, je nachdem ob die Bewohner gerade im Garten oder im Haus sind,

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hören sie den einen oder den anderen eher) und noch vieles mehr.

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Am nächsten Tag spazieren wir noch einmal drauf los.

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Es ist so schön in diesen Gassen verloren zu gehen.

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Wir essen wieder einmal köstlich. Das Essen im Iran ist wahrlich ein Genuss. So viele verschiedenen Gewürze und Gerichte, dass wir uns des öfteren erwischen, dass wir etwas essen obwohl wir keinen Hunger haben oder sogar schon einen dicken Ranzen vor uns herschieben.

Am späten Nachmittag bringt uns ein Bus nach Isfahan . Dort wollen wir eigentlich im Park schlafen, aber als wir im Internet recherchieren welcher Park der schönste hierfür ist, stellen wir entsetzt fest, dass es seit ein paar Wochen in Isfahan verboten ist in Parks zu übernachten. Na toll. Schnell werden ein paar Couchsurfer und Warmshower angeschrieben und keine 10 Minuten später haben wir die Zusage bei Alireza unterkommen zu können. 2 ganze Tage schlendern wir durch die Stadt und genießen die vielen guten Cafes.

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Auch Isfahan hat historisch und kulturell viel zu bieten.

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Obwohl überall Eintritt verlangt wird, besichtigen wir vieles

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50 shades of blue… uns faszinieren die Muster.

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An den hohen Kuppeln und deren Mosaike können wir uns nicht satt sehen.

zur Vergrößerung und Einzelansicht bitte gewünschtes Foto anklicken

Kaum ein Foto lässt die Größe und das Ausmaß der Areale

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und der Gebäude erahnen.

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Vor dem Aali Qapu Palast kühlen sich Kinder im Brunnen ab,

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während wir uns die Räume und deren Zypressensäulen ansehen. Vor allem der Musiksaal mit seinen Hohlkörperwandverkleidung zieht uns in seinen Bann.

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Der Fluss Zayandeh-Rud, welcher quer durch die Stadt führt, führt zur Zeit Wasser. Keine Selbstverständlichkeit. Des öfteren ist er für mehrere Monate komplett trocken gelegt. Nämlich dann, wenn die Schleusen geschlossen werden um Wasser nach Yazd zu befördern, welches seit vielen Jahren nicht mehr ausreichend Wasser hat um die Einwohner zu versorgen. Man muss sich das mal vorstellen, man sitzt mit einem Weißen Spritzer am Donaukanal und starr auf ein Betonbecken. Unvorstellbar. Wir haben die letzten Tage viel über die Wasserproblematik im Land erfahren. Es beißt sich die Katze in den Schwanz, denn auch hier wird das Grundwasser immer weniger und die Regenfälle ebenfalls. Immer mehr wasserentziehende Reis- und Wassermelonenfelder entstehen von Jahr zu Jahr im großen Stiel, die Kleinbauern jedoch können kaum noch Felder für ihren Eigenbedarf bewässern.

Tagsüber war der 2. größte Platz der Welt, der Naqsch-e Dschahan Platz ausgestorben, am Abend wuselt es nur so.

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Auch hier werden wir im Minutentakt angesprochen, vor allem von jungen Männern die sehr gut Deutsch sprechen.

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Alle haben sie die selbe Geschichte. Vor Jahren haben sie begonnen deutsch zu lernen, weil sie ihren Master in Deutschland machen wollten.

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Als es dann so weit war, kam die Wirtschaftskrise und sie konnten sich das Visum nicht mehr leisten. Nicht selten erzählt uns diese Geschichte auch ein Taxifahrer, der eine ausgezeichnete Bildung besitzt, aber keinen Job findet.

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Abends gehen wir zur Khaju Brücke. Dort treffen sich jung und alt um gemeinsam zu singen.

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Stets ist es ein Mann der den Ton angibt, und die Menschen rundherum lauschen oder stimmen beim Refrain mit ein.

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Es ist eine ganz besondere Stimmung hier. Die Lieder sind alte Lieder. Sie handeln von der Liebe, von Verlusten, vom Land, vom Fluss, … wir verstehen zwar kein Wort, aber nicht selten merken wir wie uns die Gänsehaut aufsteigt.

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Diese Dynamik hier ist einzigartig, die Energie eine ganz spezielle, so kommen wir am nächsten Abend noch einmal her, mischen uns unters Volk und lauschen den Klängen.

Am Rückweg nach Tehran nehmen wir einen frühen Bus und verbringen ein paar schöne Stunden in Kashan.

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In der Nacht sind wir nach insgesamt über 2200km Busfahrt wieder retour in Tehran angekommen. Während der Busfahrt haben wir eine Entscheidung gefällt, beziehungsweise durch whatsapps mit Radlern die vor uns sind und durch Blogberichte, fällen lassen. Wir lieben dieses Land, aber wir lieben es nicht hier zu radeln. So traurig uns das auch stimmt, aber es ist so. Wir sparen uns die 1000 km auf einer vielbefahren Straße auf der man laut Berichten entweder vom Sog der LWKs regelmäßig in den Graben geblasen wird oder aber KM für KM gegen den Gegenwind ankämpft. In einer tristen, eintönigen, kargen, trockenen, Landschaft. Also besteigen auch wir nach Mashad den Nachtbus. Wir sind nicht die ersten und auch nicht die einzigen. (Fazit über den Iran: am besten bereist man ihn per Anhalter mit dem Rucksack ;-) )

Vorher sammeln wir unser Chinavisum ein (juhuuuuuuuuuuuuuuuu), fahren mit der U-Bahn

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in der es ein eigenes Frauenabteil und unzählige fliegende Händler gibt,

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betreiben ein wenig Sightseeing inklusive bekannten Glitzer und Glamour

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und verbringen noch 2 schöne Tage mit Saeed und Nasi. Wir machen Palatschinken und genießen wie alle Iraner ein Picknick wenn die Sonne untergeht.

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Beim Kauf vom Brot erfahren wir, dass es noch vor ein paar Monaten überall viel größer war. Aber die Bäcker sind aufgrund der anhaltenden Inflation gezwungen, die Brotgröße Stück für Stück zu verkleinern, so dass es der Kunde nicht merkt, der Bäcker den Preis aber nicht erhöhen muss und dadurch weniger Verluste hat. Kein Wunder, dass viele Iraner ihre gesamten Ersparnisse von den Banken beheben, in Dollar umwechseln und zu Hause bunkern. Man muss sich das mal vorstellen, dass man vorletztes und dieses Jahr die selbe Summe an Geld am Konto hat, aber man sich zur Zeit darum nur ein drittel von dem Leisten kann,wie noch vor 2 Jahren. Alles andere als eine leichte Zeit, die Löhne werden nicht angepasst, die Mieten jedoch schon, die Zigarettenpreise unterliegen sogar täglichen Schwankungen. Schlechte Nachrichten gibt es auch für Freunde von Nasi und Saeed, nach monatelangen Warten und viel Geld, ist ihr Visum für Dänemark abgelehnt worden. Kein Einzelfall. Nasi erzählt uns, dass sie in der Zeit in der wir im Süden waren, von der Polizei verhaftet wurde. Es gibt eine eigene Sittenpolizei, die das Einhalten der Kleidervorschriften und sonstige religiöse Pflichten kontrolliert. Nasi ist sich keiner Schuld bewusst, aber scheinbar befanden die Polizisten, dass ihr Hidschab (Kopftuch) nicht genug Haar bedeckte ( by the way, Sabrinas Outfit ist zu kurz; das Oberteil sollte bis zu den Knien gehen, die Hose zu anliegend und das Kopftuch sitzt immer zu locker; Kaum vorstellbar, dass vor der Revolution Miniröcke im Iran noch gang und gebe waren). Sie wurde in ein Fahrzeug verfrachtet in dem schon mehrere Frauen und junge Mädchen saßen. Viele weinten, weil sie angst vor den Konsequenzen zu Hause hatten. Die Frauen bleiben nämlich so lange in Gewahrsam bis ein männliches Familienmitglied oder der Ehemann kommt, ein züchtiges Kleidungsstück mitbringen und die Frau mit nach Hause nehmen. Als sie unsere schockierten Gesichter sieht legt sie noch eines oben drauf: ob wir denn nicht wüssten, dass wenn man eine außereheliche Beziehung führt, die Frau dafür öffentlich zu Tode gesteinigt wird und der Mann mit 65 Peitschenhieben, einer Geldstrafe und wenigen Wochen Gefängnis davon kommt. Vergewaltigungen zeigt man also lieber nicht an. Wenn man sich politisch für andere Interessen als dem der zwei Oberhäupter engagiert, wird einem der Pass entzogen. Iran, ein Land in dem Menschenrechte ignoriert werden und in denen vor allem Frauenrechte ein Fremdwort ist. 2 Anführer die eine Diktatur praktizieren, unter dem Vorwand dem Staat Iran nach Gottes Gesetzen zu führen.

Endlose andere Beispiele könnten wir bringen. Mit einem jeden den wir gesprochen haben, spricht sich vehement gegen die Politik aus. Viele Hoffen auf ein Wunder, dass die USA sie durch einen Krieg befreit zum Beispiel. Manche versuchen ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, haben 3 Jobs um sich die Kosten für ein Visum und Englischunterricht zu leisten um das Land verlassen zu können. Manche aber sind auch ein wenig resigniert und glauben dass sich so schnell nichts ändern wird. Nie haben wir von uns aus mit dem Thema begonnen, stets waren es die Iraner selbst die uns ihr Leid über die Wirtschaftskrise und die Regierung mitteilten. Wir haben die Politik nur oberflächlich gestriffen, nie ganz durchschaut, aber eines verstanden: es gibt die islamische Republik Iran und es gibt die Iraner selbst. Zwei verschiedene Dinge, die unterschiedlicher nicht sein können.

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