Should I stay or should I go now…

Lahore nach Udaipur bzw Mumbai

6.11. 2019 – 24.12. 2019, davon 15 Tage am Fahrrad

11.669 km total

92.731 hm total

GPS Track / Route Lahore-Pushkar bitte hier klicken

GPS Track / Route Pushkar-Udaipur bitte hier klicken

Ein wenig zögerlich sind unsere Schritte, als wir unsere Räder durch das dicke Metalltor schieben. Der Abschied von Pakistan fällt uns beiden unheimlich schwer. Ein dicker Klos sitzt im Hals und die Augen blinzeln verdächtig oft. So intensiv und am Schluss auch kulturell anstrengend Pakistan war, so sehr haben wir diese komplett andere Kultur, die wunderschönen Berge, dieses noch recht touristisch unberührte Land ins Herz geschlossen. Jetzt aber betreten wir Neuland, genauer genommen das 18. Land auf dieser Reise: Indien. Wer hätte gedacht, dass wir mal mit unseren Rädern in Indien landen. Keiner, und wir am wenigsten. Wolfi hat das Land immer schon ein bisschen interessiert, Sabrina wollte nie dort hin. Und mit nie, war NIE gemeint. Nicht mit dem Rucksack, nicht mit einer geführten Tour und schon gar nicht mit dem Fahrrad, weder wenn es für sie kostenlos wäre und auch nicht wenn man sie dafür bezahlen würde, … also auf deutsch: Keine 10 Pferde würden Sabrina jemals in dieses Land bringen. Tja, manchmal kommt eben alles anders als gedacht. Wer A sagt, in dem Fall Pakistan, muss auch B sagen, also Indien.

Amritsar, die erste Stadt hinter der Grenze, ist mit seinem goldenen Tempel eine bekannte Pilgerstätte der Sikh.

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Jede Nacht schlafen in den Anlagen des Tempels tausende Menschen, viele von ihnen kostenlos im Innenhof eines Nebengebäude.

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Rund um die Uhr werden tausende Pilger unentgeltlich verköstigt.

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Tag ein, Tag aus.

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4 Nächte quartieren wir uns im Schlafabteil für ausländische Touristen ein. Auch wir müssen für all dies nichts bezahlen.

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Tagsüber mischen wir uns immer wieder mal unter die Pilger,

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genießen die ruhige Atmosphäre trotz der Menschenmassen und lassen die Zeit, unter anderem bei einem Gläschen extrem süßer, warmer Milch,

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verstreichen.

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Pilgern steht auch bei uns am Programm, nämlich täglich in ein Kaffee. Unzählige Stunde verbringen wir dort um einen Blogbeitrag zu schreiben und unsere Route zu planen. Für die Himalayaregion im Norden Indiens und in Nepal sind wir grenzwertig spät dran, wir entscheiden uns gegen die Berge. Einmal schnell von West nach Ost ist daher schon seit Wochen die eigentliche Idee um möglichst rasch in Südostasien anzukommen (dort, wo wir primär mal geplant haben von China aus einzuradeln, bevor wir Pakistan als Möglichkeit in Betracht gezogen haben). Ausgerechnet Sabrina ist dann diejenige die sich Routen für die Regionen ansieht, die Wolfi an Indien interessieren: Rajasthan und Kerala. Rajasthan grenzt gleich an Punjab, dem „Bundesstaat“ in dem wir uns gerade befinden. Aber Kerala!! Kerala liegt im südlichsten Indien. Und Indien ist bekanntlich verdammt groß.

Mit dem Hintertürchen, dass wir jederzeit einen Zug nehmen können um uns in die eigentlich angedachte Richtung, nämlich nach Osten zu bewegen, machen wir uns also doch auf Indien zu entdecken und nicht nur „hinter uns zu kriegen“. Von Amritsar aus geht es somit Richtung Süden, mit dem Ziel Rajasthan und seine historischen Sehenswürdigkeiten zu erkunden. Und danach?? Wir sagen’s ja, wir können unsere Kultur nicht ablegen… danach??… schau‘ ma’mal!!

Wir teilen uns unsere Etappen so ein, dass wir Abends in einem Sikhtempel landen, wo wir jedes Mal mit offenen Armen aufgenommen werden. Selig sind wir, wenn wir beim Kochen mithelfen dürfen und so verbessern wir unsere Ausrolltechnik für das Brot immer mehr

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und ernten von Abend zu Abend weniger Gelächter und mehr anerkennendes Genicke.

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Nachteil an einer Übernachtung im Tempel: ab 4 Uhr in der Früh singt der Tempelpriester seine Gebete. Für 2 Stunden. Durchgängig. Im Umfeld von rund 100 Metern sind mehrere Lautsprecher montiert, damit möglichst viele Dorf- /Stadtbewohner beschallt werden. Da war uns der Ruf des Muezzin, der im Durchschnitt keine 10 Minuten dauert, schon weitaus lieber.

2 Mal übernachten wir bei Couchsurfern und bekommen so einen kleinen Einblick in indische Familien und den unbeschreiblichen Kochkünsten.

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Selbst die gebildeten Männer der Familien zeigen das selbe Verhalten wie 90 Prozent aller Männer auf der Straße: Sabrina wird auch in Indien ignoriert. „What’s her name?“ wird Wolfi gefragt, während der Kopf in Sabrinas Richtung genickt wird, der Blick aber an Wolfi haften bleibt. „What’s her profession?“ … immer das selbe Spiel, es nervt. Von uns gibt es darauf zwei Reaktionen: entweder antwortet Wolfi: „ She is here, ask her“. Oft folgt darauf ein verwirrter Blick und das Thema wird gewechselt, manchmal ein fragender Blick in Richtung Sabrina und selten wird die Frage wiederholt. Reaktion zwei ist, dass Sabrina sofort auf die Frage antwortet. Darauf erschrickt das Gegenüber meist fast ein wenig, offenbar wird nicht damit gerechnet, dass Frau auch eine Stimme hat, englisch kann, oder schlicht und einfach antwortet obwohl sie nicht direkt gefragt wurde. Auf diese Reaktion folgt immer seitens der Männer ein sofortiger Themenwechsel.

Unser erster Gastgeber ist jung und erzählt uns, dass er das letzte Mal im Volksschulalter mit einem Mädchen gesprochen hat. Danach nur noch mit seinen Cousinen, aber selbst das wird in seinem Alter (19) schon lange nicht mehr gerne gesehen. Ganz kann man sich also nicht wundern, dass sie alle nicht so recht wissen, wie sie mit Sabrina „umgehen sollen“. Wobei, wissen würden sie es bestimmt, denn alle schauen westliches Fernsehen, haben FB und Instagram. Das unser Gastgeber ausländische Pärchen aufnimmt wird von seinen Eltern geduldet, bzw. überwiegt deren Neugierde.

Unser zweiter Couchsurfer hat bereits Kinder. An einem Abend sitzen wir alle zusammen und spielen ein Spiel das Mensch-Ärger-Dich-Nicht recht ähnlich ist.

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Einer der Jungs hat einen schlechten Lauf und liegt weit abgeschlagen hinter uns allen. Sabrina würfelt mit den Muscheln so, dass sie seine einzige Spielfigur hinauswerfen muss. Mitgefühl macht sich breit und sie entschuldigt sich mehrmals bei ihm, dass sie ihn jetzt rauswerfen muss, aber dass er sicher bald wieder eine Spielfigur am Spielfeld hat. Die Mutter schaut uns ganz schockiert an und lacht. Wenige Minuten später kommt der Vater von der Arbeit und die Mutter berichtet ihm umgehend und immer noch total perplex, dass Sabrina sich entschuldigt hat, als sie die einzige Spielfigur des Buben rausgekickt hat. Auch der Vater runzelt die Stirn, schüttelt den Kopf und lacht ungläubig. Für uns beide ein Moment, der das Verhalten der Inder, wie WIR es erleben, widerspiegelt: Zuerst komme ich und daaaaaaaaaaaaann die Anderen. Uns fällt auf, dass die Wörter Bitte und Danke bereits irgendwo seit Turkmenistan aus dem Wortschatz der Menschen verloren gegangen sind. Seit Monaten hören wir sie nicht mehr. „Passport“, „give me the bottle“, … sind selbst mit guten Englischkenntnissen oftmals die Ansagen. Wir fügen nicht selten ein leises: „please“ hinterher um unseren Unmut Luft zu verschaffen. Aber auch untereinander vernehmen wir bei den Menschen kein Bitte oder Danke in der jeweiligen Landessprache. Es mag banal klingen, dass keiner bitte oder danke sagt, aber für uns beide sind es wichtige Wörter und wir merken wie die Abwesenheit dieser allmählich an uns zu nagen beginnt. Uns kommen die Sätze an uns vor wie Befehle und wir merken, wie wir immer mehr darauf mit Abneigung und einer abweisenden Haltung reagieren.

Nur eine der vielen Kleinigkeiten, die sich zu einer großen Summe fügen und täglich für schlechte Stimmung sorgen. Weitere „Kleinigkeiten“:

Ein Unfall verursacht durch einen Bus, bei dem Wolfi wahnsinniges Glück hatte und mit Prellungen davon kam, der Sattel und eine Tasche jedoch nicht. Das nicht lösungsorientierte Verhalten der Inder (aus allen Ecken fahren sie in eine Kreuzung ein und hupen sich minutenlang an, weil es weder ein vor noch ein retour gibt). Die nicht nachvollziehbaren Handlungen, die einfache Dinge zu endlosen, komplexen Abläufen werden lassen und uns zu endloser Geduld zwingen. Die Gastfreundschaft, die sich seit der Türkei wie ein roter Faden durch unsere Reise zieht und seit der Grenze Pakistan-Indien (ganz nach den Erzählungen anderer Radler) gekappt wurde, jedoch die Hysterie mit Selfie, Selfie! bestehen bleibt.

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Das minutenlange einreden auf uns auf Hindi, und nicht verstehen wollen, dass wir sie nicht verstehen. Das schlechte Reden über Pakistan, bei dem wir beide uns nicht zurückhalten können und fast schon in Rage reden, wenn wir versuchen zu erklären, dass nicht alles stimmt was man im Fernsehen hört und wir von unseren Erfahrungen erzählen. Der Deckmantel „Hinduismus“, der Frauenrechte mit Füßen tritt, wodurch auch hier arrangierte Ehen alltäglich sind, mit Frauen (außer der eigenen) nicht gesprochen wird, man sie kaum auf den Straße antrifft und sie daher auch keinen Job nachgehen (dürfen). Die Teemilchstände am Straßenrand bei denen die Hand, nachdem man ausgetrunken hat, einfach geöffnet wird und der Becher bei den 1000 anderen Bechern am Boden landet.

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Das extrem geräuschhafte Aufziehen von Nasen- und Rachensekrät, minutenlang und so intensiv, dass oftmals ein Würgereflex vernehmbar ist. Das Uns-Filmen beim Essen und das immer wiederkehrende Ansprechen beim Essen, so dass wir keine Minute Ruhe haben. Das STÄNDIGE unnötige Gehupe innerhalb der Städte und das Gehupe direkt auf unserer Höhe wenn wir auf Hauptstraßen fahren (Oropax im rechten Ohr bringt Linderung). …

Wir könnten endlos weitere Momentaufnahmen, oder tägliche Rituale aufzählen bei denen wir je nach Laune und Tagesverfassung darüber schmunzeln, lachen, uns wundern, oder sie ignorieren können. Aber das gelingt nicht immer. Nicht selten erschleicht uns der Gedanke, dass wir das alles nicht mehr ertragen, dass ein weiterer dieser Momente das Fass zum Überlaufen bringt.

Jeden Tag besteigen wir demzufolge eine Achterbahn der Gefühle. Von „Scotty, beam mich hier raus, SOFORT!“ über „eigentlich ist es eh ganz okay“, bis hin zu, „ach, man muss sie einfach lieben die Inder“ … ist alles dabei, mehrmals am Tag und nicht selten von einer Minute auf die andere um 180 Grad gewendet. 50 Shades of India, wie wir unsere immer stärker werdende Ambivalenz zu Indien taufen. Denn anders können wir uns nicht erklären, dass wir, obwohl wir jeden Tag mit so vielen negativen Gefühlen kämpfen, dennoch die Neugierde auf das Land und die Menschen so stark überwiegt, dass wir uns weiterhin Richtung Süden bewegen.

Nach 5 eintönigen Tagen am Rad erreichen wir endlich Rajasthan. Der Weg dorthin lässt vor allem unsere Lunge schmerzen und unsere Augen tränen: Smog, der von Tag zu Tag immer schlimmer wird.DSC07279

Die (Reis)ernte ist in vollem Gang

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und die abgeernteten Felder werden abgebrannt.

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Na gut, ein bisschen was hat unser Auge schon zu sehen bekommen: Tempel(chen) und Schreine am Wegesrand,

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viele Vögel,

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das ein oder andere (Wild)Tier

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und nicht alltägliche Straßen(rand) Begegnungen.

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Landschaftlich ist es aufgrund der massiven Monokulturen (Baumwolle und Reis) nicht spektakulär.

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Außer, dass wir, nachdem wir in Uzebkistan die Blüte der Baumwolle bewundern konnten, nun das Endergebnis betrachten können.

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Wenn nichts angebaut wird,

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zieht uns die Umgebung auch nicht in ihren Bann (was evtl. auch etwas am Smog liegt, aber sicher nicht nur)

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Ab sofort (Bundesstaat Rajastan) wird es aber interessanter, denn fast jeden Tag befindet sich eine historische Stadt am Weg und auch dazwischen lässt sich viel erkunden. Bikaner macht den Anfang.

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Im Nachhinein betrachte eine unserer Lieblingsstädte.

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So gut wie gar kein westlicher Tourismus, ein schönes Fort,

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ein Altstadtgassengewirr in dem man gerne verloren geht,

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schöne Gebäude (die so nahe beieinander stehen weil die Gassen so eng sind, dass man sie nur mit schrägen Perspektiven auf ein Foto bekommt),

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mit detaillierten und verspielten Wandverzierungen

 

 

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und am Stadtrand interessante königliche, alte Grabstädten.

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Es gibt also genügend zu entdecken.

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Nicht entdeckt werden muss, da ständig und überall present: der Müll.

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Das Flachland Pakistan war schon dreckig, aber Indien übertrifft es noch einmal.

Der Rattentempel

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und die Ausläufer der Thar-Wüste (mit blauem Himmel weil es in der Früh geregnet hat, sowie am Abend davor auch)

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liegen am weiteren Weg

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Richtung Nokha

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mit seinem überraschenden Fort. Mitten in der Stadt versteckt sich dieses Prachtexemplar

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in dem man, ohne einen einzigen anderen Touristen, in Ruhe jede Ecke entdecken kann.

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(über die Rinne lief früher Wasser, wodurch die Räume gekühlt wurden.)

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Dieses Fort, mit seinen schönen Gebäuden,

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ist eines der vielen großen Überraschungen für uns in Rajastan.

In Pushkar angekommen legen wir eine ungeplante Pause ein. Vor wenigen Tagen hat uns die Nachricht erreicht, dass ein wichtiger Mensch in Wolfis Leben an einer sehr aggressiven Krebsform erkrankt ist. Nach der ersten Schockstarre entschließen wir uns heimzufliegen. So lassen wir unsere Räder bei einem Couchsurfer Host in Pushkar, besteigen den Zug nach Delhi und sitzen 5 Tage nachdem wir die Flugtickets gebucht haben, bereits im Flieger.

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Keine Zeit groß zu überlegen, ist auch besser so. 8 Monate radfahren überbrücken wir nun mit einem 8 Stundenflug – die Welt ist schon verrückt. Wien empfängt uns mit feucht-kaltem Wetter und bereits stark verbreitetem Weihnachtsfieber. Das nennt man dann wohl mal Kulturschock, vor allem für uns zwei Weihnachtsmuffel. Unsere zwei Wochen sind komplett ausgefüllt. Täglich klingelt der Wecker um 7 Uhr und vor 22 Uhr sind wir selten alleine. Nur wenige wissen Bescheid, dass wir auf einen Kurzbesuch zu Hause sind, wir wollen einfach nicht erneut so viel Abschiedsschmerz erleben – verzeiht daher, wenn ihr es erst jetzt erfahrt. Die Zeit zu Hause hat wider erwartend gut getan. Ein wenig Schiss hatten wir schon, wie diese spontane und ungeplante Heimkehr auf uns wirken wird, vor allem weil wir unsere Räder in einem Land zurücklassen, dem wir gemischte Gefühle gegenüber haben und uns zum Radeln motivieren müssen. Die Bedenken, dass wir vielleicht gar nicht mehr in den Flieger retour nach Delhi steigen wollen waren groß, mindestens genauso groß wie die Gedanken darüber, wie wir mit der Situation klarkommen, wieder in eine strukturierte, saubere, kalte, westliche Großstadt gebeamt zu werden. Aber am Ende besteigen wir den Flieger retour mit einem guten Gefühl. Die Zeit die wir mit der guten Freundin von Wolfi verbracht haben war so wertvoll für uns, wir werden noch lange davon zehren. Und auch die wenigen anderen Menschen, die wussten, dass wir heimkommen, haben uns die Zeit so wunderschön und vor allem leicht gemacht: VIELEN VIELEN DANK, es tut gut zu wissen, dass man so selbstverständlich aufgefangen wird und unser Chaos im Kopf versteht.

3 Wochen nachdem wir unsere Räder geparkt haben, satteln wir sie wieder (mit einer etwas abgespeckten Variante, ein Teil der Wintersachen haben wir zu Hause gelasssen) und radeln weiter. Nicht ohne vorher noch eine Runde in dem jetzt deutlich kühleren Pushkar zu drehen.

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Eine bunte

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Pilgerstadt,

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mit dem ein

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oder anderem Fotomotiv

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zu entdecken. Für uns aber, mit all seinen Souvenirständen, viel zu touristisch. Seit Tibilisi waren wir nicht mehr in solch einer Touristenstadt, ein ungewohnter Anblick, wir kommen uns ein wenig fehl am Platz vor.

Richtig fühlt es sich erst wieder an, als wir auf unseren Velos sitzen. Wie sehr wir sie und das Reisen mit ihnen vermisst haben, merken wir erst jetzt. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber es ist wirklich so für uns: auf unseren Rädern zu sitzen ist heimzukommen. Dass es uns dann auch noch gelingt immer kleinere Wege zu finden,

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stundenlang nebeneinander herfahren zu können, ohne Gehupe,

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ohne Verkehr,

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ohne Lärm, an Grabstätten irgendwo im Nirgendwo

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und durch Dörfer, deren Forts in keinem Reiseführer stehen,

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… alles Sahnehäubchen zu dem Wohlfühlgefühl am Rad. Wir beginnen Indien zu genießen.

Dass ein Dorf kurz vor uns ist, kündigt sich immer gleich an: mit Müll. Viel Müll.

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Eine Kreuzung verspricht meistens, dass es die ein oder andere Essensmöglichkeit gibt.

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Spätestens wenn man einer Kuh die mitten am Weg steht ausweicht, hat man das Dorf erreicht. In der Mitte des Dorfes befindet sich meist ein „peoples tree“ –

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ein Baum mit oftmals unglaublich faszinierenden Luftwurzeln,

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unter denen sich die Männer des Dorfes treffen, plaudern, oder (Karten) spielen.

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Die Frauen kommen mit großen Gefäßen zum Dorfteich, spannen ein dünnes Tuch als Filter darüber, während sie das Wasser einschöpfen

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und schleppen sie zu den Häusern retour.

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Mehrmals am Tag, immer wieder, denn fließend Wasser gibt es nicht überall. Dass aber im selben Teich auch die Wäsche gewaschen wird und die Kühe ihre Notdurft erledigen, veranlasst uns noch genauer darauf zu achten, woher wir unser Wasser zum Filtern bekommen. Die Dörfer die wir durchfahren sind also wie ein Wimmelbuch… egal wo man hinsieht, man übersieht sicher etwas.

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Stets drosseln wir unser Tempo und rollen gemächlich durch.

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Die Menschen sind immer freundlich, winken und lachen uns zu.

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Manchmal gelingt uns ein Schnappschuss aus der Ferne, oft aber nehmen wir uns die Zeit, setzen uns dazu und versuchen mit Hand-Und-Fuß zu kommunizieren, bevor wir später dann unsere Kamera holen und fragen ob wir ein Foto machen dürfen. Die Selfiedichte hat seit Rajasthan deutlich abgenommen, ebenso wie die Gruppenbildung um uns sobald wir stehen und man sieht auch deutlich mehr Frauen als im Nachbarbundestaat Punjab. So lässt es sich in Indien schon deutlich besser aushalten.

Es ist später Nachmittag und wir fragen in einem Dorf nach ob wir in einem Tempel schlafen können, aber in den Dörfern werden die Tempeln nicht bewohnt. Wir sollen uns setzen, uns wird Tee gebracht und dann bildet sich doch wiedereinmal eine Traube um uns. 35 Männer und ein dutzend Kinder stehen dicht gedrängt direkt um uns herum, während wir auf den Stufen vor dem Tempel sitzen und nicht wissen ob jetzt nach einer Schlafmöglichkeit für uns gesucht wird, oder ob wir nicht doch lieber weiterfahren sollten. Das Englisch der Anwesenden ist sehr bruchstückhaft und kaum verständlich. Ein paar wenige Frauen kommen vorbei, bahnen sich den Weg durch den Menschenkreis um uns zu bedeuten ob wir essen möchten. Tja, wenn wir wüssten was wir hier eigentlich gerade machen, bzw. was das Dorf mit uns vor hat, würden wir zustimmen. Aber so lehnen wir ab und warten. Warten. Warten. Die Sonne geht unter, es wird kühl und dann kommt endlich ein Mann der englisch spricht. Er führt uns zu dem Haus in dem wir eine der Frauen die uns zum Essen eingeladen hat wiedererkennen. Immer noch bekommen wir keine eindeutige Antwort auf unsere Frage ob es im Dorf für uns eine Schlafmöglichkeit oder einen Platz für unser Zelt gibt. Es heißt also einfach mal wieder vertrauen. Wildfremden Menschen vertrauen, dass sie unser Anliegen verstanden haben, so wie sie uns vertrauen, wenn sie uns in ihre Häuser einladen. Radler“alltag“ . Nachdem wir köstlich gegessen haben

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und das Wasser in den Gläsern heimlich wieder in den Krug zurückgeschüttet haben, sollen wir erneut mitkommen. So schieben wir im Dunkeln, durch matschige Straßen, unsere Räder ans andere Ende des Dorfes. Dort steht ein Haus leer, welches sonst von den mobilen Ärzten benutzt wird und wir dürfen im offenen Innenhof zwei Betten beziehen. Es kommt die halbe Dorfjugend abwechselnd vorbei um uns zu sehen und das ein oder andere Woher-Wohin-Wielange-Spiel zu spielen. Auch in Indien ist Privatsphäre ein Fremdwort, denn wir haben bereits die Türe zu, weil wir uns umziehen möchten, als zweimal ohne klopfen, ohne Vorwarnung die Türe aufgeht und Männer mit deren Kindern oder Jugendliche, wie selbstverständlich hereinkommen. Das erinnert uns an die Mongolei, wo wir in der Früh in der Jurte aufgewacht sind, weil der Nachbar an unserem Ofen herumhantiert hat. Klopfen, oder sich vorsichtig akustisch bemerkbar machen… in Ländern in denen mehrere Generationen auf engem Raum zusammenleben ist dafür kein Platz.

In der Früh verbringen wir noch ein paar schöne und lehrreiche Stunden mit den englisch sprechenden Männern. Sie zeigen uns ihr Dorf

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mit dessen unzähligen verfallenen,

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aber wunderschönen Häusern.

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Die Farben haben es uns besonders angetan. Danch geht es weiter zu ihren Häusern wodurch wir einen Einblick in die Innenhöfe,

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Wohnräume,

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ihre Arbeitsmaterialien

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und somit ihr Leben bekommen. Diverse hausgemachte Gerichte werden extra für uns zubereitet. Da sieht man getrost darüber hinweg, dass der Kuhdung im Brotofen mit der selben Hand platziert wird,

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mit dem auch das Brot geformt wird.

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Beim Essen werden wir von der Frau des Hauses traditionell mit dem ersten Bissen gefüttert und gleichzeitig  wird ihre Hand auf unserem Kopf zur Segnung platziert.

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Es ist unschwer zu erkennen wie sehr sie sich freuen uns ihr Leben zu zeigen, uns etwas lernen und in unsere erstaunten und begeisterten Gesichter blicken zu können. Da dauert es bis zur Aufforderung viele Erinnerungsfotos zu schießen, nicht lange.

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Wir genießen jede einzelne Minute dieses Vormittages, denn schon lange war ein Familienbesuch nicht mehr so entspannt abgelaufen wie hier.

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Als nächste Großstadt erreichen wir kurz bevor die Sonne untergeht und mit stressigem Großstadtverkehr, Jodphur. Am liesbten würden wir uns wieder in das ruhige, süße Dorf von heute Nacht zurückbeamen.

Aber Jodphur hat einiges zu bieten. Erneut eine Festung,

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abermals wunderschön

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und bunt.

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Bekannt ist Jodphur aber auch für seine blauen Häuser.

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In den Gassen, die oftmals nur für 2 Fußgänger nebeneinander Platz bieten, verläuft man sich garantiert. Und gerne.

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Aber auch abseits von den blauen Häsuern, gibt es viele schöne

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und interessante Ecken in der Stadt.

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(Milchlieferant)

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Die tiefen Zisternen mitten in der Stadt sind abends ein willkommener Treffpunkt für die jungen Menschen der Stadt.

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Menschen, ja ganze Famlien mit Kleinkindern, ohne Obdach treffen sich ebenfalls allabendlich. Sie verbrennen Müll und wärmen sich am Feuer. Die Armut in Indien ist groß, riesengroß.

Weiter geht es Richung Udaipur. Die Stadt erreichen wir nach drei Tagen auf schönen kleinen Wegen,DSC07792

oder gering befahrenen Straßen.

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Es geht also defintiv anders, als noch oben in Punjab. Dazwischen immer wieder Dörfer, oder kleine Städte mit Häuser, deren Architektur und Farbenpracht uns stoppen lassen.

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Für soetwas skurilles wie den Royal Enfield-Schrein müssen wir auch stoppen. Wenn man sieht, wie die Inder andächtig ihre Kreise um die geschmückte Maschine drehen

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und dem Zeremonienmeisten literweise Schnaps als Opfergabe überreichen,

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dann ist dies definitiv einer der „man muss sie einfach lieben, die Inder“-Momente.

Zum ersten Mal seit langem schaffen wir es wild zu campen. Im allerletzen Schein der Sonne finden wir ihn diesen perkten Platz. Ach was hat uns dieser, für uns doch sehr wichtige Part einer Radreise, gefehlt.

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Das Zelt steht noch bevor es dunkel ist, gegessen wird im Mondschein. Herz was willst du mehr.  Es wäre sowohl in Pakistan als auch auf unserer bisherigen Route in Indien gegangen zu campieren, aber sicher nicht ohne entdeckt zu werden. Es geht uns hierbei nicht darum, dass wir Angst davor hätten, oder uns unsicher in diesen Gegenden gefühlt hätten, gar nicht. Aber man hätte mit Sicherheit keine Ruhe. Selfies, starren, und das Begutachten des Kochers, des Zeltes, … wären das Abendprogramm. Dies kennen wir bereits aus anderen Ländern und ist für den ein oder anderen Abend ja okay, aber nicht wenn man bereits den ganzen Tag unter Beobachtung steht und die ganze Aufmerksamkeit immer uns beiden gilt. Daher haben wir uns bewusst gegen Wildcampen in den letzten Wochen entschieden, einfach um Abends ein wenig durchatmen zu können. (Oder aber eben bewusst bei Familien schlafen und dann aber auch (mehr oder weniger ;-) ) bereit zu sein, für all die kulturellen Begegnungen.) Aber seit wir in Rajasthan sind können wir auch tagsüber mehr durchatmen, daher scannen unsere Augen ab sofort zu später Stunde wieder die Umgebung ab.

Der Ranakpur-Tempel liegt nur ca. 3 Kilometer von unserem Schlaplatz enfernt und ist erst ab zu Mittag für Nicht-Jain-Gläubige zugänglich. Uns soll es recht sein, so können wir ausschlafen und unser Traumplätzchen bei einem langen Frühstück genießen.

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Ein faszinierender Jain Tempel erwartet uns

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mit unüberschaubaren vielen Details,

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hunderten von Säulen,

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unzähligen Kuppeln, Nebenräume, …. . Wirklich ein sehr faszinierender Ort.

Nach dem Tempel geht es auch am Fahrrad toll weiter, denn nach einer gefühlten Ewigkeit in der Ebene, strampeln wir endlich mal wieder bergauf.

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Immer noch kaum Verkehr, schöne Landschaft,

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eine geniale aber steile Abkürzung, weiterhin mit tierischer Ablenkung,

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… wir sind ein paar Stunden beschäftigt. Abends dürfen wir unser Zelt auf einer Wiese neben einem Straßenlokal aufschlagen, neben der Toilette gibt es auch eine Dusche. Alles also vorhanden, was man nach einem langen Radtag braucht.

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In der Früh besichtigen wir noch die Kumbhalgarh Festung,

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mit der zweitlängsten Befestigungsmauer der Welt und tingeln dann weiter Richtung Udaipur, entlang von Reisfeldern

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mit tierbetriebenen Bewässerungsanlagen.

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Eine Pause mit Milchingwerschwarztee ist nie verkehrt.

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Seit längerem führen wir unsere eigenen Metallbecher mit,

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denn den bereits erwähnten Papiermüll um solch eine Teestation möchten wir nicht unterstützen.

Heute also abermals eine unerwartet wunderschöne,

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abwechlungsreiche,

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und ruhige Strecke.

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Manchmal fragen wir uns ob wir tatsächlich noch in Indien sind, denn dass es so ruhig zugehen kann, hätten wir nicht gedacht. Das Gefühl, dass wir uns bewusst jeden Morgen motivieren müssen um weiterzufahren, dass wir jeden Tag im Zwiespalt sind und uns fragen was wir hier machen und warum zum Teufel wir hier sind, die ständigen Gedanken, was wäre wenn wir da und da gefahren wären und nicht in den Süden, … allmählich verschwindet all das Ganze. In unserem Kopf beginnt sich schön langsam ein Bild zu formen, die graue Landkarte Namens Indien nimmt Gestalt an. Es gibt für uns nichts schöneres, als zu merken, wie sehr sich diese vorher leere mentale Landkarte mit Wissen füllt. Wissen darüber, wie die Landschaft aussieht, welche Kleidung die Menschen hier tragen, welche Religion überwiegt, welche Infrastruktur man antrifft, welche kulinarischen Freuden man kaufen kann, wie die Gegend zwischen zwei „Lonley Planet Städten“ aussieht, was auf den Feldern angebaut wird, wie die Topographie der Umgebung ist, welches Klima vorherrscht, … . Die Vorzüge des langsamen Reisens: das große Unbekannte wird durch viele Details ersetzt.

Dieses Gefühl lässt uns nicht los. Wir können jetzt, nachdem wir Rajasthan gesehen haben, nicht umkehren und Richtung Südostasien fahren. Uns würde etwas fehlen. Es würde immer dieses Fragezeichen über den Süden Indiens über uns schweben. Die Neugierde wie anders es weiter im Süden ist, ist viel zu groß. Also treffen wir die Entscheidung weiterhin Indien zu erkunden und steigen, nachem wir Udaipur ausgiebigst erkundet haben

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für eine kleine Etappe in den Zug.

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Schluss mit Städten, Sightseeing war noch nie so unseres. Hallo Küste, wobei uns das am Strand herumkugeln eigentlich noch weniger liegt. Aber jetzt heißt es erstmal akklimatisieren, denn als wir in Mumbai bei schwül tropischen Temperaturen unsere Räder wieder aus dem Zug bugsieren, sind wir innerhalb weniger Sekunden schweißgebadet und fragen uns wie wir die noch über 1000km bis Kerala überleben sollen. Gut, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass der Start des Küstenabenteuers ein wenig anders verlaufen wird, als gedacht.