Hohe Berge, tiefe Täler, bezaubernde Menschen

Von Sost nach Chitral

25.09.2019 – 11.10.2019 davon 11 Tage am Rad

9520 km total

87.252 hm total

Route /GPS Track

Mehrmals donnern unsere Räder irgendwo dagegen, als wir sie aus unserem engen 9qm Dreibettzimmer herausmanövrieren. Gegenseitig grinsen wir uns an. Vergessen sind die ersten überfordernden Eindrücke von gestern Nachmittag, wir sind sowas von bereit für Pakistan. Bereit all die Klischees und Vorurteile die auch wir in unseren westlichen Köpfen haben über Board zu werfen. Der Unterkunftsbesitzer macht uns dieses Vorhaben aber nicht gerade leicht, denn unsere Vorstellung zwecks der nicht vorhandenen Sauberkeit in diesem Land bestätigt er leider gleich auf Anhieb: er geht in unser Zimmer, streicht die gebrauchten Leintücher glatt, richtet die Plastiktagesdecken (die als normale Decken in Pakistan ohne Überzug verwendet werden), schüttelt die Pölster auf und verlässt, offenbar zufrieden mit seiner Arbeit, das Zimmer. Die nächsten Gäste können kommen. Zu unserem Grinsen gesellt sich also ein leichtes Kopfschütteln – mehr bleibt einem in dem Moment nicht übrig.

Auf der Straße wuselt es bereits wieder. Unzählige Reize strömen auf uns ein – am Straßenrand wird gekocht, es duftet köstlich, bunte LKWs parken links und rechts, wir wissen gar nicht wo wir zuerst hinschauen sollen, Männer stehen in Gruppen herum und starren uns an, das Gehupe ist auch wieder da. Keine Grenze die wir bis jetzt auf all unseren Reisen überquert haben, hat solch einen Kontrast geboten. Von China nach Pakistan, das sind zwei Welten wie sie unterschiedlicher nicht sein können. „ Hey, du Depp, was machst du auf meiner Seite??“ entfährt es uns als wir beinahe umgefahren werden. Es dauert zum Glück nur 100 Meter bis wir merken, dass wir die Deppen sind und auf der falschen Seite fahren. Wie lange es wohl dauert, bis der Linksverkehr in Fleisch und Blut übergeht? Hoffentlich schnell!!

Das kleine Dorf Sost liegt schnell hinter uns, (mit ihm auch der höchstgelegene Grenzübergang der Welt, Khunjerab Pass) und somit auch das Chaos des kleinen Dörfchen. Ruhe umgibt uns. Unsere Hälse verrenken sich bis zum Anschlag, wir fahren im Schritttempo und keine 500 Meter hinter Sost stoppen wir bereits. Minutenlang stehen wir am Straßenrand und staunen die ersten hohen Berge direkt vor uns an.

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Schroff, kahl und zum Greifen nahe. Keine 200 Meter zwischen linker und rechter Talseite. Inmitten ein blauer Fluss der sich gemächlich seinen Weg sucht. Am Ufer vereinzelte kleine grüne Oasen, mit Säulenpappeln und kleinen Dörfern.

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Ein enormer Kontrast zu der doch recht weiten, offenen Landschaft in China. Der Verkehr ist auf ein Minimum geschrumpft und wenn uns mal ein Auto entgegen kommt, dann wird uns mit einem freudigen Lächeln entgegen gewunken. Unsere Augen scannen jeden Meter ab, wir haben Sorge was übersehen zu können.

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Das Bauchgefühl meldet bereits auf den ersten Kilometern,

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dass Pakistan sich zu einer großen Liebe entwickeln kann… wir werden sehen.

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Die Dörfer zählen selten mehr als 20 bis 30 Häuser. Es ist stets ruhig wenn wir durchrollen, grüne Gärten mit Obstbäumen, Frauen die in Trögen Wäsche waschen, Viehfutter das in den Bäumen zum Trocknen gelagert wird

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die Häuser oft abseits der Straße, alles ist offen gebaut, kein dichtes Mauer-an-Mauer Gedränge. Idylle pur.

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Verkaufsstände mit getrockneten Marillen und frisch geernteten Äpfeln begegnen uns an dem Tag immer wieder. Kaufen brauchen wir uns allerdings keine, denn eine Gruppe Männer hält neben uns an und dreht mit unseren Rädern eine Runde. Während sie sich köstlich amüsieren, bekommen wir von ihnen köstliche Äpfel geschenkt.

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Am frühen Nachmittag erreichen wir Passu mit seiner sogenannten Kathedrale, eine konische Gipfelformation.

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Ein atemberaubender Anblick

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dem wir für längere Zeit verfallen.

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Heute ist der 26. September – unser Hochzeitstag

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und somit beschließen wir kurz darauf den Tag nach gemütlichen 40km zu beenden, als wir bei einem höher gelegenen Restaurant das okay bekommen unser Zelt aufzustellen. Eine bessere Aussicht kann man sich nicht wünschen. Vor uns diese bizarre Bergfront und hinter uns der Passu-Gletscher.

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Herz was willst du mehr. Nach Kaffee und Kuchen (Marille natürlich, was sonst),

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nutzen wir den Nachmittag für einen kleinen Spaziergang tief hinunter zum Fluss und zu einer der bekannten Hängebrücken. Leider bahnt sich ein Gewitter an und hindert uns daran den Weg auf der anderen Seite fortzusetzen, aber allein schon der Weg zur Brücke hat sich gelohnt.

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Kaum retour oben auf der Straße hält ein Auto und fragt uns wo wir hinwollen. Einfacher kann hitchhiken wohl nicht sein. So sitzen wir bei Sonnenuntergang also vor unserem Zelt, eingemummelt in viele Schichten weil der kalte Wind seit Mittag einfach nicht aufhören will und genießen das Gefühl von purer Zufriedenheit. DAS war ein gelungener Start in Pakistan, wir sind hungrig auf mehr!

Der Tag beginnt wie der vorige geendet hat, mit tiefen Atemzügen, mehreren Seufzern und einem Grinsen. Schöner kann man nicht aufwachen. Langsam packen wir zusammen, wir haben es nicht eilig. Auch wenn in unseren Köpfen immer wieder aufpoppt, dass wenn wir die nächsten Wochen zügig fahren würden, wir es noch rechtzeitig in den Himalaya in Indien und Nepal schaffen würden. Aber wir möchten nicht mehr Jahreszeiten hinterherfahren. Die Neugierde Pakistan intensiv zu erforschen ist viel zu groß – dafür lassen wir sogar die Möglichkeit auf den Himalaya aus. In dem Moment auch keine schwere Entscheidung, denn das Karakorum Gebirge flirtet mit uns von in der Früh bis spät am Abend.

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Die kitschige Landschaft zieht an uns vorbei,

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es geht rauf und runter, rauf und runter,

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und durch ein paar lange Tunneln durch die Berge durch. Denn im Januar 2010 hat ein Erdrutsch eine natürliche Staumauer gebaut, und den 100m tiefen Attabad See gebildet.

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Von einem Tag auf den anderen war alles nördlich von der Außenwelt (wieder) abgeschnitten, denn der Khunjerabpass nach China ist zwischen Dezember und April geschlossen. (Der Norden Pakistans ist extrem gebirgig, es gibt nur diese eine Straße und die einzige Zufuhr ist China bzw. das Flachland Pakistans).

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Kurz darauf wurde eine Fähre über den neu gebildeten See errichtet, denn die ursprüngliche Straße stand schnell unter Wasser. Aber die Chinesen sind weiterhin am Karakorumhighway (KKH), so wie sich diese idyllische, einspurige, mit kaum Verkehr gespickte Traumstraße nennt, interessiert. Sie waren am Bau in den Jahren 1959 – 1979 des 1300km langen KKH maßgeblich beteiligt, kein Wunder, haben sie somit eine indirekte Verbindung zu einem Meereshafen gebaut und hoffen dadurch auf bessere Handelsmöglichkeiten. Erst seit 1986 ist der KKH für die Öffentlichkeit geöffnet. 1010 Menschen, hauptsächlich Pakistanis kamen beim Bau ums Leben. Wenn man sich die Geologie dieser Gegend anschaut, grenzt dieser Bau in vielen Abschnitten an ein Wunder. So kamen die Chinesen also nach der Überflutung der Straße erneut und ließen in windeseile ein paar hundert Meter weiter oben Tunnel durchs Gebirge errichten. Der KKH nennt sich auch China-Pakistan Friendship Highway, aber irgendwas in uns sagt uns, dass diese Beziehung eher einseitig ist, bzw. dass der Nutznießergedanke vom großen Nachbarn im Norden größer ist, als der Freundschaftsgedanke hinter diesem Mammutprojekt.

Kurz nach Mittag erreichen wir Karimabad und seine Felsmalerein

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und beschließen erneut, dass es für heute reicht. Viel zu schön die Umgebung hier, wir möchten das Panorama so wie gestern erneut genießen und suchen uns etwas weiter oben am Hang ein schönes Plätzchen in einer kleinen Unterkunft. Mit rund 600 pakistanischen Rupis, (4Euro) sind Unterkünfte ziemlich erschwinglich in Pakistan. Der Nachmittag verläuft gemütlich mit Kaffee und Trockenfrüchten, mit links

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und rechts,

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geradeaus,

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links und rechts und nach hinten schauen.

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Was für eine tolle Gegend. Auf die Besichtigung des Baltit Fort haben wir keine Lust, wir verfallen lieber den Bergen um uns herum. Die Kleinstadt ist ziemlich touristisch, wir treffen sogar eine handvoll westliche Touristen. Allesamt zum Wandern hier. Pakistans Norden ist ein Eldorado für Wanderer. Eintägige Wanderungen, Gletscherwanderungen, mehrtägige Touren, … für jeden ist etwas dabei. Eigentlich haben wir uns auch die ein oder andere Eintageswanderung vorgenommen, aber jetzt wo wir hier sind und die Ruhe und gemütlichen Etappen am Rad so sehr genießen, haben wir doch keine Lust darauf. Ist vielleicht auch besser so: Schuster bleib bei deinen Leisten … Radfahren können wir, wandern eher nicht.

In der Früh genießen wir erneut bei Frühstück auf unserer Terrasse den Ausblick und entscheiden kurzerhand einfach noch einen Tag zu bleiben. Die angenehmen Temperaturen mit etwa 26 Grad fühlen sich einfach zu gut an. Per Anhalter fahren wir ins nächste Dorf Aliabad um ein typisch Pakistanisches Outfit für Sabrina zu erstehen, denn wir beide haben vom ersten Tag an gefallen an den Farben und dem Schnitt der Oberteile gefunden. Gut gespeist wird ebenso, natürlich ausschließlich mit der rechten Hand und Chapati (flaches Brot) als Werkzeug. Retour bei unserem Traumplätzchen heißt es einfach nur Beine hochlegen, Kaffee trinken und genießen. Kein Blogschreiben, kein recherchieren, NICHTS. Endlich mal für einen Tag Urlaub.

Auch heute kommen wir spät los. Schuld daran ist ein Patschen: ein fetter Dorn in Sabrinas Vorderrad hat über die letzten zwei Nächte sämtliche Luft aus dem Reifen entweichen lassen. Der erste Patschen auf unserer Reise, nach stolzen 9000 km. Wir wiederholen uns gerne noch einmal, wir lieben unsere Schwalbe Marathon Mondial (Evo DD) Reifen ( nein, wir werden nicht von ihnen gesponsert; wir erwähnen sie freiwillig, einfach weil wir von ihnen überzeugt sind).

Seit gestern spielen wir ein Spiel. Jeder von uns beiden muss raten, wie viele Frauen wir heute auf der Straße antreffen werden. Keiner von uns beiden nennt jemals eine zweistellige Zahl. Pakistan ist ein männerdominiertes Land wie wir es noch nie zuvor gesehen haben. Obwohl der Islam hier heroben im Norden eher nicht so streng ausgelebt wird, da die meisten Ismaili Schiiten sind (eher für ihre „offene“ Einstellung bekannt), ist das klassische Rollenbild jedoch leider stark ausgeprägt.

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Die Frauen sind zu Hause, im Garten und sonst nirgends. Jede Unterkunft wird von Männern geführt, jedes Geschäft, jedes Straßenrestaurant

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und jeder Marktstand, Männer hockerl überall herum.

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Männer wohin das Auge reicht.

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Ausgenommen in Kleinstädten, hier sieht man auch vereinzelt Frauen auf den Straßen. In ihren schönen bunten Gewändern und meist mit einem eher locker, offenen Kopftuch.

Kilometer für Kilometer radeln wir meist nebeneinander, genießen die Landschaft und werden stets hinter jeder Kurve überrascht. Höhenmeter stehen täglich einige am Programm, auch wenn wir flussabwärts fahren. Der Asphalt ist aber bestens, so gibt es zumindest immer eine belohnende, rasante Abfahrt. Wobei wir diese kaum ausnutzen, denn viel zu oft bremsen wir uns wieder ein und betrachten die Umgebung. Die bunten LKWs

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mit ihren verspielten Details

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haben es uns aber mindestens genauso angetan.

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Sie klimpern so schön,

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passen mit ihren strahlenden Farben so schön in die Landschaft,

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jeder ein Unikat, … Ja man merkt, wir sind mehr als nur fasziniert vom Norden Pakistans. Bei einer Häuseransammlung sind wir auf der Suche nach Brot und werden kurzerhand von einer privaten pakistanischen Reisegruppe zum Frühstück inklusive Tee eingeladen. Gegen Mittag schaffen wir keine 10km pro Stunde. Schuld daran ist der Rakaposhi mit seiner stolzen Höhe von 7788m .

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Direkt vor unserer Nase, bei traumhaftem Wetter. Und immer noch dieses schmale Hunzatal, mit seinem Fluss und den kleinen Dörfern im Grünen. Der Berg zeigt sich uns von vielen Seiten, jedes mal schöner als noch kurz zuvor.

Wir essen zu Mittag

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und genießen noch einmal den letzten Blick auf den Berg. Was uns am KKH so gut gefällt… man fühlt sich wie ein Forscher, es ist kaum etwas los (Ende September/Anfang Oktober) und dennoch ist er so gut erschlossen, dass man sich um Essen keine Gedanken machen muss. Ist auch gut so, denn wir würden hier nichts für ein Mittagessen to go finden. Dünnes Brot auf Nachfrage in einem Dorf ja, aber nichts für drauf. Gemüse und fertig, das wäre die Alternative zu den extrem guten, oftmals scharfen, aber sehr günstigen Speisen der Essenslokale am Straßenrand. Dumm wären wir wenn wir da nicht zuschlagen würden. Ändert ein wenig unsere Gewohnheiten, aber bei dem Geschmack und der Vielfalt an Gerichten, machen wir das gerne.

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Schlagartig ändert sich die Landschaft, für eine Strecke von 40km gibt es keine Dörfer mehr, viel zu schmal das Tal, es wirkt alles viel trockener. Auf der gegenüberliegenden Talseite können wir immer wieder den alten, schmalen Weg, welcher in die Felswende geschlagen wurde, sehen –

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der einzige Weg der damals hoch hinauf in den Norden führte und somit als Zubringer für die Seidenstraße von hoher Bedeutung war. Unvorstellbar wie anstrengend und gefährlich damals die Reise gewesen sein muss, uns schlottern schon die Knie wenn wir die fragilen Wege aus der Ferne betrachten.

Am späten Nachmittag erreichen wir ziemlich erschöpft nach einem doch längeren Tag als erwartet,

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einen Vorort von Gilgit

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und warten bei Tee mit Milch auf Moin, unseren Couchsurfer Host. Wir lernen an dem Abend viel über Verhaltensregeln, Politik, Religion und Familienkonstruktionen hier in Pakistan. Während wir uns gut mit dem extrem gebildeten 19-jährigen unterhalten, hält die Oma des Hauses die ganze Zeit Sabrinas Hand. Gegenseitig wird sich angegrinst, die Köpfe auf die Schultern des anderen gekuschelt, die Wangen gestreichelt. Wie herzlich kann man bitte schön aufgenommen werden, wie schnell kann man sich in eine Familie integriert fühlen? Ein schönes Gefühl. In den kommenden Tagen werden wir Moin oftmals noch insgeheim danken für all das Wissen.

Hier in Gilgit müssen wir uns entscheiden wie wir weiterfahren. Eigentlich wollten wir auf ein Hochplateau auf 4000hm hinauf, aber der Wetterbericht sagt Regen und Schneefall voraus, also lassen wir es lieber bleiben, denn der Zubringer wäre 3 Tage auf einer vielbefahrenen (unasphaltierten) Straße die noch dazu gerade aufgrund von massiven Bauarbeiten extrem staubig oder schlammig ist. Aber weiter am KKH wollen wir auch nicht, denn dann wären wir viel zu schnell in Islamabad und würden somit den schönen Norden viel zu schnell verlassen. Der KKH ist ein Traum, wir haben jede Minute genossen, aber dennoch ist er touristisch ziemlich gut erschlossen (DAS Topreiseziel im Juli und August für Pakistanis, weil die Temperaturen angenehmer sind als im kochend heißen Tiefland). Wir wollen mehr sehen, vor allem etwas ursprünglichere Gegenden ohne Tourismus und studieren unsere Karte eingehend. Ein „Umweg“ von rund 2 Wochen nach Islamabad ist am Ende ausgearbeitet und wir freuen uns wie kleine Kinder auf diese Zeit.

Somit biegen wir in Gilgit vom KKH ab und machen uns auf ins Phandavalley. Flussaufwärts soll es die nächsten Tage gehen, bevor es über den Shandur Pass (ab November schneebedingt geschlossen und somit auch keine Versorungsstraße für den KKH) geht und hinunter nach Chitral. Das ist alles was wir wissen. Mit ca. 7 Tagen rechnen wir, wie viele KM asphaltiert sind und wie die Versorgungslage hier in der Gegend ist können wir nicht abschätzen. Eben sowenig ob wir zelten werden, oder auf Unterkünfte zurückgreifen (müssen). Somit kommen sicherheitshalber Instantnudelsuppen und Haferflocken für 5 Tage mit an Board. Erst kurz vor Mittag kommen wir aus dem Gewusel der Stadt raus und sind vom ersten Kilometer an begeistert von diesem kitschig schönen Tal.

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Die Straße ist 1 ½ spurig, aber mit kaum Verkehr. Es wird freudig gewunken wenn man uns sieht und manchmal mit dem Moped langsam an uns vorbeigefahren um uns ausgiebigst zu begutachten.

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In den Dörfern frieren die Menschen allerdings meistens ein wenn sie uns sehen. Es wird noch mehr gestarrt als am KKH.

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Manchmal grüßen wir, manchmal starren wir zurück, manchmal ignorieren wir sie einfach. Je nach Bauchgefühl, je nach Lust und Laune. Die Reaktionen sind stets unterschiedlich. Manche tauen auf und lächeln zurück, manche winken

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und einige verharren in ihrer Schockstarre. Sabrina zieht so oder so seit Beginn an den kürzeren, sie wird kaum gegrüßt, aber stets begafft.

Als unser Bauch bereits knurrt, beginnt es leicht zu regnen. Im nächsten Dorf finden wir nichts zu essen, also gibt es Brot und Kuchen mit Marmelade zu Mittag. Unter den neugierigen Blicken von unzähligen Dorfkindern und Jugendlichen. Mahlzeit!

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Es geht weiter, denn der Regen war nur von kurzer Dauer, und nichts zu Essen im Mund zu haben, ebenso. Denn ein Auto stoppt und reicht uns einen Sack voller Weintrauben.

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Schon in der Türkei haben wir ein Tee- und Kaffeeritual entwickelt, mindestens zweimal am Tag haben wir damals dafür gestoppt. Jetzt in Pakistan gehen wir dem wieder nach. Köstlicher schwarzer Tee, mit viiiiel fetthaltiger guter Milch und Zucker. Aber seit gestern bestellen wir ihn mit Salz. Dann ernten wir kurz irritierte Blicke woraufhin stolz und anerkennend gegrinst wird. Denn wir haben von Moin gelernt, dass man den Tee in diesem Tal meist mit Salz trinkt. Gar nicht mal so übel. Bei unserem zweiten Teestop für heute, wunderschön an einem kleinen Fluss der direkt neben uns von einem Berg seinen Weg zum Talfluss sucht, auf einer grünen Wiese mit schattenspenden Bäumen, … kitschig schön wie alles hier, kommen wir nicht zum Zahlen. Die Männer die ebenfalls hier rasten zahlen unseren Tee. Mit Händen und Füßen versuchen wir abzulehnen, aber nichts da.

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Die Sonne geht bereits unter, als wir nach einer malerischen Sumpflandschaft Gahkuch erreichen. Wir dachten wir könnten hier unser Glück versuchen und nach einem Platz für unser Zelt in einem Garten fragen, aber was in unserer Karte klein wirkt, entpuppt sich als quirlige, chaotische, überfüllte Kleinstadt. Wir rollen im Schritttempo und dennoch haben wir das Gefühl, dass unser Gehirn nur einen Bruchteil von dem aufnimmt, was der Augennerv ihm alles sendet. Und von dem wiederum wird nur ein Bruchteil verarbeitet. Was wir wohl alles „übersehen“ haben? Wahrscheinlich ist dies ein kleiner Vorgeschmack auf Indien. Also ab in eine Unterkunft, bei Stromausfall im Dunklen was zum Essen suchen, Marmelade und Kuchen einkaufen, wiedereinmal kalt und mit Kübel duschen und ab ins Bett.

In der Früh lassen wir noch schnell unser Handtuch nähen, kostenlos versteht sich für die jungen Burschen.

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Ein paar Schulbusse überholen uns, es marschieren aber auch genügend Kinder kilometerweit zu Fuß bis zu ihrer Schule.

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Das Tal wird deutlich schmäler, wir radeln an schroffen Felswänden vorbei, die Dörfer werden weniger, der Wind von allen Seiten stärker.

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Es geht einfach nicht anders, wir sind so im Genießermodus,

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dass wir am Vormittag stoppen, unseren Kocher auspacken und uns Kaffee kochen.

 

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Ein Hirte, den wir vor einer halben Stunde überholt haben, treibt seine Schafe an uns vorbei und grüßt uns erneut mit einem breitem Lächeln und strahlenden Augen. Als wir zusammenpacken stoppt ein Moped und Wolfi wird zu einem Selfie gebeten. Unser Ofen wird kurz inspiziert, der Kopf geschüttelt und mit einem Lachen davon gebraust. Kleine Begegnungen die uns so gut gefallen.

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Zu Mittag kommen wir am Khalti See an. Worte sind nicht notwendig, ein tiefer Seufzer reicht, dass wir beide wissen, hier bleiben wir. Einen Wildcampingplatz braucht man um diese Zeit hier noch nicht suchen. Generell ist es uns bis jetzt nicht gelungen zu campen, leider. Die Täler waren einfach viel zu schmal bis jetzt, jeder noch so seltene flache Quadratmeter ist entweder bewirtschaftet oder bewohnt.

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Daher checken wir wieder in ein günstiges Zimmer (4 Wände, zwei Matratzen am Boden ohne Überzug,

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einDuschKübel, ein Hockerlklo)

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ein und machen ein Nickerchen am See.

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Abends hören von der ferne laute Musik und viel Gehupe. Kurz darauf fährt ein Konvoi an jungen Burschen an uns vorbei, die gerade ihren Sieg im Fußball gegen ein anderes Dorf in dem Tal feiern.

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Generell haben wir den Eindruck, dass die Pakistanis ein fröhliches Völkchen sind und gerne lachen. Wenn sie englisch können, dann zeigt sich oftmals auch ein guter, leicht sarkastischer Humor.

Die Nacht über hat ein Polizist vor unserem Zimmer patrouilliert. Vollkommen unnötig haben wir dem Besitzer der zwei Zimmer gesagt. Es sei nicht notwendig, es ist ziemlich kalt in der Nacht, wir fühlen uns sicher, … aber er hat darauf bestanden. Es sei hier sicher, aber wir sind Touristen und er möchte, dass wir uns wohl fühlen. Das seien keine Umstände, der Polizist würde dies gerne tun. Von anderen Radlern wissen wir von ähnlichen Geschichten, teilweise sogar von tagelangen Eskorten mit dem Polizeiauto.

Das Hindukush Gebirge direkt zu unserer rechten wird immer schroffer und eindrucksvoller – wenn überhaupt möglich.

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Keine Ahnung wie oft wir in den letzten Tagen gesagt haben WIE froh wir sind, dass wir nach Pakistan gekommen sind.

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Ausgenommen der Pamirregion in Tajikistan, hat uns schon seeeeeeeehr lange keine Region so lange und intensiv in seinen Bann gezogen.

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Und hier noch dazu mit all seinen Fassetten: Landschaft, Menschen und Essen.

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Also alles was ein Radler so braucht – bis auf die Sache mit dem Zelten, aber alles kriegt man selten.

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Zu Mittag erreichen wir ein Dorf in dessen Dorfeinfahrt ein Mann von einer Mauer springt und zu uns läuft: Pfirsiche werden uns freudig gereicht und so schnell wie er da war, war er auch wieder weg.

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Keine 50 Meter weiter beobachten wir, wie Frauen und Männer in einen Garten ein und aus gehen. Dieser ist von außen üppigst geschmückt. Die Frauen tragen Sackerl mit Essen nach Hause. Wir rollen langsam vorbei, werden angestarrt und angegrinst. Das starren lässt uns daran hindern, dass wir stoppen wollen, obwohl wir schon gerne wissen würden, was sich dahinter abspielt. Einhundert Meter weiter gewinnt die Neugierde. Wer weiß was für eine Erfahrung wir uns da gerade durch die Lappen gehen lassen würden. Was die Pakistanis können, können wir auch: schauen. Sie kommen ja schließlich auch um alle Ecken, aus ihren Häusern, aus den Geschäften, … nur um uns zu sehen. Also machen wir das jetzt auch. Wir drehen also um, rollen zurück, stellen unsere Räder ab und werfen zaghaft, aber doch bestimmt einen Blick über den Zaun. Eine Schar von Kindern umzingelt uns kichernd und beginnt jeden Millimeter an unseren Rädern anzugreifen. So schnell können wir gar nicht schauen, kommt ein Mann aus dem Garten und winkt uns hinein. Der erste Tag einer traditionellen dreitägigen Hochzeit wird hier gefeiert. Wir werden ins Haus gebeten und uns wird ein Platz am Boden zugewiesen. Man sieht bei den Männern nur kurz Irritation in deren Augen aufblitzen, denn schließlich hat eine Frau hier im Männerbereich nichts zu suchen. Dann überwiegt aber die Neugierde an uns und wir werden von jedem herzlich willkommen geheißen. Mit Händen und Füßen versuchen wir einen Austausch an Kultur und Wissen zu starten. Essen wird uns gereicht, danach natürlich Tee. Mit Salz bitte! Anerkennendes Nicken. Beide sind wir froh, dass wir trotz angenehm warmer Temperaturen lange Hosen anhaben. Sabrina noch mehr, dass sie kein westliches Oberteil anhat, sondern alltägliche pakistanische Kleidung. Kurz darauf kommt ein Mann der ausgezeichnet Englisch spricht. Von ihm, Didar erfahren wir noch mehr: Arrangierte Ehen sind nach wie vor Alltag. Ein wenig lockert es sich, manchmal darf sich das zukünftige Brautpaar vor der Hochzeit einmal sehen um sich „kennen zu lernen“, natürlich im Beisein der Eltern. Sehr selten, aber doch, erzählt er uns, haben die jungen Menschen die Möglichkeit nein zu sagen. Aber das macht kaum jemand, niemand möchte seine Eltern beleidigen. Oftmals kennen sie sich jedoch bereits, denn die Cousine zweiten Grades zu heiraten ist ebenso nicht selten, so bleibe das Geld in der Familie. Die Frauen ziehen am dritten Tag der Hochzeit in das Elternhaus des Mannes und leben dort mit seinen Brüdern und deren Frauen zusammen: Joint-family System. Sabrina wird von der Braut abgeholt und durch den Garten geführt. Sie ist Mathematiklehrerin, spricht englisch und heiratet erst mit 23 Jahren. Drei Fakten die hier Seltenheitswert haben. Sie kenne ihren Mann aus der Grundschule. (sehr informativer Bericht über die Benachteilung von Mädchen in pakistansichen (Schul)system)

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Danach haben sie sich aus den Augen verloren und vor kurzen wiedergetroffen. Sie mag ihn. Es war somit ein Vorschlag von ihr an ihre Eltern, ob es wirklich Liebe ist oder einfach das kleinere Übel um nicht mit einem Wildfremden verheiratet zu werden, wir wissen es nicht. Zwei Yak wurden extra für die Hochzeit gekauft. Einer wurde bereits geschlachtet und heute für das Essen im Elternhaus der Braut für all die Dorfbewohner verkocht. Der Zweite ist dann für den Haupttag gedacht, den dritten Tag. Sabrina wird in die Außenküche geführt. Ein eigenes, rund 10qm großes Lehmhäuschen im Garten. Darin über 30 Frauen mit unzähligen Kindern. Es wird gekocht. Hitze und Lärm steigern sich von Minute zu Minute. Obwohl alle Augenpaare auf Sabrina gerichtet sind, sicher auch jedes Gespräch, jedes Lachen und jedes Flüstern über sie sind, die Kinder entweder verschreckt oder fasziniert sind, fühlt sie sich nicht unwohl. Die Wärme kommt nicht nur vom Ofen, nein, auch von all den Frauen, nämlich eine herzliche Wärme und ein freudiges Nicken, dass wir da sind. Wir plaudern noch lange mit dem Lehrer und schnell lädt er uns ein zu bleiben. Er selbst wohnt in Gilgit, ist aber hier groß geworden und war der Lehrer der Braut. Im Nachbardorf lebe seine Familie und diese würde sich sicher freuen uns zu empfangen. Gespannt auf unsere erste Einladung in ein pakistanisches Zuhause sagen wir natürlich zu, auch wenn das bedeutet wieder über die hügelige Landschaft 10 km retour zu fahren. Bevor wir gehen, müssen wir aber noch einmal etwas essen. Der Brautvater lässt uns nicht gehen, das wäre unhöflich von ihm. Also essen wir innerhalb von zwei Stunden die zweite Hauptspeise, obwohl unsre Bäuche noch von der Ersten voll sind. Schön zu sehen, dass aber auch der Lehrer gemästet wird und nicht nur wir.

So machen wir uns also auf den Weg zurück,

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überqueren eine der vielen Hängebrücken die wir die letzten Tage gesehen haben,

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und manövrieren unsere Räder über einen steinigen Weg. Die Familie wartet bereits mit wortwörtlich offenen Armen auf uns. Das Essen geht weiter – mit köstlichen getrockneten Früchten und allem frischen was der Garten gerade hergibt und das ist viel: Äpfel, Weintrauben, Nüsse und Pfirsiche. Im 20 Häuserdorf hat sich schnell herumgesprochen, dass Gori und Gora (weiße) da sind. Jeder will uns bewirten, bei jedem sollen wir schlafen. Extra für uns wird versucht Fische fürs Abendessen zu angeln.

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Der Dorfrundgang ist eine Zeitreise. Die Wege 1 Meter schmal, steinig und schlammig. Aus allen Gärten recken die Obstbäume ihre schweren Äste über die Wege. Man hat also immer das Gefühl bereits mitten in einem Garten zu sein. Seit 8 Jahren gibt es fließend Wasser hier, davor musste es mühsam mit Kübeln aus einer höhergelegenen Quelle geholt werden. Zu verdanken haben sie es Aga Khan. Ein Name der uns schon aus den hochmodernen HealthCare Zentren in Tadschikistan bekannt ist, jetzt aber endlich ein Gesicht und Sinn bekommt. Er ist der spirituelle Führer und der letzte Prophet der Ismaili. Vor allem im Norden Pakistan hat er enorme Entwicklungshilfe geleistet. In jedem Dorf haben wir mindestens 1, oftmals bis zu 5 Schilder mit seiner Stiftung gesehen. Schulen, Bewässerungssysteme, Brücken, Trinkwasser, Gesundheitszentren, Sanitär- und Hygieneeinrichtungen … . In den Schulen wird englisch unterrichtet, das erklärt auch warum hier im Norden der ein oder andere, der das Glück hatte in solch eine Schule zu gehen, englisch kann. Alle im Dorf, so wie die Mehrheit in dem Tal, gehören den Ismailis an. Der Unterschied zu den anderen muslimischen Formen ist, dass der Koran stets vom aktuellen Propheten neu interpretiert wird, bzw. der heutigen Zeit angepasst wird. Zum Beispiel müssen sie nur dreimal am Tag beten, denn die heutige Zeit ist stressiger als früher, daher kommt man nicht so leicht zum beten – so die Anweisung von oben. Ebenfalls wird den Frauen freigestellt, ob sie sich verschleiern oder nicht, daher eben meistens eine sehr lockere Form eines Tuches das maximal den Hinterkopf bedeckt. Wir bekommen den Einblick in zwei 100 Jahre alte Häuser. Wir erkennen viele Gemeinsamkeiten (5 Holzsäulen, ein Raum, …) zu den Häusern im Pamir und schließen daraus, dass die Familien die wir dort getroffen haben, ebenfalls Ismailis sind. Gerne hätten wir Fotos gemacht, aber es gibt mal wieder keinen Strom. Jeden Tag seit dem wir in Pakistan sind, sind die Stunden an denen es Strom gibt an einer Hand abzuzählen. Die Begründungen sind unterschiedlich: Bauarbeiten, Regierung, wenig Wasser in den Wasserkraftwerken, … . So sitzen wir also bei einer Petroliumlampe und unsere Bäuche und Hände werden immer schwerer von all dem Obst, Trockenfrüchten und Nüssen die uns aufgewartet werden und die wir als Geschenk annehmen (müssen). Am Abend sitzen wir im Kreis der ganzen Familie. Sabrina bekommt den Ehrenplatz beim Ofen. Er gehört normalerweise dem männlichen Oberhaupt der Familie. Es wird viel gelacht und gescherzt, wir fühlen uns extrem wohl und aufgenommen. Der Ehrenplatz ist natürlich auf der Männerseite, denn die Frauen sitzen zusammen auf der anderen Seite. So offen die Ismailis sind, erkennt man dennoch tiefe Grundformen des traditionellen Islams. Zuerst bekommen die Gäste, dann die Männer und erst wenn sie von einem bestimmten Essen nichts mehr möchten, wandert der Topf zu den Frauen. Zusätzlich zur Familie haben noch 4 Nachbarn für die Dorfgäste gekocht, der Boden ist somit reichlich gedeckt.

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Mit zwei Händen wird das Brot Sabrina (weil am Oberhauptsplatz) gereicht. Wir danken im Gedanken Moin, der uns dieses Ritual erklärt hat. Man reißt sich ein großes Stück ab und erst dann dürfen alle (Männer und Gäste) essen. Danach wird musiziert und getanzt. Und sich mehrmals entschuldigt, weil es keinen Strom gibt. Sie würden sich schlecht fühlen, dass sie uns nichts besseres bieten könnten, als diese eine Lampe und einen Platz am Boden. Wir versuchen sie davon zu überzeugen, dass man uns doch ansieht wie wohl wir uns fühlen, und das diese Zeit mit ihnen das größte Geschenk überhaupt ist. Es wird spät, bis im Wohnzimmerraum die uns geliebten 3cm Matratzen von den Seiten einfach in der Mitte zusammengeschoben werden und somit unser Schlafgemach fertig ist.

In der Früh besuchen wir noch zwei Nachbarn die gestern für uns gekocht haben in deren 100 Jahre alten Häusern.

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Auch hier können wir, obwohl auch der Lehrer versucht zu intervenieren, ein weiteres Frühstück und Nüsse nicht ablehnen.

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Auch heute fungiert Wolfi wieder als Physiotherapeut. Schon gestern gab es den Versuch an Übungsanleitungen für Rücken- und Knieschmerz geplagte Dorfbewohner.

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In Pakistan ist ein Physiotherapeut gleichgestellt mit einem Arzt. Er trägt hier einen Doktortitel und bekommt gleich bezahlt.

Bei Nieselregen verabschieden wir uns. Die Mama des Hauses hat Tränen in den Augen, sie bedankt sich mehrmals dass wir ihr und ihrer Familie unsere Zeit geschenkt haben und wir versprechen ihr sehr gerne, dass, wenn wir wieder mal nach Pakistan kommen, wir sie besuchen. Und am besten unsere gesamte Familie mitnehmen, so die Aufforderung von ihr. Was wir aber jetzt schon mitnehmen „müssen“, sind kiloweise Äpfel, Trockenfrüchte und Nüsse. Widerrede zwecklos! Auch, dass wir noch ein paar Äpfel von vorherigen Beschenkungen haben und wir sie ja über den Pass schleppen müssen, hilft nicht. Mit vereinten Kräften wird nach jedem freien Quadratmillimeter auf unseren Rädern gesucht, damit wir ja nicht schummeln können und vielleicht ein paar Äpfel hierlassen. So stecken sie am Ende überall: bei unseren Schlafsäcken, in der Rahmentasche, im Rucksack , … .

Dunkle Wolken ziehen über uns hinweg, die Landschaft ist trotzdem wunderschön. Nur zum Stehenbleiben ist es heute viel zu kalt.

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Zu Mittag erreichen wir Phanda Lake Inn und beschließen das schiache Wetter hier auszusitzen. Ganze 4 Tage regnet es. Bei 12 Grad im Zimmer, mit einer Verkühlung und Verdauungsproblemen, 22 Stunden Stromausfall pro Tag und kaltem Wasser ist es zwar keine Urlaubspension, aber unter vielen Decken und mit köstlichem Essen lässt es sich aushalten. Die Wäsche ist nach 2 Tagen dann auch endlich im Zimmer getrocknet. In den wenigen regenfreien Stunden erkunden wir das Dorf um uns herum.

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An Tag fünf kommt zu Mittag endlich wieder die Sonne raus und wir radeln, umgeben von leicht angezuckerten Bergen,

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weiter. Weiterhin gemütlich versteht sich.

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In den letzten Tagen sind wir zwei Saisonen durchfahren. Weiter unten steht das Weizen noch, gestern haben wir gesehen wie er geerntet wurde (alles per Hand)

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und ein paar Bäume braune Blätter bekamen

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und heute ist bereits alles um uns herum fertig geerntet und die Bäume sind schon deutlicher kahler. Einzigartig, das so im Zeitraffer erleben zu können. Zeitraffer, Zeitreise, … es gibt immer was zu entdecken, so wie diese Tankstelle

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das Postamt,

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oder die Gemeinschaftsmühle

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in einem Dorf.

Bis zum Shandur Pass schaffen wir es heute nicht, unsere Augen suchen seit über einer Stunde nach einem Plätzchen für unser Zelt.

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Aber egal wo wir näher schauen, gegenüber steht ein Haus,

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man sieht uns von der Straße

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oder aber Weidevieh steht darauf herum.

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Ein Glashaus für Gemüse erregt unsere Aufmerksamkeit, so etwas ist in Pakistan mit Sicherheit eine Rarität. (Aga Khan macht’s möglich)

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Dahinter eine ebene Fläche – ideal fürs Zelt. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen verschwunden und wir merken schnell was ein paar Höhenmeter mehr als noch vor ein paar Tagen ausmachen, denn es ist sofort zapfig kalt. Nachdem wir mit Händen und Füßen unser Anliegen darbringen, wird sofort gemeinsam eine ideale Stelle für uns gesucht. Aber als wir uns daran machen das Zelt vom Fahrrad abzuschnallen sollen wir erstmal auf einen Tee hineinkommen. Gerne, ein bisschen aufwärmen kann nicht schaden. Draußen wir es immer dunkler, aber da es das selbe Tal der letzten Tage ist, wundert es uns nicht, dass es im Zimmer nicht hell wird – kein Strom. Drinnen ist es nicht wesentlich wärmer als draußen, ebenfalls nicht verwunderlich bei einglasigen Fenstern. Wie bei der Familie vorgestern ist es auch hier in nur einem Zimmer warm, nämlich in der Küche. Unvorstellbar wenn es jetzt schon nur knapp über null herinnen hat, wie es erstmal sein muss wenn der Winter da ist. Aus dem Tee wird schnell eine Einladung zum Essen und ein entschlossenes Kopfschütteln, dass wir nicht draußen schlafen können. Mit dem ältesten, noch unverheirateten Sohn des Hauses sitzen wir zu dritt im Halbkreis unter einer Decke zusammen und versuchen mit seinen 5 Wörtern englisch die er kann, eine Konversation zu führen. Sie reicht für gut eine Stunde. Immer wieder erstaunlich was Mimik und Gestik alles so vermitteln kann. Nach einem köstlichen Essen wird aus dem typisch leeren „Wohnzimmer“ unser Schlafzimmer. Der Sohn des Hauses schläft bei uns. Uns stört es nicht, aber soviel Nähe ist doch sehr ungewöhnlich in einem muslimischen Land.

Schnell hat Wolfi gelernt wie Fotos in Pakistan funktionieren: Stocksteif nebeneinander stehen.

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Mit Jacke, Haube und dünnen Handschuhen sitzen wir bei den ersten Sonnenstrahlen am Rad und machen uns auf dem holprigen Weg weiter hinauf zum Pass.

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Atemberaubende Ausblicke

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in alle Himmelsrichtungen,

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wir sind begeistert.

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Bevor wir die letzten steilen Kilometer in Angriff nehmen stärken wir uns noch einmal. Hier wäre durchaus ein guter Platz für ein Zelt, denn über den Pass fahren in der Nacht sicher kaum Autos und auf der Hochebene steht kein einziges Haus. Schade, aber wir haben es einfach nicht geschafft bis hierher. Dafür genießen wir dieses stille Plätzchen jetzt einfach umso mehr. Traditionell, pakistanisch, hockerlnd natürlich.

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Der Aufstieg ist dann endlich mal wieder anstrengend.

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Nach wie vor verausgaben wir uns lieber auf solch unbefestigten Aufstiegen als bei endlosem Auf und Ab auf asphaltierten Straßen.

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Aber ja, damit haben wir abgeschlossen – offroad Pisten gibt es einfach viel zu wenig für uns auf dem weiteren Weg Richtung Osten.

Die Hochebene

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am Pass auf 3738m

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ist anfangs wunderschön

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und dann eher unspektakulär. An einem Checkpoint werden wir wieder registriert. Dieses Mal sollen wir uns selbst eintragen. Gerne, so gibt es zumindest keine Sabrina Wien oder einen Wolfgang der am 6.5.2018 (Passausstellung) geboren wurde, weil sie das englische im Pass nicht lesen können und somit nicht wissen was sie abschreiben.

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(Nein, Kopftuch ist keine Pflicht und Sabrina auch nicht zum Islam konvertiert, aber manchmal ist das Tuch auch super praktisch schnell zur Hand wenns um Sonnen- oder Wind/Kälteschutz geht)

Wir holpern auf der anderen Seite hinunter.

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Im Schneckentempo. Die Piste ist eine Katastrophe,

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der Abgrund viel zu nahe.

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Jetzt bei schnelleren Tempo ins schlittern zu kommen, könnte auf der einspurigen Straße blöd enden. Kurz bevor wir wieder einen Fluss erreichen,

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stoppt uns in Auto. Eine Gruppe Männer aus Islamabad auf Urlaub. Schnell wird der Kocher ausgepackt und es gibt Toastbrot mit Eiern, Tee und Wein. Ja genau, Wein. In Pakistan. In einem Land in dem Alkohol verboten ist (ausgenommen wenn du eine andere Religion nachweisen kannst).

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Der ein oder andere Pakistani stellt ihn hier heroben aber selber her. Weintrauben gibt es ja on masse hier. Wein ist es aber nicht wirklich, schmeckt eher wie gärender Sturm. (auch Marihuana ist ein Thema und wird oftmals angeboten; wir riechen es oft schon bevor wir es am Straßenrand wachsen sehen)

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Über eine Stunde sitzen wir am Straßenrand und plaudern mit den Männern über Gott und die Welt. Dann müssen wir uns aber auf den Weg machen, denn die Sonne kratzt bereits wieder an den Bergkämmen.

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Links geht die Welt unter, rechts wo wir hinwollen ist es noch hell. Dennoch stoppen wir fast alle 100 Meter. Das Tal auf dieser Seite zieht uns ebenso in den Bann wie auf der anderen Seite des Passes.

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Der Fluss der sich tief in den Boden gefressen hat und steile Abhänge geformt hat, die Dörfer die als grünbraune Oasen jede ebene Fläche einnehmen, direkt dahinter karge, schroffe Berge die unendlich hoch in den Himmel zu ragen scheinen.

 

20191008_164630 Falls man es noch nicht merkt, wiederholen wir uns gerne noch einmal: Wir lieben den Norden von Pakistan!!!

Leider ist es aber auf der Seite noch schwieriger mit einem Wildcampingplatz. Keine Chance! Es würde 2 sehr einfache Unterkünfte geben, aber die sind uns eindeutig zu teuer. Sabrina fragt bei einem Haus nach ob wir die Fläche dahinter nutzen können. Ja können wir, aber wenn wir wollen dürfen wir auch im Garten schlafen. Mit all seinen Blumen und den Apfelbäumen sieht es so schön aus, Familienanschluss haben wir immer gerne, also stimmen wir zu und bauen mit Stirnlampen unser Zelt auf. Man hätte uns gerne ein Zimmer angeboten, aber keinen Platz. Wir sind froh endlich wieder in unserem kleinen aber so feinen mobilen zu Hause liegen zu können, das kann sich keiner vorstellen. Unsere Nudeln kommen auch endlich zum Einsatz – haben wir sie also doch nicht ganz umsonst mitgeschleppt. Der Mann des Hauses holt noch ein paar Äpfel für uns vom Baum und seine Frau bringt uns eine Karotte zum Pimpen unserer Nudeln, die sie vorher skeptisch am Kocher beäugt hat.

Wir strahlen in der Früh mit der Sonne um die Wette, die Umgebung in der wir aufwachen ist einfach viel zu schön um sie realisieren zu können.

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Das ist auch gut so, denn die nächsten Stunden leiden wir ganz schön. Es geht tendenziell flussabwärts, aber die Piste ist das mieseste das wir seit langem erlebt haben. Da vergeht einem jeglicher Spaß.

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Wobei nein, bei DER Landschaft muss man strahlen.

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Kilometer für Kilometer werden wir unsanft durchgeschüttelt. 10 km/h beträgt der Fortschritt für die nächsten Stunden.

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15Km/h ist das Maximum das geht, dabei stecken wir aber schmerzhafte Stöße ein und sehen nichts mehr so schüttelt unser Kopf auf und ab.

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Keine Ahnung warum, aber wir durchfahren das einzige Dorf ohne Essen zu gehen,

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obwohl es schon fast zu Mittag ist.

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Blöd, denn in den nächsten zwei kleinen Ansammlungen gibt es nichts. Auch shoppen gehen wir nicht.

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Um halb drei haben wir schon ein Loch im Magen und inspizieren unsere Essenstasche.

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Ein schönes Plätzchen rollt uns zu Füßen

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und so gibt es Kuchenreste, Brotreste und Pickles (Gemüseschnippsel in einer dicklichen Essigsauce eingelegt) und Kaffee. Eigentlich ist es so oder so egal was wir uns in den Mund schieben, denn wir sind mit staunen auf den 6551m hohen Berg Buni Zom vor uns beschäftigt.

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So sehr beschäftigt, dass wir die Zeit übersehen.

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Huch, jetzt aber zackig

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und Augen offen halten für einen Zeltplatz.

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Wir geben die Hoffnung nicht auf.

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Aber nichts da, bereits bei Dämmerung rollen wir endlich in ein Dorf ein. Sämtliche Gelenke schmerzen, eine dicke Staubsicht ziert jeden unbedeckten Millimeter unserer Haut, die Hosen sind grau, … ja die Piste blieb bis kurz vor Schluss die Hölle. Passend zu der miesen Straße, schließt das wohl unsympathischste Dorf seit langem, den viel zu langen harten Tag ab. Wenn wir es nicht besser wüssten, würden wir sagen es handelt sich um eines der schon so viel gesehen, eigenartigen, nicht beschreibbaren Grenzdörfern in vielen Ländern. So unwohl haben wir uns glauben wir noch nirgendwo gefühlt. Alle drei Unterkünfte kämpfen um den Platz des wohl grausigsten Zimmer dass wir jemals gesehen haben. Das man in Pakistan stets weiß, wie viele Leute vor einem in dem Zimmer geschlafen haben (weil die Plastikdecke noch zerwurschtelt auf einem der mehreren Betten liegen), Getränkeflaschen und Zigarettenpackungen den Boden zieren und der Teppichboden vor Flecken schon die ursprüngliche Farbe nur mehr erraten lässt … nicht einmal für Geld würden wir in eines der drei Möglichkeiten ziehen. Es ist bereits dunkel, wir haben hunger, das Dorf wirkt von Minute zu Minute noch unsympathischer, wir sind überfordert. Am Ende fragen wir bei einem „Restaurant“ nach ob wir unser Zelt im Garten aufstellen können, wenn wir Abendessen und Frühstücken. Ja, kein Problem. Was für ein be**** Tag in einer so grandios wunderschönen, unbeschreiblichen Umgebung… das muss man erst einmal verarbeiten.

In einem auf und ab sammeln wir auch heute wieder einige Höhenmeter.

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Die Dörfer verändern sich schlagartig, denn plötzlich sind alle Frauen komplett verschleiert und die Mädchen in ihren Schuluniformen tragen ein straff gewickeltes Kopftuch. Phu, hier weht wohl ein anderer muslimischer Wind als auf der anderen Bergseite. Interessant.

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Es wird auch wieder mehr gestarrt. Selfies und Obstbeschenkungen inklusive.

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Noch einmal zeigt das Tal sich von seiner schönsten Seite, bevor wir die letzten Kilometer nach Chitral unter die Räder nehmen.

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Dort bahnen wir uns den Weg durch dichtes Gewusel am Straßenmarkt, Männer schieben in Schubkarren die schweren Einkäufe von anderen die Gassen auf und ab, Tuk-Tuks kreuzen unseren Weg, Bananenverkäufer schieben ihre Holzwägen vor sich her, es duftet aus den Straßenkantinen, … . 1000 neue Eindrücke gleichzeitig nach so viel Ruhe … wider erwartend gefällt uns der Trubel.

UNS GEFÄLLT PAKISTAN

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