Flachland-Pakistanis ticken anders

Von Chitral nach Lahore

15.10.2019 – 2.11.2019, davon 9 Tage am Fahrrad

10.342 km total

89.668 hm total

GPS Track / Gefahrene Route bitte hier klicken

Der zweite Teil unserer Pakistanreise wird ähnlich wie der Iran: eine Zeit die von unzähligen zwischenmenschlichen Begegnungen geprägt ist. Fotos gibt es eher wenige, die Landschaft ist eintönig, aber von den Minuten, Stunden oder sogar Tagen, die wir mit manchen Menschen hier verbringen durften, gibt es mehr als genug zu erzählen … lest selbst:

(manche Fotos haben wir per Whatsapp erhalten. Die Auflösung ist daher leider schlecht. Inshallah bekommen wir sie irgendwann als Dokument und somit in guter Auflösung gesendet)

In Chitral realisieren wir erst, was die letzten Tage, seit dem wir in Pakistan sind, mit uns gemacht haben. Wir haben uns verliebt. Hals über Kopf verliebt in das Karakorum- und das Hindukushgebirge. Nicht schwer wenn man neben über 7000m hohen Bergen aufwacht und einschläft. Wenn man miterlebt, wie das reife Getreide auf den Feldern noch steht, oder der Herbst bereits eingekehrt ist. Wenn man sieht wie sehr sich die Menschen freuen, dass wir uns unsere eigene Meinung über ihr Land bilden. Aber auch wenn man sieht, wie ungewohnt der Anblick von westlichen Menschen für sie ist. Wie anstrengend letzteres noch für uns, vor allem aber für Sabrina, werden kann, ahnen wir zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Eine Einladung bei einem der Weintraubenbeschenker zu Hause zu schlafen lehnen wir ab. Wir müssen Routen recherchieren und wollen Blog schreiben. In unserem Hotel lernen wir Jean-Pierre kennen, ein passionierter Radfahrer der nach einem schweren Radunfall seine Radfernreisekarriere an den Nagel gehängt hat und per Bus unterwegs ist. Auf Anhieb verstehen wir uns bestens mit ihm und treffen uns so die nächsten Tage auf Kaffee auf der Dachterrasse mit Blick auf den Tirich Mir Gipfel (7708 Meter)

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und gehen gemeinsam auf Essenserkundungen.

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Das Brot und Obst bekommt man in koreanische Zeitung gewickelt, denn in heimischen Zeitungen kann etwas über Allah stehen, und ihn und seine Worte soll man nicht beschmutzen. Milchtee mehrmals täglich

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darf natürlich auch nicht fehlen.

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Frauen sind in solchen, wie auch in Essenslokalen nie zu sehen.

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Das Sabrina wie selbstverständlich solche Räumlichkeiten betritt stößt jedoch nie auf Ablehnung, manchmal entkommt den Männern sogar ein Lächeln.

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In muslimischen Ländern halten die Männer Händchen.

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Wir beide vermeiden schon seit Monaten jeden Körperkontakt in der Öffentlichkeit, schließlich wollen wir nicht noch mehr auffallen.

Auch die Tage im Kalash Valley verbringen wir gemeinsam mit JP. Die Räder bleiben im Hotel, es geht per Lokalbus mit Zwischenstop und umsteigen in Ayun in das Rumbur Tal.

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Dort leben die Kalash People, eine Ethnie unklarer Herkunft.

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Am ersten Abend gehen wir hoch zum Dorfveranstaltungs- und Zeremonienplatz

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und werden dort zuerst mit skeptischen, nach einiger Zeit aber mit interessierten Blicken begrüßt. Die Kinder spielen Fangspiele mit für uns unbekannten Regeln.

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Es macht Spaß sie zu beobachten und das ganze ruhige Treiben auf sich wirken zu lassen. Wir sitzen nur da, bewundern die Architektur,

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wie das Dach des einen Hauses gleichzeitig die Terasse des darüber liegenden ist

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und genießen die Umgebung, plaudern oder saugen die Ruhe in uns auf. Unser zurückhaltendes Verhalten, ohne mit der Kamera überall gleich draufzuhalten, scheint die Kids mutig zu machen. Über ein, zwei schöne Fotos von den Trachten hätten wir uns schon gefreut, aber das Sabrina plötzlich

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und gleich mehrmals die Haare geflochten bekommt,

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soviel Kontakt hätten wir uns dann doch nicht erwartet. Diverse Hände-Klatsch-Reime werden auch ausgetauscht,

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der Spaß ist vorprogrammiert.

Bereits zu Beginn des Tals wird die Vermischung der Islamischen (konvertierte Kalash) mit der Kalashi Kultur sichtbar. Sowohl traditionell pakistanisch

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als auch farbenfroh kalashi sind Männer, aber vor allem Frauen

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und Kinder gekleidet.

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Je tiefer wir in das Tal vordringen, desto mehr Kalashi sehen wir auf der Straße

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und in den abgelegenen Dörfern.

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Lediglich das letzte Dorf im Tal ist wieder zu 100% muslimisch und wird von emigrierten Afghanen aus Nuristhan bewohnt. (Afghanistan befindet sich keine 5km von hier entfernt)

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Wolfi begibt sich auf einen längeren Spaziergang mit Jean-Pierre dorthin,

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während Sabrina sich einfach wieder auf den höchsten Punkt des Dorfes Rumbur setzt. Nach wenigen Minuten kommt eine Omi und plaudert minutenlang auf ihrer Sprache auf sie sein. Es wird in alle Himmelsrichtungen gedeutet und genickt. Keine Ahnung worum es geht, aber einfach weiter nicken. Dann holt sie eine handvoll Nüsse von ihrem Dach, knackt sie

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und teilt sie mit Sabrina. Nachdem die Omi wieder gegangen ist, kommt nach wenigen Minuten ein Mann der ein wenig englisch spricht und Sabrina zu sich nach Hause einlädt. Mit dem Gedanken im Kopf, dass das jetzt wahrscheinlich eine bezahlte Tourivariante der uns bekannten Gastfreundschaft ist, nimmt Sabrina trotzdem an. Die Neugierde über das Innere der Häuser überwiegt. Seine Frau macht frisches Brot,

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fotografieren nicht nur erlaubt sondern sogar erwünscht.

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Ein einziger Raum, 4 Holzsäulen, ein Regal, zwei Betten, ein Ofen in der Mitte, die Schuhe werden vor dem Sitzbereich ausgezogen, … same same.

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Die Nachbarn kommen und gehen, es wird geplaudert, geknüpft

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und Sabrina sitzt mitten drinnen. Der Bruder kommt zum Brot und Frischkäse essen, und ganz selbstverständlich wird dem ausländischen Gast auch etwas angeboten. Gastfreundschaft ohne Gegenerwartung. In so einem Touristental unvorstellbar und dennoch sind wir beide in den Genuss gekommen, denn auch Jean-Pierre und Wolfi sind im afghanisch geprägten Dorf eingeladen worden auf Brot und Käse.

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Bis heute können wir es kaum glauben und auch nicht verstehen warum wir drei dort sosehr in deren Leben eintauchen durften und ohne Dollar-Zeichen in den Augen willkommen geheißen wurden.

Nach zwei Nächten in dieser Parallelwelt Pakistans lassen wir uns wieder nach Chitral zurückfahren um dort wieder unser eigenes Vorankommen zu beschleunigen.

Chitral zu verlassen, heißt auch das Gebirge zu verlassen. Wir machen uns auf den Weg ins Flachland – leider müssen wir unsere begrenzte Visadauer von 30 Tagen streng im Auge behalten.

Jedes Land hat seinen eigenen Rhythmus: im Iran gehen die Menschen (wochentags) um Mitternacht oder später schlafen und stehen meist erst um 8 Uhr auf. In Uzbekistan war bereits um 6 Uhr in der Früh Rushhour auf den Feldern und Straßen, dafür auch schon Licht aus um 22 Uhr. Pakistan stellt diesbezüglich einen neuen Rhythmus auf: vor 22 Uhr gibt es selten Abendessen und um 7 Uhr herrscht wieder geschäftiges Treiben auf den Straßen, so auch heute.

Die Straße führt uns entlang des Chitral Flusses durch das Chitral Valley,

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welches im Vergleich zu den vorigen Tälern deutlich breiter, aber auch trockener ist.

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Wie so oft werden wir bei einer unserer Snackpausen von lokalen Touristen, welche ihre Autos meist direkt neben unseren Rädern parken angesprochen, über unsere Reise ausgefragt und auch diesmal wird uns ein Teil ihres Proviants in Form von Trockenfrüchten und Reiswaffeln angeboten. Die Reiswaffeln und das Angebot auf eine möglichen Übernachtungsmöglichkeit bei einem Lokalpolitiker kurz vor der indischen Grenze nehmen wir gerne an. Trockenfrüchte und Äpfel schleppen wir nach wie vor kiloweise mit uns mit.

Diverse Kinderscharen unterhalten uns im Laufe des Tages.

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Die Bauweise der Häuser verändert sich.

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Auch die bunten LKW’s sind hier anders:

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die Türen sind aus Holz

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mit schönen Schnitzmustern.

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Unsere Straße nach Dir führt uns über den Lowari Pass, aber nachdem wir die Passüberquerung heute nicht mehr bei Tageslicht schaffen, beschließen wir im letzten Dorf, welches sich bereits im Aufstieg befindet, den Tag zu beenden. Aber wo bitte schön!? Dieses Straßendorf ist in den Berghang gebaut und bietet somit keine ebene Fläche, wie die Kilometer davor auch schon, für uns und unser Zelt. Somit beginnen wir mit unserer Raterunde; Shop, Haus, Schule; alle wissen keine Unterkunft für uns. „Probiert es doch mal bei dem Kontrollposten der Polizei am Ortsanfang!“ Mit diesem Hoffnungsschimmer rollen wir schnell bergab und nach einer kurzen Vorstellrunde bei allen anwesenden Ranghöheren werden wir zu einer der Hütten am Straßenrand geführt. Diese ähneln von außen eher einem Lagerraum als einem Zimmer, aber es stehen 2 Betten, ein Fernseher und eine versperrbare Truhe darin.

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Wir laden unsere Taschen im Zimmer ab und werden von zwei der fünf uns umgebenden Polizisten durch den Ort geführt. Das Highlight unserer abendlichen Führung ist der Besuch bei der örtlichen Getreidemühle,

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welche noch mit Wasserkraft und von Hand eines einzigen Müller betrieben wird.

Nachdem unsere Anwesenheit in einem dicken Buch registriert wurde, werden wir noch zum Abendessen eingeladen. Aber nicht mit den diensthabenden und nicht diensthabenden anwesenden Polizisten, nein, es wird uns ins Zimmer serviert und dort dürfen wir essen, alleine. Als wir uns zum Schlafen gehen fertig machen wollen, merkt einer unserer Lokalguides an, dass wir uns das Zimmer heute Nacht zu dritt teilen werden. Das ist nun das zweite Mal in Pakistan, dass wir zum Übernachten aufgenommen werden, wir uns aber mit einer vorauseilenden Selbstverständlichkeit der Gastgeber den Raum mit einem anderen Mann teilen. Sabrina zieht sich also wiedereinmal unter der Decke um, denn Anstalten den Raum zu verlassen (Privatsphäre ist ein absolutes Fremdwort in Pakistan) macht der gute Herr zu später Uhrzeit keine mehr. Das kam bis jetzt in keinem der anderen besuchten muslimischen Länder vor. Nicht dass es uns stört, aber dennoch irritiert es uns ein wenig.

Am nächsten Morgen werden wir noch zu einem gemeinsamen Frühstück mit dem Kommandanten eingeladen, der Schulbeginn verzögert sich ein wenig

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bevor unserer weiterer Aufstieg zum Pass beginnt.

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In einer Snackpause bieten wir einem Opi, der kilometerweit zu Fuß unterwegs ist an, sich in unserem Trockenfrüchte-Sack zu bedienen.

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Viel zu selten werden solche Angebote, die wir auch oft als Gegenangebot stellen wenn wir etwas bekommen, angenommen. Stets kommt die Reaktion, dass wir Gäste in ihrem Land seien und sie somit von uns nichts annehmen möchten. Gäste sind Gäste. Vielleicht sollten auch wir beharrlich bleiben und auf traurig machen, wenn sie ablehnen – wie das geht haben wir ja die letzten Wochen täglich von ihnen lernen können.

Seit dem wir gestern das Chitral Valley verlassen haben, ist die Landschaft wieder baumreicher geworden, was uns sehr gut gefällt. Wir wissen auch, dass eine Abzweigung bei Dir in das wunderschöne waldreiche Kumrat Tal führt. Aber wie bereits beim Deosai Platteau sagt uns der Wetterbericht Regen für die nächsten Tage voraus und wir beschließen uns noch einen weiteren Ort für unsere zweite Reise nach Pakistan aufzuheben. Die Passstraße wird gerade neu ausgebaut und so kommen wir auf neuem Straßenbelag bis zum Eingang eines bzw. zweier Tunnels die gemeinsam eine Länge von mehr als 10km aufweisen. Wir tauschen die Passüberquerung ein paar hundert Meter weiter oben wegen schlechter Sicht, gegen eine raschen Tunneldurchquerung auf der Ladefläche eines Kleintransporters aus. Auf der Abfahrt

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sind die Bauarbeiten noch im Gange und wir kommen nicht ganz so schnell voran

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und beschließen heute Nacht in einem Gasthaus am Straßenrand zu übernachten. Ein Raum, zwei Matratzen am Boden, eine Nasszelle mit einem Keramikloch, ein Kübel und ein Plastikbecher ( Duschbecher und Schöpfbecher zur Reinigung des Schrittes nach dem Toilettengang in einem) … die Definition von Unterkunft lässt viel Spielraum zu.

Die vom Besitzer angebotene polizeiliche Anwesenheit in der Nacht vor unserem Zimmer lehnen wir dankend ab und fragen nach dem Grund. Seine Antwort fasst zusammen, was wir in so vielen Gesprächen in den letzten Tagen mit den Pakistanis immer wieder erörtert haben: „Wir wissen, dass es hier sicher ist. Ihr zwei mittlerweile wahrscheinlich auch. Aber eure Familie und Freunde zu Hause machen sich bestimmt trotzdem Sorgen, schließlich kommt Pakistan in den westlichen Medien nicht gut weg und unser Image ist daher nicht das Beste.“ Leider hat er Recht damit, selbst das österreichische Außenministerium ist nicht auf dem neuesten Stand. Seit Chitral und auch noch die nächsten Tage befinden wir uns in einer Region die seit längerem als sicher erklärt wurde (davor bekam man als Tourist Begleitschutz den man nicht ablehnen konnte), aber nach wie vor weist das Ministerium auf der Homepage mit einer Sicherheitsstufe 5 von 6 auf die angebliche Gefahr darauf hin. Dies bedeutet, dass man umgehendst die Region verlassen soll, weil kriegsähnliche Bedinungen herrschen. (Fast ein Jahr nach der Einführung des E-Visums ist das österreichische Außenministerium immer noch der Meinung, man bekommt das Visum nur auf der Botschaft in Wien!!! Aktualität ist also nicht so deren Stärke)

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Ein schöner Vormittag zieht an uns vorbei…

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Dass es im Norden Pakistans eine hohe Dichte an Polizeiposten/ -kontrollen gibt sind wir bereits gewohnt, auch wenn das regelmäßige stoppen etwas nervt. Heute wird Wolfi regelrecht von einer Gruppe Polizisten umzingelt, inkl. Schaulustige,

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während Sabrina einen schönen angrenzenden Friedhof fotografiert.

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Es folgt eine Befragung zu unserem Sicherheitsbefinden und nicht zum ersten Mal wird uns, trotz Bestätigung der Polizei, dass es hier sicher ist, nahegelegt, dass wir uns 24 Stunden von der Polizei begleiten lassen sollten. Kostenlos versteht sich. Zum Glück wird auch dieses Mal unser „Danke für das Angebot, für den Fall, dass wir uns unsicher fühlen sollten kommen wir gerne darauf zurück, aber wir finden es als nicht notwendig, wir fühlen uns wohl“, nach wenigen Minuten akzeptiert. Das allgemeine woher und wohin wird mit einem Shake Hands (mit Wolfi natürlich) mit Foto zur Erinnerung abgerundet.

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Dieses landet auf der Facebookseite der Polizei, wodurch wir die nächsten Tage noch mehr Aufmerksamkeit erhalten. So viel Trubel um uns sind wir nicht gewohnt und das STÄNDIGE im Mittelpunkt stehen wird allmählich anstrengend. Man kann sich nicht in der Nase bohren ohne dass es jemand sieht, wenn man mal diskutiert wird man ebenfalls beobachtet, beim Essen wird jeder Handgriff analysiert, jeder Schritt und jede Geste wahrgenommen. Vor einer Stunde zum Beispiel haben wir für Zuckerrohrsaft gestoppt. Als Sabrina sich beim Stand umdrehte um nach der Geldbörse zu verlangen, war Wolfi weg. Genaugenommen war er umzingelt. Bei 40 Köpfen hat sie aufgehört zu zählen. 2 Räder, ein Wolfi und über 40 Männer innheralb weniger Sekunden um ihn herum die ihn anstarren. Einfach nur anstarren. Daneben drengen sich Mopeds und Autos durch, es wird natürlich gehupt, es wuselt von allen Seiten. Alle Männer stehen so dicht gedrängt, dass es in dieser Menschentraube kaum ein durchkommen gibt. Einer spricht ein paar Worte englisch und darf somit vortreten. Für uns ist es eine Mischung aus amüsiert sein und einem Anflug von Platzangst, diesen Hype um uns zu sehen. Ja es kommen mit Sicherheit kaum bis keine weißen Touristen hierher, aber wir waren schon in vielen Gegenden in denen dies mit Sicherheit ebenfalls zutrifft und wo nicht gestarrt wird. Denn wie lange und intensiv sie dies können, etwas das man bereits im Kleinkindalter bei uns lernt dass man es nicht macht, hat hier schon Weltmeisterpotential. Aber je nachdem wie fortgeschritten der Tag schon ist, wie groß der Hunger, wie niedrig der Zuckerspiegel, wie viele Selfies schon mit uns gemacht wurden oder wir abgelehnt haben, sind solche Anstarrsituationen, egal von wievielen Augenpaaren, zu viel. Da mit Sabrina nie gesprochen wird, muss noch dazu Wolfi diesen Situationen meist alleine den Mann stehen. Denn selbst wenn Sabrina antwortet, wird es kaum oder nur widerwillig von den Männern gehört. Auch das kostet Nerven.

Am späten Nachmittag bei dunklen Gewitterwolken am Himmel und Donnergrollen, rollen wir bei dem über-über-über-übernächsten Polizeiposten der Dir District Patrol noch rechtzeitig vor dem ersten Platzregen ein und bitten um Unterstand. Wir werden mit einem Lächeln herbeigewunken, natürlich können wir den Regen bei ihnen abwarten, man kennt uns ja schon von Facebook; ’nehmt Platz, wollt ihr Tee?‘ .

Eine Gewitterpause nutzen wir, nach dem 100ersten Foto mit einem bewaffneten Sicherheitsbeamten, (man bemerke die Lücke zwischen Sabrina und dem Mann neben ihr… aber Hauptsache er wollte danach unzählige Selfies mit ihr alleine haben.)

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um noch etwas weiter zu kommen. Am Hauptkreisverkehr in einer Kleinstadt wenige Kilometer später wollen wir den Tag beenden. Es donnert bereits wieder heftigst und ein typsicher Vor-Gewittersturm fegt um uns herum. Keine 5 Sekunden nachdem wir beide Beine am Boden haben, aber noch nicht einmal runter sind vom Rad, hat sich abermals eine Menschentraube um uns gebildet. Durchatmen. Keiner versteht uns, manche reden auf Urdu mit uns, die meisten starren und manche haben einen fragenden Blick und eine „Hey was wollt ihr hier“ Geste für uns parat. Aus dem Augenwinkel nimmt Wolfi einen Mann wahr, der aus seinem Geschäft zielstrebig auf uns zuschreitet, sich seinen Weg durch die Menschenansammlung bahnt und uns auf englisch entgegnet, ‚Ihr könnt bei mir schlafen!‘. Diese Einladung ist mehr eine Feststellung, denn dieser Mann hat das „Angebot“ mit einer Entschiedenheit geäußert, die unsererseits keinen Zweifel zulässt. Das soll uns in dem Moment Recht sein, Hauptsache die Menschentraube löst sich wieder schnell auf. Schnell wird ein Tee bestellt, der Abschluss des Tagesgeschäfts an den einzigen Mitarbeiter übergeben und wir gehen gemeinsam zu dem Haus unseres Gastgebers. Durch ein Gassenlabyrinth mit 3m hohen Mauern (hinter denen sich jeweils ein Haus befindet) werden wir geführt bis wir das erste Mal ein traditionelles pakistanisches Stadthaus , bzw. den Vorgarten und Empfangsbereich für Gäste betreten. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, dass pakistanische Gastfreundschaft hier im Süden des Gebirges anders ausgelebt wird als im Norden. Wir werden in die ‚Hushra‘, das Gästeempfangshäuschen, einquartiert, es folgen schöne Gespräche mit Asif. Die Frauen des Hauses (Joint-Familysystem) befinden sich im eigentlichen Haus hinter der Mauer des Vorgartens, welches nur von Familienmitgliedern oder Frauen betreten werden darf. So wollen es die Traditionen und weil sich die Damen des Hauses hinter den Mauern freier bewegen können, wird Sabrina dorthin entführt. Hochzeitsfotoalbum folgt auf Hochzeitsfotoalbum, folgt auf Hochzeitsfotoalbum, folgt auf kichern und lachen. Männer und Frauen essen hier nicht gemeinsam, daher diniert Sabrina am Boden eines der Schlafzimmer mit den restlichen Frauen und einer großen Kinderschar, während Wolfi es sich mit Asif gemütlich macht. Wir fühlen uns hier in der Familie recht wohl und wir merken, dass Asif in dieser sehr konservativen Gesellschaft eine mehrheitlich liberale und modernere Haltung zu den Themen Ausbildung, Familie und Religion hat und diese im Rahmen der beschränkten Freiheit auszuleben versucht. Das zeigt sich ganz deutlich, in dem die Frauen zur späten Stunde in den Gästebereich zum plaudern kommen. Ein Ort den sie, da er nur für männliche Gäste vorgesehen ist, normalerweise nie betreten. Obwohl Wolfi, ein fremder Mann also, anwesend ist, trägt keine der Frauen, wie sonst in diesem Distrikt eine Burka, sondern nur locker ein Kopftuch. Noch nie hat ein anderer Mann die Frauen seiner Familie unverhüllt gesehen. Wenn dies im Dorf bekannt werden würde, müsste er um sein Geschäft fürchten.

Es ist also ein enormer Vertrauensbeweis den Asif hier gerade zwei ihm komplett fremden Menschen gegenüber bringt. Gerne würde er in einem anderen District in Pakistan leben, in dem die muslimischen „Vorschriften“ nicht so radikal gelebt werden wie hier. In dem seinen Töchtern nicht eine Zwangsheirat, ein Leben hinter meterhohen Mauern trotz perfekter Schulausbildung inkl. Englischkenntnisse und somit ein Dasein ohne eigenes Einkommen bevorsteht. Aber jeder District in Pakistan hat seine eigene Sprache, und oftmals noch mehr als nur eine. Es sind keine Dialekte wie bei uns in den Bundesländern, sondern tatsächliche eigenen Sprachen. Urdu, die offizielle Amtssprache kann je nach Bildungsstand nicht jeder. Daher ist ein Umzug, gerade wenn man ein eigenes Geschäft hat und mit allen Gesellschaftsschichten zu tun hat, nicht so einfach, denn mit großer Wahrscheinlichkeit spricht man die lokale Sprache nicht und hat es somit beim Verkauf und der Integration nicht leicht.

Für den nächsten Tag wird schnell ein Ausflug in die nahegelegenen Berge geplant und so kommt es, dass wir um eine Nacht länger bleiben. Unser Aufenthalt spricht sich in der Nachbarschaft schnell herum und Sabrina will auch von den Nachbarfrauen begutachtet werden. Da diese Situation noch neu für uns ist sagt Sabrina aus Neugierde zu und wird nach einer dreiviertel Stunde unfreiwillig mehrfach beschenkt, 100 Selfies später und wegen all den Fragen und dem Starren leicht gestresst, um eine Erfahrung reicher wieder zurückgebracht. Phu, das Flachland tickt eindeutig anders als der lockere Norden.

Der nächste Tag beginnt mit Sonnenschein und einem köstlichen Frühstück. Das sind die besten Voraussetzungen für einen Ausflug

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zu wunderschönen Steinformationen.

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In dieser skurrilen Landschaft

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befinden sich weit verstreut, gut getarnt und meist nur zu Fuß erreichbar ein paar kleine Häuseransammlungen ohne Strom.

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Die Häuser sind einfach auf oder um die Steine gebaut, so etwas haben wir zuvor noch nie gesehen. Sabrina darf sich ein paar Häuser ansehen,

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Wolfi nicht, denn man geht davon aus, dass ihm Küche und Hof nicht interessieren, schließlich ist er ja ein Mann und sollte bei den Männern und den Gesprächen über Ziegen und Wetter bleiben.

Am Weg retour ist, wie hinauf auch schon, posieren Dauerprogramm.

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Bestimmt haben wir die Hälfte der 4 Stunden mit Fotos vor diversen Steinen in diversen Posen verbracht.

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Nachdem Sabrina bereits am Vorabend von der Nachbarfamilie beschenkt wurde, folgt auch am Abend und in der Früh eine Reihe von Geschenken von unserer Gastfamilie. Ablehnen, argumentieren und wehren ist Zwecklos. Geben macht seliger als nehmen!

Am frühen Vormittag,

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gleich nach dem Frühstück und einem weiteren Tee in seinem Geschäft in Thana (jedes unterschwellige Andeutung und Erklärung von uns, dass wir los müssen, weil wir in über 100km erwartet werden und unser Bauch bereits mit 3 Chais gefüllt ist, verpufft als hätten wir nichts gesagt) verlassen wir definitiv die Bergwelt Pakistans und dürfen die vorerst letzte Passüberquerung aus dem Tal in die anschließende Ebene, welche uns bis an die Grenze und darüber hinaus begleiten wird, genießen. Auf der anderen Seite in einen deutlich wärmeren Teil des Landes als wir es bis jetzt in Pakistan erlebt haben, kommen wir nach einer traumhaften Abfahrt an. Das war eine überraschend schöne Bergfahrt

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mit tollen Serpentinen

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auf beiden Seiten.

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Wir sind im Distrikt der Paschtunen und hier, wie auch schon seit Chitral, ist die Kleiderordnung von Mann und Frau klar festgelegt. Shalwar Kameez, die Einheitstracht. Ausgedeutscht: ein extrem weites, einfärbiges (blau, grau, grün, schwarz, weiß) Ober-und Unterteil für die Männer mit zwei möglichen Einheitsschnitten des Oberteils: mit oder ohne Krage, Knopfleiste oder nicht. Somit sehen in unseren Augen alle Männer gleich aus. Die Frauen sind unter einer hellbraunen Burka verhüllt, oder in ein großes Stück weißen Stoff mit einfärbigen Stern-, Pfoten- oder Kreismuster komplett eingewickelt.

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Die Kleidung in dieser Gegend kommt also der Landschaft gleich: eintönig,

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einseitig,

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nicht attraktiv und sich wiederholend.

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Auf der Grenzüberquerung von China nach Pakistan haben wir Sajjad kennengelernt und nach 3 Wochen steht sein Angebot bei ihm schlafen zu können, immer noch. Wir freuen uns auf einen weiteren Kontakt mit Familienanschluss und werden bei unserer Ankunft von Sajjad und seinen Freunden bereits vor seinem Geschäft erwartet.

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Wir sind überrascht Sajjad in der traditionellen Kleidung anzutreffen, hat er das letzte Mal, so wie wir Hemd und Hose ( also westliche Kleidung) getragen. Wir sind gespannt, wie traditionell er sein Leben zu Hause führt, denn im Ausland wirkt er wie ein gewöhnlicher Traveler.

Wir folgen ihm die wenigen Kilometer bis zu seinem Haus.

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In seinem Haus in einem kleinen Dorf angekommen werden wir von einer Kinderschar umzingelt und mit lachenden Gesichtern willkommen geheißen. Das Grundstück ist von einer hohen Mauer umgeben, das Tor öffnet sich und wir müssen erst einmal 2 große Vorhänge im Freien durchschreiten um zum Eingang des Hauses zu gelangen. Alles nur, damit ja kein Außenstehender einen Blick auf die Frauen hinter den Mauern erhaschen könnte. Auch hier gibt es einen Teil des Hauses, der von uns Gästen betreten werden darf und einen nicht öffentlichen Teil, also jener der Sajjad und den Frauen (der Familie) vorbehalten und ebenfalls auch im Haus mit einem weiteren Vorhang abgetrennt ist.

Unserer Vorstellung nach haben wir ein oder zwei Ruhetage mit Familienanschluss und vielleicht einem Ausflug vor uns. Aber dieser Gedanke ist schnell zerschlagen, denn nachdem wir geduscht und neu, mit geborgter Kleidung (das erste Mal auch Wolfi in einem Shalwar Kameez) eingekleidet sind, werden wir getrennt. Wolfi zu den Männern und Sabrina zu den Frauen. Viele Freunde und Nachbarn kommen, es werden Tee und Leckereien gereicht. Für Wolfi ist die Männerrunde ganz angenehm, er erzählt von seiner Reise und die Anwesenden stellen Fragen auf englisch und lauschen gespannt. Es ist ruhig und gemütlich. So vergeht die Zeit schnell und irgendwann kommt Sabrina mit ein paar anderen, verschleierten Frauen in den Raum. Das Abendessen wird serviert. Wir essen wie gewohnt traditionell mit den Fingern und am Boden sitzend. Sabrina ist fix und fertig. Ihre Zeit im Frauenbereich war wiedereinmal ganz anders als die gemütliche Runde für Wolfi und mit viel Not konnte sie aushandeln nach über 2 Stunden entlassen zu werden um gemeinsam mit Wolfi und den Männern zu essen. Über 2 Stunden gab es ein kommen und gehen von Frauen aus der Umgebung. Ein kleiner Raum von knapp 15qm, zwei Sofas, auf einem wurde Sabrina platziert auf dem anderen bzw. links und rechts davon die anderen Frauen. Manchmal befanden sich über 20 Menschen gleichzeitig in dem Raum. Es war laut, die Kinder schrien und weinten, die größeren Kids grinsten in einer Dauerschleife, die Frauen gackerten und lachten, … irgendwann rauschte es nur noch in den Ohren von Sabrina. Ein paar Ehemänner kommen auch. Einer davon spricht englisch und stellt unaufhörlich eine Frage nach der Anderen. Vielleicht hat er es nicht böse gemeint, aber in dem Moment kam fast jede Frage extrem präpotent und ablehnend herüber. Nach einiger Zeit stellt sich Sabrina taub bzw. vermiest ihm die Fragerei mit Gegenfragen. Drei Nachbarinnen sollen bitte besucht werden, da sie zu alt sind um herüber zu kommen. Anfangs freut sich Sabrina auf frische Luft, weniger Gewusel, kein Handyblitzlichtgewitter und einer erträglicheren Lautstärke, aber schnell fühlt sie sich wie eine Gefangene die links und rechts an den Händen gehalten, von Haus zu Haus vorgeführt wird. Natürlich wartet nicht nur eine Frau, sondern auch deren Schwägerinnen und Kinder, sowie Schwiegermutter darauf die Fremde anzustarren, anzulächeln, oder in seltenen Fällen auszufragen (englisch unter den Frauen ist Seltenheit). Um das ganze zu verkürzen lehnt sie Essen und Trinken jeweils ab, muss sich aber trotzdem setzten. Am Weg zum dritten Haus ist das Gefühl der verlorenen eigenen Meinung und Bedürfnisse fast schon unerträglich. Aber die Omi die dann sanft die Wange tätschelt und der Tränen über das Gesicht laufen weil sie sich so freut, machen dann kurz wieder alles gut. Im dritten Haus hat Sabrina dann verstanden, dass es sogar schneller geht, wenn man für einen Tee zusagt, denn ohne Bewirtung lässt es die Tradition nicht zu den Gast gehen zu lassen. So fällt also das „danke nein, ich bin voll. Ja wirklich, ich bin satt, danke. Nein ich möchte nichts zu trinken. Danke wirklich, ich möchte nichts zu trinken“… Procedere weg. Retour ins eigentliche Haus will Sabrina nur schnell zu Wolfi, aber es wird an ihr gezerrt und gezupft, bitte bitte nur noch 10 Minuten, die Schwester der Schwester und weiß der Kuckuck noch wer, sind noch am Weg. Also wieder unzählige Leute um sie die sie nicht versteht, die trotzdem auf sie einreden, über sie reden, ihr Koranlieder vorsingen … alles gleichzeitig und aus allen Richtungen. Als dann für die vielen Selfies auch noch die Haare von Sabrina nach den Vorstellungen der Frauen zurecht gezupft werden, reicht es. Man kommt nicht einmal auf die Idee, dass dieser ganze Trubel, die Lautstärke, das Blitzlichtgewitter, die über 60 neuen Menschen innerhalb von 2 Stunden vielleicht zu viel sind, und der Gast der über 100 km geradelt ist vielleicht müde ist und sich um 22 Uhr nur nach einem Essen und Schlaf sehnt. Nein, soweit denkt hier keiner. Innerlich schreit Sabrina aufgrund von emotionaler Überforderung schon seit Minuten, aber dennoch kann man sich irgendwie auch nicht wehren. Schließlich weiß man, dass diese Frauen 99% ihres Lebens ab dem Alter von oftmals nur 14 Jahren hinter den Mauern der Häuser verbringen und somit JEDE Abwechslung eine Sensation ist. Und wenn sie dann auch noch so außergewöhnlich in Form einer westlichen Frau, ohne Kopftuch, am Fahrrad und ohne Kinder, und das im eigenen Dorf ist, kann man schon verstehen, dass sie großes Interesse haben. Auf der einen Seite sind wir Gäste, dankbar dafür, dass wir hier sein dürfen, aber dass sie so gar keinen Sinn für Distanz, für evtl. Bedürfnisse des Anderen haben, … das wird nach einem langen Tag am Rad und einem knurrenden Magen zur Grenzerfahrung. So sitzt Sabrina also erleichtert über ihr Abendessen gebeugt und versucht die letzten 2 Stunden zu verarbeiten. Die Eindrücke reichen für ein ganzes Buch. Der Kopf raucht und schmerzt, was für ein Abend. Eine der unzähligen Momente auf dieser Reise der auf keinem Foto festgehalten werden kann und uns dennoch nachhaltig beschäftigt, prägt und in Erinnerung bleibt.

Vor dem Schlafengehen eröffnet uns Sajjad, wie er den morgigen Tag geplant und für uns gestaltet hat. Dazu gehört auch früh aufstehen, denn wer lange schläft, versäumt zu viel vom Tag. Da spricht der Geschäftsmann aus ihm. Wir können gerade so 7Uhr30 für das Frühstück ausverhandeln und kurz nach 8Uhr sind wir abfahrbereit.

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Auch hier sollen wir beschenkt werden, Sajjad möchte uns neue Kleidung schenken und zu dem Anlass fahren wir noch vor dem ersten Ausflug zu einem befreundeten Schneider. Wir werden vermessen und die Stoffe werden ausgewählt. Die erste Anprobe soll bereits am Abend stattfinden. Dieser und der nächste Ausflugstag laufen ziemlich ähnlich ab. Wir fahren zu interessanten historischen Sehenswürdigkeiten

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in der Umgebung

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Ein bewaffneter Sicherheitsbeamte, mit Maschinengewehr, als Begleitschutz

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ist Pflicht bei solchen Attraktionen

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– für Ausländer wohlgemerkt. Egal ob sie mit einem Einheimischen unterwegs sind oder nicht. Da hilft auch kein diskutieren von Sajjad.

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Dazwischen besuchen wir immer einen

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oder zwei Freunde

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oder Geschäftspartner von Sajjad,

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werden dort manchmal getrennt voneinander

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bewirtet und ausgefragt,

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bevor es wieder weiter geht. ( Dies ist ein Auszug von den 264 Fotos (99 % davon mit mindestens einem von uns abgelichtet) die wir von den zwei Tagen die wir dort waren per whatsapp erhalten haben!)

 

 

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Am Telefon können wir mithören wie Sajjad sogar Einladungen für uns ablehnt, das geht sich sonst nicht in zwei Tagen aus! Wir kommen nicht vor Sonnenuntergang zu Sajjads Haus zurück. Und tatsächlich, die Kleidung ist fertig. Noch schnell an der handbetriebenen Nähmaschine Sabrinas Teile gekürzt und angepasst und fesch stehen wir da in lokaler Tracht. Sajjad bittet Sabrina zu noch einer Nachbarin zu gehen. Nein, es reicht. So etwas wie gestern schafft sie keine 10 Minuten mehr, der Tag hatte bereits genügend Kurzbesuche. Aber sie hätten schon den Tee gekocht. Nur 10 Minuten. Die Frauen sprechen kein englisch, aber sie würden sich so sehr freuen. Okay, nur 10 Minuten. 10 Minuten auf einer Bank sitzen, lächeln und sich anschauen lassen, das ist heute noch drin. An die 10 Minuten wird sich dank Nachdruck von Sajiad auch gehalten, dafür wird Sabrina mehrfach mit Armreifen, Ringen und Schals beschenkt. Auch das ist anstrengend. Man möchte es nicht, man braucht es nicht, man hat keinen Platz am Rad, aber ein mehrfaches nein und erklären will man nicht verstehen. Nicht annehmen würde einer tiefen Beleidigung gleichkommen.

In der Früh unserer Weiterreise müssen wir vehement argumentieren, dass wir nicht in die Schule UND zur Eröffnung seines zweiten Geschäftes gehen können. Es liegen über 100 km vor uns, wir müssen übermorgen in Islamabad ankommen, unser Visum läuft dann ab. Man versucht uns, nicht zum ersten Mal in Pakistan, vorzurechnen wir lange wir für welche Strecke brauchen. Danke, wir glauben, dass wir das am Besten selbst einschätzen können. Am Ende siegt der tiefsitzende Egoismus der Flachland-Pakistanis (wie wir sie getauft haben um sie vom Norden zu unterscheiden), und Sajiad entscheidet, dass er uns bei der Eröffnung seines Geschäftes dabei haben will und redet uns ein, dass der Schulbesuch viel zu lange gedauert hätte. Uns ist es egal, Hauptsache wir kommen rechtzeitig los.

Immer noch etwas gerädert von den letzten Tagen besteigen wir am dritten Tag nach unserer Ankunft wieder unsere Räder und fahren weiter in Richtung Islamabad. Nachdem wir aber diese Stadt nicht innerhalb eines Tages erreichen können, hat sich Sajjad um eine Übernachtungsmöglichkeit für uns bei einem Freund auf halbem Weg gekümmert. Weil er aber auch einen Freund in Islamabad hat verspricht er uns auch dort unterzubringen. An dieser Stelle noch einmal, Vielen Dank Sajjad! Eine extrem intensive, aber schöne Zeit die wir bei dir hatten.

Zu Mittag kehren wir wieder in ein Straßenlokal ein.

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Ein wenig müssen wir schon stets schmunzeln, denn egal ob in Unterkünften, in „Restaurants“ oder bei der Polizeiregistrierung: es wirkt immer so, als würden sie es gerade eben zum ersten Mal machen.

Neben uns sitzen junge Männer. Als sie fertig sind, kommt einer von ihnen herüber: „we will pay your food. Nice that you are here, wish you a great journey“. Wolfi versucht noch schnell zum Kassier zu laufen um zu zahlen, denn wir sind uns sicher Widerrede ist mal wieder zwecklos, aber einer der Freunde war schneller. Was bleibt einem dann noch übrig als sich mehrmals zu bedanken und für Fotos zu posieren.

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Die Fahrt nach Islamabad ist nicht spektakulär,

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Hauptstraße halt.

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Deshalb würden wir auch nicht mehr viele Worte über diesen Abschnitt verlieren,

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hätten wir nicht Kashif in der ‚Übernachtungsmöglichkeit‘ am Weg in die Hauptstadt getroffen. Kashif bringt umsatzschwache Malls und Supermärkte wieder ins Rollen und zu unserem Glück und unserer Freude arbeitete er genau dort wo wir diese Nacht schlafen sollten, in eben einem Supermarkt. Er räumt für uns für die Nacht sein improvisiertes Zimmer im Frisiersalon, kümmert sich um uns, da sonst niemand englisch kann (auch nicht unser eigentlicher Gastgeber und Freund von Sajiad) und wir verbringen einige Stunden ins Gespräch vertieft. Als er erfährt, dass unsere weitere Strecke durch Lahore führt, lädt er uns kurzerhand zu seiner Familie in Lahore ein.

„Bitte hinten anstellen!“eine Schlange bildet sich auch heute wieder hinter Wolfi, denn kaum hat ein Mopedfahrer seine Befragung beendet, fährt schon der nächste langsam neben ihm her. Wie in einer Dauerschleife beantwortet Wolfi geduldig alle Fragen. Selfies können sie gerne haben, aber nur während dem Fahren. Würden wir für jedes Selfie stoppen, wir wären wohl erst paar Kilometer hinter Chitral. Manchmal wird ein Fahrer scheinbar ungeduldig und möchte nicht warten bis er an der Reihe ist seine paar Brocken Englisch oder ein stures Dahingerede auf Urdu an Wolfi zu richten und wendet sich an Sabrina.

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Eine Seltenheit, aber hier und da kommt es vor. So wie die Pakistanis willkürlich entscheiden ob sie Sabrina die Hand geben (3 von 100 Mal in etwa), oder gar nicht grüßen, oder ihr den Ellenbogen reichen, für den Fall, dass sie missverständlich geglaubt hat auch begrüßt zu werden und schon die Hand hingestreckt hat, … so willkürlich entscheidet sie auch ob sie für ein Selfie zu haben ist oder nicht. Wolfi lehnt ebenfalls oft ab, Sabrina noch viel öfters. Ein klitzekleiner Funken von Selbstbestimmtheit die wir uns nicht nehmen lassen, auch wenn sie stur mehrmals fragen.

Kurz vor der Hauptstadt kehren wir in ein typisches Straßenlokal ein. Hände und Gesichtwaschen kommt seit Tagen stets zuerst, uns ziert eine dicke schwarze Schicht. Die LKWs rusen, dass wir uns immer wieder mal gedanklich zu den überwiegend gasbetriebenen Fahrzeugen in Uzbekistan wünschen.Wir essen wieder auf bettenartigen Gestellen und erholen uns etwas von der Hitze. Als wir zahlen möchten, deutet der Besitzer auf einen Mann der gerade in sein Auto steigt und davon fährt: unser Essen und Tee wurde bereits bezahlt. Wir konnten uns nicht einmal bedanken.

In Islamabad (die Stadt wurde erst 1960 gegründet) angekommen, nehmen wir gerne die Einladung von Sajjads Freund an uns in einem Hotel unterzubringen, da leider seine Familie zu Besuch gekommen ist und wir deshalb nur für wenige Stunden bei einem gemeinsamen Essen mit ihm Zeit verbringen können. Das ist uns auch nicht unangenehm, weil wir zwei wichtige Dinge zu erledigen haben. Zuerst das Pakistanvisum verlängern und zweitens das Indienvisum beantragen. Das bedeutet für und viel Schreibarbeit, Lauferei und Warterei bis die Mühlen der Bürokratie ins Laufen kommen. Da wir von Erzählungen anderer Radfahrer, die den selben Prozess in Pakistan durchlaufen haben wissen, dass wir gut beraten sind den Behörden etwas Druck zu machen, so wir keine drei Wochen bis zur positiven Erledigung unserer Anträge warten wollen, drücken wir etwas auf die Tränendrüse und erscheinen unaufgefordert vor dem vereinbarten Termin in den Antragsstellen. Mit Erfolg! Noch innerhalb von sechs Werktagen ist unser Pakistanaufenthalt um 30 Tage verlängert und das Indien Visum im Pass.

Zwischenzeitlich sind wir zu einer Couchsurferin umgezogen. Nicht nur wir schlafen dort, sondern auch ein Mann der sich gerade um das Besticken des Hochzeitskleides der Tochter kümmert.

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Trotz der Gesellschaft um uns herum bleibt noch genug Zeit um unserer Lieblingsfreizeitbeschäftigung nachzugehen: ‚Kaffeehausing‘! Unser Favorit dieser Reise heißt „Loafology“ und wird zu unserer täglichen „Coffeebase“ in Islamabad.

In den nationalen und internationalen Nachrichten wird bekannt, dass für Ende Oktober Straßenblockaden bzw. mit hoher Wahrscheinlichkeit ein „Lock down“ (eine Komplettabriegelung der Stadt) in und um Islamabad geplant sind, so dass nicht klar ist, ob das Verlassen der Stadt (sicher) möglich ist. Die Vorbereitungen mit Containern laufen bereits. 20191029_140737

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Die österreichische Botschaft, die wir telefonisch erst nach 2 Tagen endlich erreichen, rät uns dazu, die Stadt zu verlassen. Allerdings nicht in die Richtung in die wir es vorhaben, denn der Tross der Demonstranten fährt von Großstadt zu Großstadt wodurch es auch auf den Hauptstrecken zu ungewissen Spannungen kommen kann. Naja, die Richtung unserer Route können wir nicht ändern, aber wir verlassen die Stadt noch rechtzeitig vor Ankunft der Meute und Planen einen Ruhetag auf der Strecke ein, so dass die zehntausenden Demonstranten an uns vorbeiziehen können ohne dass wir evtl. Blockaden oder unnötigen Kontrollen ausgeliefert sind. Der Grund für all das sind politische Kundgebungen von Anhängern der abgewählten Regierung, welche sich gegen den amtierenden Premierminister richten. Unsicher fühlen wir uns nicht wirklich, aber die ganze Situation ist etwas unüberschaubar. Selbst unsere vielen Kontakte in Islamabad können nicht einschätzen, oder sind gegensätzlicher Meinung, was für Ausmaße das Ganze annimmt.

Auch an diesem Tag, am Weg raus aus Islamabad,

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machen wir eine ‚Straßenbekanntschaft‘, Moe, welche uns einfach so, eine Übernachtungsmöglichkeit bei sich in der nächsten Stadt organisiert. Er bedauert uns nicht aufnehmen zu können, da er selbst nur zu Gast im Haus seiner Familie ist. So organisiert uns sein Großvater (der Bürgermeister von Chelum) ein Hotelzimmer. Unglaublich, oder?! Am Abend erhalten wir prompt die nächste Einladung per Whatsapp von unserer ‚Straßenbekanntschaft‘ aus Chitral, ein anderer Lokalpolitiker aus Chelum. Perfekt, denn hier wollen wir mit einem Pausentag den politischen Märschen Richtung Islamabad aus dem Weg gehen.

In der Früh gehen wir Frühstücken und warten in einem Straßenlokal auf unseren zweiten Gastgeber. Aus der Ferne winkt uns ein Mann zu den wir nicht kennen: „ I already payed your food. Wish you a nice day!“ und weg ist er. Verrückt die Pakistanis.

Abid Mehmood beschließt heute nicht zur Arbeit zu gehen und gemeinsam mit seinem Chauffeur machen wir gemeinsame Ausflüge

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(selbst ein Politiker hat keinen Einfluss darauf, dass wir wieder einmal von einem, mit einem Maschinengewehr bewaffneten, Mann begleitet werden „müssen“).

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und lernen eine seiner zwei Frauen kennen. Ja, Mehrehen sind legal in Pakistan. Wenn dir deine erste Frau kein Kind gebärt, dann suchst du dir einfach eine Zweite. Die Erste kann sich dann entscheiden ob sie bleibt oder zurück zu ihrer Familie geht. Meistens bleiben die Frauen notgedrungen, denn die Familie der Frauen könnten sich oftmals keine alleinstehende Frau leisten. Unser Gastgeber hat allerdings zwei Frauen, einfach weil er es kann und lacht dabei, dass es einen den Magen verkrampft. Er sucht sich zur Zeit sogar eine Dritte. Aber man hat eh nur Ärger mit ihnen, sagt er und lacht noch mehr.

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Eines von ca. 30 verschiedenen „Poserfotos“ von diesem Tag. Seit Chitral wurden mehr Fotos von und mit uns gemacht, als wir in Summe von den letzten 5 Jahren von uns besitzen. Da sind wir uns sicher. Zum Abschied geben wir noch ein Interview (youtubelink) für die Lokalnachrichten (ohne uns zu fragen hat er dies organisiert, also wiedereinmal fremdbestimmt) . Zu unserem Glück wird dies erst ausgestrahlt, als wir schon das Land verlassen haben. Noch mehr Aufmerksamkeit hätten wir nicht ertragen.

Die haben wir so oder so schon.

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Den letzten Abend vor Lahore

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verbringen wir wieder bei und mit einem Couchsurfer Host. Auch hier wird der Abend wieder spät, weil wir uns noch mit einigen Freunden zuM Essen treffen.

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Diese Übernachtungen bei Couchsurfer unterscheiden sich nur dadurch von den Einladungen der Straßenbekanntschaften, dass du den Namen deines Gastgebers bereits kennst bevor du ihn triffst. Ansonsten wirst du auf alles eingeladen und dafür wird deine Freizeit von deinem Gastgeber bestimmt.

Immer noch überrascht uns dieses Bestimmen über uns, denn täglich hören wir, wie sie selbst ihr Leben von jemand anderem bestimmen lassen, nämlich von Allah. „Inshallah“ … so Gott will. Das ist in Pakistan keine Redewendung oder Floskel sondern das tägliche Leben. Gott wird’s schon richten. Abwarten heißt die Devise. Den Job bekommt man durch Verwandte, den Rest regelt der Herr da oben. So passiv was die eigene Zukunft angeht ist natürlich gemütlich, aber wir halten dies kaum noch aus. Wenn sie an einen Gott glauben, dann können sie doch davon ausgehen, dass er will, dass sie ihr Hirn und Hände benutzen um selbst aktiv zu werden, oder wozu hat er sie damit ausgestattet. Auf dieses Argument von uns kommt stets nur noch ein: inshallah. Im Iran steht der Entfaltung des hohen Potentials der Menschen die Regierung im Weg, in Pakistan der tief verwurzelte und gelebte Islam.

Die Stadtdurchfahrt durch Lahore kostet uns dann viele Zuckerpausen und Konzentration, aber gegen Mittag haben wir es geschafft und sind in Lahore, bei der Familie von Kashif angekommen. Offene Arme, ein eigenes Zimmer, eine Dusche und ein Nickerchen zum Empfang. Wir fühlen uns auf Anhieb wohl.

Von Tag zu Tag verlängern wir unseren Aufenthalt. Die Gespräche über Religionen, allen voran natürlich über den Islam, dominieren auch hier den Tag.

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Nach wie vor sind wir überrascht wie viel Wissen die Pakistanis über andere Religionen haben. Mit Sicherheit mehr als der Durschnittsösterreicher über den Islam oder den Hinduismus weiß. Auch hier schwankt unsere Dankbarkeit zwischen Interesse und Überforderung der Kulturen. Man positioniert uns vor jede Wand, jedes Gebäude, jeden Strauch um das 100ste Foto zu machen. Nach 3 Tagen haben sie verstanden, dass wir es überhaupt nicht leiden können, zu posieren und wir lieber Gebäude

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ohne das 100ste Gruppenfoto machen.

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Aufnahmen die die Situation festhalten

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liegen uns mehr als strammstehen.

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Den Besuch der dritten Shoppingmall können wir nach dem gefühlten 100sten Mal sagen, dass wir nichts einkaufen brauchen und auch nicht gerne Schaufensterbummel betreiben, abwehren. Sie mögen auch keine Shoppingmalls, gehen aber davon aus, dass wir Westler das gerne haben und es uns interessiert. Man hört uns nicht, egal wie oft wir es sagen. Vor ein paar Tagen hat Sabrina von Gastfamilienkindern eine selbst selbstgemachte Karte bekommen auf der sie geschrieben haben : “ Ein Freund ist jemand der fragt wie es einem geht und auf die Antwort wartet.“ Heute verstehen wir was damit gemeint ist.

Man steckt uns in indische Kleider (die Mutter hat einen engen Bezug zu Indien)

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und inszeniert eine indische Hochzeit.

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Am ersten Abend haben wir alle dabei richtig Spaß,

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bis zu dem Zeitpunkt als sie nicht verstehen wollen, dass wir nicht mehr, vor ihnen und für sie, zu all den Liedern länger alleine tanzen möchten. Wir fordern sie auf mitzutanzen, aber das möchten sie nicht. Nach dem vierten Lied und erst als Sabrina beim 5.Mal „ich fühle mich dabei nicht wohl“ ein wenig ihre Stimme erhebt, wird die Musik abgedreht und das ständige „ come one, dance for us, dance for us“, verstummt. Am zweiten Abend als wir wieder verkleidet werden,

 

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erklären wir ihnen, dass wir gerne Fotos machen, aber dass es dann auch für uns genug ist.

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Als wir uns wieder umziehen möchten, wird protestiert und sie sind regelrecht eingeschnappt: „Aber ICH will euch den ganzen Abend in der Kleidung sehen.“Durchatmen. Wir fühlen uns, allen voran Sabrina in den letzten Tagen sämtlicher Selbstbestimmung und der Wahrnehmung unserer Bedürfnisse beraubt, als Gäste sind wir seit Chitral nur noch fremdbestimmt. Jedes Kleinkind hat bei uns mehr mitzureden als wir hier. In andere Kulturen, deren Sichtweisen, Verhalten, Traditionen, Angewohnheiten, … einzutauchen und die ein oder andere anzunehmen, das ist ein Teil unserer Reise und das ist das, was wir so lieben. Aber hier stoßen wir an unsere Grenzen. Tag für Tag, vom Wecker der von jemand anderen für uns gestellt wird, bis zum Okay, wir gehen jetzt alle schlafen. Gegenargumenterien ist so als würde man Selbstgespräche führen. Sie wechseln das Thema, sie verstehen dich nicht oder sie argumentieren retour. Dann gibt es aber so viele Momente, in denen einem vor Rührung die Tränen in die Augen steigen,

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in denen man die Großzügigkeit nicht begreifen kann,

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und man merkt, dass die Formulierung „Tochter/Sohn, Bruder/Schwester“ aus tiefstem Herzen kommt und man wirklich ein Teil der Familie geworden ist, … .

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Mit „sie“ meinen wir nicht explizit diese Familie, sondern „alle“ südlich der Berge. Es ist anstrengend, so wahnsinnig intensiv. Trotzdem ist Pakistan zu einem unserer absoluten Lieblingsländer geworden. Wiedereinmal sind wir an einem Punkt, an dem wir schwanken zwischen der Dankbarkeit und dem Wissen, dass es ein Privileg ist all diese Erfahrungen machen zu dürfen, und dem Punkt, dass es besser wäre sich tagtäglich in einem Hotel zu verbarrikadieren. Unsere Erziehung hat uns aber auch gelehrt, dass du in der Rolle des Gastes Benehmen und Dankbarkeit zeigen sollst. Wir stecken also fest in zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können und können weder die eine vollständig ablegen, noch die andere vollständig annehmen.